Wege eines Waisenkindes

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Anisha

Wege eines Waisenkindes

Beitrag von Anisha »

Wie eine kleine Katze rollte sie sich auf ihrem Kissen zusammen und schloss die Augen. Die Tage waren war lang und ereignisreich gewesen und sie hatte schon viel erlebt, seit ihre Mutter verstorben war und sie allein das Haus im Wald verlassen hatte.
Da war Linaya, die sie in der Kutsche mitgenommen hatte, sie durfte reisen wie die vornehmen Leute! Und dann hatte sie mit ihr Fange gespielt und sie hatten sich zusammen das Meer vom Hafen aus angesehen. Ein warmes Gefühl machte sich in Anisha breit wenn sie an Linaya dachte.

Das Kissen auf dem sie lag, hatte sie ihr zum Abschied geschenkt.
Doch nun war sie weit fort von Linaya und Varuna. Das Meer hatte sie so sehr faszniert, dass sie sich auf eines der Schiffe gestohlen hatte. Ehe die
Mannschaft selbst an Bord ging, hatte sie sich unter einem Fischernetz
verkrochen und harrte der Dinge die da kommen mochten. Darüber musste sie eingeschlafen sein, denn als sie erwachte, war das Schiff bereits auf hoher See. Anisha hatte keine Probleme sich alsdann unter die Reisenden zu mischen und immer wenn sie jemand ansprach, behaupete sie sei mit ihrer Mutter unterwegs. Es war eine lange Reise und das Schiff wurde auf den Wellen so stark geworfen, dass Anisha dachte sie müsse sterben vor Übelkeit.

Doch schliesslich waren sie am Ziel. Voller Erfurcht blickte Anisha auf die
weiten Ebenen reinen Sandes die vor ihr lagen. Mitten in dieser Landschaft erhoben sich stattliche Bauten, wie sie Anisha nie im Leben zuvor gesehen hatte.

Sie verbrachte den Tag damit staunend innerhalb der Stadt umherzulaufen und sich von regem Marktgeschehen treiben zu lassen. Ein wenig einsam fühlte sie sich schon, hier noch mehr so unter den
vielen fremden Menschen, die zudem noch eine seltsame Sprache sprachen.

Als es dämmerte liess sie sich an einem Wasserbecken nieder. Und da traf sie auf Mukhtaar, einen Prinzen! Sie war mehr als nur beeindruckt, denn nie im Leben hätte sie zu hoffen gewagt jemals mit einem echten Prinzen zu sprechen. Und er war freundlich und gütig zu ihr. Sie schenkte ihm das letzte Stück Gebäck, welches sie von Linaya bekommen hatte.
Und er bot ihr seine Freundschaft an.

Anisha fühlte das Glück in sich aufsteigen und eine Idee begann in ihr
zu reifen. Mit ihren 7 Jahren war es zuviel verlangt diese Idee zu hüten und so trug sie diese auch prompt Mukhtaar vor: Wenn er und Linaya heiraten würden, dann würde doch Linaya eine Prinzessin werden und wenn sie dann deren Kind sein würde... ach es war eine hervorragende
Idee. Dann hätte sie Eltern und würde geliebt werden! Letzteres, ihre innerste Hoffnung behielt sie jedoch für sich.

Doch Mukhtaar, ihr Prinz schien sein Herz bereits verschenkt zu haben, wie sich wenige Momente später herausstellte und so zerbrach dieser schöne hoffnungsvolle Plan für Anisha noch am selben Abend.

Und so war sie wieder allein.

Sie suchte sich ein trockenes Plätzchen, wo der Trubel des Basars
nicht so zu hören war und breitete das Kissen, das Geschenk Linayas auf dem Boden aus. Mit einigen letzten Gedanken über Prinzen, Liebe und Sand, entschlief sie diesem Tag.
Anisha

Beitrag von Anisha »

Wieder lag sie zusammengerollt wie eine Katze, diesmal aber gebettet auf weichen Fellen. Ein sehliger Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. Sie hatte ihren Prinzen wiedergesehen und ja, sie hatte sich entschuldigt bei ihm. Sie wusste dass sie ihn gestern nicht so stehen lassen sollen. Den ganzen morgen hatte sie mit sich gerungen wie sie es ihm sagen wollte und ja was wäre denn wenn sie ihn nie wieder sehen würde? Doch am Abend stand er vor ihr, schön wie sie ihn in Erinnerung hatte.

Ihr kindliches Herz war erfüllt von Freude. Ohne ihn richtig zu begrüßen, platzte sie die Entschuldigung heraus, völlig anders als sie geplant hatte aber aufrichtig. Geplant hatte sie einen dramatischen Kniefall und den hatte sie auch geübt, was ihr zwei aufgeschabte Knie beschert hatte, die jedoch gut unter ihrem Kleid verborgen blieben. Doch nun war es so raus und er war ihr nicht böse. Das erleichtere sie sehr und plötzlich schien das Leben wieder leichter, die Sonne heller und der Abend voller Hoffnung.

Anisha lernte drei Frauen kennen, die sich alsbald um den Prinzen scharrten. Die Frauen waren alle wunderschön, soweit sie es erkennen konnte. Die ein oder andere hatte ihr Gesicht mit einem Tuch verdeckt, so dass nur die Augen zu sehen waren.
Mukhtaar verabredete mit einer der Frauen, dass sie bei ihr nächtigen dürfe. Und eine andere Frau bat er, ihr etwas zu essen zu bereiten. Es machte sie verlegen, dass so viele Menschen so ein Aufhebens um sie machten. War sie doch gewohnt sich sehr selbstständig zu versorgen und in den letzten Wochen sich vollends allein durchzuschlagen.
Die Taverne verschlug ihr die Sprache, so schön fand sie diese. Die Kissen auf dem Boden waren allesamt mit edlen Stoffen bespannt und es roch nach süßlichen Speisen. Alsbald brachte Tenaya ihr Bananenmilch und Dattelmus und sie aß sich so satt wie sie schon ewig nicht mehr war. Beides hatte sie noch nie zuvor gekostet und war überwältigt von dem intensiven schwersüßen Geschmack. Sie wollte noch so viel sehen und in sich aufnehmen, doch all die guten Speisen liessen sie beinahe schwindlig werden. Die Augenlider wurden auch gegen ihren Willen schwerer und sie hörte sich selbst nach einer Liegestatt fragen. Khalida und Tenaya brachten sie nach oben, wo sie abermals in Erfurcht erstarrte ob der gemütlichen Einrichtung. Wie einfach war dagegen ihr Holzhaus im Wald eingerichtet gewesen! Sie legte sich auf die Felle und der Schlaf stahl ihr das Bewustsein.
Mukhtaar Omar

Beitrag von Mukhtaar Omar »

Das kleine Mädchen war ihm gleich von Anfang an sympathisch gewesen. Sie hatte die typische Kindlichkeit, die man von einer Person in ihrem Alter erwarten konnte, doch gab es auch etwas "Erwachsenes" an ihr. Sie schien schon einiges erlebt zu haben, was Narben hinterließ. Auf ihn schien sie reifer, als mancheine erwachsene Menekanerin. Schnell hatte er ihr liebliches Lächeln ins Herz geschlossen und wenn auch Yannah unzufrieden damit war, dass Mukhtaar mit der Kleinen zutun hatte, abstellen würde er es sicher nicht. Sicher konnte er Yannah verstehen, für die der Verlust mehr heißen mochte, als für den jungen Omar. Aber sei's drum, die Vergangenheit war vorbei. Ihm war die Zukunft wichtig.

Außerdem musste er unbedingt seine Versprechen halten und er hatte Anisha ein schönes Kleid versprochen. Sie sollte stattlich aussehen, wie eine junge Dame. Beim Gedanken an ihr Prinzessinenauftreten, jedesmal, wenn sie eine Menekanerin fragte, ob diese denn eine Prinzessin sei - niemals zuvor konnte er so herzhaft lachen - er grinste wieder nur. Aalina wollte er diesen Abend nicht nochmal stören, sie hatte erst vor kurzem ein ganzes Sortiment an Kleidung für ihn zusammengestellt und alles sorgfältig eingefärbt. Raja sollte sie diesmal fertigen und er suchte sie auf, mit der bitte ihm ein edles, grünes Kleid zu fertigen, welches er einem Mädchen zwischen sechs und acht Jahren schenken wollte.

Raja setzte sich sofort daran, nähte, verband, zog Stoffe zusammen. Es dauerte sicherlich die ganze Nacht lang, aber sie arbeitete zuversichtlich und mit der gewohnten Effizienz, die er von ihr erwartete. Das Kleid sah wunderschön aus, die Sonne kam gerade wieder hoch, strahlte den feinen Stoff an und er selbst lächelte bei dem Anblick. Ja, das sollte sein erstes Geschenk für sie sein. Er mochte es Geschenke zu machen, jedes Mal das Lächeln auf den Gesichtern der Menschen zu sehen. Yannah hatte er noch zuvor mit feinem Schmuck beschenkt, um ihre unglaubliche Schönheit noch weiter zu untermalen. Er seufzte und blickte sie an, als sei sie ein wundervolles Kunstwerk, das ihm allein gehörte. Er dachte den Gedanken zu ende, dankte Raja freundlich und eilte nach draußen.

Er schlich durch die Taverne, schob die Türe zum Schlafzimmer des Mädchens auf und legte ihr das Kleid auf einen nahen Stuhl. Sah dann nochmal in das runde Gesicht und schmunzelte, als er wieder daran denken musste, wie der Karottenkopf unzufrieden mit ihren Haaren war. Flink schüttelte er den Kopf und huschte wieder nach draußen, wo er dann Richtung Yannahs Haus ging, der er versprochen hatte, sie morgens zu wecken. Er war müde, wollte sich nur noch zu ihr legen und sie fest an sich drücken. Als er sie dort liegen, verliebte er sich in die junge Asif wie von neuem, breitete sich dann neben ihr auf dem Bett aus und bedeckte sie mit mehreren liebevollen Küssen, woraufhin sie leicht brummte. Dann machte er die Augen zu und schlief ein.
Anisha

Beitrag von Anisha »

Als sie erwachte, war es heller Tag. Sie mochte nicht abschätzen ob es noch vor oder schon nach Mittag war. Zufrieden räkelte sie sich in den weichen Fellen und blickte sich um. Bei Tageslicht wirkte das Zimmer noch größer als im Licht des Feuers. Von unten drangen gedämpfte Stimmen und Gelächter nach oben. Anisha rollte übermütig über die weiche Liegefläche und kurz blieb ihr Blick an den Ketten an der Wand hängen. Wozu die wohl gedacht waren?

Dann blickte sie zum Fenster und in diesem Augenblick vernahm sie ein knackendes Geräusch wie von aneinanderreibendem Chitin von draußen. Schnell lief sie zum Fenster, welches hier bis zum Boden ging.
Voller Schaudern erblickte sie draußen einen riesigen Scorpion. Das Tier sah bedrohlich aus, wie es da im Sand hockte, -lauerte-, voller Blutdurst und mit viel Geduld wie es schien. Anisha sprang vom Fenster weg und lief zur anderen Seite des Zimmers. Es würde sicher weggehen wenn es sie nicht mehr erblickte, dachte sie und stand etwas atemlos vor Schrecken an der gegenüberliegenden Wand. Die Zeit des wartens schien sich ewig in die Länge zu ziehen, obwohl wohl tatsächlich nur wenig Sand durch die Sanduhr gelaufen war. Sie nahm allen Mut zusammen und ging zurück zum Fenster. Langsam, ganz langsam beugte sie sich vor und blickte über den Sims.
Da war es immernoch, dieses riesige Tier dessen glatter harter Panzer in der Sonne glänzte, die Scheren aufgerichtet und den riesigen Stachel bedrohlich über sich haltend. Mit bebendem Körper stand sie am Fenster und blickte auf das sie so ängstigende Ungetüm hinunter. Und ruhig, ohne eine Bewegung zu machen, starrte jenes zu ihr hoch.

Es raschelte hinter der Tür und eine junge Menekanerin betrat das Zimmer. Anisha lächelte ihr erleichtert zu. Sie deutete auf etwas das neben den Fellen lag und ihr noch garnicht aufgefallen war: "Das hat Mukhtaar für Dich schneidern lassen." Anisha war überwältigt, wie hatte sie dieses Kleid vorher übersehen können? Es war aufwendig gearbeitet und aus feinstem Stoff. Nie hatte sie etwas vergleichbares je in den Händen gehalten. Ein Gefühl der Wärme durchdrang sie, denn so ein kostares Geschenk konnte nur bedeuten, dass sie ihm nicht egal war. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie schon zwei Menschen getroffen die gütig zu ihr waren und hier auf der Insel sogar viele Menschen, die sie aufnahmen und behüteten.

Bis zum Abend blieb sie in dem Gebäude, denn der Scorpion harrte weiterhin unter dem Fenster aus. Unten in der Taverne herrschte geschäftiges Treiben und sie wollte niemanden von der Arbeit abhalten. Spät am Abend ging sie nach unten und mischte sich unter die Gäste. Natürlich fiel sie als einziges Kind sofort auf und Tenaya und Madeeha kümmerten sich rührend um sie. Spät abends war ein Streit zugange
zwischen einer Frau und ihrem Ehemann. Anisha verstand die Sprache nicht und wußte nichts von den Dingen zwischen Ehepaaren, denn sie war allein mit Vadra aufgewachsen. Nur eines verstand sie was Madeeha ihr sagte: "Der Mann liebt seine Frau wohl nicht." Und Anisha beschloss tief in ihrem Herzen, sie würde nie einen Mann heiraten, den sie nicht liebte.

Sie war schon müde, als Mukhtaar die Taverne betrat, zusammen mit Yannah. Anisha hatte zunächst nur Augen für ihn und ihr Herz flammte vor Dankbarkeit und Wärme. Als er sie bat Yannah von sich zu erzählen und sie von ihrer "Mutter" sprach und dass sie nie einen Vater hatte... da schien Yannah sie anders zu verstehen als die Menschen bislang. Da war mehr als nur Mitleid, das konnte Anisha spühren. Mitleid war auch das letzte was sie wollte.

Sie hatte ihre Mutter gehen sehen, eine Frau die sehr alt war als sie starb und die sie lange schon darauf vorbereitet hatte, dass ihre Zeit bald kommen würde. Anisha war noch zu jung um tiefer zu blicken und zu erkennen, dass diese Frau unmöglich ihre leibliche Mutter sein konnte. Doch was zählte Blut, wenn diese Frau ihr alle Herzenswärme gegeben hatte, die sie besaß. So vieles war möglich und vielleicht würde sich der Schleier eines Tages für Anisha lüften.

Hier jedoch stand sie zunächst unter einem klaren Sternenhimmel auf einer Insel aus Sand. Und sie hatte mehr Güte und Wohlwollen erfahren, als sie momentan fassen konnte.
Yannah Asif

Beitrag von Yannah Asif »

Es war schon dunkel draußen, als sie mit Mukhtaar in die Taverne trat. Mukhtaar hatte ihr oftmals von Anisha erzählt, seine Augen strahlten förmlich, wenn er von ihr sprach. Es erfreute Yannah auf der einen Seite sehr, dass er sich so für sie einsetzte, auf der anderen Seite tat es ihr im Herzen weh. Zu baldig war er über den Verlust, den sie bei sich trug hinweg. Niemand hatte davon erfahren, Yannah würde auch niemandem davon erzählen.

Anisha kam zu ihr, fragte Yannah, ob sie denn nun eine Prinzessin wäre. Yannah schmunzelte und verneinte die Frage, ehe sie dem Gespräch von Anisha und Mukhtaar Gehör schenkte. Sie wusste nicht, wie sie sich fühlen sollte. Auf der einen Seite fühlte sie wie eine Mutter, fühlte sich zu Anisha hingezogen, vielleicht gerade deswegen, weil sie ihr eigenes Kind verlor. Auf der anderen Seite war die Skepsis tief in ihr und auch die Angst. Doch als Anisha von ihrer toten Mutter sprach, machte sich etwas in Yannah breit, was sie vorher nie kannte. Beschützerinstinkt. Er wurde in ihr geweckt und das machte vieles nicht einfacher. So trat sie mit Anisha auf dem Arm in die dunkle Nacht der Wüste, wollte sie ihr doch eine Freude machen und Anisha ihr Pferd zeigen.
Mukhtaar Omar

Beitrag von Mukhtaar Omar »

Er hätte so glücklich sein können, mit dem was er hatte. Aber innerlich zog ihn etwas, wollte ihn mehr an was Großem teilhaben lassen. Auch diese Nacht, fühlte er sich hilflos und schwach. Er saß in Mitten seiner Landsleute, an der Seite des Handelsministers Saheeb, auf der anderen Seite war Grim, der freundliche Geselle. Eigentlich hätte er recht heiter sein sollen, vor allem nach dem ganzen Schnaps, den er zu sich genommen hat. Nach einiger Zeit kam ihm die ganze aufgesetzte Fröhlichkeit einfach ekelhaft vor. So wendete er sich von den Leuten ab, widmete sich seiner Bananenmilch und ging die Treppe rauf, um Wasserpfeife zu rauchen. Seine Lungen füllten sich mit dem Rauch, jedesmal, wenn er einatmete, alles wieder herausblies. Sanfter Nebel legte sich um seine Gedanken, Konzentration war dahingeschmolzen, seine Augenlider wurden schwerer. Dann der Blick aus dem Fenster, es war dunkel, die Nacht war schon weit vorangeschritten. Er hatte so sehr gehofft, seine Liebste nochmal zu treffen. Doch heute sollte er sie nicht mehr treffen und er kam sich vor, als wäre nur eine Person am Rande, als würde er in einem Schauspiel Nebendarsteller sein. Er hasste es, irgendwo die Nummer Zwei zu sein.

Am nächsten Morgen wachte er abermals allein auf, tastete in den leeren Bereich des Bettes. Sie war nicht da. Wen wunderte es? Ständig war er doch derjenige, der sich um den Kontakt mit ihr sorgte. Sie kam nicht auf ihn und bat ihn mal einen Tag mit ihm zu verbringen. Viel lieber stand sie einsam in ihrer Mine, wohl darauf aus, ihren Reichtum zu vergrößern. Er hatte ein schlechtes Gefühl und wollte dies unbedingt loswerden - vielleicht ging das durch ein Treffen mit Anisha wieder weg - sie war so lieb und brachte ihn immer wieder zum Lachen, bei ihrer Fragerei. Er
wusste, wie er Anisha erheitern und sich selbst etwas Gutes tun konnte. Er ging früh zu den Werkstätten der Salzschürfer, derer die sich auch mit der Feinschmiedekunst beschäftigten. Dort sprach er mit ein oder zwei der Herrschaften und ließ sich dann, den Tag über eine Haarspange für Anisha fertigen. Aus Silber sollte sie sein, sich in dem roten Haar verstecken. So geschah es, dass die Haarspange Anisha überbracht werden sollte, während Mukhtaar sich für den heutigen Tag ans Festland begab, dort dem Unterricht beiwohnte.

Als er zurückkam, war immernoch keine Yannah in Sicht. Die Stadthalterangelegenheiten waren für heute auch schon erledigt, mit der Arbeit war er fertig und irgendwie langweilte er sich schon wieder. Langeweile nervte ihn, da er sich doch erst die nächsten Tage mit seiner Hausaufgabe beschäftigen wollte. Mit Reika wollte er sich treffen und die erste eigene Beschwörung durchführen. Diesmal hatten die beiden wohl doch etwas während des Unterrichts herumgealbert, auch wenn nicht alles Una auffiel. Er fühlte für sie, wie für eine Schwester. Trotz der Tatsache, dass sie eine Festländerin war, konnte man mit ihr gut scherzen. Während Una für ihn immernoch ein Phänomen darstellte, er konnte nicht genau deuten, für was er sie eigentlich halten sollte. Sie war sicherlich eine gutmütige Lehrerin und es sollte gar schlimmere geben, aber ihm war unwohl, dass er sie nicht so gut kannte. Aasim ließ sie sogar zum Gespräch bitten. Sie stimmte dem auch zu und Mukhtaar hoffte, aus dem Gespräch mehr über sie herauszufinden. Um jedoch einen klaren Kopf zu bekommen, suchte er diesmal Sharie auf, er wollte sie in ihrer Trauer nicht so gerne allein sehen.
Anisha

Beitrag von Anisha »

Die Tage vergingen wie im Fluge, Anisha fühlte sich wohl in dieser Wüstenstadt. Man nahm sie kaum wahr, wenn sie durch die Gassen lief, sich hier und da etwas essbares erbat und sich
irgendwo auf den Sonnenwarmen Steinen ein Nachtlager suchte. Doch etwas schien vorzugehen was zunächst nur die Anwohner zu spühren schienen. Anisha bemerkte schon, dass das Wetter rauher wurde und die Winde stärker. Doch vermochte sie nicht zu deuten, ob dies hier normal war oder nicht. Vielmehr beobachtete sie wie die Einheimischen mit besorgten Gesichtern die Blicke gen Horizont richteten und sich dann aufgeregt miteinander unterhielten. Anisha mochte die fremde Sprache, auch wenn sie sie nicht verstand und oft konnte sie an deren Stimmlage und den Gesten der sprechenden etwas deuten. Sie verstand also, dass etwas nicht zu stimmen schien. Bald schon zeigte sich, weshalb die Einheimischen zunehmend nervöser wurden. Das Wetter, nein es war kein Wetter es waren gewaltige Kräfte die da wirkten und Anisha ängstigten. Anisha fand in vielerlei Hinsicht Wärme und Sicherheit bei den Menekanern, eine Schlafstadt in dem ein oder anderen Geschäft, draußen konnte sie sich nicht mehr aufhalten. Als sich jedoch die Situation so dramatisch verschärfte, dass die Stürme selbst die Häuser wegzuwehen drohten und sich erst zarte, dann tiefere Risse durch die Gemäuer zogen und überall knirschte und knackte, wurde die Stadt immer Menschenleerer und Anisha begriff nicht wohin alle flohen. Sie hatte keinen Keller, keinen sicheren Unterschlupf und selbst als sie sich versuchte in Möbelstücken eine Schlafstatt zu suchen, konnte sie die bedrohlichen Geräusche und ihre immer stärker werdende Panik nicht verdrängen. Schliesslich wollte sie nur noch eines, nach Hause zurück nach Varuna, wo sie das Waisenhaus suchen sollte wie es ihre sterbende "Mutter" ihr gesagt hatte. Sie nahm allen Mut zusammen und verließ die Taverne, die sie als letzte Schlafstätte aufgesucht hatte. Zum Hafen wollte sie, komme was wolle. Sie ergriff das zarte schöne Prinzessinnenkleid, welches Mukthaar ihr anfertigen gelassen hatte und band es sich so um den Laib, dass es auch den Kopf und das Gesicht bedeckte, ihr Beutel war gefüllt mit Gaben Mitleidiger. Sie band ihn sich auf den Rücken um die Hände frei zu haben. Mutig kämpfte sie sich gegen den Wind bis sie im Freihen stand. Der peitschende Sturm entlud den getragenen Sand gegen ihren kleinen schmalen Körper und warf wie in Sekundenschnelle um. Sie versuchte die Richtung zum Hafen auszumachen und kroch auf allen Vieren vorwärts. Anisha war so erschrocken und verwirrt von der Gewalt gegen die sie ankämpfen musste, dass sie schlagartig die Orientierung verlohr. Ein lautes schnaufen erschreckte sie, und sie stiess gegen ein Bein. Sie blickte auf und sah ein Lama vor sich, welches sich ebenfalls gegen den Wind stemmte. Ob man es zurückgelassen hatte oder ob es sich losgerissen haben mochte, jedenfalls sah es selbst für einen Laienblick alt aus und es trug lediglich ein geknüpftes Halfter. Anisha jedoch war glücklich es zu sehen, denn mit ihm zusammen würde sie es vielleicht zum Hafen schaffen. Sie nahm allen Mut zusammen und zog sich an seinem langen Fell hoch auf den Rücken. Beinahe wäre sie vom Sturm wieder heruntergeweht worden, doch mit aller Kraft krallte sie sich um seinen Hals. Das Tier lief los, langsam um jeden Schritt kämpfend, aber wesentlich kraftvoller als Anisha es gekonnt hätte. Sie klammerte sich auf seinem Rücken fest so gut sie konnte und vertraute darauf dass es die richtige Richtung nahm. Sehen konnte sie sowieso nichts und so hielt sie die Augen geschlossen, schmerzten sie doch sowieso schon vom hineingepeitschten Sand. Viele Stunden später hatte sie begriffen, dass das Tier nicht zum Hafen gelaufen war. Sie weinte stumm in sein Fell hinein und wähnte sich verlohren. Sie würde irgendwo in dieser ewigen Wüste inmitten des Sanfsturms mit dem alten Tier sterben, soviel war gewiss. Die Stadt musste weit entfernt sein, denn das Tier schritt seit einer Ewigkeit beständig voran. Sie wusste nicht welcherart Hoffnung ihr nun noch Lebensmut geben sollte, doch zumindest war noch ein Fünkchen davon vorhanden, das ausreichte sie zum essen und trinken zu bewegen. Auch als es dunkelte, befand Sie sich immernoch auf dem Rücken des Tieres und ebenfalls am nächsten Tage. Sie hörte auf die Zeit zu schätzen und hing bald völlig vom baldigen Tode überzeugt im Fell des Lamas. Die Zeit flog dahin, langsamer als der Sturm aber schnell genug ihr die Sinne zu rauben, und die Schritte des Tieres wurden bald langsamer und beschwerlicher. Anishas Wasserschlauch war bereits trocken und ihr Beutel barg keine Früchte mehr. Anishas Kräfte schwanden, ihre Hände hielten ihren Körper nur noch durch einen nicht lösbaren Krampf auf dem Rücken des Lamas, als das Tier schliesslich unter ihr zusammenbrach. Anisha blieb noch eine ganze Weile auf dem toten Tier liegen bis sie begriff was gerade passiert war. Sie hatte keine Tränen, doch mit dem Lebensende des Tieres, war auch ihr letzter Hoffnungsfunke erloschen. Mit einem letzten Blick in den tobenden Sand wollte sie aufgeben und ihr junges Leben davon wehen lassen. So blickte sie ins Licht und ein letzter Gedanke galt der Wärme und Liebe ihrer verstorbenen Mutter, als sie plötzlich vor sich Bäume sah. Sie rieb sich das wundgepeitschte Gesicht um besser zu sehen. Mühsam kroch sie vom Rücken des Lamas und hielt den Stoff des Kleides dem wehenden Sand entgegen und mit letzen Kräften schleppte sie sich so voran in Richtung der Bäume. Es schien ihr als hätte mit dem Bild vor sich auch der Sturm gelegt und würde sich weitaus weniger gegen sie stemmen als die Stunden und Tage zuvor. Sie konnte es kaum glauben, als ihr beim Ankommen in der Oase tatsächlich Menschen entgegen kamen. Wimmernd brach sie dort zusammen, es war beinahe schmerzhaft, als sich in ihr die Hoffnungslosigkeit löste und unsagbarer Erleichterung Platz verschaffte.
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