Leise plätschernd floss das ausgewrungene Wasser in den bereitgestellten Eimer und färbte das bereits rötliche Wasser einige weitere Nuancen intensiver. Auch nachdem sämtliches Blut vom Parkettboden aufgewischt worden war, blieb ein deutlich dunklerer Fleck in der Holzmaserung bestehen. Später würde er über den feuchten Untergrund des wassernahen Hauses schimpfen oder aber einem verschütteten Bier die Schuld geben; für den Moment jedoch war das unwichtig. Daeves konnte nicht umhin - und diese Tatsache brachte doch eine gehörige Portion Irritation mit sich - bei dem Anblick des abgebrochenen Pfeiles Sorge zu empfinden, begann er doch schließlich gerade sich mit seiner neuen Aufgabe anzufreunden.
26. Goldblatt 260
Ich bin unsicher ob es am Alter liegt oder am seltsamen Bier, welches der Hafenmeister mir verkauft hat; so oder so vergesse ich in letzter Zeit immer wieder Kleinigkeiten und habe beschlossen in regelmäßigen Abständen Buch zu führen. Die Umbauarbeiten im Kellergewölbe gehen gut voran, wenngleich manche Stellen doch ein gewisses Maß an Feingefühl im Bau erfordern, das ich leider nicht besitze. Für einen geringen Obolus war einer der Seemänner bereit mir zur Hand zu gehen und er schien auch nicht sonderlich interessiert daran zu sein, warum ich eine solche Konstruktion benötige. Besser so.
Mittlerweile bin ich relativ geschickt darin die Ratten einzufangen, die immer wieder einen Weg ins Haus finden. Das war nötig, denn sonst hätte ich die drei kleinen Holzkisten ganz umsonst erworben. Jedenfalls bin ich mir jetzt relativ sicher, wie viele Luftlöcher so eine Ratte zum Atmen braucht um auch danach keine bleibenden Schäden davon zu tragen. Schließlich weiß man nie, wann so eine Information sich noch als nützlich erweist. Eine kleine Anmerkung an mich selbst, da ich gerade eine Stunde sabbernd im Bett verbracht habe: Keine Kekse essen, die meine Schwester irgendwo herumliegen lässt.
Diese Halunken haben mich einfach so überrumpelt. Wieso habe ich sie nicht kommen gehört? Ich klatsche einige Verbandsrollen auf den Tresen und spüre den aufkeimenden Kieferkrampf. Mit Gegenschmerz versuche ich den Schmerz des Pfeiltreffers zu übermalen. Manchmal funktioniert es. Heute nur leider nicht.
Der Stoff gibt nach als ich das Hemd am Ausschnitt kurzerhand auseinanderreisse. Wie sollte ich den Pfeil alleine entfernen? Er sitzt genau unterhalb des Schultergelenkes und nicht durch mein Fleisch gänzlich vorgedrungen. War also nicht tief, oder doch?
Probehalber bewege ich den Pfeilschaft ein wenig und könnte alles zusammenbrüllen. Aber ich bin geübt darin, Schmerzen runterzuschlucken und irgendwie zu ertragen.
Mit blossem Oberkörper krame ich in meiner Tasche herum, die ich immer bei mir habe. Andere besitzen eine Hütte, ich hingegen nur diese eine Tasche. Ich fühle das kühle Material der Flasche. Alter Rum befindet sich darin. Schmeckt nicht wirklich gut hat aber seine Wirkung. Schliesslich bringe ich noch zwei Kekse hervor die ich von Edgar habe. Wo auch immer der Kerl sich herumtreibt und das Zeug aufliest; es war gutes Zeug.
Das Kauen ist heute besonders laut als ich den ersten Bissen vom Keks nehme. Vielleicht bin ich aufgrund meiner Verletzung besonders sensibel. Ich ertappe mich dabei dass ich die Schultern hochhebe als rede ich mit mir selbst. So lache ich sogar auf und stöhne kurz als der Schmerz durch ihre Schulter rauscht.
Den Rum nutze ich für zwei Dinge: Wärmen des Magens und säubern der Wunde. Beides brennt wie Hölle aber ich beginne es allmählich zu geniessen. Der Keks entfaltet auch allmählich seine Wirkung und gelassen ziehe ich den Pfeil schliesslich heraus. Mit Schwung beförder ich ihn auf den Boden. Dort, wo auch der Fetzen meines Oberteiles liegt. Erst jetzt fallen mir die Blutstropfen auf, die von der Tür zum Tresen führen.
'Soll doch mein Brüderchen wischen...', höre ich meine Stimme und grinse mir wohl gerade einen ab. Eine Verbandsrolle lege ich direkt auf die Wunde und beginne mir einen Verband anzulegen. Dabei fällt mein Blick auf die Erinnerung meines bisherigen Lebens: die Kiste mit den dicken Holzwänden und dem schweren Eisenschloss. Selbst die Löcher stechen mir ins Auge...
Ich ziehe mir etwas lockeres über und verlasse die Hütte. 'Bis die Tage', erklingt meine Stimme in der Dunkelheit bevor ich auch schon das nächste Schiff nehme.