Der Göttin Gnade, der Krone Wort, des Falken Schwinge

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Der Göttin Gnade, der Krone Wort, des Falken Schwinge

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Kapitel 1 - Gnade

Feuchte, klamme Luft, fahles Licht das nur durch ein kleines Gitter unter der Decke einfällt. Kalte Steinmauern und einer dunklen Ecke eine Strohmatte.
Zwei Mädchen, beide gerade so dem Kindesalter entflohen, eng umschlungen aneinandergeschmiegt. „Ich habe Angst… du hast gesehen was sie mit den anderen gemacht haben. Naira, ich will nicht sterben.“ Sie blickten sich an, Tränen rannen die Wangen hinab.
Die schwere, eisenbeschlagene Tür öffnete sich, Männer betraten das enge Verlies, drei an der Zahl, rissen die Mädchen auseinander, legten ihren Handschellen und Ketten an und brachten sie nach draußen. Es war kalt, frostig, der warme Atme zog feine Linien auf Dunst in der beißenden Winterluft. Geblendet vom Tageslicht, kniff das blonde Mädchen die Augen zusammen und wurde beiseitegebracht, als sie die Augen wieder öffnete stand sie neben einem Soldaten.
Sein Blick wanderte zu ihr hinab, kalt, durchdringend, ein Blick der bereits jedes Leid der Welt gesehen zu haben scheint, die Sonnenstrahlen funkeln und brechen sich an den Orden und Abzeichen auf der Brust und am Barett. „Du weißt, welche Strafe auf Raub und Mord steht?“ Das Mädchen senkte den Blick, nickte dann schließlich.
Sie wollten niemanden töten. Sie wollten nur nicht länger hungern, der Winter war kalt und ohne Gnade für jemanden, der auf der Straße lebte. Sie wollten doch nur ein paar Lebensmittel vom Pferdewagen mitnehmen, es war nicht ihre Schuld, dass der Händler beim wegschubsen so unglücklich fiel und mit dem Kopf auf das harte Pflaster stieß. Aber wer glaubt in diesen Tagen schon jemandem ohne Namen und ohne Rang, jemanden den ohnehin schon alle abgeschrieben und vergessen hatten.
„Dann sieh hin, das ist die Zukunft eines jeden, der sich gegen die Krone, das Reich und die gewollte göttliche Ordnung stellt.“ Das Mädchen hob den Blick und sah über den Galgen auf dem Marktplatz. Sie zählte, 5 Schlingen. An dreien baumelten bereits die leblosen Körper der Verurteilten. Sie kannte sie nicht, waren es Ketzer? Mörder? Vergewaltiger? Sie wusste es nicht.
Dann sah sie Naira, ihre Freundin, ihre Schwester, ihre Gefährtin. Zusammen hatten sie einige Winter überstanden, sich nachts zusammengepfercht gegenseitig gewärmt, sich Trost gespendet, sich wieder auf die Beine geholfen, wenn eine hinfiel. Gesenkten Hauptes stieg sie die Stufen des Schafotts empor und wurde auf einen Hocker gestellt. Die Schlinge legte sich um den Hals, dem Mädchen wurde bewusst, dass die letzte Schlinge ihre war. Sie schaute weg.
Ein kräftiger Griff legt sich um ihren Nacken und drückt ihren Kopf hoch und geradeaus. „Sieh genau hin!“ Widerwillig öffnete das Mädchen die Augen und sah in das angstvolle Gesicht ihrer Freundin, Tränen liefen die Wangen hinab, der Hocker wurde weggetreten. Weit aufgerissen quollen die Augen aus den Höhlen hervor und der schmächtige Körper zappelte und strampelte noch viele lange, qualvolle Augenblicke bis das Leben entwich und er vollends erschlaffte.
Dann wurde ihr Kopf zur Seite gedreht, Tränen stiegen ihr in die Augen, sie zitterte am ganzen Körper. „Du wirst heute sterben, so oder so… ich lasse dir nur eine Wahl… entweder als Verbrecherin am Galgen… oder als Dienerin des Königs.“ Kraftlos gaben die Beine des jungen Mädchens nach, „Bitte… bitte... ich will nicht sterben…“ stammelte sie noch bettelnd ehe sie vollends zusammenbrach.
Als ihr Kopf wieder klar wurde fand sie sich in einem Sessel wieder, ihr gegenüber ein schwerer Schreibtisch. Sie hob den Blick und schaute in das mürrische Gesicht des Richters. „Dieses Häufchen Elend wollt ihr also mitnehmen, Feldwebel?“ „Aye, sie hat wache Augen und einen scharfen Verstand… und sie will leben.“ Sie drehte den Kopf über die Schulter und blickt ins Gesicht des Soldaten. „Nun gut, es ist eure Verantwortung…“ Das Mädchen schaute dabei zu wie ihr Name auf eine Urkunde eingetragen wurde.
Der Feldwebel nahm die Urkunde und hielt sie ihr unter die Nase. „Du weißt was das ist?“ Sie schüttelte den Kopf. „Deine Sterbeurkunde, du bist tot!“ Sie blinzelte verwirrt. „A…aber..?“ Die Urkunde landete auf einem Stapel Papiere, dann kam ein anderes Papier dazu. „Ab heute heißt du Maralynn Rengard und der einzige Grund weshalb du noch lebst ist, deinem Vaterland zu dienen, bis dein Dienst mit deinem Tod endet! Hast du das verstanden?“ „Ja Herr…“ „Das heißt: JAWOHL FELDWEBEL! Führt sie ab!“


Kapitel 2 – Wort

Morgenappell, nicht einmal die Sonne traute es sich über die Baumkronen der Lichtung hinweg zu blicken. Schwer hallten die Stimmen über den Platz zwischen den Baracken.
„Wofür lebt ihr? Wofür sterbt ihr?“ - „Für König und Vaterland!“
„Was seid ihr?“ – „Wir sind der Dolchstoß im Rücken unserer Feinde, wir sind die Speerspitze der Ordnung, wir sind Gerechtigkeit und Vergeltung!“
„Was ist eure Handwerk?“ – „Unser Handwerk ist das Töten und wir sind gut in dem was wir tun.“
Mantraartig, fast wie ein abstraktes Morgengebet hörte es sich an. Beim Wegtreten blieb Maralynns Blick an einer Pfütze hängen die ihr eigenes Spiegelbild wiedergab, fast hätte sie sich nicht wiedererkannt. Wie lange sie bereits hier war? Sie hatte die Tage aufgehört zu zählen, versuchte die Strapazen zu vergessen. Jene zu vergessen, die unterwegs auf der Strecke geblieben sind. Jene, die einfach nicht den Willen zum Überleben hatten. Jene, die nicht für eine Jagd geboren waren. In der Wildnis und im Krieg bekamen die Tugenden der Göttin ihre ganz eigene, abstrakte, perverse Form. Und der Krieg war überall… auf den Schlachtfeldern, in den Straßen, den Hinterhöfen, den Gassen. Und sie lernte, sie lernte zu dienen, nicht zu fragen, nur zu denken, nur zu handeln. Sie lernte zu jagen, aufzuspüren, nicht zu zögern, auszuführen. Hier, an diesem Ort der weder Gnade noch Freiheit kennt wird man zu einem Jäger, einem Bluthund… oder zu einem Namen auf einem Stück Papier, den man allmählich vergessen wird.


Kapitel 3 – Schwinge

Unruhig flackert das Licht der Straßenlaternen, eine Handvoll Schemen spärlich erleuchtend, welche sich in tiefster Nacht an einer Straßenecke sammelt. Kein Wort erklingt, lediglich das leise Rascheln der weiten Umhänge als eine Hand, versteckt in einem Lederhandschuh, auf eine der Türen in der Gasse deutet. Eine weitere Hand streckt zwei Finger hoch und deutet auf die Gegenüberliegende Seite. Zwei der Schatten lösen sich und gehen versteckt an der anderen Ecke in Position, die restlichen, drei an der Zahl sammeln sich an der Tür.
Eine Schulter wird an die Tür gelehnt und kurz gehorcht ehe man unter der Kapuze die Bewegung eines Nickens vernehmen kann. Leises Klacken folgt, als mehrere Armbrüste entsichert werden schließlich das unheilvolle Pochen der geballten Faust an der Tür.
Einige ewig lange Atemzüge herrscht Ruhe, der Riegel von innen wird herausgezogen und die Tür öffnet sich einen kleinen Spalt, ein Paar kleine Äugelein blitzen mürrisch aus dem Spalt hervor. „Verdammt, was wollt Ih….“ Die Stimme verstummt abrupt und die Augen weiten sich als der Mann hinter der Tür in den geladenen Bolzen der Armbrust blickt. „Aufmachen! Sofort!“ „J..ja..ja doch…“
Die Kette wurde ausgehangen und die Tür geöffnet, sogleich drängen die drei Gestalten sich hindurch und ein dumpfer Schlag mit dem Kolben einer Armbrust schickt ihn ins Reich der Träume noch bevor die Tür hinter ihnen verschlossen wird. Noch während einer von draußen nachrückt gehen die anderen weiter, leise, kaum hörbar tiefer in das Gebäude. Der Raum ist vollgestapelt mit Kisten, doch scheinen jene niemandes Interesse zu wecken.
Erneut sammeln sich zwei Gestalten an einer Tür zu einem Nebenraum, eine kleiner und zierlicher, unter der Kapuze hinter der Maske linst eine hellbraune Locke hervor, die Figur gut verhüllt vom weiten Umhang, die andere um einen Kopf grösser, von kräftiger Statur. Wieder wird an der Tür gelauscht. Stumm, nur mit einigen Handzeichen wird sich verständigt, gefolgt von einem bestätigenden Nicken.
Wieder wird eine Hand gehoben, drei Finger ausgesteckt, der Ringfinger senkt sich, dann der Mittelfinger. Was daraufhin passiert kann man einem Lidschlag auch schon verpasst haben. Mit einem Handgriff wird die Klinke hinuntergedrückt und gleichzeitig die Tür aufgeschoben, die kleinere Gestalt mit der Schulter dagegen drückend und geduckt in den Raum huschend, der Größere mit der Armbrust im Anschlag folgend…
Zuletzt geändert von Gast am Montag 5. Dezember 2016, 21:03, insgesamt 1-mal geändert.
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Kapitel 4 - Tugend

Mitgefühl
Geboren um zu töten haben wir kein Mitgefühl, kein Erbarmen, keine Reue. Es wird getan, was getan werden muss, für König und Vaterland.

Tapferkeit
Geboren um zu sterben weichen wir niemals zurück, wir stellen uns dem Feind so wie wir es wollen, wann wir es können.

Gerechtigkeit
Geboren um zu richten vollstrecken wir die Urteile des Königs auf dass der Gerechtigkeit genüge getan wird.

Opferbereitschaft
Geboren um zu sterben gibt es kein Opfer das zu groß wäre, für König und Vaterland.

Ehre
Geboren um zu töten gibt es keine Ehre in dem was wir tun, die Göttin alleine wird uns für unsere Taten richten.

Geistigkeit
Geboren um zu handeln ist unser einziger Gedanke der Erhalt der gottgegebenen Ordnung, für König und Vaterland.

Demut
Geboren um zu dienen treten wir erhobenen Hauptes unseren Dienst an. Möge er nie enden, selbst im tode nicht.
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Kapitel 5: Schlaflosigkeit

Träumen? Oder wach sein. Wenn sie die Augen schließt tauchen vor ihrem geistigen Auge immer die gleichen Bilder auf. Bilder, die sie tief im hintersten Winkel ihres Gedächtnisses vergraben hatte.
Ein Mädchen am Galgen, die Augen weit aufgerissen - „Ich hätte es sein müssen, der dort hängt“
Ein Bolzen, der sich in den Kopf eines Mannes bohrt - „Er hatte es verdient“
Ein Messer, das sich den Weg durch Rücken und Lunge bahnt - „Ich tue nur, was mir befohlen wird“
Ein Seil um einen Hals, fest zugezogen, den letzten Rest Leben raubend - „Es musste getan werden.“
Die Hände legen sich ans Gesicht, reiben die Tränen aus den Augen, doch sobald sie die Augen öffnet ist alles was sie sieht all das Blut an ihren Händen. - „Für das Wohl aller, es war richtig so“ redet sie sich immer wieder ein. Immer wütender wurde die blonde Frau, verzweifelt versuchte sie die Bilder vor ihrem Auge zu verscheuchen. All die Jahre hat sie wunderbar damit umgehen können, was also hatte sich geändert?
Was hatte sie gelernt? Ruhe, sich besinnen, die Umgebung beobachten, Veränderungen wahrnehmen. Mit aller Kraft, die ihr Willen aufbringen konnte zwingt sie sich zur Ruhe... der Herzschlag... Atmung... Ruhe, die Gedanken schweifen lassen, sich wieder konzentrieren, Gefühle beiseite schieben, analysieren, berechnen, schlussfolgern. Mit glasigem Blick kniet sie auf dem Holzboden ihres spartanisch gehaltenen Zimmers, in eine weite Ferne blickend und doch nach dem greifend, was so nah.
Es liegt so glasklar vor ihr, die ganzen Ereignisse, ein Ablauf von Erinnerungen. Je mehr sie sich konzentriert desto klarer wird das Bild, so klar, dass man es anfassen könnte. „Das stimmt alles so nicht, es war richtig, es war notwendig.“
Langsam schiebt sich ihre Hand in das Bildnis, war es greifbar? „Wenn man etwas verstehen will, muss man das Offensichtliche beiseite schieben.“ Ihre Finger greifen die Erinnerungen, die wie Puzzlestücke vor ihren Augen hängen, schieben sie umher, fügen sie wieder zu einem Ganzen zusammen, doch das Ergebnis bleibt das Gleiche...
Sie fängt an, die Teile heraus zu ziehen, die ihr schon bekannt sind „Es sind nur Erinnerungen, Bilder in meinem Kopf.“ Bis nur noch zwei Teile übrigblieben... Eine Frau, etwa in ihrem Alter, sie rennt davon, flieht vor irgendwas, in ihrem Arm ein in Leinen gewickeltes Bündel. Auf der anderen Seite ein Soldat, in stolzem Rot und Gold, unter wehendem Banner, in einer Hand ein flammendes Schwert, in der anderen eine Sanduhr, deren Zeit abläuft, doch sich noch nicht dem Ende neigt.
„Ihr seid also die Unbekannten in dieser Gleichung...“ Doch so sehr sie beide Bilder auch hin und her schiebt, sie aus allen möglichen Blickwinkeln betrachtend, es ergaben sich keine neuen Erkenntnisse, bis sie Beide schließlich ineinander drückt und das Hirngespinst sich verflüchtigte und nichts davon mehr übrig blieb, bis auf den bitteren Nachgeschmack von Unwissen, der ihr keine Ruhe lässt, und der fahlen Erkenntnis, dass etwas nicht mehr so scheint, wie es mal war...
Zuletzt geändert von Gast am Freitag 3. März 2017, 16:20, insgesamt 1-mal geändert.
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Kapitel 6: Elemente

Wo Eifersucht sich feurig nährt,
die Leidenschaft den Geist verzehrt,
wo Gier und Neid ihr Antlitz zeigen
und Zorn und Hass empor aufsteigen,
das ist Salambe, der Feuerschein,
nichts wie es war, so wird es sein.

Wo Verzweiflung sich in Herzen schleicht,
und Freude dann der Trauer weicht,
wo Kälte ihr traurig Dasein fristet,
und mit der Beständigkeit auch zwistet,
das ist Unda, der Regenschauer,
denn nichts ist von ewiger Dauer.

Wo Starre sich einst festgekrallt,
und Unerschütterlichkeit widerhallt,
wo Stille sich mit Dornen bestückt,
die Last der Welt einen erdrückt,
das ist Groma der Felsensplitter,
und die ganze Welt erzitter'.

Wo man Vergänglichkeit wird gewahr,
nicht mehr wittert die Gefahr,
wo Übermut nicht flüchtig sei,
mit ganzem Herzen ist sie dabei,
das ist Sylphe, das Rauschen im Wind,
wo Schein und Trug die Wahrheit sind.

Einzig und allein der reine Geist
einem stets die richt'ge Richtung weist,
Keine Gefühle die Sicht mehr trüben,
sich Gedanken in Klarheit üben,
was noch bleibt, das wahre Sein,
dieser Geist, der sei Mein.
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