Zeitenwandel (Bajard)

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Beldan Scherenbrueck
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Zeitenwandel (Bajard)

Beitrag von Beldan Scherenbrueck »

Was hatte man sich für Sorgen gemacht nach dem heiklen Scharmützel mit Rahal und den immer wieder aufkeimenden Unruhen und Streitereien. Jetzt, einige Zeit nach den Vorfällen, sah das alles anders aus, zumindest oberflächlich. Was unterschwellig noch brodeln mochte, das war freilich nur wenigen Personen bekannt, zu denen er wiederum nicht zählte. Aber soweit es sich überblicken ließ, waren seine Befürchtungen übertrieben gewesen. Zumindest hatte sein grundlegender Pessimismus wieder einmal Oberhand gewonnen und war folgerichtig von den Ereignissen selbst korrigiert worden.

Derzeit bot sich Bajard ganz anders dar, als man es vor einigen Wochen vielleicht noch erwartet hätte. Es war bei dieser einen Auseinandersetzung geblieben, Drohungen und Streitereien hatten sich wie stets in Rauch aufgelöst und alles war erstaunlich ruhig geblieben. Hitzigkeiten gab es zwar immer in dem kleinen Dorf Bajard, aber diese schlugen keine großen Wellen. Natürlich, ab und an konnte man schon spüren, dass nicht alles ganz so eben und glatt war, wie der äußere Schein es manches Mal behaupten wollte. Der Tod einer Wache der Bürgerwehr, das unerklärte Ausscheiden der Beraterin der Bürgermeisterin – außer, dass sie wohl aus dem Dorf verschwunden war und vom Stadtstein getilgt, hatte er nichts erfahren – und andere Kleinigkeiten deuteten auf Reibereien und Streitereien hin, wie sie überall dort unvermeidbar waren, wo Menschen in Machtbeziehungen aufeinander trafen. Aber all das waren nur Kleinigkeiten, die überhaupt ganz gewöhnlich waren und jeden Tag geschehen konnten, an jedem Ort.

Denn das bemerkenswerte und entscheidende war, dass keine größeren Schatten auf dem Dorf lagen. Das mochte ein wenig daran liegen, dass mit Lameriast eine Insel entdeckt worden war, welche die rege Aufmerksamkeit vieler Menschen auf sich zog, vor allem natürlich jener, die mit den Dingen bisher an keinem Ort zufrieden gewesen waren, der notorischen Aufwiegler und Unruhestifter also. Auch jene – so meinte Beldan – wollten nun wohl einmal ihr Glück versuchen und an anderer Stelle zu verwirklichen suchen, was ihnen auf dem Festland nie gelungen war. Ob sie darin erfolgreicher sein würden als ihre Vorgänger, interessierte ihn nicht wirklich. Wichtig war, dass sich dadurch die Interessen anscheinend verschoben hatten, sich gespalten, der bohrende Blick der Machthungrigen und Kriegslüsternen nicht mehr allein auf Bajard lag, sondern gespalten war, so dass sich ihm mehr Ziele boten als bisher. Lameriast mochte sich dabei kurzfristig als attraktiveres Ziel erweisen, zumindest solange die Insel noch frei zugänglich war und jeder dort Fuß fassen konnte, sei es im Guten oder im Schlechten. Dass dies lange so bleiben würde, erwartete Beldan freilich nicht. Wie überall dort, wo man sich im Namen der Freiheit oder jedweder anderer Tugenden versammelte, in der Illusion also es gäbe ein Sein jenseits der Macht, würde sich auch auf Lameriast das unterschwellige Sehnen nach Einfluss und Anerkennung durchsetzen und die Menschen dazu verleiten nach Herrschaft zu streben. Es würden sich einige von ihnen bewaffnen und dadurch über die anderen gebieten, denn das Schwert war immer noch mächtiger als das Szepter.

Für Bajard aber bedeutete dies eine Zeit der Ruhe und der Entspannung. Das Dorf schlief förmlich, zumindest dahingehend, dass viel zum Stillstand gekommen war. Die wenigen wirklichen Bürger Bajards hatten sich eingelebt und ihre Zahl wuchs nicht mehr. Es drohten keine Gefahren oder Unruhen mehr, die sie aus ihren Häusern getrieben hätten, und so kam man weiterhin in den kuriosen aber für Bajard wichtigen Genuss, stets mehr Fremde als Bürger in der Stadt anzutreffen. Da sich die Zahl der Einwohner stets gering hielt und diese nichts anderes zu tun hatten, als stillschweigend ihren Geschäften nachzugehen und sich von den Anstrengungen des Lebens nicht auffressen zu lassen, hatte es sich auch mit der Bürgerwehr auf ein zufriedenstellend niedriges Maß eingependelt, denn dort, wo es niemand eigenen zu beschützen gab, da brauchte man auch keine Messer und Schwerter. Bajard war, wie sie es eigentlich immer gewesen war, eben eine Fremdenstadt, eine Zwischenstation auf dem Weg vieler Abenteurer, Händler und Reisender, welche diesen nicht unangenehm war, die sie aber in angemessener Zeit hinter sich lassen wollten. So wirklich gerecht wurde sie großen Ambitionen schlichtweg nicht. Die Zahl derjenigen, welche in der Stadt hängen blieben, war nicht gering. Aber es waren eben keine wirklichen Bürger. Sie gönnten sich mehr einen verlängerten Aufenthalt, ein zielloses Warten, denn was nach Bajard noch kommen sollte, das wussten viele vielleicht selbst nicht so genau. Wenn man heute durch die Straßen des Dorfes ging, dann sah man jedenfalls viele fremde und junge Gesichter. Manche schon verhärmt und mit ersten Spuren des Lebens gezeichnet, andere noch ganz unbescholten und weich. Eines Tages würde man sie vielleicht noch einmal wiedersehen. In den Gewändern Rahals, mit dem schwarzen Panther auf der Brust, während ihre Gesichter noch immer diesen Schein der Unschuld und der Unwissenheit trugen; in den Gewändern Varunas, den Adler stolz auf der Brust und für Vorstellungen von Recht und Ordnung streitend; vielleicht mit der Erde Lameriasts an den Sohlen, mit dem Wort der Freiheit auf den Lippen, ohne zu wissen was das ist, diese seltsame Sache namens Freiheit.

Eines aber war ganz sicher: In Bajard würden sie nicht bleiben. Und das war gut so, denn diese jungen Reisenden brachten nur Unruhe mit sich. Nach ihrem Verschwinden aber würde Bajard wieder das sein, was es einmal gewesen war. Ein kleiner, träger Fleck auf der Landkarte, der für niemanden von Bedeutung war. Nur dass dieser Strom wohl nie ganz verebben würde. So blieb immer diese vage Ahnung von Bedeutung zurück, dieser trügerische Hauch von Leben, den die fremden Herzen in die schlafwandelnden Gassen des Dorfes trugen, in dieses Bajard ohne Bajarder.
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Beldan Scherenbrueck
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Ein Abend am Meer

Beitrag von Beldan Scherenbrueck »

Was für ein seltsamer Tag. Er war den ganzen Nachmittag über und den halben Abend lang kaum zur Ruhe gekommen. Eine innere Unruhe hatte ihn unentwegt auf Trab gehalten, ihm keinen Augenblick der Stille gegönnt. Und jetzt plötzlich saß er dort, am Meer. Es hatte viel geregnet diesen Abend, der Geruch von nassem Gras lag in der Luft. Seine Pfeife hatte immer wieder mit den Winden und den überraschend auftauchend Schauern zu kämpfen. Was für ein wundervoller Abend. Er war nass bis auf die Haut. Morgen würde er im Bett liegen und mit hartnäckigem Fieber kämpfen, aber heute war das nicht wichtig. Seine Glieder waren viel zu taub, sein Körper viel zu schwer, er konnte sich nicht rühren, keinen Schritt tun, da waren nur das Meer und die Nacht. Der Mond schien blass. Bajard war in solchen Stunden ein bezaubernder Ort. Still und träumerisch.

Er musste an seine Frau denken. Wie lange war es jetzt her, dass sie gestorben war ? Es mussten Jahre sein. Ihr Lachen klang ihm noch in den Ohren. Er hatte es nicht oft gehört. Die Zeit war knapp gewesen. Die Schwindsucht, dieser heimtückische Teufel, der sie Stück für Stück aus seinen Armen gestohlen hatte. Erst ganz unbemerkt, dann immer gefräßiger und irgendwann war sie fort gewesen. Wie Sand der durch die Finger rieselt. Sie hatten sich nur im Sterben geliebt. Als er sie an diesem schicksalhaften Tag in den Straßen Rahals gefangen hatte, war sie bereits nicht mehr als ein Schatten gewesen, eine leichte Feder, die ihm schon im ersten Moment beinahe wieder entglitten wäre, fortgeweht schon von den sanftesten Winden. Ihr Leben hatte das seine nur gestreift, es berührt und für einen Augenblick mit seiner Leichtigkeit empor getragen in schwindelerregende, traurige Höhen. Und eben so leicht hatten sie sich wieder verloren als sie immer weiter empor gestiegen war, ihre Seele ihrem Körper entflohen und sie ihn zurückgelassen hatte. Eine seltsame Liebe. Sie hatten sich ein Stück begleitet auf einem steinigen Weg, von dem sie nichts mehr erwarteten. Als sie ihr Ende erreicht hatte lächelte sie und sagte ihm Lebewohl. Sein Weg führte noch weiter. Er küsste sie und sie war fort.

Er dachte nicht oft an diese Zeit zurück, die ihm so fern lag, deren Sinnbilder und Gefühle er nicht mehr verstehen konnte. So etwas verstand man nur einmal, dann wenn es da war. Und dann fragte man nicht danach, dachte nicht darüber nach. So war es für immer verloren, wenn es vorbei war. Die Gelegenheit vergeben einen Teil davon festzuhalten. Vielleicht war das gut so. Dann kehrte es nicht mehr zurück. Nur manchmal trat es noch hervor, wie aus einem grauen Schleier, einem sonst undurchdringlichen Nebel, der sich plötzlich lichtete und den Blick freigab auf ein ganz befremdliches, seltsames Reich, das doch so vertraut erschien. Und man verstand es, für den Bruchteil einer Sekunde, für die Zeit einiger weniger Gedanken, die einen sanft dahin trugen und unentwegt und unaufhaltsam wieder verblassten. Man konnte es nicht erzwingen und nicht befehlen, es war einfach da. Und heute war er dankbar dafür. Morgen würde es wieder vergessen sein, das große Rätsel wieder ungelöst, die Schranken ungebrochen. Bis zum nächsten dieser einsamen Abende, in denen die Welt ganz anders war.

Ein Lachen störte die Stille. Es war vorbei. Auf nach Hause alter Narr.
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Beldan Scherenbrueck
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Tohuwabohu

Beitrag von Beldan Scherenbrueck »

Ein wenig chaotisch konnte es immer zugehen in diesem kleinen Dorf, in dem nur eine Handvoll schlecht ausgerüsteter Teilzeit-Soldaten für Ruhe und Ordnung sorgten. Mit anderen Worten: Eine Bürgerwehr. Freilich ist es unbestreitbar, dass eine Bürgwehr schon mehr war, als man in den meisten Dörfern von der Größe Bajards benötigt hätte. Ein Büttel und ein oder zwei Wachleute, mehr brauchte man im Allgemeinen nicht. Ebenso unbestreitbar ist allerdings, dass Bajard nicht jedes Dorf war, sondern ein sehr spezielles, eine unabhängige Küstensiedlung nämlich, die den wichtigsten Hafen des Festlandes beherbergte. Kein Wunder also, dass man regelmäßig Aufmerksamkeiten auf sich zog, welche sich die meisten Bewohner des kleinen Dorfes zweifelsohne lieber erspart hätten. Ritter und Ordensleute aus Varuna zählten noch zu den geringeren Plagen, denn mochte ihr Sendungsbewusstsein auch sehr ausgeprägt gewesen sein, so hielten sie sich doch im Allgemeinen eher zurück und stifteten nicht viel Unruhe. Mit Zwergen ging es da schon etwas wüster zu, aber das Problem hatte wohl jede Stadt, die jemals Gefahr laufen konnte von einem dieser barttragenden, zweibeinigen Bierfässer aufgesucht zu werden, die ständig gärten und schäumten. Die vielen freien Krieger und Abenteurer, die sich in den Straßen und der Taverne herumtrieben, waren ebenfalls ein altbekanntes Bild. Auch wenn sich ein Teil davon in Richtung des abgelegeneren Lameriast zurückgezogen hatte, trieben sie die Einsamkeit der auserkorenen Heimstatt und ihr nach Aufregungen heischendes Gemüt doch immer wieder zurück in das belebtere Bajard. Zu guter Letzt waren da noch die vielen Augen, Hände und Füße Rahals, mal blauhäutig mal nicht, die kaum mehr wegzudenken waren. Jede Gruppe für sich brachte nicht viel Aufregungen mit sich, auch wenn man sich über ihre Interessen und Einflüsse sicherlich weitreichende Gedanken hätte machen können, aber alle zusammen, das erzeugte eine siedende Mischung, die gerne einmal überkochte.

Dieses Überkochen zu verhindern war eine der Aufgaben, welche die Bürgwehr zu erfüllen hatte. Eine sehr schwierige Angelegenheit, bei der man sich schnell die Fingern verbrennen konnte. Die Schwierigkeiten, die sich für die Bürgerwehr ergaben, waren vielfältig. Der wichtigste Punkt, der in der Vergangenheit die meisten Probleme bereitet hatte, war wohl der Umstand, dass die Bürgerwehr in Bajard im Grunde auf dem schwächeren Fuße stand. In Varuna oder Rahal war jeder Widerstand gegen die Garden zwecklos. Gut ausgerüstete, gut bewaffnete, gut ausgebildete Männer und Frauen patrouillierten dort in ausreichender Zahl die Straßen und genossen die Unterstützung einer breiten, tatkräftigen und mächtigen Oberschicht, sowie der meisten ansässigen Gilden und Gemeinschaften. Jeder Widerstand gegen die Garden brachte weitreichende Konsequenzen mit sich, nämlich die Missbilligung und Feindschaft eines ganzen Reiches. Das konnte in Varuna sehr unangenehm sein und in Rahal zumeist tödlich. In Bajard war das nicht der Fall, denn hier sorgten gerade oft diejenigen Männer und Frauen für Unruhe, in deren Rücken diese mächtigen Reiche standen. Und waren es freie Männer oder Gruppen, dann änderte das nichts daran, dass hinter der Bürgerwehr Bajards kein mächtiges Reich, keine einflussreichen Gruppen und kein großer Herrscher standen, sondern eben nur ein Dorf, eine Bürgermeisterin und eine Handvoll Bürger, die zumeist Fischer oder Handwerker waren. Das machte den Schutz Bajards so labil, denn er beruhte im Grunde nur auf dem Schein von Macht. Eine Provokation aber, welche diesen Schein auf die Probe stellen konnte, ließ ihn wie eine Seifenblase zerplatzen, denn es stand nichts dahinter. Daran scheiterten die meisten Mitglieder der Bürgerwehr, die von außerhalb in sie gekommen waren, in der verirrten Vorstellung, man fände sich hier in einer Garde die der Rahals oder Varunas ähnelte. Nein, der Dienst in der Bürgerwehr Bajards zwar zweifelsohne etwas ganz anderes als der in einer der großen Garden. Er war im Notfall ein Akt der Demut und der Erniedrigung, ein Dienst, der vollständige Hingabe an die eigentliche Aufgabe erforderte und diese Aufgabe war nichts anderes als Ruhe und Frieden in Bajard zu schaffen - mit den Mitteln, die dafür zur Verfügung standen. Und zur Anwendung dieser Mittel brauchte es ein feines Gespür. Nicht jedem konnte man drohen, denn es durfte nur selten zu direkter Konfrontation kommen, in der man meistens doch unterlegen sein würde. Nicht jedem gegenüber konnte man auf Autorität und Disziplin pochen, denn dazu fehlte es an den nötigen Instanzen, die einem den Rücken decken konnten, die vom Gegenüber auch anerkannt würden. Eine Bürgermeisterin mit einem kleinen Hof reichte dazu nicht aus. Es war eben ein heikles Spiel. Wenn man es genau nahm, dann musste ein Mitglied der Bürgerwehr eben mehr leisten als ein Gardist aus Varuna oder Rahal, er musste mehr leisten als sich auf eine Autorität zu berufen, die ihm Macht verlieh, mehr als ein „Im Namen des Grafen“ oder „Im Namen des Alkas“ rufen, denn ein „Im Namen der Bürgermeisterin von Bajard“, das war kein Ruf der sofortige Demut und Disziplin bedingen konnte, nichts womit man drohen konnte. Man musste ein Schlitzohr sein, ein Diplomat, ein Redner, ein Scharlatan. Hier zählten Geschick und Persönlichkeit, nicht die Masse, nicht das mechanische Wiederholen von Parolen. Aber dieser Unterschied war schwer zu begreifen. In der Vergangenheit war die Bürgerwehr mehrmals an ihm gescheitert, daran, dass die Mitglieder der Bürgerwehr selbst der Illusion erlegen waren, die sie anderen vorgaukeln sollten: Der Illusion ihrer eigenen Macht. Meistens brachten sie dabei das Fass selbst zum überlaufen, bevor es jemand anders tun konnte.

Heute lag die Sache ein wenig anders. Nachdem man in der Vergangenheit vor allem dadurch Unruhe produziert hatte, dass man verzweifelt versuchte hatte die Gesetze durch autoritären Zwang durchzusetzen, ohne sich wirklich Gehorsam verschaffen zu können, so dass im Ende alles ausgeufert war und sich überschlagen hatte, war diesmal einfach niemand zugegen, der für Ruhe und Ordnung hätte sorgen können. Jede symbolische Präsenz fehlte, jede tatsächliche ohnehin, so dass sich Bajard mittlerweile wieder auf den Trott eingependelt hatte, den es innegehabt hatte bevor man dazu übergegangen war sich eine Hoheit zu geben und eine Bürgerwehr aufzustellen. Das Rüstungsverbot zu umgehen war eine demonstrative Schau, die man dadurch inszenierte, dass man sich eine Robe über die Rüstung warf, was dazu berechtigte vollgerüstet in Bajard zu erscheinen. Eine Praxis die im Grunde nicht viele Proteste hervorrief. Den meisten Einwohnern war das wohl angenehmer und geheurer als die Knochenrüstung eines Menekaners oder die Anwesenheit eines Magiers. Den sporadischen Zwerg ließ man ohnehin gerüstet passieren. Wer wollte sich schon mit einem Schlachtenwühler anlegen. Und vielleicht war das auch ganz gut so. Jedenfalls war es für sich gesehen nicht schädlich, solange es unter Kontrolle blieb. Das blieb es freilich nicht. Denn wenn man sich angewöhnt hatte ein Gesetz beliebig übertreten zu dürfen, dann versuchte man sich bei Gelegenheit auch am nächsten. So war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis es wieder zu Auseinandersetzungen und Kämpfen in Bajard kommen würde – wie am letzten Tage gleich mehrmals. Nur war das überhaupt ein Problem ? Für die Einwohner war es natürlich gefährlich, und zu denen zählte er auch. Man konnte immer in ein Scharmützel geraten in das man eigentlich nicht hinein gehörte. Aber mit ein bisschen Verstand ließ sich das auch schon wieder vermeiden. Und sonst ? Natürlich, man schreckte friedliche, am Handel interessierte Personen ab und zog dafür noch mehr abenteuerlustige Gesellen und zwielichtiges Gesindel an. Schlussendlich blieb noch die Frage, was es bedeutete, wenn Mächte aus Rahal oder Varuna regelmäßig militärische Gewalt auf bajarder Boden anwendeten. Solange sie das nur sporadisch und zufällig taten, war vermutlich nichts besonderes dabei. Nur würde es immer bei diesem Sporadischen und Zufälligen bleiben ? Darüber war er sich selbst nicht schlüssig und das hinderte ihn am Handeln. Er hatte keine Frau auf die er Acht geben musste, keine Kinder, keine Verwandten und keine wichtigen Freunde in Bajard. Für ihn war es im Grunde müßig, ob die Zeiten gerade etwas rauer waren oder nicht. In die Kämpfe würde er ohnehin nicht geraten. Dafür war er zu unwichtig und zu wenig interessiert. Freilich begeisterte es ihn auch nicht unbedingt, wenn man beim Gang durch Bajard auf querfliegende Bolzen, Untote, freilaufende Panther, verirrte Zauber und andere Nebeneffekte von tätlichen Auseinandersetzungen achten musste. Nur war es diesmal wieder nur eine Phase oder würde es andauern ? Wenn es eine Phase wäre, dann würde er sie einfach aussitzen. Wenn es aber keine Phase wäre, was dann ?

Ja, was dann ? Was wenn es nicht von alleine „aufhören“ würde ? Die Frage bereitete ihm etwas Kopfzerbrechen. Dass Leanne etwas daran würde ändern können, glaubte er nicht. Sie war zweifelsohne eine leidenschaftliche Frau, die ihr ganzes Herzblut in Bajard steckte, aber ihr fehlte das Kalkül. Sie war viel zu hitzig. Sie würde, sobald sie von den Kämpfen hörte, höchstens nach Rahal marschieren und der nächstbesten offiziellen Person eine Ohrfeige geben. Das half keinem weiter. Und der Hauptmann ? Soweit er ihn einschätzen konnte, war er ein charmanter, junger Bursche, der das Leben mit einer gewissen Leichtigkeit nahm – oder zu nehmen versuchte – und keine rechten Präferenzen hatte. Der perfekte Leutnant, der zwischen der strategischen Kälte des entscheidenden Hauptmanns und der persönlichen Härte des ausbildenden Feldwebels den freundlichen Part des Militärs übernahm, des lässigen, legeren Vorgesetzten, der zu hoch gestellt war, um sich auf das Niveau der kleinen Gehässigkeiten des Feldwebels hinab zu begeben, und zu niedrig gestellt, um in dem rätselhaften Himmel des höheren Kommandostabes zu verschwinden. Er war von allem ein bisschen, tat eigentlich nichts und lächelte nur, schenkte den Soldaten Tabak oder ein mildes Wort und vermittelte ihnen die freundlicheren oder wichtigeren Botschaften des Hauptmanns, auf jeden Fall tat er alles in einem ruhigen und sympathischen Ton und hob bei schwierigen Entscheidungen nur seufzend die Schultern, als träfen sie ihn genauso. In der Bürgerwehr war ein solcher Schöngeist vollkommen nutzlos. Erst ab einer gewissen Zahl an Mitgliedern lohnte sich ein entlastendes Moment. Derzeit brauchte es jemanden, der die Bürgerwehr würde aufbauen können. Und das konnte er nicht. Das hatte er die letzten Monde über zur Genüge bewiesen. Daran hegte Beldan keinen Zweifel. Es brauchte jemanden mit Charisma, mit Ehrgeiz, der nötigen Bescheidenheit und einem gewissen Weitblick. Eben jemanden zu dem man aufblicken konnte, auf den man sich verlassen konnte und der vernünftige Entscheidungen traf, ohne sich von Illusionen und Hochmut beirren zu lassen. Vor allem jemanden der neben der Bürgerwehr nicht noch drei oder vier Sachen im Kopf hatte, die ihm mindestens genauso wichtig waren. Nur wo würde man so einen Menschen herbekommen ? Eine Frage auf die er selbstverständlich keine Antwort wusste. Solche Leute waren schwer zu finden. Nicht weil sie besonders selten waren, sondern weil sie überall gebraucht wurden und niemand sie gerne ziehen ließ. Aber mitunter könnte man die Sache auch noch ein Weilchen schleifen lassen. Vielleicht würde früher oder später doch alles beim Alten bleiben und jede Sorge wäre verschwendet gewesen. Freilich würde es andernfalls irgendwann zu spät sein, aber es gab auch noch andere Orte auf der Welt - oder nicht ?
Zator A´kinar

Beitrag von Zator A´kinar »

Im Schein der Lichter, das aus den Häusern drang wirkte Bajard an diesem Abend wohl sehr friedlich und ruhig. Doch halt, etwas störte den Frieden. Nahe der hölzernen Stadtmauer, gleich an dem kleinen Tümpel stand des allseits beliebte Wirtshaus Bajards. Wie so oft war es gut besucht, doch an diesem Abend schienen es sich um lediglich zwei Gruppierungen zu handeln. An dem einen Tische saßen zwei junge Herren, ordentlich, doch einfach gekleidet und unterhielten sich leise. An dem anderen Tische wurde laut gelacht, gefeiert und getrunken.

Zator A'kinar sass, das Gesicht seinem Gegenüber zugewandt am ersteren der beiden genannten Tische. Leise unterhielt er sich mit Tore Hamfleet, den er erst kurz zuvor kennengelernt hatte und als aufgeschlossenen und doch rechtschaffen erfahren hatte. Dann und wann schaute Zator besorgt zu der immer lauter werdenen Gruppe des zweiten Tisches.

Es liess nicht lange auf sich warten, da stoben zwei der Gruppe davon und holten, woher auch immer viele Fackeln und Laternen herbei und stellten sie rundherum auf. Einige der Fackeln wurden in die unmittelbare Nähe Zators und Tores in den Boden gerammt und entzündet. Zator musterte Tore, der seinen Umhang etwas fester zog, aus Furcht, die Flammen könnten sich davon zehren wollen. Und so bat Zator laut doch freundlich, die Flammen nicht gar zu nahe an sie beide heranzustellen. Freilich seine Stimme wurde nicht erhört, wenngleich sie vernommen wurde.

"Wir sollten besser gehen, Tore. Ich denke wir sollten der Bürgerwehr Bescheid geben, auf dass sie ein Auge auf diese Leute haben, sonst brennen sie womöglich noch das ganze Dorf nieder."

Tore nickte zustimmend und beide standen auf. Doch kaum standen sie, kam einer der Männer zu ihnen herüber und sprach energisch auf die bdein ein:

"Sagt nichts, ich zahle Euch 2000 Goldmünzen, wenn ihr die Klappe haltet."

Tore dem wohl des Öfteren der Schalk im Nacken sitzt, nickte und hielt die Lendenklappe seiner Lederhose fest. Verschmitzt blickte er zu Zator und flüsterte leise

"Nichts leichter als das." und sagte dann laut "Sicher werden wir unsere Klappe halten."

Sprachs und nahm das Gold auf. Auch wenn sich, ob der Aktion ein Lächeln auf die Lippen Zators schlich, so wurde er zunehmens unruhiger.

Nur wenige Augenblicke später waren sie bei einem wachhabenden der Bürgerwehr und berichteten von den Vorfällen an der Taverne. Und einige weitere Augenblicke später standen beide in Begleitung eines Bürgerwehrmannes erneut vor den Raufbolden, welche sich inzwischen angefangen hatten vor dem Wirtshaus zu duellieren.

Was nun folgte, hatte sich Zator im Traum nicht ausmalen können. Es schienen wohl magisch begabte Männer in der Gruppe zu sein, denn zuerst fing der Wachhabende an, wirr zu reden, hernach krümte sich Tore am Boden und dann traf die magsiche Welle auf Zator. Kurz wurde dem Manne schwarz vor Augen, doch dann versuchte er sich den Schmerzen zu erwehren. Kurzzeitig hatte er Erfolg, doch dann verstärkte der Magier den Spruch und Zator sah sich selbst, einem Tier gleich auf jenen zukriechen.

Was nun folgte, blieb in Zators Erinnerung nur bruchstückhaft übrig. Ein fester Griff um seinen Hals, dann wurde er Richtung Tor geschleift. Dort standen die Wachen der Bürgerwehr mit offenem Mund, unfähig zu reagieren. Wollten sie nicht? Konnten sie nicht? Dann das erneute Aufbäumen Zator, er packte seinen Widersacher am Arm und wehrte sich. Das letzte was Zator sah war die flache Seite einer Klinge. Dann wurde alles schwarz.


Am nächsten Tag...

Hustend setzte sich Zator auf. Wo war er? Achja, die Herberge, sein neues Zuhause. Sein Schädel dröhnte und in seinem ganzen Körper verspürte er Schmerz. Langsam stand Zator auf und schlurfte zur Waschschüssel. Als er sich selbst im klaren Wasser widerspiegeln sah, fuhr er mit einem Keuchen zurück. Eine dicke Platzwunde, halb verkrustet war da zu sehen, an seiner Stirn. Und langsam kehrten die Erinnerungen an letzte Nacht zurück. Wo war Tore, war er wohlauf? Und der Mann der Bürgerwehr?

Zator A´kinar setzte sich auf das Bett und überlegte lange, was nun zu tun sei...
Tore Hamfleet

Beitrag von Tore Hamfleet »

Er fühlte sich, als wäre er kielgeholt worden - oder zumindest glaubte er, daß es sich so anfühlen müßte. Die Matrosen auf der Überfahrt hatten sehr lebendig beschrieben, was alles dazugehört, und er war sich recht sicher, daß sich das auch nicht viel anders anfühlen würde ...

Blinzelnd begann er eine Bestandsaufnahme ... Kopf, noch da ... Arme, Hände, Beine, Füße auch noch da ... Rumpf ebenfalls ... gut ... dann jetzt, die Augen aufmachen, so richtig ... in dem Moment bekam er einen Nasenstüber von einem kleinen, feuchtkalten Etwas ... schneller als gewollt öffnete er die Augen ganz und blickte in zwei Bersteinfarbene.
"Ah .. Du mußt die Stallkatze sein" ächtze er leise. "Tut mir leid, wenn ich Dir Deinen Schlafplatz streitig gemacht hab, aber weiter hab ich es nicht geschafft gestern Abend ..."
Mühsam richtet er sich auf und blickt sich um. Wenigstens sauber war der Stall und das Stroh war recht frisch.
Kritisch beäugt er seine Sachen, die blutverkrustet an ihm kleben und seufzt:" Na, ich seh ja gut aus ... "
Nach und nach gelangten die Erinnerung an den gestrigen Abend wieder in sein Bewußtsein.
"Verdorrich ... in was bin ich denn da reingerutscht ... aber ich find es scheußlich, wenn in dem Kopf von jemandem rumgepfuscht wird ... was hätte ich denn sonst tun sollen?" fragte er die Stallkatze ... "aber ich wüßte trotzdem gern, warum das da gestern so abgelaufen ist ... und wer da überhaupt mitgespielt hat ... und was der Panther damit zu tun hat ... und wie geht es Zator wohl ... ich glaub, ich geh den mal suchen ... "

Zerschunden wie er ist, macht er sich auf den Weg, um nach Zator zu suchen ..." Vielleicht weiß der ja mehr"
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Beldan Scherenbrueck
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Beitrag von Beldan Scherenbrueck »

Er saß irgendwo in der Nähe der geladenen Repetierarmbrust einer halben Hinrah und der wurfbereiten, hochexplosiven Trankmischung eines Eisenwartlers, soff schlechten Wein aus einer Tonflasche und bedauerte seine Platzwahl. Als pflichtbewusster Dauergast Bajards mischte er sich in die Auseinandersetzung nicht ein. Vermutlich wäre das auch nicht die beste Idee gewesen. Der halbe Liter Wein, den er schon getrunken hatte, war ein Punkt, der Kampfstil, den die jungen Krieger heutzutage bevorzugten, ein anderer. Gegen diese hochgerüsteten, mit allerlei alchemistischen und magischen Mittelchen ausgerüsteten Krieger, deren Kämpfe durch Rezepte, Goldeinsatz und Gewitztheit entschieden wurden, hatte ein Mann seines Schlages keine Chance mehr. Der nüchterne, geradlinige Kampfstil, den er zu seiner Zeit gelernt hatte und der vielleicht schon immer veraltet gewesen war, machte ihn hoffnungslos unterlegen und erstickte solche Überlegungen bereits im Keim.

Zum Glück lief nach ein paar Drohungen alles glatt und es gab einen geordneten Rückzug, so dass weder Bolzen querschlugen noch explosive Tränke flogen. Die Taverne sollte an diesem Abend keine bleibenden Schäden davontragen. Sein ruhiger Abend, an dem er sich ein paar Gedanken hatte machen wollen, war natürlich trotzdem gestorben. Diese stressgeladenen Situationen strapazierten einen Mann seines Alters immer ein wenig. Wenn man das Jahr für Jahr zu ertragen hatte, dann war es leider meistens nicht so, dass es einem irgendwann egal wurde, sondern eher so, dass man nicht mehr recht zur Ruhe kam, sondern immer eine gewisse genervte Spannung blieb. Dass Eisenwart, Clan Hinrah und die Gefährtinnen des Waldes fortan nicht aufhören würden ihre Konflikte auch in Bajard auszutragen, stand leider zu befürchten. Die Achse Rahal – Eisenwart zog auf der Karte nun einmal einen breiten, roten Strich durch Bajard. Und der Mittelpunkt der Achse schien genau auf der kleinen Taverne zu liegen. Rückzugsraum für Eisenwart, Vorposten für das unterstützende Rahal und für alle Parteien der gängige Ort, um Gerimor zu betreten oder zu verlassen. Aufgrund der besonderen Beziehung zwischen Eisenwart und Rahal war auch nicht zu hoffen, dass sich der Konflikt irgendwann ganz auf Lameriast konzentrieren würde. Bajard war und blieb das eigentliche Tor zur neuentdeckten Insel, die unter der Farce der Freiheit erobert worden war. Auf der es nun, nachdem das Land und die Natur besiegt worden waren, galt den neuerrungenen Besitz aufzuteilen. Mit Feuer und Schwert - wie überall, wo die Menschen Hand anlegten.

Seine größte Sorge war im Augenblick die Bürgerwehr, dieser spärliche Haufen schlecht ausgerüsteter, miserabel ausgebildeter Dorftrottel. Vielleicht war es wirklich nicht die beste Idee gewesen zuzuschauen, wie ein paar übereifrige Gestalten beschlossen hatten, dass Bajard Gesetze, eine Bürgermeisterin und eine Bürgerwehr bräuchte, nur um sich kurz darauf wieder ihren eigenen Geschäften zuzuwenden – und zumeist gleichzeitig wieder von Bajard ab. Dieser Haufen kurioser Gründerväter, die das Kind unvorbereitet in Wasser geworfen hatten und die Folgen ihrer eigenen Kurzsichtigkeit nicht mehr erleben oder verantworten mussten. Eine Reihe von Gesetzen jedenfalls, welche die Bürgerwehr nur gegenüber denen durchsetzen konnte, die für Recht und Ordnung sowieso keine Gefahr darstellten, schaffte nichts als unklare Verhältnisse. Die, welche von den Gefahren bedroht waren, wiegten sich im trügerischen Schein der Sicherheit, die die Gesetze ihnen versprachen. Die, welche sich prinzipiell an die Gesetze hielten, luden sich einen unnötigen Nachteil auf. Die, welche sich nicht um die Gesetze kümmern wollten, taten das auch nicht – und wurden für die, welche die Einschränkungen des Rechts auf sich nahmen, so zu einer noch größeren Gefahr als sonst. Ein Gesetz, das gegenüber denen, die es in schlechter Absicht zu überschreiten drohten, nicht durchgesetzt werden konnte, war eben nicht nur nichts wert, es erzeugte auch die höchst kuriose Wirkung, dass das, was geschaffen worden war um Recht und Gerechtigkeit zu befördern, im Endeffekt denen zugute kam, die vorhatten Recht und Gerechtigkeit zu verletzen, indem es ihre Opfer noch hilfloser gestaltete, als sie es ohnehin schon waren. Vorher hatten wenigstens klare Verhältnisse geherrscht. Jeder hatte seine eigene Waffe, jeder passte auf sich selbst auf. Ein schartiges Schwert war immer noch eine bessere Absicherung als eine Bürgerwehr, von der man nicht wusste, ob sie in dem Moment, wenn man ihrer bedurfte, überhaupt auftauchen würde. Geschweige denn, dass es eine gute Absicherung war seine Rüstung und Waffen ordentlich zu verstauen, nur um dann ein paar Schritte weiter in einen waffenstrotzenden, gepanzerten Krieger zu stolpern. Das deutlichste Zeichen, welches die Bürgerwehr derzeit in Bajard hinterließ, war der süßliche, faulige Geruch, der seit einiger Zeit aus dem Inneren des Totenhauses drang - ein weiteres Merkmal der Nachlässigkeit, mit der man mittlerweile verfuhr. Nur was sollte man machen ? Alle Gesetze wieder abschaffen und das Dorf seinem Urzustand überlassen ? Vermutlich nicht die beste Idee, denn im Grunde war der Entschluss sich eine Ordnung zu geben nicht der dümmste gewesen. Eine Ordnung diente schließlich dazu das Chaos etwas aufzuheben und allen Menschen, auch den schwächeren, eine gewisse Chance zu geben zu überleben. Das war ein vernünftiges Bestreben, hätte man sich denn darum gekümmert diese Ordnung auch aufrecht zu erhalten. Es genügte eben nicht ein Kind zur Welt zu bringen, man musste sich auch darum kümmern. Im Augenblick jedenfalls war diese Ordnung mehr Farce als Realität.

Aber zur Bürgermeisterin marschieren und ihr zu verstehen geben, dass sie für eine funktionierende Ordnung auch eine Gewalt brauchte, um diese Ordnung zu sichern, würde nichts bringen, denn im Grunde hatte sie darauf nur geringen Einfluss. Mehr als ihr raten, ihren Hauptmann herauszuwerfen, könnte er auch nicht tun. Und das hatte keinen Sinn, denn es gab niemanden, der den Posten stattdessen hätte übernehmen können. Die Autorität, die Ordnung nur durch ihre Gegenwart aufrecht zu erhalten, hatte die Bürgermeisterin ohnehin nicht. Es war ein Glück, dass Bajard zur Zeit fast nur von Gästen besuchte wurde und die Bürger sich bedeckt hielten. So konnte wenigstens kein Bajarder zu Schaden kommen. Zugegeben ein fragwürdiges Glück, der brache Schauplatz für die Interessenkämpfe auswärtiger Gilden zu sein. Und es war wohl trotzdem nur eine Frage der Zeit, bis auch Einwohner Bajards wieder ernstlich zu Schaden kommen würden. Es war vermutlich Zeit für einen schlauen Plan.

Seufzend grub er das Gesicht in die Hände und hielt sich den Kopf. Schlaue Pläne waren leider nicht seine Stärke.
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Beldan Scherenbrueck
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Totenruhe

Beitrag von Beldan Scherenbrueck »

Der Tod war beizeiten eine schöne, beizeiten eine traurige Sache, nach einer Weile konnte er aber auch recht lästig werden. Letztgenannte Aufgabe erfüllte zur Zeit die Leiche im Totenhaus Bajards, die bereits ihre 6 oder 7 Wochen auf dem Buckel hatte und es dementsprechend ein wenig an Gepflegtheit und Hygiene mangeln ließ. Die Inspektion der Leiche, die einer der beiden Bajarder Heiler in seinem Beisein vorgenommen hatte, brachte anschließend die üblichen Begleiterscheinungen zutage, die man einem unbedarften Menschen nicht gerne zumuten würde.

Als er das Totenhaus wieder verlassen hatte, hätte er sich am liebsten übergeben, aber es reichte nur zu einem kläglichen Husten und dem Fortbestehen des flauen Gefühls, das der süßliche, warme Fäulnisgeruch ihm in den Magen geweht hatte. Die Diagnose des Heilkundigen fiel recht eindeutig aus: Sofort tief unter die Erde oder verbrennen. Sah man davon ab, dass sich der Zustand des Toten nicht mehr als würdig beschrieben ließ, dann machte die Seuchengefahr, die von dem faulenden Leib ausging und sich mittels des Ungeziefers jederzeit verwirklichen könnte, wohl den schwerwiegenderen Teil aus. Freilich fehlten für beide Vorhaben einstweilen die Männer und dazu kam, dass die Sache eigentlich bei Bajard und der Bürgerwehr lag.

Hier lag das nächste Problem, denn der Hauptmann war im selbstgegebenen Urlaub. Um ihn davon zu überzeugen, sich der Sache trotzdem anzunehmen, war er vermutlich ein bisschen zu barsch zu dem jungen Burschen gewesen. Im Grunde konnte der Hauptmann ja nichts daran, dass er zu jung, zu unerfahren und zu guter letzt ganz auf sich allein gestellt war. Er hatte sich schließlich nicht selbst ernannt. Aber für freundliche Worte fand er einfach keine Zeit. Das flaue Gefühl im Magen und der Verwesungsgeruch, der ihm noch in der Nase hing, reizten ihn zu sehr. Die provozierenden Worte des jungen Begleiters des Hauptmanns, der sich aufführte wie ein betrunkener Proletarier, taten ihr übriges. Zumindest halbwegs hielt er sich zurück und beschränkte sich auf knappe Worte. In jüngeren Jahren hätte er den frechen Burschen vermutlich vom Pferd geholt, aber das Alter machte ihn glücklicherweise etwas ruhiger. Zumal es gerade wirklich wesentlichere Dinge gab, als einen Halbstarken über die Klinge springen zu lassen.

Es blieb zu hoffen, dass der junge Heiler sein Wort halten und sich entschieden an die Bürgermeisterin wenden würde, um Bewegung in die Sache zu bringen. Aber eigentlich hegte er daran keinen Zweifel. Wer würde schon gleich neben seiner Heilerstube eine verwesende Leiche haben wollen. Für ihn selbst war die Sache erst einmal gegessen. Er brauchte einen Schluck Schnaps, um seine schlechte Laune zu besänftigen. Eine Furie im Dorf war vollkommen ausreichend.
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Beldan Scherenbrueck
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Beitrag von Beldan Scherenbrueck »

Er war unzufrieden mit sich. Die Intensität, mit der er sich mit Bajard zu beschäftigen begonnen hatte, und die Versuche, die er unternommen hatte, um sich einen Durchblick zu verschaffen, wurden ihm langsam lästig. Das sinnlose Ansammeln von Informationen und die vielen Stunden, die er damit zubrachte über die erfahrenen oder gehörten Dinge nachzudenken, bargen ein Moment der Seltsamkeit in sich. Er fühlte sich wie jemand der auf irgend etwas wartete, nur wusste er selbst nicht worauf. Im Grunde blieben nur fruchtlose Momente, die seine Nerven strapazierten und ihn zu unsinnigen Überlegungen anleiteten. Vermutlich hätte er in kürzester Zeit einen ganzen Katalog von Punkten und Strategien aufführen können, die es in Bezug auf die Lage Bajards zu bedenken gab – egal für welche Seite. Immerhin beschäftigte er sich kaum mit anderen Dingen als dem Dorf. Daran gab es im Grunde nichts zu bemängeln. Für einen Mann seines Alters war das eine gute geistige Übung und eine Möglichkeit jahrelange Erfahrungen zu erproben und alte Fähigkeiten aufzufrischen, vor allem aber eine Art und Weise die Zeit totzuschlagen. Aber es blieb eben dieses irritierende Element einer halbherzigen Zielrichtung, von der er selbst nicht sagen konnte wohin sie führen sollte. Sein Status als Einwohner des Dorfes brachte das Ganze durcheinander. Er begann sich zu stark mit dem Dorf zu identifizieren und das war ziemlich kurios, denn im Endeffekt wurde es mit jedem Tag offensichtlicher, dass ein Mann seiner Art in einem Dorf wie Bajard nichts verloren hatte.

Die jungen Abenteurer und Abenteuerinnen, die ihm tagtäglich in Bajard begegneten, blieben ihm immer fremd. Ihre fehlende Beziehung zum Tod machte sie zu gänzlich anderen Menschen. Es würde noch lange dauern, bis sie die nötigen Erfahrungen gesammelt haben würden - und auch dann würden ihm nur eine Handvoll ähneln. Viele würden hoffentlich einen besseren Weg einschlagen und weisere Entscheidungen treffen. Für andere war die Erwartungslage weniger rosig. Es war Sache des Todes, auszusortieren was ihm nicht gefiel.
Mit den meisten Einwohnern Bajards, seien es die Bürgermeisterin, die Magd Lairja oder jemand anderes, ging es ihm ähnlich. Es zwar eine Neigung des Lebens die seltsamsten Brücken zu schlagen, aber das schien nur gut zu gehen solange man ihrer selbst nicht gewahr war. Eine Kriegerin der Bruderschaft, die mit einem Kind in Bajard spielte, war ein Kuriosum, das nur zustande kam, weil weder Kind noch Kriegerin wirklich wussten wo sie standen und was sie waren. Hatte man seine Position einmal begriffen, dann war es nicht mehr so einfach. Er konnte einem Kind nicht mehr ins Gesicht lächeln und einer jungen Magd keine freundlichen Nichtigkeiten sagen. Die Unschuld, die er nicht hatte, stand wie eine unüberbrückbare Mauer zwischen ihm und diesen Menschen und machte ihn stumm. In diese Welt, aus der er irgendwann einmal ausgetreten war, gab es kein zurück mehr. Sie war für immer verloren. Das war der Preis, den man erst spät begriff. Und das war es, was seine Identifikation mit dem Dorf so überflüssig und sinnlos machte. Er würde hier immer ein Fremder bleiben. Egal was er sagte, dachte oder fühlte, Heimat gab es hier nicht. Nicht für jemanden wie ihn. Aber wahrscheinlich würde es sie ohnehin nirgendwo geben. Heimat bestand im Ende doch mehr aus Menschen als aus Grund und Boden. Aber mit Menschen vertrug er sich wohl einfach nicht. Er war ein alter, ausrangierter Bluthund. Der geborene Einzelgänger – und wenn nicht geboren, so war er es doch irgendwann geworden. Es war Zeit für einen längst überfälligen Bruch. Jedenfalls im Geiste.
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