Die Nacht senkte sich über Gerimor, hüllte Wälder, Wiesen und Varuna selbst in länger werdende Schatten. Die geschäftigen Geräusche des Tages verstummten und machten einem jener Augenblicke Platz in denen die zarte Abendstimmung für die Ewigkeit konserviert scheint. Leises Vogelgezwitscher rahmte einen Sonnenuntergang von epischer Schönheit ein. Ariana stand wie verzaubert an der Kuppe eines niedrigen Hügels und bestaunte die grandiose Schönheit des Naturschauspiels. Friede ließ sich in ihrem Inneren nieder und löste die Strenge aus ihren Zügen. Ihr Alltagsgesicht war im Geheimen eine Last für die junge Frau. Die scharf geschwungene Nase, der kräftige, sehnige Körper - all diese Äußerlichkeiten waren nur schwer mit dem Bild einer zarten, sanften Dame zu vereinbaren. Doch im matten Abendlicht einer untergehenden Sonne, im Bewusstsein eines erfüllten Tages verschwanden solche Kleinigkeiten im Nichts. Und von diesem Gefühl erfüllt leuchteten ihre tiefgrünen Augen und überstrahlten all die kleinen Makel.
Doch kostbare Momente verstreichen wie es auch die unerfreulichen zu tun pflegen. Die Sonne versank in einem letzten Glühen hinter dem Horizont und die Dämmerung zog über das Land. Zeit die schützenden Mauern eines Heimes aufzusuchen, und so machte Ariana sich auf den Weg in die behaglichen Zimmer die sie gemeinsam mit ihrem Bruder bewohnte. Wie stets war Yarin mit seinen Büchern beschäftigt als sie eintrat, ein kameradschaftliches Nicken wurde zwischen den Geschwistern getauscht. Während Yarin seinen konzentrierten Blick wieder auf die Bücher senkte, nahm Ariana eine der Kerzen mit zu einem kleinen Tischchen. Dort klappte sie ein schmales Buch auf, tauchte den Federkiel in die Tinte und begann nach einer nachdenklichen Pause zu schreiben.
Wenige Tage in dieser Stadt voller Gegensätze und ich bin in einer eigenartigen Faszination befangen. Allzuviel Stein der mich umgibt löst gewöhnlich einen Fluchtreflex aus, doch diese Stadt wartet mit einer solchen Fülle an neuen Eindrücken auf, das ich mich wie betäubt ergebe. Ich genieße die neu gewonnene Freiheit - Vater hat mich bei Temora gewiss nicht mein Gemach gesperrt, und doch war in seiner Nähe immer ein Druck vorhanden. Der Druck nicht zu versagen, stets das Rechte unter seinen wachsamen Augen zu tun. Doch hier ist nur Yarin, der selbst alles Neue in seinem Leben erst aufnehmen muss. Selbst wenn er oft brummt und knurrt, ich kenne meinen Bruder gut genug und weiß, dass ihm seine Pflicht doch auch Freude bereitet.
Und so genießen wir beide unser kleines Abenteuer, ob abends bei einem kleinen Glas in der Taverne der Weinschenks oder bei einem unserer Wortgefechte. Ich bin froh Yarin an meiner Seite zu wissen, trotzdem er mir immer wieder mit meinem größten Albtraum droht - einer standesgemäßen Verheiratung. Vater ist zu meinem Glück auf diesem Auge blind und wird mich noch lange als seine kleine Tochter betrachten. Diesen Eindruck gedenke ich aufrecht zu erhalten, denn es eilt mir nicht damit einen Mann zu ehelichen der nicht zu meinem Wohlgefallen ausgewählt wird. Mir gefällt der Gedanke nicht wie ein Gaul verschachert zu werden, und sei es nur um versorgt zu sein. Nicht das ich an der guten Absicht meiner Familie zweifeln würde, oder dank meines Aussehens eine besondere Partie zu erwarten hätte, aber eine gewisse Freiheit in der Wahl möchte ich mir doch zugestehen. Allzuernst scheint die Situation allerdings nicht zu sein, denn alle mir bekannten Korrespondenzen Vaters mit Yarin enthalten keinen Ton zu dieser delikaten Angelegenheit.
Etwas besonders interessantes hat sich heute zugetragen - Yovita ist überraschend in Varuna eingetroffen. Bei meiner Abreise aus Wolfenfels war noch keine Rede davon, und so muss diese Reise eine spontane Entscheidung gewesen sein. Ich freue mich natürlich meine liebste Schwester in der Nähe zu wissen, doch ist es fast erschreckend wie distanziert und geziert sie sich in der Öffentlichkeit gibt. Manchmal möchte ich sie fragen ob ihr denn überhaupt bewusst ist wie sehr sich ihr Verhalten von dem unsrigen abhebt. Sie ist standesbewusst geworden in ihrer Ehe, und nach dem Tod ihres Mannes ist sie es nun umso mehr. Auch in Kindertagen hat sie sich stets ein wenig von uns anderen abgehoben. Alleine ihre Schönheit macht sie innerhalb unserer Familie zu etwas Besonderem - wenn wir auch verdienstvolle und ehrenwerte Menschen sind, so drückt doch keinen von uns eine besondere Schönheit. Nur Yovita, die hübsche Yovita hat seit ich denken kann meinem alltäglichem Äußeren einen Spiegel vorgehalten. Sie war all das, wovon die Barden am Hof in Wolfenfels sangen. Schön, anmutig und mit einer vorteilhaften Heirat zufrieden. Und doch ist sie meine Schwester, warum also sollte ich ihr wegen kleiner Eigenheiten zürnen?
Es wäre die Sache nicht wert, denn es gibt sovieles an Neuem das diese kleinen Eindrücke beiseite wischt. So manche Bekanntschaft habe ich bereits gemacht, manche interessant, andere beeindruckend und einige denen ich in Freundschaft zugeneigt bin. Varuna scheint eine Stadt zu sein in der sich verschiedenartigste Charaktere zu einem brodelndem Ganzen vermischen. Von Stadtadeligen des Types "Viel Schall und Rauch" bin ich bisher glücklicherweise verschont geblieben, während Yarin nicht von solchem Glück sprechen kann. Eine gewisse Schadenfreude darüber kann ich nicht verhehlen, doch sie verpufft sobald ich daran denke das es auch mir nicht erspart bleiben wird. Einerseits möchte ich den Hof und all seine Wirren fliehen solange es möglich ist, andererseits bin ich mir sehr wohl bewusst das es zu meinen Pflichten gehört auch in dieser Hinsicht meiner Familie beizustehen. Und es wird auch für eine Dame wie mich, die nicht in Salons und Ballkleidern zuhause ist, Betätigungsfelder geben. Und mit diesem hoffnungsvollem Gedanken schließe ich für heute. Gewiss gibt es bald neuen Stoff der mich so sehr beschäftigt das ich ihn niederschreiben muss. Ich hoffe es wird Erfreuliches sein.