"In diesem Haus, da wohnt ein Gespenst.
Ich weiß nicht, ob du es vielleicht kennst?
Doch auch bei hellem Tageslicht
da sieht man das Gespensterlein nicht
denn schließlich weiß ja jedes Kind,
dass Gespenster unsichtbar sind!
Da denk ich mir: Das ist famos!
Mein Gespensterlein ist mächtig und groß.
Doch im Zwielicht am Ende der Nacht,
wenn der Tag so seltsame Schatten macht,
da fliegt Gespensterlein wunderlich
hektisch umher, denn es fürchtet sich.
Im Schatten lebt noch ein anderes Ding,
das nennen wir Kinder den Finsterling.
Es wartet im Zwielicht auf etwas zu haschen
um Schatten und Kindertränen zu naschen.
Drum hab ich mit dem Gespenst gesprochen
und was versprochen wird, wird nicht gebrochen:
Das wir wir uns gegenseitig beschützen,
die Finsterlinge bekommen dann auf die Mützen!
~ frei nach Jannis Gedicht ~
***
Auf besagtem Hof des kleinen namenlosen Weilers:
Hannes hatte nur schlecht geschlafen und sich immer wieder dazu verleiten lassen, an den Rand des oberen Stockbettes zu krabbeln und zu Wenzel hinab zu blicken. Seit zwei Tagen nun wirkte er so bleich und müde... nein, das war das falsche Wort, eher träge. Zumindest nicht nachdenklich eher so, als wolle er nicht nachdenken. Irgendwie ein klein wenig leer. Immer dann, wenn er herabsah, schlief sein Bruder auch wie ein Stein, bewegte sich kaum und hatte ihm vor dem Einschlafen keine Geschichte abgeschwatzt, sondern war mit einem "Gute Nacht alle zusammen." unter die Decke gekrochen.
Jetzt aber, als das Licht grau war, meinte Hannes ein leises Geräusch von Wenzels Bettchen unter sich zu vernehmen und wieder spähte er vorsichtig herab. Tatsächlich, da saß das Kind und atmete seufzend, nicht wirklich traurig oder ängstlich, lediglich bedauernd.
"Wenzel? Was ist los, hast du schlecht geträumt?", flüsterte Hannes herab.
"Nein... ich habe gar nicht geträumt."
Die Antwort war nüchtern und ungewohnt emotionslos, als wäre sein Bruder auch innerlich ein klein wenig blasser geworden. Hannes spürte, wie ein Schauder über seinen Nacken den Rücken hinabwanderte.
"Warum ächzt du denn dann so?"
"Hm, ich glaube ich weiß nun, was sie mir gestohlen haben... schau her."
Verwirrt beobachtete Hannes, wie sein Bruder die Hand hob und mit ihr zu winken begann, dann den Blick auf das Laken warf, als ob er da unter der Hand etwas erwartete. Kurz wollte Hannes fragen, wer denn "sie" wären und was man seinem kleinen Bruder hätte stehlen wollen, da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen und er zog keuchend die Luft ein.
"W... Wenzel, w.. wo ist dein Schatten?"
Derweil im Zwielicht in Nilzadan:
Groß waren die Schatten hier und lang und besonders dunkel. Von Einem zum Nächsten springen fiel ihnen jetzt leicht und doch waren sie vorsichtig mit den kleinen Wesen, deren schöne Schatten mit ihnen im Bett ruhten und im Schein der Laterne zuckten, als würden sie nur geradezu locken. Zischelnd und leise fauchend näherten sie sich und brachten es doch noch nicht fertig zuzupacken. Hier unten war es schwer das Zwielicht zu finden. Hier unten fühlten sie sich zugleich wohl und doch irgendwie fremd. Die Finsternis hatte schon Einzug erhalten und groß war ihre Macht, doch wie stand es um jene, die hier ein so ähnliches Reich erschaffen hatten und stolz im Berge Seite an Seite mit der dunklen Königin leben konnten?
Man hatte einstimmig beschlossen, die Finger von den Kaluren zu lassen und so konnte Vilja noch friedlich ohne Sorge schlummern. Doch hatten die Schemen, Schatten und Bewegungen im Dunkeln etwas Anderes gefunden, was nicht direkt unter den Begriff "Kalure" fiel, auch wenn es so gekleidet war, das Menschenmädchen namens Sarah. Sie könnte eine reife, pflückbare Frucht sein - irgendwann. Wispernd und tuschelnd näherten sie sich dem Bett und verharrten dort vorerst nur. Beobachtend. Wartend.
... und in den lichtenthaler Gefilden:
Sie wanderten huschend und schnell in unendlich großer Schar umher. Das Mädchen Naischa war lange Zeit ein so verlockendes Opfer, doch hatte sie viel erlebt und stand mit beiden Beiden im Leben. Es war ungleich schwer für die Finsterlinge sich bemerkbar zu machen, besonders da sie dauernd mit den beiden Langen sprach, dem Mann und der Frau und auch jene zu viel Wissen mitbrachten, um die Verunsicherung lange wirken zu lassen. Offensichtlich aber träumte sie schlecht und auch das beobachteten die Schatten mit einer Mischung aus Belustigung und Bosheit. Scheinbar hatte das Mädchen viel erlebt und vielleicht schon gegen Einiges gefochten. Man würde sich ihr erst einmal nicht nähern, doch wenn sie sich selbst weiterhin aus Nichts in Angst versetzte, konnte man den Schatten umso leichter irgendwann klauen, wenn man den rechten Zeitpunkt abwägte.
Den rechten Zeitpunkt, wie bei Clara und Veit, denen sie nachgeschlichen waren. Hier war ihnen bewusst, dass sie nicht mehr lange warten mussten, bis sie zuschlagen konnten, denn wie lustig und gemein war der Spaß gewesen, beide zu verstören, bis die Erwachsenen keinen Rat mehr auf die Reaktion des kleinen Mädchens und des Bengels hatten. Köstlich!
Ja, einer der beiden und beide zugleich würden in den nächsten Tagen beraubt werden, dessen waren sie sich sicher und so hockten sie schon früh morgens, im ersten Zwielicht bei den beiden im Zimmer, machten die Schatten lebendig und wollten sie nicht mehr aus den weißlichen Augen lassen.
Auch Janni, der zu ihrem Amüsement ein Gedicht geschrieben hatte, welches doch ihre Natur widerspiegelte, wurde beobachtet. "Finsterling", das Wort gefiel den Schatten und Schemen so sehr, dass sie sich gleich damit neu identifizieren wollten. Es sogar der Finsternis vorstellten, welche in ihrer Gnade es den Dienern schenkte. Sein Glück, dass er es geschrieben hatte, denn kein Gespenst wachte über ihn oder seinen Schatten und so verdankte er es seinen Gedichtspinnereien, dass sie ihm noch all die schillernde, vielfältige Lebendigkeit, zu welcher auch das Schwarz des eigenen Schattens zählte, noch ließen.
Doch das Opfer des Morgens war Mia.
In ihren Schatten hatten sie sich bereits geworfen und als der Tag im ersten Grau erwachte, wurden sie groß, lang, kräftig, schnell und krabbelten an das Bett heran - es galt einem Kind den Schatten zu nehmen, es blasser zu machen und ihm ein bisschen Lebendigkeit zu rauben! Für die dunkle Königin, für die wunderbare Herrin!
... aber auch in Bajard:
Sie hatten viele Kinder erspäht und eines davon lebte am Rande, lebte alleine und wirkte so komisch falsch und bizarr, dass es das Interesse der nun frisch benannten Finsterlinge weckte. Sie striff umher in zu großen Kleidern und stets der bunte, lange Schal dabei. Sie sprach nicht, starrte nur und schien die Finsterlinge ebenso zu sehen, wie die anderen Kinder auch. Doch regte sie sich nicht. Ja, da war ein Schatten, doch das Kind war bereits blass. Seltsam dieser Fund, diese Ninin und von seltsam ließ man noch die gierigen Pfoten!
Während man in Alatarien reiche Auswahl hatte:
Die Drei hatten sie erspäht und in einem mächtige Fehler erst einmal ganz gleich eingeschätzt: Felian, Phee und Ean.
Hach, allein dass der Dreiklang sich irgendwie reimte war doch schon ein köstlicher Spaß und wie kräftig die drei Schatten waren, ganz gleich ob groß und muskulö-drahtig oder eher klein und schlaksig! Hier war Futter angesagt und die Finsterlinge, welche in das dunkle Reich geströmt waren, vergaßen ihre Vorsicht, huschten im Zwielicht nahe an die drei Betten heran und warteten, bis ihre baldigen Opfer aus dem Schlaf erwachten, nur im dieses erste eine Mal zu sehen, wie sie reagieren würden, diese drei verschiedenen Menschlein.
Sie hatten in ihrer Gier nicht damit gerechnet, dass sie wiederum auch beobachtet wurden, als sie im Tagesgrau Felian, Phee und Ean in drei vollkommen verschiedenen Zimmern doch den gleichen, grausamen Streich von huschenden Schatten, weißen Augen und zischenden Stimmen spielten.
Beobachtet von Mächten, die eine Ebene über den Dämonen und ihrer dunklen Herrin"spielten".