Kälte

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Jana Stromgard

Kälte

Beitrag von Jana Stromgard »

Er erwachte irgendwann in den dunklen Stunden vor der Dämmerung. Einen verwirrenden Moment lang hatte er keine Ahnung, wo er war - oder mit wem. Ein warmes, feuchtes Gewicht lag an ihn geschmiegt, und seine Hand ruhte auf nackter Haut. Sie lag auf seinem Arm. Mit langsamen Bewegungen löste er sich von ihr, achtsam, um sie nicht zu wecken. Dann griff er nach seinen Kleidern und stand auf.

Die Luft in den Stunden vor der Dämmerung war frisch und kühl und ohne den warmen Leib des nächtlichen Liebhabers an ihrer Seite begann Jana bald zu frösteln. Der durch das halb geöffnete Fenster hereinhuschende Seewind gelangte nun an die nackt schlafende Frau und kühlte den stickigen Raum schnell ab. Nach ein paar erfolglosen Versuchen, in den lockeren Decken Wärme zu finden, schlug sie die Augen auf. Ein kühler Schauer stricht über ihren Körper hinweg, als sie sich aufsetzte, und hinterließ eine prickelnde Gänsehaut. Jana blickte nachdenklich auf die zerknitterten Stoffe, in denen mit etwas Phantasie noch die Abdrücke von Jagos kräftigem Körper zu sehen waren. Wie lange er schon fort war, konnte sie nicht sagen. Mit einem Mal wurde ihr bewußt, daß sie tatsächlich fror. Ja, sie spürte die Kälte des Morgendunstes, sehnte sich nach Sonnenstrahlen und wärmender Nähe. Sie schlang die Arme um sich und schüttelte den Kopf. Sie war Kälte gewohnt. In den anatomischen Leersälen der Akademie war es immer kalt gewesen. Die Leiber der Toten, an denen sie und andere das heilige Handwerk des Arztes lernten, waren kalt gewesen. Es war kalt gewesen, als die Studenten in die Feldlager zu von Orks verwundeten Soldaten und geschändeten Einwohnern des Wijards-Vorgebirges gerufen wurden. Eigentlich war es immer kalt gewesen, und nie hatte ihr das irgend etwas ausgemacht. Aber jetzt fror sie.

Ihr Finger tasteten nach der wollenen Decke. Als sie das große, dunkle Stoffstück zu sich heranzog, schmunzelte sie. Ein besonders feuriger Liebhaber war Jago nicht gewesen. Eigentlich hatte sie erwartet, daß er nach dem gestrigen Gespräch versuchen würde, sie nach allen Regeln der Kunst vergessen zu lassen, daß sie beide Schwäche gezeigt hatten. Besonders wichtig, so hatte sie gedacht, würde dem dunklen Jago die Wiederherstellung seiner scheinbar doch so geliebten Dominanz sein. Was tatsächlich geschehen war, beunruhigte sie. Fast schien es, als ob der sicherlich erprobte Liebhaber Angst davor hätte, sie zu intensiv zu berühren. Es gab nur zwei Typen von Männern, die sich so verhielten: Schwächlinge die nicht glauben konnten, was sie in den Lenden und unter ihren Händen spürten – und Frischverliebte. Hatte er sich in sie verliebt? Hatte sie sich in ihn verliebt?

Unter die Decke geschmiegt seufzte sie leise. Was als knisterndes Abenteuer, als jungfräuliche Beziehung angefangen hatte, entpuppte sich nun als gebährfreudige Mutter von Schwierigkeiten. Es waren eindeutig zu viele ungeordnete Gefühle im Spiel, damit ihre Begegnung als spannendes Erlebnis genossen und abgehakt werden konnte. Und es mußte abgehakt werden. Es mußte vergehen. Alles mußte vergehen. Irgendwann. Wer, wenn nicht sie, würde das besser wissen. Wenn er mehr von ihr wollte nach dieser Nacht, dann würde er sie zu verfolgen beginnen, denn sie war nicht der Typ Frau, den er einfach gehen ließ. Nicht einmal penetrant, aber konstant – mit Stil. Alles an diesem Jago die Trequona geschah mit Stil. Stilvoll würden die Präsente sein, die morgens „überraschende“ auf sie warteten, stilvoll die damit verbundenen Einladungen für einen Abend, bei dem nicht nur der Schaumwein prickelnd sein würde. Stilvoll – und eigentlich war so viel Aufmerksamkeit ihren Plänen im Weg. Es sei denn, er wäre ein Verbündeter. Sie mußte schmunzeln und räkelte sich unter der Decke. Das herauszufinden würde einige originelle Begegnungen, interessante Gespräche und lustvolle Momente bedeuten. Nun – warum nicht.
Jana Stromgard

Beitrag von Jana Stromgard »

Kälte II

Der Wind blies durch das weit geöffnete Fenster hinein und fuhr mit wenig zarter Hand über ihre blassen Wangen. Die Tränenspuren fühlten sich dadurch unangenehm kalt, echt und gegenwärtig an, und es gelang ihr nicht, ihre Gegenwart aus dem Bewußtsein zu verdrängen. Aus geröteten Augen blickte sie zur Decke des Zimmers, auch wenn das nächtliche Licht sie kaum eine Hand weit sehen ließ. Für Jana zeigte die Dunkelheit Bilder und Szenen des vergangenen Abends. Und immer wieder das Bild Jagos, wie er eine wildfremde Frau liebevoll im Arm hielt. Ja, nicht einmal begehrend - sondern beschützend, liebevoll eben und kein bißchen so, wie er sich noch Momente vorher in ihrer Kammer aufgeführt hatte. Wie ein gekränkter Löwe nämlich, ein Rudelführer, der auf einen niedrigen Platz verwiesen wird. Dabei hatte er sich doch selbst dort hin verwiesen. Sie? Sie hatte ihn doch nur anheizen wollen indem sie den unschuldigen Bengel ein wenig zu sehr verwöhnte. Hatte darauf gehofft, Jago wolle zu vorgerückter Stunde Ähnliches und mehr probieren. Statt dessen eiferte der große Mann mit einem Topf Brei auf der Ofenbank um die Wette, wer zuerst überkochen würde. Sie hatte nicht im Traum daran gedacht, mit dem dahergelaufenen Hamfleet irgend etwas mehr anzufangen als das, was sie getan hatte.
Hatte sie sich am Morgen noch auf originelle Begegnungen gefreut, so verfluchte sie nun diesen Gedanken. Obschon, und das mußte sie mit einem Biss auf die Unterlippe zugeben, originell war die Situation ja durchaus gewesen. Trotzdem spürte sie rasende Wut in der Brust, wenn sie sich vorstellte, wie er jetzt dort draußen im Vorraum stand. Sie konnte diese Wut spüren, wenn sie die Hand auf die Brust legte - ihr Herz tobte. Warme Worte und verführerisches Wispern würde jetzt einer billigen Hure gelten statt ihr selbst. Geschickte Hände und ein zu dunklen Träumen einladender Leib würden sich der heulenden Schlampe im Vorraum widmen statt ihrem Körper, der sich mehr als sie es sich eingestehen wollte nach den Künsten di Trequonas sehnte. Janas Unterleib wollte krampfen. Daran hatte sie schon denken müssen, als sich Hamfleet und er in stundenlangem philosophischen Sermon ergingen - daran und an wenig anderes.

Während sie im Geiste noch darüber nachsann, ob und wie sie sich an dem widerwärtigen Paar vorn im Foyer rächen wollte, kehrten die Stimmen zurück. Sie, die seit jenem Moment in der Leichenhalle ihre ständigen Begleiter waren, hatten auf Gerimor noch nicht zu ihr gesprochen. Jetzt aber konnte sie sie wieder undeutlich murmeln und hauchen hören. Zuerst trockneten weiche, weibliche Stimmen mit sanften Worten ihre Tränen. Dann streichelte die tiefste Stimme ihre schmerzende Seele. Die geisterhafte Gestalt eines kleinen Hasen namens Hoppel schmiegte sich zu ihren Füßen auf das Gasthausbett. Im Kreis ihrer unsichtbaren Freunde kehrte Janas Selbstbewußtsein langsam zurück.

Jago hatte ihr eine andere vorgezogen? Sie würde dafür sorgen, daß er erfuhr, was er in falschem Stolz zurückgewiesen hatte. Und ja, wenn er dann mit gebrochenem Stolz angekrochen kommen würde, dann ... dann würde sie ihn in die Arme schließen. Und die Stimmen würden ein Freudenlied singen.
Jago di Trequona

Beitrag von Jago di Trequona »

"VERDAMMT!"
Jagos Arm fegte über den Tisch in seinem Turm und krachend und scheppernd flogen Bücher und allerlei andere Gegenstände durch den Raum. Dann ballte er die Hand zur Faust und hielt keuchend inne. Was war nur los? Was war in den wenigen Stunden seit dem letzten Abend passiert, daß er nun wutentbrannt wie ein gefangener Panther in seinen Gemächern auf und ab tigerte, unfähig sich auf das Wesentliche zu konzentrieren?
Er schnaubte wütend. Er wußte ganz genau, was los war. Er hatte das alles schon einmal erlebt, in einem früheren Teil seines Lebens. Wie es geendet hatte? Er wandte sich abrupt um und starte in die Kerzenflammen, die sich unter diesem Blick regelrecht zu ducken schienen. Mit Gefangennahme, Schmach und Folter und letztlich mit dem... nein, er wollte nicht mehr an Kra'thors eisige Umklammerung denken.
Den ersten Teil seiner Lektion hatte er ja schon erhalten - nein, die ersten beiden Teile, um genau zu sein. Erst Jana, die sich auf provozierende Weise um diesen hergelaufenen, naiven Jüngling kümmerte - es war nicht nach seinem Geschmack mitanzusehen wie die Frau, deren Lager er in der letzten Nacht geteilt hatte, nun einen anderen vorzog. Schlimmer noch: Einen, der ihm nicht im entferntesten das Wasser reichen konnte.
Da war ihm die Unbekannte, die sich ihm im Foyer der Herberge an den Hals geworfen hatte, gerade recht gekommen. Doch selbst hier war er noch so in seinen eigenen Gedanken verstrickt geblieben, war so unachtsam, daß sie sich schließlich zu wehren begann und ihn letztendlich dahin trat, wo es wirklich weh tat, bevor sie hinaus in die dunkle Nacht entwischte.
Er vergrub den Kopf in den Händen. Erst Minuten später löschte er endlich die Kerzen und ging nach oben in sein Schlafgemach. Die Wut war der Leere gewichen, er fühlte sich erschöpft und ausgebrand. Das Leben mußte dringend wieder in geordneten Bahnen verlaufen, er hatte einen Orden zu führen und eine Stadt einzunehmen, er konnte es sich nicht leisten, sich ausgerechnet jetzt in den Schlingen einer Frau zu verfangen. Schon gar nicht in den Schlingen einer Frau wie Jana Stromgard.
Als er oben im Schlafgemacht schließlich alle Kleidung abgelegt und sich eine schwarze, glänzende Robe übergezogen hatte, schloß er die Augen. Der kühle Stoff umschmeichelte seinen Körper wie die Hände einer kühlen Frau. So kalt und stets auf Kontrolle bedacht wie Constance vielleicht? Oder doch die kleine Baronin, deren blasse Haut und helles Haar sich so anziehend unschuldig und rein von der schwarzen Kleidung des Ordens abhob? Oder die von Lythiana vielleicht? Was war am besten geeignet, um diesen unkontrollierten Brand einzudämmen?
Er wußte es nicht - noch nicht. Aber er würde dahinter kommen.
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