Familie
Er hatte regelrecht Mühe, den Schlüssel überhaupt aus der Hosentasche zu befördern und ins Schloss zu dirgieren. Die Arme immer noch vollbeladen vom Kuchenteller und den eingepackten Portionen Wildes und Lebkuchens, dachte er auch keinen Moment daran, die Beladung schlicht beiseite zu stellen und sich somit Abhilfe zu schaffen – zu groß die Angst, die Beute durch Unachtsamkeit wieder zu verlieren, oder das Abwenden des Blickes für einen Lidschlag lang. Den Ratten sollte heute kein Mahl zu Teil werden.
As Innere der Hütte lag im tiefen Dunkel – einzig nur der leicht rötliche Schimmer der erkaltenen Kohlepfanne in der Schlafkammer weiter hinten spendete Licht, doch keine Wärme mehr. Er fröstelte, als er, nun in der kargen Sicherheit der Hütte, die Teller und Taschen auf den Tisch stellte und hinter sich sorgsam verschloss. Den neuen Mitbewohner hatte er schon vor Stunden vom Tischbein losgebunden und ihm eine Schale mit den Fischresten hingestellt, die bereits verschlungen worden waren. Die runden, wachen Augen blickten den blonden Hochgewachsenen immer noch argwöhnend unter dem Tisch hervor an, doch blieb das Knurren dieses Mal tatsächlich aus. Stille Akzeptanz, immer noch auf Abstand – was wohl für heute noch so bleiben sollte.
Nachdem die Schlösser ein zweites Mal geprüft wurden, schwenkte sein Blick nunmehr durch die Behausung, die langsam und halbwegs die Gestalt eines Heimes annahm. In der Ecke ein Schrank, die kleine Feuerstelle, der Tisch und auch zum Bett, daß nun in der Schlafkammer thronte – genauso wie das graue Fell in der halbdämmrigen Dunkelheit, welches sich auf dem Laken ausgebreitet hatte. Dieser Platz blieb dem Blonden wohl für diese Nacht verwehrt, aber es machte ihm Nichts aus. Akzeptanz, erneut; der Preis für die Verantwortung, den er bereit war zu zahlen.
In seinem Kopf hämmerte es immer noch rasend, selbst nach dem längeren Marsch, den er von Düstersee aus genommen hatte – die frische Luft hatte nur mässig geholfen, die Gedanken zu ordnen, das zu verarbeiten, was ihm heute zu Teil wurde. Die Wärme des Abends; die des Feuers, dann des Kamins und der Gemeinschaft, war bereits vollständig aus dem hageren Körper gewichen und die Dunkelheit der kleinen Festung hüllte ihn bereits wieder lockend ein. Erneut ein Zittern, Gänsehaut, die sich unter dem Stoff der Kleidung abzeichnete, als der Rücken sich gegen die Tür bettete und er langsam Richtung Boden hinabsank. Selbst das schmerzhafte Ziehen im Bauch, wie so oft um diese Zeit des Tages, war fort – und sollte es die nächsten Tage wohl auch noch bleiben.
Die Beine herangezogen, schlang er die Arme wie schützend darum, die Stirn auf die Knie gebettet. Ohne Pause donnerten die eigenen Gedanken wie Steinschläge auf ihn ein – dumpfes Pochen hinter den Schläfen, der Stirn und eine leichte, penetrante Übelkeit, die in ihm aufstieg.
Angst.
Er fürchtete sich heute Abend wie es sonst selten der Fall war. Nur ein einziges Mal war es ihm ähnlich ergangen, wenn auch auf andere Art und Weise, doch die Erinnerung daran schien bereits in weite Ferne gerückt zu sein. Heute war es gänzlich anders, fremd und seltsam, unbekannt und ungewiss. Keine Worte, die es hätten beschreiben können; keine Gründe, die es dafür eigentlich geben sollte, und doch...
Der Hafen lag diese Nacht ruhig wie immer. Die stapfenden Schritte der patroullierenden Gardisten, die gedämpften Worte beim Wachwechsel, das geschäftige Be- und Entladen der anliegenden Schiffe, die Rufe der Hafenarbeiter, das vereinzelte Krächzen einer Möwe, die in ihrer Ruhe gestört wurde – hin und wieder unterbrochen von leisem Schluchzen aus der kleinen Holzhütte im Schutz der allumfassenden Dunkelheit.