Zwischen Bürde und Maßlosigkeit
Die Nächte wurden zusehends wärmer in den breiten Armen des Rudels. Er war nun kein Fremder mehr, die Brüder und Schwestern hatten sich mit dem rauen und kühlen Antlitz abgefunden und angefreundet. Wenn man sich sah, grüßte man herzlich. Wenn man rastet, trank man gemeinsam… und wenn des Abends die Zeit zur Erholung angebrochen ward, so saß man am Feuer und frönte Met und Fressalien. Doch etwas ließ ihn derer Nächte weiterhin kaum schlafen. Eines Welpen gleich, öffnete sich das eisige Augenpaar alle paar Sanduhrenläufe nur um die Rücken der schlafenden Kerle zu besehen. Dann waren es die Gedanken die ihn trotz all der Wärme und Herzlichkeit nicht schlafen ließen.
Gewiss er hatte viel erlebt, viel unfug getrieben die vergangenen Tage. Es war eine vertiefendere Form die Sturmheuler zu beschnuppern. Ob nun im ständigen Machtkampf mit eindeutig Unterlegenen, den fürsprechenden Worten durch die gestandenen Schwerter des Rudels, oder gemeinsame Jagdausflüge. Wieder und wieder ließ er sich die einzelnen prägsamen Situationen durch den Kopf gehen. Er bedachte die jüngste Zeichnung der Himmelsgestirne und der Flora auf seinem Antlitz und verkeilte die Brauen über dem kantigen Nasenrücken - die typische Zornesfalte trat auf die Stirn.
Sicherlich war es ein Zeichen von Vertrauen und Sicherheit. Wenngleich dieser kindliche Streich den tiefen Zorn in ihm aufbegehren ließ, so war er sich doch ebenso sicher, dass ihm dieser Unfug nicht zuteil geworden wäre, wenn man ihm mit Abneigung gegenüber gestanden hätte. Rache musste es dafür dennoch geben - und hierbei ging es ihm vermutlich weniger um den ersten hitzköpfigen Impuls, sondern vielmehr um die Ehre die wiederhergestellt und den Stolz, der beibehalten werden musste. Die Gedanken kreisten wieder und wieder um eine möglichst baldige Vorgehensweise.
Schwert, woran denkst du? Deine Gedanken liegen bei Met, Gesängen, Weybern und kindischen Spielereien. Du bist kein Welpe mehr… du musst dich mit keinem aus dem Rudel über die Wiese rollen - diese sorgenfreie Zeit gehört der Vergangenheit an. Denkst du die Elemente haben dich geschickt, um dir deine wertvolle Lebenszeit angenehm zu gestalten? Oder bist du gar gekommen, um deinen Körper in besten Jahren friedlich altern zu sehen?
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Und endlich war sie da, die erste Chance sich selbst zu beweisen. Das erste Mal hatte das eisige Augenpaar sich einen ernsthaften Gegner gesucht. Das erste Mal durfte er erblicken, worüber die Ahnen im Einklang fluchten, worüber jedes tragische Lied mit wütender Melodie geschrieben war. Die Ausgeburt des Panthers selbst stand ihm gegenüber. Es waren nur einige schmale Schritt die Ihn von einer ersten Vergeltung trennten. Unweigerlich gab er sich seiner Wut in zügelloser Anmut hin, brachte das Untier aus Alatars Schoße auf die Knie. Der Körper des Hünen hebte sich unter dem schweren Atem schnell als er sich den geschlagenen Feind besah. Blut durchströmte den Körper in einer tiefen, reinlichen und nie dagewesenen Wärme. Viel wärmer, viel seliger als jede Umarmung des Rudels hätte jemals sein können. Es war ein weiterer Begrenzungsstein auf dem Weg nach Anundraf. Es wirkte, wie ein kalter Krug reinsten Quellwasser in das Gesicht eines Trunkenboldes. Noch nie waren die Gedanken so klar, der Wille so rein und von Zweifel befreit.
Siehst du wozu du in der Lage bist? Siehst du, weshalb du hier bist, an diesem Ort und sonst keinem? Fühlst du wie wahr und richtig es sich anfühlt? Du brauchst dein Rudel und dein Rudel braucht dich. Aber zwischenmenschliche Schwäche, jene brauchst du nicht. Führe dein Sax gegen die Körper deiner Feinde. Zerschmettere ihre Schädel mit deiner Axt. Stapel ihre leblosen Körper und lasse die Ahnen wissen, dass du auf dem Weg zu ihnen bist. Lass die schweren Trommeln Helheims erklingen, auf dass sie dir die Tore nach Anundraf öffnen.
Auch an diesem Abend fand der Körper des Hünen keine Ruhe. Kaum einen Bewohner des Dorfes wollte er in den späten Abendstunden besehen. Stattdessen waren es Ketileys Worte die ihn umhertrieben - den Ahnenbaum zu finden. Dort angekommen ließ sich die schwere Gestalt unter dem friedlichen Klimpern der Kettenelemente in den Schnee sinken. Hier, im Angesicht der Ahnen selbst, konnte er knien - hier konnte er das Haupt senken und voller Demut die Augen schließen. In den breiten Wolfspranken befand sich der giftgrüne Stofffetzen - ein Überbleibsel des Kampfes mit der kleinen Lethra -. Er wurde beinahe behutsam in den Schoß gelegt und nahezu liebevoll besehen.
Warum fürchtest du den Tod nicht, Sigulfsson? Bist du in all deiner Eitelkeit gar den Heldenallüren verfallen? Warum treibt es dich zur Front, an den Feind? Willst du nicht lieber leben und erleben? Du bist nicht unsterblich. Du bist nicht einmal ein geübter Krieger des Clans, wie deine Brüder es sind. Du hast nicht ihre Fähigkeiten, nicht ihr Wissen noch ihre Erfahrung. Warum steckt so viel Kampfeslust und Todesmut in deinem Leib?
Eure Götter mögen euch wunder schenken und präsent sein. Doch selten offenbaren sie sich einem einfachen Mann eures Volkes. Unsere Ahnen weisen uns den Weg, indem sie zuvor einen Pfad begonnen haben. Ein Thyre, gleich welchen Alters, Standes oder Profession, der das Festland erreicht, tut dies nur mit Hilfe der Elemente. Dein Weg wurde geebnet, dein Haupt wurde gesegnet. Und dies alles geschah, nach deinem Flehen. Deinen unendlichen Willen sich zu beweisen und für dein Volk zu streiten. Wenn sie dir diesen Wunsch erfüllt haben, dann existieren sie. Dann bist du genau da, wo du sein sollst. Und wenn sie dir deine sterbliche Hülle nehmen, dann ist dies dein Weg nach Anundraf. Du wirst nicht entscheiden, wie dies geschieht… oder wann. Und deshalb wirst du dich furchtlos in die Arme deiner Feinde schleudern. Und wenn es deiner Vorsehung entspricht, wirst du leben oder sterben. Du musst dich vor nichts fürchten, wenn du weißt, dass die Elemente mit dir sind.
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Der Baum stand im nächtlichen Sternenglanz, die Äste wurden leise raschelnd von der kühlen Nordluft umschmeichelt. Vor ihm sackten die Schultern des Hünen in sich zusammen - erstmals konnte er sich gänzlich fallen lassen und in absoluter Sicherheit wiegen. Ein herzliches und erleichtertes Lächeln lag auf seinen Zügen. So formten die schmalen Lippen ein stummes Gebet - mehr ein Gespräch zu den Ahnen und den alles bewohnenden Geistern.
Ihr Geister, tragt meinen Körper stramm zu den Linien meiner Feinde. Formt meine Rüstung mit eurer Gunst und lasst
mein Schwert mit eurer Zustimmung geschmiedet sein.
Ihr Ahnen, reinigt mein Haupt von unnützem Gedankengut.
Befreit mich von Ablenkung und Faulheit.
Ihr Herrscher des Dies und Jenseits, nehmt meine sterbliche Hülle und gebraucht sie zu eurem Zweck.
Benutzt mich um euch zu dienen. Euch will ich nichts als Demut und Gefolgsamkeit schenken. Und führet mich nicht vom Pfad…
öffnet eure Tore und lasst mich stolz auf euren Fußspuren wandeln.
Nehmt mir jeglichen Zweifel und beseelt den Wolf in meinem Innersten.
Nach den gesprochenen Worten wird er wieder zum Wolfshelm am Rücken greifen und diesen Gemeinsam mit Brünne und Fell über den breiten Schädel ziehen. Noch kurz wird er verharrt haben um dem Wind still zu lauschen… würde er sich ihm noch einmal offenbaren? Würde ein Zeichen des rechten Weges folgen? Gleichwie, er würde genau an dieser Stelle ansetzen, überzeugter als je zuvor.