Wer Wind sät...
Reges Treiben herrschte unter den Soldaten, die sich für den beinahe nächtlichen 'Überfall' ausrüsteten und fertig machten. Riemen wurden festgezurrt, Kettenhemden übergeworfen, Plattenteile festgeschnallt. Der Sitz der Waffengurte geprüft. Einige prüften hier und dort die Schnallen der dunklen Lederrüstungen und testeten sie in der Bewegung, um möglichst lautlos und frei agieren zu können. In all dem Treiben wanderte die schlanke Frau mittleren Alters in einer ebenso dunklen Lederrüstung zwischen den Soldaten vorbei, bis sie vor einer jungen Frau halt machte, die gerade ihr blondes Haar unter einem Kopftuch zusammensteckte, damit es nicht im Weg war. "Das ist deine Chance! Vermassel es nicht!", erklang die warme und ruhige Stimme der Älteren und ein leichtes Nicken folgte. Die junge Frau hob den Kopf etwas erschrocken und atmete einmal schreckhaft ein, ehe sie ihrem Gegenüber gewahr wurde. Ihre Mundwinkel hoben sich und die Jüngere legte die geballte Faust vor die Brust. "Jawohl, Frau Oberstleutnant. Ich werde euch nicht enttäuschen.", war ihre Antwort, bei der ein gewisser Stolz in der Stimme mitschwang, denn man hatte ihr die Verantwortung für jenen Streich übertragen.
Schon wenig später marschierte der Trupp durch das Dickicht der Wälder bis sie an den Waldrand gelangten wo, nur durch eine kleine Fackel erhellt, Maralia und Burkhard standen. Mittlerweile hatten beide ebenso das Blau der Faust angelegt und überreichten den Soldaten die Zügel der Pferde, die nahe des Waldrandes warteten. "Stärke und Treue, Kameraden.", sprach Burkhardt leise, als sie sich näherten und er zum Salut die Faust vor die Brust hob. Während sich die leichter, in Leder gekleideten Soldaten bereits zu Fuß im Laufschritt im Wald doch nahe des Waldrandes gen Adoran bewegten, stiegen die schwer gerüsteten Soldaten auf und brachten die Pferde in einen leichten Trab, ihrem Ziel entgegen. Maralia blickte ihnen hinterher bis sie in der Dunkelheit verschwunden waren, dabei zum Abschied eine Hand hebend. "Ich sollte jetzt da draußen sein.", meinte sie leise, nachdem der Trupp in der Dunkelheit verschwunden war. "Deine Zeit kommt früh genug. Außerdem könnte ich es nicht leiden vor dir salutieren zu müssen.", brummte Burkhardt ihr entgegen, ohne den Blick dabei auf sie zu richten. "Und wie du salutieren wirst!", war Maralias amüsierte Antwort, ehe sie den Kopf schüttelte und den Rückweg antrat. Burkhardt zog die Brauen leicht zusammen und folgte ihr dann langsam, leise schnaubend, wobei er eher zu sich selbst murmelte: "Ich weiß... Und du wirst es verdient haben."
Das Adoraner Westtor lag abgelegen. Es bot Zugang zu einem Viertel von Bauernhäsuern und Höfen, das nur durch eine Brücke über einen kleinen Fluss mit dem Rest der Stadt verbunden war. Maralia und Burkhardt hatten ganze Arbeit geleistet, als sie die Skizzen angefertigt hatten, dachte die junge Frau, die nun im Schutz der Bäume mit einem kleinen Fernrohr erst die Wachen am Tor beobachtete und dann wieder auf das kleine Pergament in ihren Händen blickte. "Denkt daran, einen zweiten Versuch haben wir nicht. Bolzen nur wenn es garnicht mehr anders geht.", sprach sie leise zu den zwei Soldaten hinter sich. Dann griff sie an ihre Seite und zog zwei kleine, hohle Röhrchen heraus, während die anderen es ihr gleich taten. Kurz darauf ging alles sehr schnell. Obgleich die anwesenden Regimentssoldaten wie die Luchse auf der Lauer lagen und schon beim ersten Poltern des Schützen auf der Mauer in Alarmbereitschaft waren, war der Blick nach oben für einen der Soldaten am Tor bereits der Moment, als er den Nadelstich an seinem Hals spürte. Es dauerte nicht lange bis die drei berittenen Soldaten sich der Mauer näherten an der die junge Frau bereits mit einem Haken ein Seil um die Zinnen geworfen hatte. Kaum war das andere Ende mit dem Sattel befestigt, trieb einer der Gerüsteten das Pferd an und zog die schmale, leichte Schützin fast schon zu schnell die Mauer hinauf. Wenige Augenblicke später wurden die betäubten Soldaten an der Mauer bereits gefesselt, geknebelt und mit Seilen um den Körper am Zugtor festgemacht. Die Pferde wurden hereingetrieben und in der Stille der Nacht schwärmten die Soldaten mit dem goldenen Wappen auf dem blauen Wappenrock durch das Bauernviertel. Von den hinterhergezogenen Pferden wurde Schutt, Holzreste, Steine, alles was immer nötig war, um die Brücken zu versperren, abgeladen und in aller Eile aufgetürmt. Obgleich bisher keinem etwas aufgefallen war, schoss das Adrenalin jedem von ihnen durch den Körper. Auch die mitgebrachte Strohpuppe, der man eine improvisierte Uniform des Regiments übergezogen hatte, wurde auf der Brücke zum Rest der Stadt drapiert. Mit einer gewissen Genugtuung im Blick legte die junge blonde Frau der Puppe das steinerne Schild um den Hals auf dem in deutlichen Worten 'Sicherheit des Reiches' zu lesen war. Kaum, dass die beiden Holzhaufen auf den Brücken angezündet waren und die Flammen langsam in den Himmel stiegen, kündete der aufsteigende Rauch schon von ihrem Werk. Als die Pferde wieder hinausgetrieben waren, stolperten unerwartet zwei der Bewohner jenes Viertels direkt in die Arme der Brückensaboteure. Der Rauch begann sich auszubreiten und nachdem beide eindringlich zurück in ihre Häuser verwiesen wurden und die Straße verlassen hatte, machte sich der kleine Trupp wieder auf den Weg zum Tor. Dort brannten mittlerweile die Banner Lichtenthals und das blaue Banner der Faust hing mitten auf dem Gittertor. Selbiges war mittlerweile heruntergelassen und die vier betäubten Soldaten in ihrer Schnürung durch das Gegengewicht des Tores daran hinaufgezogen. Die drei verbliebenen Soldaten griffen nach den Seilen die die Mauer auf der Stadtseite herunterhingen und setzten jeweils einen Fuß in die Schlaufen an deren Ende. Ein leiser Pfiff, ehe die drei mit Hilfe der Pferde vor dem Tor wieder hinaufgezogen wurden, um sich auf der anderen Seite wieder abzuseilen. Während einige von ihnen bereits wieder im Laufschritt im Wald verschwunden waren, bestiegen die verbliebenen drei die Pferde und machten sich im leichten Galopp wieder auf den Rückweg, hinter sich lediglich die Zeichen ihrer Anwesenheit hinterlassend.
Es war beinahe ausgelassene Feierstimmung als sie nach ihrer Rückkehr über den Verlauf ihrer Taten berichteten. Hier und dort wurde gelacht, selbst Frau Oberstleutnant stand in einer Ecke und beobachtete mit zufriedenem Lächeln wie ihrem Schützling gratulierend von den Kameraden auf die Schulter geklopft wurde. Die Feierstimmung wurde jäh unterbrochen als ein älterer Mann mit bereits graumeliertem Haar zur Gruppe trat. Mit ernster und eindringlicher Stimme beendete er die Unterhaltungen und sorgte dafür dass die Aufmerksamkeit aller sofort auf ihm lag. "Es war ein Erfolg und ich gratuliere euch dazu. Aber verfallt nicht dem Irrglauben, dass wir hier leichtes Spiel hätten." Dabei zog er die Brauen deutlicher zusammen und blickte jeden Einzelnen einen Moment lang schweigend an. "Es ist eine Sache aus dem Verborgenen heraus zu agieren, die Wahl zu haben, wann und wo man zuschlägt, die Überraschung für sich zu nutzen, denn als Verteidiger hat man es immer schwerer. Vergesst eure Ausbildung nicht und was ich euch gelehrt habe. Es wird der Tag kommen, da werden wir ihnen direkt gegenüberstehen. Und gleich wie es ausgeht, wird es danach wenig zu lachen und zu feiern geben... Für keine der beiden Seiten! Vergesst nicht warum wir hier sind!" Während er sprach, hob er die gepanzerte Hand und deutete mit dem Zeigefinger auf die junge blonde Soldatin, die in ihrem vormaligen Siegestaumel mittlerweile innegehalten hatte um mit ernsterem Blick und einem Salut zu antworten. "Jawohl, Herr Oberst.", erwiderte sie ruhiger, ehe der Rest der Soldaten einstimmte in die Erwiderung. Der Oberst atmete einmal tief durch und wandte sich langsam ab, blieb jedoch nochmals stehen, um den Kopf leicht zur Seite zu wenden und etwas ruhiger gen der Soldaten zu sprechen: "Dennoch... gut gemacht! Ich bin stolz auf euch. Auf jeden von euch." Sodann ließ er die Gruppe wieder allein, während die Soldaten deutlich ruhiger wieder begannen, miteinander zu reden. Ein gewisser Ernst hatte sich über die Versammelten gelegt, womöglich eine gewisse Vorahnung, dass alsbald wieder die Zeit kommen würde, da man den ein oder anderen der hier Versammelten nicht mehr wiedersehen würde.
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