Die Einsamkeit ist ein dichter Mantel, und doch friert das Herz darunter.
Erwin Guido Kolbenheyer
Man sagt keine Schneeflocke gleiche der anderen. Jede von ihnen hätte ein einzigartiges Erscheinungsbild, jede einen anderen Aufbau wie sich die diversen Eiskristalle in ihrem Fall zusammenfänden. Nur ein Windhauch, nur eine geringfügige Veränderung der Temperatur und Höhe beeinflusse ihre Art der Entstehung. Doch wer sagt das? Wer hätte überhaupt die Muße in einem dichten Schneegestöber darüber nachzudenken, ob die weißgraue Wand vor seinen Augen aus einzeln, tanzenden Individuen zusammengesetzt ist? Oder, ob der knirschende Boden unter seinen Füßen, der bei jedem Schritt zusammengepresst wird, aus Kunstwerken besteht? Und wer beachtet dann noch die letzte, zurückgebliebene Schneeflocke auf dem Fensterbrett, die in der Sonne vergeht?
Du rennst. Deine Lunge brennt bereits, doch du weißt, dass du weiterrennen musst. Du musst! Dir folgt die Kälte, nicht nur Schnee und Eis, der Frost, das Nichts, das Vergessen! Noch spürst du unter deinen Füßen den festen vulkanischen Boden, der eine milde und vertraute Wärme ausstrahlt, dennoch weißt du, dass nur wenige Schritte hinter dir das Eis ist. Und es folgt dir. Rasch, unnachgiebig wie ein Raubtier auf der Jagd, das nur danach giert deinen Körper zu erfassen und die Glut der Göttin in deinen Adern zu ersticken, alles Leben, alles Sein, alles Erinnern aus dir herauszupressen bis nur ein Haufen gefrorener Knochen von dir bleibt. Schon fühlst du den eisigen Atem in deinem Nacken, du spürst deine Beine nicht mehr und trotzdem rennst du weiter. Du kannst nicht mehr, aber du musst! Alles hinter dir ist verloren. Pulsierend jagt das Blut durch deine Adern, du nimmst lediglich ein Rauschen in deinen Ohren davon wahr.
In wachsender Panik erkennst du, dass du nicht mehr weiter kannst, dass dies das Ende sein wird. Jeder Schritt wird langsamer, kürzer, deine Lunge brüllt nach Erlösung. Nur dieser kurze Moment der Schwäche wird dir zum Verhängnis. Unbarmherzig schnappt das Raubtier zu, verbeißt sich in deinen Fersen und sein eisiges Gift jagt durch deine Adern. Dieser Augenblick ist die Ewigkeit.
Vergiss mein nicht...
Der Schmerz in deinen Gliedern ist kein Aufbäumen, kein dramatischer Höhepunkt, der die Jagd zu einem blutroten Crescendo führen würde. Es ist ganz gegenteilig eine schleichende Taubheit, die sich deines Körpers zu bemächtigen scheint. Seide hüllt dich ein, als du nach und nach in die Kälte sinkst. Du weißt nicht mehr, warum du gerannt bist. Wer bist du? Ist das überhaupt wichtig? Alles hat seine Bedeutung verloren und nur für einen Wimpernschlag hast du die bewusste Erkenntnis, dass du bereit bist diesem Vergessen nachzugeben. Es tut nicht weh...
Mit einem Mal ist der Schmerz wieder da. Jener grelle, stechende Schmerz, der deinen ganzen Körper erfasst, als das Eis darin von Hitze berührt wird. Und mit der Hitze rast gleichsam einer Ohrfeige das Erinnern durch deine Adern, jede Faser wird von der Glut Ahamanis erfasst und gereinigt. Du hörst das fauchende Lodern des Feuers in deinen Ohren. Nein, du bist es selbst! Du schreist. Du schreist, erfasst von der wilden Leidenschaft für das Leben, der ungezähmten Begierde nach jedem Atemzug, dem wilden Verlangen nach jedem Teil von dir selbst und dem deines Stammes.
Als du den Hang des Vulkans hinabsiehst, erblickst du nur für einen Herzschlag ein Schauspiel, dessen Schönheit und zugleich Schrecken wohl kaum zu übertreffen wäre: Vor einer schneeweißen, gefrorenen Fläche erhebt sich eine Wand aus Lava, die Macht der Tochter in ihrer glühenden Stärke, gegen das schimmernde Eis – Vergessen. Und nur ein Wort echot dabei in deinem Kopf: Firn.
Mit einem Aufschrei erwachen die Geweihten der Ahamani wohl in dieser Nacht aus ihren Träumen, dabei spüren sie noch für einen Wimpernschlag den eisigen Atem in ihrem Nacken und ein Echo jener wilden Hitze in ihren Gliedern. War dies nur ein Traum? Eine Nachricht Ahamanis? Während sie noch suchen sich zu sammeln, bleibt in ihren Herzen die Gewissheit, dass der Traum nur eine einzelne Schneeflocke im Schneegestöber war. Keine wie die andere...
[img]http://www.bilder-upload.eu/upload/b864ef-1500067757.jpg[/img]
Erwin Guido Kolbenheyer
Man sagt keine Schneeflocke gleiche der anderen. Jede von ihnen hätte ein einzigartiges Erscheinungsbild, jede einen anderen Aufbau wie sich die diversen Eiskristalle in ihrem Fall zusammenfänden. Nur ein Windhauch, nur eine geringfügige Veränderung der Temperatur und Höhe beeinflusse ihre Art der Entstehung. Doch wer sagt das? Wer hätte überhaupt die Muße in einem dichten Schneegestöber darüber nachzudenken, ob die weißgraue Wand vor seinen Augen aus einzeln, tanzenden Individuen zusammengesetzt ist? Oder, ob der knirschende Boden unter seinen Füßen, der bei jedem Schritt zusammengepresst wird, aus Kunstwerken besteht? Und wer beachtet dann noch die letzte, zurückgebliebene Schneeflocke auf dem Fensterbrett, die in der Sonne vergeht?
Du rennst. Deine Lunge brennt bereits, doch du weißt, dass du weiterrennen musst. Du musst! Dir folgt die Kälte, nicht nur Schnee und Eis, der Frost, das Nichts, das Vergessen! Noch spürst du unter deinen Füßen den festen vulkanischen Boden, der eine milde und vertraute Wärme ausstrahlt, dennoch weißt du, dass nur wenige Schritte hinter dir das Eis ist. Und es folgt dir. Rasch, unnachgiebig wie ein Raubtier auf der Jagd, das nur danach giert deinen Körper zu erfassen und die Glut der Göttin in deinen Adern zu ersticken, alles Leben, alles Sein, alles Erinnern aus dir herauszupressen bis nur ein Haufen gefrorener Knochen von dir bleibt. Schon fühlst du den eisigen Atem in deinem Nacken, du spürst deine Beine nicht mehr und trotzdem rennst du weiter. Du kannst nicht mehr, aber du musst! Alles hinter dir ist verloren. Pulsierend jagt das Blut durch deine Adern, du nimmst lediglich ein Rauschen in deinen Ohren davon wahr.
In wachsender Panik erkennst du, dass du nicht mehr weiter kannst, dass dies das Ende sein wird. Jeder Schritt wird langsamer, kürzer, deine Lunge brüllt nach Erlösung. Nur dieser kurze Moment der Schwäche wird dir zum Verhängnis. Unbarmherzig schnappt das Raubtier zu, verbeißt sich in deinen Fersen und sein eisiges Gift jagt durch deine Adern. Dieser Augenblick ist die Ewigkeit.
Vergiss mein nicht...
Der Schmerz in deinen Gliedern ist kein Aufbäumen, kein dramatischer Höhepunkt, der die Jagd zu einem blutroten Crescendo führen würde. Es ist ganz gegenteilig eine schleichende Taubheit, die sich deines Körpers zu bemächtigen scheint. Seide hüllt dich ein, als du nach und nach in die Kälte sinkst. Du weißt nicht mehr, warum du gerannt bist. Wer bist du? Ist das überhaupt wichtig? Alles hat seine Bedeutung verloren und nur für einen Wimpernschlag hast du die bewusste Erkenntnis, dass du bereit bist diesem Vergessen nachzugeben. Es tut nicht weh...
Mit einem Mal ist der Schmerz wieder da. Jener grelle, stechende Schmerz, der deinen ganzen Körper erfasst, als das Eis darin von Hitze berührt wird. Und mit der Hitze rast gleichsam einer Ohrfeige das Erinnern durch deine Adern, jede Faser wird von der Glut Ahamanis erfasst und gereinigt. Du hörst das fauchende Lodern des Feuers in deinen Ohren. Nein, du bist es selbst! Du schreist. Du schreist, erfasst von der wilden Leidenschaft für das Leben, der ungezähmten Begierde nach jedem Atemzug, dem wilden Verlangen nach jedem Teil von dir selbst und dem deines Stammes.
Als du den Hang des Vulkans hinabsiehst, erblickst du nur für einen Herzschlag ein Schauspiel, dessen Schönheit und zugleich Schrecken wohl kaum zu übertreffen wäre: Vor einer schneeweißen, gefrorenen Fläche erhebt sich eine Wand aus Lava, die Macht der Tochter in ihrer glühenden Stärke, gegen das schimmernde Eis – Vergessen. Und nur ein Wort echot dabei in deinem Kopf: Firn.
Mit einem Aufschrei erwachen die Geweihten der Ahamani wohl in dieser Nacht aus ihren Träumen, dabei spüren sie noch für einen Wimpernschlag den eisigen Atem in ihrem Nacken und ein Echo jener wilden Hitze in ihren Gliedern. War dies nur ein Traum? Eine Nachricht Ahamanis? Während sie noch suchen sich zu sammeln, bleibt in ihren Herzen die Gewissheit, dass der Traum nur eine einzelne Schneeflocke im Schneegestöber war. Keine wie die andere...
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