Lichtblitze am Gedankenfirmament

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Karawyn
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Lichtblitze am Gedankenfirmament

Beitrag von Karawyn »

Il était une fois...- Es war einmal...
Einzelne weiße Schneeflocken sanken draußen vor dem Fenster in all ihrer stillen Pracht, wurden von den noch immer kühlen Winterwinden in ihrem Tanz zur Erde gebremst, wieder hinauf in den dunklen Himmel gewirbelt um sich von dort erneut auf den Weg nach unten zu machen. Eine einzelne, besonders kecke von ihnen hatte, allen rauen Lüften zum Trotz, ihr Plätzchen an der von innen zur Hälfte beschlagenen Scheibe gefunden, erstrahlte in einem letzten Moment der Glorie bevor die Wärme aus dem Inneren sie zu einem durchscheinenden Tropfen verwandelte, der den noch immer schwebenden Geschwistern nun folgte, sich in den Boden vor dem Haus der Schneiderin grub. Trotz der so späten Nachtstunde, der Mond hatte seinen Zenit sicher schon vor einer ganzen Weile überschritten, klang weit oben am Berg in Berchgard noch eine leise die Seele anrührende Melodie, zu gedämpft um einen der schlafenden Bürger aus seinen Träumen zu reißen und dennoch sprach sie von zumindest einem wachen Geist am Ende des Weges.
Karawyn saß, den Rücken gegen die Rückseite eines Bücherregals gelehnt, auf einem seegrünen Meer aus Kissen, die Augen geschlossen und ließ Fetzen einer lange nicht mehr gespielten alten Weise in die Nacht hinaus treiben während die Finger wie von selbst ihren Platz auf den eingespielten Saiten fanden. Schlaflosigkeit hatte sich in dieser Nacht wie ein hungriges Tier an ihre Fersen geheftet und jeder Versuch, in die Welt der Träume einzutauchen hatte sich als hoffnungsloser als der vorherige erwiesen. Weder ein Glas gewärmter Milch mit einem kleinen Löffel Honig, noch eine Geschichte, weder das frisch gewaschene Paar duftender warmer Strümpfe gegen kalte Zehen noch die über den Kopf geworfene Decke vermochten ihr heute ein wenig Ruhe zu schenken und so war sie um eine Zeit, in der den Sagen nach nur Mondsüchtige oder Verliebte die Einsamkeit suchten statt friedlich zu schlummern ganz nach oben gepilgert und hatte die Laute, eine alte Vertraute, in den Arm genommen.

Mit der Sicherheit von Jahren des Übens griffen die schlanken Fingerspitzen die schwingenden Töne, webten aus ihnen die ersten Takte einer Erinnerung an all die Jahre, die bereits zurücklagen, an all jene, die sie auf ihrem Weg getroffen, gern haben und lieben gelernt hatte, sah deren Gesichter einen ersten Moment gemeinsam vor dem geschlossenen Auge aufleuchten, ehe jene, die nun in die Ferne gezogen waren langsam wieder verblassten, nur noch einen Abdruck auf der Innenseite des Augenlids hinterließen. Wie eine Decke breiteten sich die Akkorde aus und lockten die ersten Zeilen des Liedes hervor, die mit sich die Erinnerungen an eine lang vergangene Zeit der Dunkelheit und des Lichts trug…an Anney, ihre beste Freundin, an Will, den großen Bruder und an Leon, das Nesthäkchen…aber vor allem an eine Flucht übers Meer.


„Weiter zu gehen
Ist alles was zählt
Es hat Bedeutung
Ob ein Verlorener fehlt… „


Ein Schiff mit drei Masten, einem Segel aus dunklem grünen Stoff mit einer sich über den Untergrund windenden Viper im Wind geballt, und Stimmen, die von oben von den hölzernen Planken hallten machten dem jungen Mädchen, das den Weg aus brennendem Fieber an die Oberfläche gefunden hatte, die Ausweglosigkeit ihrer Situation klarer als es ihr lieb gewesen wäre. Das erste Mal spürte sie Tränen in den Augen und die Verzweiflung und betrachtete stumm die feinen, silbrigen Kettenfesseln um Hände und Füße, welche ihr nur wenige, kleine Schritte erlaubten. So zierlich und schön, so geschmeidig und prachtvoll das Kettengeflecht aus Ringen war, so sehr blieb es doch eine Kette, die nichts anderes als einen goldenen Käfig darstellte. Irgendwo in der Ferne wartet jemand darauf, sie in seinen Besitz zu bringen, sie nach seinen Wünschen zu biegen bis der hell aufleuchtende Wille brach, von ihr irgendwann nichts übrig blieb als eine schöne Hülle ohne Seele. Das Inselkind, dessen wildes Haar man ordentlich in Locken gelegt, dem man ein wenig rote Farbe als Pomade auf die Lippen gepinselt hatte, schluckte hart und konnte die fallenden Tränen gerade noch zurück ins meerblaue Auge zwingen. Sie wusste, wie die Frauen, deren Schicksal sie teilen würde sobald das Schiff in den richtigen Hafen eingelaufen war, den Rest ihres Lebens verbrachten, weggeschlossen hinter prunkvolle Türen, die man mit Juwelen groß wie Taubeneier geschmückt hatte. Kein Leben, ein aushalten bis zu viele Kinder den jungen Leib unattraktiv genug geformt hatten, noch eine Frau aber nicht mehr viel mehr als eine von vielen, austauschbar wie alles, was die reichen Herren sich leisteten. Karawyn wünschte sich eine der scharfen Klingen herbei, die ihr am letzten Abend an den Gürteln der Matrosen aufgefallen war doch hatte die Hoffnung beinahe all ihr Licht verloren. Bei einem Blick über ihr Lager der letzten Tage gewahrte sie einen einfachen Leinenbeutel, der auf ihrer Pritsche halb begraben unter einem einfachen mit Stroh gefülltem Kissen stand. Schniefend und wimmernd öffnete sie den Knoten, um nur im nächsten Moment gerührt zu seufzen. Im Inneren der Tasche befand sich nebst ihrer wenigen, belanglosen Habseligkeiten eine kleine Kette, deren Anhänger eine einzelne, grünblaue Perle darstellte. Eine Perle, wie es sie nur auf Laerdomn, der Insel ihrer Heimat, gab. Ein weiteres Mal in ihrem Leben, erwachte das seltsame Feuer...eine Mischung aus Mut, Unerschrockenheit und dem nackten Willen zu überleben. Das Säckchen mit beiden Händen umfassend knotete sie es so fest es ging an die Innenseite des Gürtels an ihrem Tanzkleid, schob es so an die Seite ihres Oberschenkels, dass seine Größe niemandem genauer ins Auge fiel und tastete sich langsam über eine kleine Treppe hinauf ans Licht.

"Heda, Mädchen. Was machste hier auf m Deck? Sollst doch unten bleiben, sonst kommste noch kränker an, als jetzt schon." Die Stimme des Matrosen klang ehrlich besorgt und dennoch ließ sie sich nicht zurückdrängen, sondern spürte ihren alten Freund, den Wind, in den Haaren und blickte mit verträumten Augen zum Sprecher auf.

"Ich möchte doch nur das Meer sehen... noch ein einziges, letztes Mal." hauchte sie ihm in der unschuldigsten Manier entgegen, die sie an dem Ort, der die letzten drei Jahre ihr Zuhause gewesen war, gelernt hatte und spürte förmlich wie dem Seebären das Herz aufging.

"S Meer, hm? Na gut, ist schon ne Pracht. Ich geb dir n paar Augenblicke, dann biste wieder unten, klar?"

Lächelnd trippelte sie ob der Fesseln gen Rehling und spürte die kleine Perle unter dem Tanzkleidchen, nahe am eigenen schlagenden Herzen. Sie lächelte immer noch, als sie sich über die Brüstung stürzte und den eisigen, doch kühlenden Tiefen versank.

"Mann... Mädchen... Mädchen über Bord! Herrjeh, die Kleine wird mit den Fesseln ersaufen!"
Das Geschrei des alten Matrosen dröhnte noch in ihren Ohren ehe sich die Stille des Wassers um sie schloss und sie, mit aller Macht gegen das Versinken ankämpfte, wie ein Fisch zu schwimmen begann um das rettende Ufer zu erreichen.


Das Meer hatte sie nach ihrem Sprung ins Wasser aufgefangen, das Meer an dem sie geboren worden war und das sie irgendwann vielleicht auch zurück zu denen bringen würde, die inzwischen bei den Sternen waren. Karawyn ließ die Finger über die Saiten tanzen, wiederholte die ein wenig variierende Melodie der ersten Strophe stumm ehe ihre klare Stimme erneut erklang und eine weitere Erinnerung mit sich brachte.


„Schließe die Augen
Was du siehst bleibt bei dir
Die Zeit nach dem Sturm
Ich danke dem Regen dafür“


Taumeln, wanken, zu Boden fallen.
Nicht aufgeben.
Sich wieder hochziehen und weiter…einfach weiter.
Die kleine zierliche Gestalt, die sich den Weg entlang zog, kämpfte, ihre Handflächen und –ballen bereits von Dreck und Blut der Straße überzogen. Hinter sich schleifte einen nassen, langen Stofflappen her, der sich in großen Teilen um ihren Unterkörper wickelte und der wohl einst Teil eines Kleides oder Rockes gewesen sein musste. Schmutzig war er, wohl einmal in einem sehr schönen blaugrün. Zwischen den Stoffstreifen waren bei manchen ihrer Bewegungen überschlanke, feingliedrige und leicht gebräunte Beine zu sehen, in denen sich der meerblaue nasse Sack verhedderte.
Ein schmales, feines Gesicht, zusammengepresste Lippen und Augen wie der weite Ozean, die kämpften, egal, wie aussichtslos ihre Lage auch zu sein schien. Ihr Blick suchte nach einem Menschen, irgendwen musste es hier in der Nähe des Hafens doch geben, der ihr helfen konnte und auch wollte.
Doch die alten grauen Häuser sahen sie durch die stumpfen Fenstergläser anklagend an. Der kalte Wind pfiff durch die Straßen und das Mädchen zitterte, als sie sich weiter voran zog.
Noch ein paar Meter.
Noch bis zum nächsten Straßenabsatz.
Sie kroch, robbte, schob sich immer weiter, Stein um Stein, bis zum nächstliegenden Häusereingang und senkte den Kopf auf ihre Arme, schlank und sehnig wie gespannte Bogensehnen und atmete tief durch. Die schmalen Handgelenke aufgescheuert vom langen Weg die Hafenstraße hinauf und von zu fest geschnürten Fesseln hakte sie ihre Finger in die morschen Holzbohlen, aus denen die Tür gezimmert worden war und zog den ausgemergelten Körper hoch.
Ein dumpfes Ausatmen, ein Husten und ein unsicheres Taumeln später hatte sie sich aufgerichtet, lehnte gegen den Türrahmen und suchte nach einer Möglichkeit, weiter voranzukommen. Sich an der vom Sonnenlicht ausgeblichenen Häuserwand entlang tastend kam sie nur langsam vorwärts, musste wieder anhalten, weil sie über die zerfetzten Rocküberreste stolperte und die Lumpen sich um ihre geschundenen Knöchel wickelten.
Ihre zitternden Finger zerrten an dem nassen unwilligen Stoff, zogen und versuchten sich davon zu befreien, als die die Holzbretter, gegen die sie gelehnt stand, nachgaben.
Mit einem erschrockenen Stöhnen stürzte sie rückwärts in das dunkle Gemäuer, einige Ratten stoben auseinander, als sie in ihr ruhiges Schlafplätzchen einfiel, und fauchten sie mit schmutzigen Zähnen und tiefschwarzen Augen aus den dunklen Ecken an, in die sie geflohen waren.
Die Kleine starrte mit großen erschrockenen Augen um sich und folgte dann dem ersten Reflex, der sie durchzuckte.
Flucht!
Nur weg!
Sie packte die ozeanblauen Stoffmengen und stolperte, rannte, floh einfach aus diesem Haus, ließ die Straße hinter sich und wankte um Häuserecken und an leeren Fenstern vorbei, bis sie vor einem der Eingänge zum stehen kam.
Schwer stützte sie sich gegen das morsche, fasrige Holz, das ob ihrer Berührung knarzte.
Und doch erschien ihr dieses Haus weniger feindselig als all die anderen. Mit ihrem ganzen Gewicht drückte sie die Türe auf und erblickte, zwischen den herumliegenden Tauen, Flaschen und Netzen einen kleinen Holzschemel, beinahe wie einen Thron, der in ihrer Misere alte Erinnerungen wach rief.
Dunkle weise Augen unter buschigen ergrauten Augenbrauen, ein ewiges Schmunzeln, das sie wie ein warmer Wind umfing und große, von der Arbeit knotige Hände, die sie hielten, ihr das Schwimmen beibrachten und sie durch die Luft wirbelten.
„Caer-tharag (=Großvater)“ flüsterte die Stimme des Mädchens und ihr Körper kämpfte sich vorwärts zu dem Holzstuhl, der sie so sehr an den Lieblingsplatz ihres Großvaters vor der Hütte erinnerte, von dem aus er mit ihr das Meer beobachtet hatte.
Neben den zusammengenagelten Holzbohlen brach sie dann endgültig zusammen. Ungeweinte Tränen der Schuld und das Verlusts, aber auch der Angst um eine unsichere Zukunft rannen über die schmalen Wangen.
„Cirin (=Mutter)“
Was würde passieren?
Gab es ein Morgen?


Bitterkeit und vielleicht auch noch die eine oder andere bisher nicht vergossene Träne fanden ihren Weg in die Stimme der jungen Frau, färbten jedes Wort der Strophe mit dem dunklen Bedauern über den Tod ihrer Familie, bei denen ihre Kindheit unbeschwert und leicht wie der Tanz einer Feder im sanften Abendwind verlaufen war. Ihre Mutter, eine umsichtige Frau mit einem Herz aus Gold, ihre Großeltern mit der weisen Liebe, die jedem Kind zu Teil werden sollte, die verziehen und den kleinen Wildfang verschwörerisch gewähren ließen, ihr Vater, der ein ganz besonderer Mann gewesen sein musste, glaubte sie den Erzählungen…all jene waren fort, im ewigen Strom der Sterne verschwunden und trotz allen Schmerzes spürte sie, dass die Erinnerung an jene Stunden sie zu der gemacht hatten, die sie heute war. Wieder erklang die letzte der Strophen noch einmal, wieder war es nur die zarte Harmonie der Laute im nächtlichen Haus, ehe die Stimme erneut einsetzte, eine leise Vergebung und einen Moment der Erleichterung mit sich bringend.

„Alles ist einfach
Alles ist leicht
Niemand wird lernen
Wenn niemand verzeiht“


Anney, die Kleinere der sich in ihr gerade gefundenes neues Heim bewegenden Kindergestalten, bugsierte Will durch die Türe des Schuppens und erwartete einen Protestruf ob ihrer resoluten Art, bekam jedoch eher ein erstauntes, ungläubiges Ächzen.
"Was haste denn, alter Spinner! Biste in n Mäusekack getret'n?", gluckste sie mit der ihr unweigerlich unverwechselbaren Art und schob sich an dem nun starr stehenden Jungen in den geflickten Sachen vorbei.
"D... d.. da...", stammelte dieser, doch auch Anney hatte das "Problem", das den größeren Will in die Reserve gedrängt hatte, nun ebenfalls gesichtet. Im Eck des Schuppens, nahe ihres Schemelthrons kauerte: Ein patschnasses, junges Mädchen in türkisfarbenen Stoff gewickelt, Hand- und Fußgelenke mit bläulichen Striemen überzogen und das tropfende Haar hing teilweise in schiefen Strähnen am Kopf oder lag in dicken Büscheln um sie herum am Bretterboden.
"Was zum...", begann die Diebeskönigin und wollte zum Eindringling eilen, als jene plötzlich aufsprang und vor Schwäche mehr taumelnd als stehend ein schartiges Matrosenmesser vor sich hielt.
"Nur einen Schritt weiter und ich werde es benutzen.", fauchte sie trotz bebender Stimme tapfer.
"Ah... ja... und du denkst nich, dass de vielleicht mit n bisschen Gegenwehr zu rechnen hast, wennste versuchst mich aus meinem Schupp'n zu werf'n?", polterte die Jüngere zurück um im nächsten Moment ihr eigenes Messerchen aus dem "Gürtel", nichts weiter als ein Stück gewöhnliche Schnur, zu ziehen.

"Macht doch keinen Blödsinn ihr Hennen...", begann Will mit bleicher Miene beim Anblick der beiden einander mit Messerchen entgegenfuchtenden Mädchen, doch vermutlich hätten sich besagte Kampfhennen in die Schlacht gestürzt, wäre nicht in diesem Moment die Türe aufgeworfen worden und hätte Anney der Länge nach auf die Nase purzeln lassen. Entwaffnet und wütend drehte sie den Kopf, während das zitternde, nasse Mädchen verwundert den Blick hob, die im Staub liegende Kontrahentin aus den Augen ließ.
Ein kleiner, sechsjähriger Junge, strohblond und mit hellen blauen Augen, die an den ungebundenen Frühlingshimmel erinnerten, spähte verschüchtert durch den Türspalt und bekam die Wut der Diebeskönigin sofort zu spüren.

"Leon, du bist so blöd wie n Schaf wuschelig!", zeterte sie benommen und achtete nicht einmal darauf, dass der Kleinere erschrocken zu wimmern begann. Doch jemand anderes in dem Raum spürte das Leid eines "Kleineren" und fast wie eine Marionette an Fäden marschierte Kara, eine nasse Spur von Stoff hinter sich herziehend, durch den Raum um dem greinenden Kleinen beruhigend über den Kopf zu streicheln.

"Schhhhh... es wird alles gut.", sprach sie leise und wusste nicht, ob sie damit den Jungen oder sich selbst meinte.


Anney…Will…Leon…
Wie von selbst formten ihre Lippen die so vertrauten Namen, wurden Buchstaben zu Silben, denen im Zusammenschluss das Leben und die Erinnerung an die Vergangenheit eingehaucht ward, während Karawyns leise und klare Stimme sich vom Obergeschoss über die Treppen hinab bis ins Nähzimmer wand, dort wie die Hand einer Mutter über die Gesichter auf dem dortigen Wandteppich strich. Als könne eine bloße Berührung die so weit entfernten Freunde aus ihren Gedanken heraus locken. Weicher und weicher klang die Melodie, als taumelte sie einen Moment im Schmerz der vielen Stunden, die zwischen ihnen lagen, als eine neue Schwere sich dazugesellte, sie wie ein düsterer Schatten über die leicht nach vorn gebeugte Gestalt legt und aus dem hellen Blau des Meeres an einem sonnigen Tag die stürmische See eines Orkans werden ließ. Als ihre Stimme zur nächsten Strophe ansetzte, war aus ihr nur mehr ein Flüstern geworden, als ließe allein die Veränderung im Klangbild schon nichts Gutes erahnen.

„Ich folge den Wolken
Ich ziehe umher
Ich trage den Regen
Für dich hinunter zum Meer“


Kälte….eine Kälte, die ihr bis in die Knochen kroch, die lähmte und ihre Muskeln versteifen ließ.
Der Schnee war tiefer als die Jahre zuvor und ihre Hosen gaben dem kalten Nass mehr Angriffsfläche, als es ihr lieb war. Sie schob sich die inzwischen rückenlangen Locken unter die zerschlissene Mütze und zog den mottenzerfressenen Mantel, den sie aus gefundenen Reststücken zusammengeflickt hatte, um ihre dünnen Arme. Der Hunger zehrte an ihren Kräften, er gab der Kälte noch mehr Macht über sie.
Mit gesenktem Kopf stapfte sie durch die vom Schnee leuchtenden Gassen, presste die Hand, die den Mantel hielt in ihren protestierenden Magen und hoffte, dass Anney und Will mehr Glück gehabt hatten als sie.
Irgendwie würde sie noch ein wenig durchhalten, aber…
Es gab ja Leon, den kleinen, das Nesthäkchen.
Karawyn lächelte. Er erinnerte sie an ihre eigenen längst verlorenen Geschwister und sie musste sich eingestehen, dass sie ihn an ihrer statt verwöhnt hatte, wenn ihre kargen Mittel es hergaben.
Mit einem Schmunzeln auf den Lippen klopfte sie an die Holzbohlen ihres Schuppens, als Erkennungszeichen für die übrigen Mitglieder ihrer kleinen Familie.
Im Schuppen war es still.
Karawyn pfiff leise durch die Zähne, aber keine Reaktion.
Angst beschlich sie. Hatte man sie verraten? Hatte sich irgendein „Erwachsener“ plötzlich berufen gefühlt, die armen obdachlosen Kinder in ein Waisenhaus zu stecken?
Sie sah sich genau um, prüfte die kleinen fallen, die Will geschickt gelegt hatte, um sie rechtzeitig vor Eindringlingen zu warnen, doch keiner der Mechanismen war ausgelöst worden. Schließlich ging sie in die Knie, um zum Schlafplatz zu gelangen und stockte.
Irgendwas fühlte sich nicht richtig an.
Sie konnte die namenlose Kälte, die sich in ihr breit machte, nicht benennen, aber das nagende Gefühl ließ sie nicht los. Mit mehr Eile als notwendig krabbelte sie unter den letzten Netzen hindurch und wollte gerade nach Leon rufen, als sie den kindlichen zusammengekrümmten Körper am Boden liegen sah.
Leon….
Aber vielleicht irrte sie ja.
Karawyn hastete vorwärts und griff nach dem leblosen Körper um ihn zu schütteln.
„Mach keinen Quatsch…“, doch ihr blieben die Worte im Halse stecken. der kleine Kopf drehte sich ihr entgegen, Schaum floss aus seinem Mund und die Augen waren in den Hinterkopf zurückgerollt.
„Leon…bitte…leon…!“ schluchzte sie.
Sie schüttelte ihn, zog ihn an sich und weinte und zeterte, doch alles Leben war aus dem Jungen entwichen. Als sie ihn ein weiteres Mal zu rütteln begann, fiel ein Stück modriges, ungesund aussehendes Brot aus seiner Hand.
„Nein….“
Karawyn hörte sich und Anney, wie sie immer wieder wiederholten: „ Leon, das kannste nich essen, da ist Gift dran. Selbst die Ratten sind zu schlau dafür.“
Und er hatte es versprochen…so sehr.
Als sie von draußen Schritte hörte, das altbekannte Klopfzeichen und den Pfiff, erhob sie sich, wie von Fäden gezogen. Sie hob den kleinen Körper, blau von der Kälte, mit sich in die Höhe und hielt ihn umklammert, hielt ihn, als gäbe es keinen Morgen. Und als sie Anney und Will vor sich stehen sah, ihr weinen hörte, wurde es in Karawyn einfach nur still.
Wie damals.
Wie nach dem Verlust ihrer Mutter.
Nur eine kleine Stimme fragte im Hintergrund ihres Kopfes: Darf es eine Morgen geben?

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Das letzte Wort, so leise, dass selbst jemand, der neben der Schneiderin gesessen hätte es kaum mehr zu Gehör bekommen hätte, hallte in den Raum hinein während eine einzelne Träne ihren Weg über die Wangen fand. Leon, zu früh gegangen, oben bei den Sternen…er hatte keine Chance bekommen einmal ein wunderbarer Mann zu werden, der seinen eigenen Begabungen Raum geben konnte. Trotz des nicht übermäßigen Altersunterschiedes war sie ihm in der kurzen gemeinsamen Zeit zu einer Art Mutterersatz geworden, hatte sich, zusammen mit den anderen beiden um ihn bemüht und dennoch war, ob ihrer Armut, all das nicht genug, hatte am Ende der Hunger gesiegt.
„Nie wieder…“, hauchte sie in die Nacht. Ja, nie wieder würde sie ein Kind auf der Straße verhungern lassen. Kinder misstrauten den ‚Großen‘ wie sie sie nannten oft, daran erinnerte sie sich aus ihrer Zeit auf der Straße, aber dennoch würde sie einen Weg finden…wie für Janni, der nun sicher groß werden konnte, alles lernte, was ihm das Leben bot. Manchmal tat eben eine Reise gut, ein Ausbrechen wie nach dem Tod des kleinen Sonnenscheins…
Die Lider über den Augen schließend fanden die Fingerspitzen, ein wenig zitternd, zu der Melodie der letzten Strophe zurück, entließen sie wie einen Hoffnungschimmer in das bescheidene Licht der bereits ein wenig heruntergebrannten Kerze und als sich ihre Stimme endlich dazugesellte klang der Verlust nur noch wie eine bereits verheilte Narbe, die an manchen kalten Tagen noch schmerzt.


„Schließe die Augen
Was du siehst bleibt bei dir
Die Zeit nach dem Sturm
Ich danke dem Regen dafür“


Der Klang von Glocken und Schellen durchbrach die Stille des gemütlichen Schrankraumes. Ein warmes Feuer prasselte im Kamin, um das sich einige Männer und Frauen des Dorfes versammelt hatten. Grobe einfache Gestalten in abgewetzte Kleidung gehüllt, mit schwieligen Händen und ehrlichen Augen, die ihren Feierabend nach einem langen Arbeitstag mit einem Schluck dunklen Bier begrüßen wollten.
Einer der Männer, der Pferdehändler Keenan, hob den Kopf, um dem Geräusch auf den Grund zu gehen. Sein Blick blieb an der beschlagenen Tür hinterm Tresen hängen, wo der Tavernenbesitzer und Wirt Eh’layan ibn Kha’zaray , ein dunkelhäutiger Mann von den fernen Inseln, mit dem Rücken zum Schankraum stand und mit leiser Stimme gestikulierte. Hinter ihm konnte Keenan eine junge weibliche Person in auffallend bunter Kleidung ausmachen, die seinen Worten lauschte.
„Du musst dich nicht um die Musik kümmern, Karawyn,“ ertönte Eh’layans tiefe wohlklingende Stimme. „Mahmed wird dich auf der Flöte begleiten und ich werde die Trommel schlagen.“
Das Mädchen nickte und die langen maronenbraunen Locken bewegten sich leicht. Ihre Hände hielten kleine Schellen, mit denen sie ihren Tanz zu begleiten gedachten. Eh’layan umarmte sie kurz und trat dann zur Seite. „Und nun bring ihnen eine wenig Freude, kleine Meeresperle!“
Karawyn trat nach draußen auf den leer geräumten Platz neben der Feuerstelle, Mohmed, Eh’layans Bruder, und der großgewachsene Tavernenbesitzer ließen sich auf ledernen Sitzkissen in ihrer Nähe nieder.
Dann begann Mahmeds Flöte ein Lied zu singen, ein Lied von Sonne und Meer, von tosenden Wellen auf denen die weiße Gischt wie eine verschleierte Frau tanzte und eine Melodie von Freiheit für jedermann. Die Augen der Bauern und Landfrauen wurden weich und träumerisch, doch gerade als sich Trauer und Trostlosigkeit in ihre Herzen schleichen wollten, begann die Trommel ihren mitreißenden Rhythmus, erzählte von der guten getanen Arbeit des Tages und von der Kraft, die in jedem wohnte.
Keenans Fuß begann fast wie von selbst im Takt mitzuwippen und die anderen schlossen sich ihm nach und nach an, klatschten begeistert in die Hand, bis Flöten- und Trommelspiel ihren Höhepunkt erreicht hatten.
Auf diesen Moment hatte Karawyn gewartet.
In einer eleganten Bewegung drehte sie sich und ließ die Schellen erklingen. Ihre Füße folgten kleinen Schritten eines unbekannten Tanzes, ihre Arme und ihr Gesicht erzählten die Geschichte einer langen Reise, zeigten den Anwesenden eine Insel, die längst verschwunden lag in einem großen Meer.
Ihr ozeanfarbener Rock bedeckte sie und ließ ihren Unterleib wie den Fischschwanz einer der sagenhaften Nixen wirken, von denen Mahmed bereits erzählt hatte. Die zierlichen Arme waren mit blauen Zeichen einer fremden Sprache bemalt, Schriften aus einer anderen Welt, von weiter weg, als die Bauern und Handwerker je ihre Gedanken ausgestreckt hatten, bevor das schlanke seltsame Mädchen in ihrem Dorf aufgetaucht war.
Keenan pfiff und johlte. Jeden Abend kam er hierher und immer wieder zeigte die kleine einen neuen Tanz. Er bewunderte sie, doch ihm war sie als Frau noch ein wenig zu dünn…und zu jung.
Die Türe öffnete sich und herein trat eine, in einen gut sitzenden Mantel gehüllte ältere Frau, die schließlich den um den Kopf gewickelten Schal abnahm. Khyrdra, Schneiderin und ehemalige Kürschnerin, trat durch die sitzenden und stehen Menschen auf Keenan zu und lächelte.
„Siehst du dir wieder den kleinen Vogel an?“ Ihre graublauen Augen waren von allerlei winzigen Lachfalten umgeben und zwinkerten ihm freundlich zu. Gerade setzte Karawyn zu einer letzten Drehung an, Trommel und Flöte erstarben und sie sank in eine Verbeugung.

Johlen und Applaus folgten, Karawyn lächelte, während ihr ein feiner Rinnsal Schweiß über die Stirn lief, und sie drängelte sich an Leuten vorbei zum Tresen, blieb neben Keenan und Khyrdra stehen und ließ sich einen großen Krug Flüssigkeit geben. „Haste gut gemacht, kleine Dame.“ Keenan klopfte ihr auf die Schulter und reichte ihr eine Münze. Karawyn nahm sie dankend an und verstaute sie in den Tiefen ihres Kleides.
Als Khyrdras Blick den sehnigen Körper der Tänzerin betrachtete, blieb sie an einem Riss im Rock hängen, der mit kleinen Stichen zwar ungeübt aber doch ordentlich geflickt war. Ohne darüber nachzudenken griff ihre Hand nach der Stelle und hielt sie hoch um sie zu mustern. Karawyn hielt in ihrer Bewegung inne.
„Hast du das genäht?“ Khyrdras Stimme klang warm und herzlich. Kara nickte. „Du hast Talent! Vielleicht solltest du das zu deinem Beruf machen. tanzen kannst du schließlich nicht dein Leben lang.“
Karawyn blickte in die Augen der alten Schneiderin und in diesem Moment war es ihr, als hätte das Schicksal eine neue Tür für sie geöffnet. Konnte das die Chance auf eine sichere Zukunft sein?

Sie ging bei Khyrdra in die Lehre und tanzte in Eh’layans Taverne, bis dieser mit Mahmed in seine Heimat zurückging. Und als die alte Dame starb, machte sich Karawyn auf in ihre alte Heimat.

Auf den Weg zu Anney und Will, ihrer Familie.
Und als Anney sie an einem Kaminabend mit der Idee konfrontierte, das Nachtvolk zu gründen, sagte sie zu.

Denn wenn das Schicksal einem eine solche Türe öffnet, sollte man nicht zu lange warten und überleben…das hatte Karawyn gelernt.


„Schließe die Augen
Was du siehst bleibt bei dir
Die Zeit nach dem Sturm
Ich danke dem Regen dafür“


Ein zweites Mal wiederholte sie die Strophe, in der so viel Hoffnung auf einen Neubeginn mitschwang… Hoffnung auf die Zusammenkunft der Sterne, der Planeten, der Sternbilder und der Himmelslichter, Hoffnung auf eine Gemeinschaft, die manchem vielleicht die verlorene Familie ersetzte, Hoffnung auf leuchtende Augen bei groß und klein…
Hoffnung ein wenig des alten Glanzes wiederzuerwecken, der in den letzten Jahren geschlummert hatte.
Hoffnungen in das Nachtvolk …
Zuletzt geändert von Karawyn am Samstag 4. März 2017, 22:58, insgesamt 1-mal geändert.
Wir können nicht immer die Musik wählen, die das Leben für uns spielt, aber wir können wählen wie wir dazu tanzen.
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