Was tust du, wenn du alles willst und nichts kannst? Wenn du nach Ruhm und Ehre strebst, es dir aber an Mut fehlt in die erste Reihe zu treten? Du kein Geschick besitzt und keinen starken Rücken? Kein Verständnis für das Lied der Mara hast und nicht so fest im Glauben bist, dass dein Weg dich in den Tempel führt? Deine Fähigkeit beim Anblick von menschlichem Blut augenblicklich weiche Knie zu bekommen, dir jeden Weg in den Maristan versperrt?
Dann bleibt dir nur eins: Lausche in dich, lausche tief hinein und nach deinen Begabungen und Talenten und wenn du dann vernimmst, dass das Trommeln deines Pulses mit dem Rauschen deines Blutes und dem Klackern deiner Gallensteine eine Komposition erklingen lässt, die im wahrsten Sinne durch Mark und Bein fährt, dann kennst du deinen Weg.
Akbat Yazir, Großvater des Faik
Wenn du aus einer langen Tradition von Künstler, Musikern und Malern stammt, überlegst du früh zu Wüstenskorpion und Bogen zu greifen, denn in deiner Familie ist das ähnlich rebellisch, wie in der Sippe der Säbelschwinger zur Saz zu greifen. Davon ab bringt dich auch nicht, dass dein Teil der Großfamilie von den übrigen, mit denen du den Nachnamen teilst, schon seit nicht minder vielen Generationen für ihre Profession belächelt wird.
Deine Pläne ändern sich jedoch hastig, wenn du schon in den ersten Stunden an der Waffe begreifst, dass deine langen Finger zwar geschickt genug sind die Saiten einer Saz zu greifen, keineswegs aber den Griff eines Wüstenskorpions bei einer Parade fest zu umklammern, dass deine Arme zwar den Rhythmus spüren können, keineswegs aber über die Ausdauer verfügen eine Bogensehne während des Zielens gespannt zu halten. – Dann wirst du schnell neue Pläne fassen und wenn du die Gabe besitzt einsichtig zu sein und deine Fehler einzugestehen, wirst du zu deinen Eltern zurückkehren, dich für deine absurden Pläne entschuldigen, ein wenig väterlichen Spott über die ergehen lassen und bald darauf den einst geplanten Weg einschlagen.
Aber wer besitzt mit 17 schon diese Einsicht, diese Größe? Also ziehst du aus in die Welt, begleitet von den Tränen der Mutter und den Flüchen des Vaters, machst du dich auf: Die Saz auf dem Rücken, ein paar Münzen im Beutel und die Zuversicht im Herzen. Die Süßen Verlockungen des Lebens rufen nach dir: Frauen, die so ganz anders sind als jene frigiden Frostbeulen, die sich hinter ihren Schleiern verstecken, Alkohol, der hochprozentiger und billiger ist und Kumpanen, die zum ersten Mal dich sehen und nicht nur woher du kommst, von wem du abstammst und was deine Vorfahren dereinst geleistet haben.
Doch es kommt auch der Abend an dem du mit vernebelten Sinnen zum ersten Mal seit dem Verlassen des gesegneten Landes der Mara wieder zur Saz greifst und deine Stimme erklingen lässt, um bald darauf zu erkennen, dass deine Familie wohl recht hatte: Stimme und Melodie erreichen Herzen und Seelen – auch von wirklich abgebrühten Typen:
Wenn du bei Nacht die Stern‘ anschaust,
dich Ferne ruft und Trauer treibt,
dann pack den Sack und zäum‘ das Pferd,
auf das du neue Lande find’st.
In neuen Landen kannst du sein,
was du nie warst und immer woll‘st,
kannst als Bettler in der Sonne ruh‘n,
kannst als Kaufmann Münzen horten.
Und wenn dich dann die Sehnsucht plagt,
kehrst du hin wo einst begonnen,
nimmst dir Frau, Wein und auch Gesang,
und hast auf ew‘g zu erzählen.
Natürlich dauert es dann auch nicht lange, bis du erkennst, dass Stimm‘ und Klampf‘ nicht nur Geldbörsen und Tränendrüsen öffnen, sondern auch so manches Mieders straffe Schnürung:
Augen von der Form der Mandel,
Lippen zart wie Morgentau,
Haut so weich wie sanfter Sommer,
Haare schwarz wie Ebenholz.
Durch die Durrah würd‘ ich ziehen,
einen Blick nur zu erhaschen,
auf dein liebreizendes Antlitz,
Tau von deinen Lippen trinken.
Und wenn’s nur ist für den Moment,
mein Leben will ich gerne geben,
einmal deinen Odem spüren,
einmal deine Stimm‘ vernehmen.
Doch wenn der Magen gefüllt ist mir Bier und warmen Speisen und die Hörner abgestoßen sind, kommt auch in diesem Alter schon bald das Heimweh zurück, doch nichts erreicht was du zuhaus‘ zu erzählen wüsstest wirst du dich zurückbesinnen auf dein einst‘ges Ziel, bist du zwar älter geworden, vielleicht sogar klüger, aber bei weitem nicht groß genug um heim zu kehren und zu gestehen: Ihr habt recht gehabt!
Und wenn du dann der Zwergen Skalden kennen lernst, den Klang der Schlachtentrommel durch die Tunnel hallen hörst, erkennst du deine Chance: Ein Weg zurück zu kehren, mit neuer Profession, das Ziel nach Ruhm und Ehre wieder fest im Blick, die Chance etwas mit heim zu bringen, was vorher niemand sah, vernahm - einzigartig.
Wenn du dann noch eine Gabe hast, einzutauschen weißt, was bei den Khaz-aduir hoch im Kurse steht: Geschichten, Sagen – klangvoll vorgetragen, beste Begleitung zu Bier und Speck, dann wird sich schon bald einer jener finden, die vom Alter nicht dahin geraffet werden, der sich am Tatendrang und deiner raren Währung freut, dich lehrt wie du mit lederbespanntem Korpus und hölzernen Schlägeln einen Rhythmus erklingen lässt, der weit mehr ist als nur Melodie, als bloße Untermalung: Er reicht bis weit hinein in Geist, Muskel, Knochen und jeder Schlag, jede Pause, jedes Quäntchen Kraft verändert was der Rhythmus zu bewirken weiß.
Und wenn du dann gelernt hast den Rhythmus deiner Gefühle, deines Herzens und deiner Seele in jenes Instrument zu reflektieren, dass dereinst so barbarisch und so einfach wirkte, erkennst du bald, dass da eine Melodie ist, die wie ein schwerer Schleier über allem liegt: Heimweh, Sehnsucht nach des Westens warmer Sonne, sich selbst in fröhlich Trinklied finden, dann ist es an der Zeit nach Jahren den Abschied zu nehmen. Wenn du dann mit jedem Schritte spürst wie jene Schwermut von dir fällt, keine Sorge sondern bloße Freude in dir trägst, zu zeigen was du gelernet hast und selbst das Bewusstsein, dass der Weg zu Ruhm und Anerkennung ein langer, schwerer wird, dich nicht zu schrecken mag, dann weißt du: Der Weg nach Hause ist der richtige. Die Zeit gekommen.