Über die therapeutische Wirkung des Tötens auf Distanz

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Gerwald Hasenpfote
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Über die therapeutische Wirkung des Tötens auf Distanz

Beitrag von Gerwald Hasenpfote »

Weitab von den Hauptverkehrswegen, inmitten grüner Hügel einer nicht nennenswerten Region Alumenas' befand sich das Gasthaus von Dorningen. Einem ebenso irrelevanten Dorf mitten im Nirgendwo des großen, lichten Reiches. Seit vielen Jahren führte der stark behaarte Wirt dieses Etablissement und betäubte jeden Gast, und gerne auch sich selbst, mit dem braungelben Unrat, den er Bier zu schimpfen pflegte. Seit geraumer Zeit schon hatte sich ein Fremder an der Theke niedergelassen, der etwas über einen gewissen "Gunnard" in Erfahrung zu bringen gedachte. Der Wirt gab allzu gern Auskunft.

"Ja, was soll man zu Gunnard sagen?", stöhnt der alte Gastwirt, "Er ist eben nicht ganz dicht, denke ich. Ein armer Irrer."

"Aber das mit ihm fing ja auch schon ziemlich schlecht an. Nicht nur, dass ein Hase, der eigentlich das Abendessen der Familie werden sollte, seiner Mutter bei der Geburt auf den Leib sprang und er diesen dämlichen Beinamen verliehen bekam, weil der Lehensherr der Familie einen Streich spielen wollte, nein.. Dann wurde sein Name auch noch falsch auf seiner Geburtsurkunde notiert. Und da steht jetzt ein "d" drin. So schreibt man doch keinen echten Gunnar! Ei..ei..ei. Manche Menschen werden eben einfach unter einem schlechten Stern geboren.", Der graubüschig bebartete Wirt mit den urwaldartigen Augenbrauen seufzte schwer, als wöge all die Last der weltlichen Namensgebung auf seinen abgearbeiteten Schultern.

"Wisst ihr eigentlich wie schwer das für ein Dorf zu ertragen ist? Ein ums andere Mal hat dieser Bursche in seiner Kindheit allen erdenklichen Blödsinn angestellt. Der Versuch, eine Kuh zu reiten führte dazu, dass wir wochenlang nur saure Milch hatten. Er hat zwar nur eine besprungen, aber alle anderen sind ebenfalls durchgedreht. Wir sprechen heute noch vom sauren Sommer 236! Als er glaubte, dass er zum Schmied berufen sei, hat er dem Hufschmied versehentlich flüssiges Eisen über den Fuß gegossen und als er mit elf Jahren seiner Mutter beim Kochen half, läutete er die erste Durchfallepidemie unseres Dorfes seit fast zwanzig Jahren ein. Und dieser Bursche hat niemals etwas abgekriegt - Immer mit einem blauen Auge davongekommen! Glück im Unglück sollte man ihn nennen, wobei.. Hasenpfote dann ja gar nicht so ein dummer Name ist...", der Wirt genehmigte sich einen schier endlosen Schluck seines dunkelbraun im Kerzenlicht schimmernden Bieres - offenbar einer von vielen Runden, die er sich selbst auszuschenken pflegte - und fuhr fort.

"Doch mit dem Bogen - Damit ist er gut. Wenn er sonst schon nichts kann, kann er wenigstens mit dem Bogen umgehen. Und er ist richtig gut mit dem Ding! Als er anfing, das Bogenschießen vom Dorfjäger zu erlernen, änderten sich die Dinge. Es war, als habe er in dieser Zeit gelernt, sich zu konzentrieren und nicht mit seinen Gedanken dauernd an verschiedenen Orten zu sein. Unheil zu stiften, wenn ihr versteht, was ich meine - wenn auch unabsichtlich. Bogenschießen als The-ther-therap, ähh Behandlung, für seine Trotteligkeit.", als habe er den inneren Drang sich selbst zu bestätigten, nickte der Wirt während er diese Wendung der Ereignisse formulierte.

"Es wurde besser und er lernte auch zu jonglieren und zu singen. Ein Tunichtgut war er dennoch weiterhin, aber als der Hochedle Herr ihn zu seinem Hausförster und -jäger ernannte, nahm sein Leben eine weitere glückliche Wendung. Nach einiger Zeit konnte sich dieses einstige Teufelsbalg doch sogar gewählt ausdrücken - konver..konvertiern..konversier, kuvertüren oder wie die feinen Herren das nennen - und auch Missgeschicke geschahen ihm nicht mehr so oft. Als habe er nur eine passende Aufgabe gebraucht!", bis hierhin schien der Wirt bei seiner Erzählung in freudige Erregung verfallen zu sein, die leider ebenso schnell wieder verflog wie sie gekommen war. Tiefe Furchen gruben sich in das bärenhafte Antlitz und sein nun gesenkter Blick sprach von endloser Traurigkeit. Und der rasche Launenwandel vielleicht von einem nicht unerheblichen Schwips durch das eigene Bier.

Ein weiterer Schluck leerte den gläsernen Krug zur Gänze und hinterließ zurücklaufenden braunweißen Schaum an den Wänden des Gefäßes. Mit plötzlicher, dramatischer - und leicht lallender - Stimme fuhr der Wirt fort. "Wenn da nicht dieses Mädchen gewesen wäre, in das Gunnard so verschossen war. Beeindrucken wollte er sie. Mit seinen Jonglierkünsten. Mit Fackeln. Brennenden! Fackeln! Dieser Idiot.", der Wirt ließ seine Handinnenseite laut klatschend gegen seine Stirn fahren und hinterließ einen knallroten Handabdruck, "Abgefackelt hat er alles. Das Herrenhaus und den Herren im Haus. Und dann ist er weg. Verschwunden. Eigentlich hatte er immer ein gutes Herz und wusste genau, was richtig und was falsch war. Ist immer für seine Fehler eingestanden. Fast immer... Nur hier nicht, wie es scheint. Wenn er zurückkommt, wartet ganz bestimmt der Galgen auf ihn.", der Wirt sah seinem Zuhörer über den Tresen hinweg tief in die Augen und fragte mit dampfendem Bieratem: "Warum interessiert euch das überhaupt? Wir haben vor Langem die Suche nach ihm eingestellt, vermutlich haben ihn die meisten längst vergessen.. und die Truppen haben besseres zu tun als jahrelang einem flüchtigen Brandstifter nachzustellen..."
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Gerwald Hasenpfote
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Beitrag von Gerwald Hasenpfote »

Langsam senkt sich die Sonne über Berchgard und die letzten Strahlen Tageslicht hinterlassen lange Schatten auf den leeren Holzbohlen des Hauses. Mit jedem Augenblick übernimmt die flackernde Flamme einer kleinen Lampe die Beleuchtung im Inneren des spärlich eingerichteten Wohnraumes. Ein dunkelhaariger Mann, nicht weniger als dreißig Sommer alt, sitzt mit verschränkten Beinen auf seiner Schlafmatte, die Augen geschlossen, umringt von der Leere eines frisch bezogenen Heimes. Ruhig und gleichmäßig atmet er, das Gesicht zu einem nachdenklichen Ausdruck verzogen. Der Miene eines Mannes, der nachdenkt über das Gestern, das Heute und das Morgen.

Eigentlich hatte er sich das alles ganz anders vorgestellt.

In seiner Vorstellung hatte man ihn erst gefesselt, peinlich verhört und dann einfach in einem beliebigen, tropfnassen Kerker verrotten lassen, sobald er von seiner unglaublichen Geschichte erzählen würde. Dinge, die man eben mit Unschuldigen anstellt, wenn ein Adeliger einen Sündenbock braucht. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet in diesem Land, in dem ein nicht enden wollender Krieg tobte und ein jeder Furcht vor der Verrohung und dem Verlust der Sitten haben sollte, Verständnis und Wohlwollen auf ihn warten würden?

Irgendwie war er nun sogar Bürger dieses Herzogtums geworden und doch noch immer vorsichtig mit dem, was er tagein tagaus tat und von sich gab. Ein Gelegenheitstrottel wie er bekäme sicherlich noch oft genug Gelegenheit in Schwierigkeiten zu geraten. Unfreiwillig, das versteht sich von selbst.

"Verjährt" hat die Vogtin gesagt - nein, nicht gesagt, vielmehr beschlossen! Ein feiner Zug. Mal davon abgesehen, dass ich ja eigentlich gar nichts angestellt habe, ist das wohl das beste, worauf ein Tropf wie ich zu hoffen wagen kann. Nunja, bis der nächste Baron seiner Feuer legenden Tochter ein hübsches Opferlamm geben möchte. Neues Herzogtum, neues Glück, oder wie sagt man?

Dass der Krieg in diesem Lande, ganz anders als in anderen Teilen des Königreiches, die Lebensregeln vorgab, war allüberall zu fühlen. Allein in der kurzen Zeit, die der Schütze mit der Hasenpfote hier verweilte, war er schon viele Male auf die Recken des Regiments zu Lichtenthal getroffen. Nicht ohne den Versuch, einen weiteren Schützen für ihre Sache zu gewinnen. Vor allem diese quirlige Frau namens Luninara hatte es ihm angetan - nicht persönlich - sondern mit eher dem, was sie über die Aussichten eines begabten Bogenschützen in der Armee von sich gegeben hatte. Woanders gäbe es diese Möglichkeit nicht, so hörte er heraus, und längst nicht jeder würde es schaffen, den Anforderungen an diese Ausbildung zum Scharfschützen gerecht zu werden.

Gerwald zweifelte nicht an seinem Können.
Er zweifelte am Leben in einer Armee. Zwischen Soldaten und ohne Individualität. Er zweifelte an kollektivem, militärischem Wahnsinn. Er zweifelte daran, dass er nicht 'Weiß, Herr Oberst!' sagen würde, wenn ein Offizier eine weiße Wand als 'ROT, IHR MADEN!' deklarieren würde. Schlicht daran, dass er seinen Hang zum Freigeistigen abschalten könnte.

Eine Truppe voller feiner Kerle und Damen, die das Herz am rechten Fleck tragen - hat Fräulein Menderis gesagt. Aber sind und bleiben sie nicht Befehlsempfänger und -ausführer? Bleiben sie nicht rohe Gesellen, die in letzter Konsequenz andere rohe Gesellen zu töten trachten?

Und doch - diese Karotte sah unheimlich verlockend aus.
Denn Gerwald war mittlerweile ein exzellenter Schütze geworden, keine Frage, und diese Disziplin war die einzige, die seine gelegentliche Unkonzentriertheit, diesen Dämon der Trottelei, wirkungsvoll gebannt halten konnte. Doch im Dienste einer Armee zu töten - dieser Gedanke musste noch viele schlaflose Nächte gewälzt werden. Es war einfach zum Verrücktwerden.

Anders käme ich nie an das Wissen der wahren Meister meiner Zunft, doch ist es das wert? Zu dienen? Zu kämpfen? Zu töten, oder gar.. getötet zu werden? Sind mir Krone und Reich so viel wert?

Es wäre immerhin für eine gute Sache. Auch wenn Gerwald noch nicht klar war, welche die wirklich 'gute Sache' daran wäre: Vaterlandsliebe, Temoratreue oder der einfache Wunsch, einer der besten seiner Zunft zu werden.

Er beschloss darüber zu schlafen. Lange - Und nicht ohne einen großen Kelch Rotwein. Gedankenkatalysator.
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Gerwald Hasenpfote
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Beitrag von Gerwald Hasenpfote »

Nachdenklich - und etwas betrunken - besah sich Gerwald die Bisswunde an seinem Unterschenkel, die ihn für so lange Zeit ans Bett gefesselt hatte. Wundbrand. Weinbrand wäre ihm weit lieber gewesen.
Wenigstens konnte er jetzt "Ja!" antworten, wenn ihn jemand fragte, ob er vom wilden Affen gebissen worden sei. Dass das nicht so lustig ist, wie man gemeinhin annehmen sollte, merkte er früh genug, nachdem sich der Biss scheußlich entzündet hatte.

Wenigstens war diese Begebenheit nicht tödlich für ihn ausgegangen und so erlaubte er es sich, beim Regiment ein zweites Mal vorstellig zu werden. Dort wurde ihm jenes Rüstwerk und jene Abzeichen, deren Erhalt er sich so gut hatte überlegen müssen, worüber er früher so lange gebrütet hatte, wieder ausgegeben.
Außerdem war er beeindruckt von der Nüchternheit, mit der die Frau Oberst seine Krankengeschichte aufnahm.

Ausfälle durch Affenbisse scheinen wohl eher die Regel als die Ausnahme im Lichtenthaler Regiment zu sein.


Glücklicherweise war Gerwald nicht allein bei seiner Rückkehr - Ein ganzer Flohzirkus aus Rekruten schien sich vor Kurzem freiwillig gemeldet zu haben. Sogar Rückkehrer, wie er selbst, waren unter ihnen.

Erneut in Rekrutenmontur, die Dienstfresse im Gesicht und das Barett auf dem schütteren Haar, erschien der Zweifel der letzten Monate endlich wie fortgeweht. Sei's drum, unnötige Befehle zu befolgen. Sei es ebenfalls drum, im Dreck zu liegen. Und Sei es drum, angeschrien zu werden, wenn ein Stück der Uniform falsch sitzt. Dann ist die blöde rote Wand eben gelb, wenn der Wachtmeister das sagt! Es musste einfach sein - Dienst beim Militär war wohl der einzige Weg, seine gelegentliche Trotteligkeit unter einem eisernen Deckmantel von Disziplin verschwinden zu lassen und seinen Antrieb, einer der besten der besten der besten der besten [...] - Ja, in seinem Kopf ging das noch eine Weile so weiter - seiner Zunft zu werden.

Rekrut Hasenpfote. Das klingt wirklich bescheuert. Hätte ich das gewusst, wäre mir auf meiner Flucht bestimmt ein besserer Nachname eingefallen...
Egal. Machen wir eine Marke draus!


Voller Mut und Enthusiasmus stiefelte der Rekrut mit dem pechschwarzen Dreißigtagebart auf sein Ziel zu.
Natürlich würde er den einen oder anderen Hundehaufen dabei mitnehmen, aber das war ihm egal! Auch an den Geruch könnte man sich gewöhnen, wenn man muss!

Er hatte eine zweite Chance bekommen - und die würde er nutzen.
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Gerwald Hasenpfote
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Beitrag von Gerwald Hasenpfote »

Höchst zufrieden ließ sich der schwarzhaarige Schütze mit dem durchwachsenen Ruf auf einen der brandneuen Sessel seiner Essecke fallen. Gewärmt vom knisternden Kaminfeuer in seinem Rücken, blickt er vorbei am flackernden Schein der gerade entzündeten Öllampe, hinaus in die mit puderweißem Schnee bedeckte Welt.
Die Ereignisse der vergangenen Wochen vor seinem inneren Auge revue passieren lassend, genoss er diesen dienstfreien Tag mit einem herzhaften Mahl.


Seine Wahl, sich dem Regiment nicht zu verschließen, nachdem er so lange darnieder gelegen hatte, erwies sich als eine gute. Immerhin hatte er inmitten der Unikate der Truppe sowohl Kameraden als auch Freunde gefunden und - was noch viel schwerer wog - eine echte Aufgabe. Eine solche, die sein Maß an Trotteligkeit auf ein durchschnittliches Niveau herabsetzte.
Gut, hin und wieder überkam es ihn und entweder ging der Schalk mit ihm durch oder das Leben spielte ihm einen gemeinen Streich, aber im Großen und Ganzen schien dieser Spätzünder von einem Mann doch langsam 'anzukommen' und eine gewisse 'Normalität' an den Tag zu legen.

"Damit das klar ist: Nie wieder menekanische Küche! Du willst doch nicht als Sprengsatz enden."

Auch wenn das stets korrigierende Gebell von Wachtmeister Alsted, natürlich in den allermeisten Fällen leider sogar völlig zu Recht von jenem angebracht, ihm ein um's andere Mal einen veritablen Brechreiz einbrachte, so lernte er, dieses Gefühl aufzusaugen und diese Energie an anderer Stelle zu nutzen, seine Kraft auf die Pflichterfüllung zu lenken und seinem Freigeist an anderer Stelle Platz zum freien, ungezwungenen Lauf zu erlauben.

"Eine folgsame Drohne im Dienst - Der freie, kritische Geist bei Dienstende.", hörte er sich selbst feststellen.

Ein solcher Ort zum freien Gedankenaustausch war zum Beispiel die Stadtstube zu Adoran. Nicht wegen des guten Essens, und schon gar nicht wegen des - offen gestanden nicht sehr guten - Weins in diesem Hause. Nein, vielmehr wegen eines Bewohners dieses Etablissements. Eine Bewohnerin, um genau zu sein.

Dass es sich um eine Frau handelte, war neu, denn seit den Vorkommnissen in Dorningen hatte Gerwald stets dasselbe Verhalten an den Tag gelegt, sobald eine Frau ihm näher kam als zwei Schritt oder das Gespräch nicht nur rein geschäftlicher Natur war:

Ausgänge prüfen, den nächsten taxieren, eine phantastische Ausrede fallen lassen ("Verzeihung, aber ich habe noch eine Wurst in der Satteltasche" oder auch das sofortige Leeren des Getränks mit dem Hinweis, dass er "nun wirklich ganz dringend einige geschäftliche Dinge zu erledigen" habe.) und den Antritt eines kontrollierten Rückzugs mitsamt anschließender ausgiebiger Tarnung und Flucht aus dem jeweiligen Ort. Mit Vorliebe auf einem Pferderücken und mit dramatisch umherstiebendem Dreck, von Hufen aufgewirbelt.

"Wie oft ich wohl mit dieser Strategie versehentlich die Zeche geprellt habe? Temora hilf..."

Aber das hier war ganz anders. Diese Bewohnerin der Stadtstube war anders als alle Damen, die ihm seit seinem Trauma in Dorningen begegnet waren.

Sie hörte tatsächlich zu und verurteilte nicht 'einfach so'!
Ja hat die Welt denn so etwas schon einmal gesehen?

Den Fund einer verwandten Seele musste Gerwald erst einmal verdauen, genau wie die langen und ausgiebigen Gespräche über die Welt und ihre Geschichte, über Menschen und ihre Schicksale, über persönliches und unpersönliches - Und vor allem dieses ihm völlig fremde Gefühl der Verbundenheit mit einem anderen Menschen. Ganz gleich welchen Ausmaßes. Nun galt seine Sorge nicht mehr nur dem Reich und ihm selbst, sondern mindestens einer Person mehr.

Der Schütze rieb sich beim Fassen dieser Gedanken fast schon automatisch die Stirn, auf der eine dicke Beule entstanden war, seit er gestern die Oberlatte des Bajarder Tors mit elfengleicher Eleganz einer Materialprüfung unterzogen hatte. Geistig völlig abwesend hatte Gerwald dieses Ding, während er gelassen im Sattel seines Sauerbratens saß, gar nicht kommen sehen. Das allgemeine Gelächter vor dem Tor hatte seinem Selbstwertgefühl keinen Abbruch getan, denn nun war er sich sicher, dass für diese Woche sein Anteil an Tollpatschigkeit und Gedankenverlorenheit abgegolten sei.

An wen er wohl gedacht haben mag, als die Bajarder Baumstammarchitektur ihn schlafen schickte...?
Zuletzt geändert von Gerwald Hasenpfote am Sonntag 15. Januar 2017, 12:23, insgesamt 4-mal geändert.
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Gerwald Hasenpfote
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Beitrag von Gerwald Hasenpfote »

Es war spät. Richtig spät. So spät, dass der schwarzhaarige Schütze schon auf die ersten Regungen des Berchgarder Nutzviehs zu warten schien. Kein Auge hatte er geschlossen in dieser Nacht, denn viel zu vielschichtig war seine Gedankenwelt dieser Tage und viel zu dominant Erinnerungen an wahrlich schöne Begebenheiten der jüngsten Tage und gleichzeitig der Einfluss der dunklen Träume, die nun mehr und mehr Bewohner Lichtenthals heimsuchten.
Sein müder Gesichtsausdruck, die Ringe unter seinen Augen und nicht zuletzt der Kelch Wein, der noch immer in seiner Hand ruhte, verrieten dem Kaminfeuer, das ihm gegenübersaß, dass die Hasenpfote den einen oder anderen inneren Kampf zu führen hatte.


Im Grunde hatte der Schütze mit dem Dreißigtagebart nichts, worüber er sich dieser Tage ernstlich hätte beklagen können. Der Dienst lief hervorragend und auch die Beförderung zum Gardisten musste in Bälde kommen, wenngleich er diesem Ereignis gleichzeitig mit Vorfreude und Skepsis entgegensah. Wohlwissend, dass mit der Erhöhung des Ranges nun auch Verantwortung einherginge, empfand er sowohl Freude daran, bald eigenverantwortlicher und autonomer in seinem Dienst agieren zu können, aber eben auch Ehrfurcht vor den Dingen, die da noch kommen mochten.
Letztlich hoffte er, dass er einst aus diesem Rang heraus in die Reihen der Scharfschützenanwärter aufgenommen werden würde und seinem gewählten Schicksal näher kommen dürfte. Und dieses Ziel ließ sich nur erreichen, wenn er sich seiner neuen Rolle als Soldat in aller Gänze hingab und erfüllen ließ.

"Immer treu."


Auch die jüngsten Ereignisse im Varuna und im Kloster, an Unheil und Schrecknis weit über das hinausgeschossen, was Gerwald zu kennen dachte, hatten seine Grundfesten nicht erschüttert. Ganz im Gegenteil, sie hatten ihn, obwohl selbst ihn nun diese Träume in verschiedenster Ausprägung heimsuchten, gestärkt und geprägt. Gestärkt darin, dass auch er, als kleines Licht auf dem Leuchter, seinen Teil dazu beitragen würde, dieses Unheil, diese just geöffnete Büchse der Pandora, mit zu verschließen. Und wenn es hieße, als eingeschmolzener Klumpen von Stahl und Fleisch in Drachenfeuer zu enden. Wahrlich, seine Treue zum Königreich und den Menschen in diesem wuchs mit jedem Tag, den er hier verbrachte.
Dagegen nahmen sich Schutzmaßnahmen gegen Wahnsinnige, wie jüngst im Lehrhospital, fast schon als Routinetätigkeiten aus.

"Immer wachsam."

Doch der wahre Grund, warum der Rekrut weder an den Alpträumen, noch an der Furcht vor niederstoßenden, feuerstiebenden Drachen oder der Panik davor, dem Reich keine Hilfe zu sein, verzweifelte... war ein ganz anderer.
Dieser Grund war die Candidata, die "Diplomatin des Zorns! Die Herrin des Terminkalenders!", die er kaum von seiner Seite wegdenken konnte. Stets und immer war sie da, wie ein Anker im Strudel sich heftig drehender Winde, die Lichtenthal heimsuchten, war sie da und bot ihm einen sicheren Ort - Ganz egal, wo sie sich befanden.
Langsam, aber beständig, näherten sich zwei vordergründig so verschiedene Seelen einander an und stellten fest, dass sie so verschieden gar nicht waren.

Aus Neugierde erwuchs Zuneigung. Ein zartes Grün, das dem kalten Winterwind ein Schnippchen schlug und früher als erwartet den Schnee durchwuchs, das sich reckte, voller Trotz, und der tiefstehenden Sonne Wärme stahl.

"Immer nah."

Kurz vor Sonnenaufgang dann fiel Gerwald endlich in einen tiefen, wenn auch sehr kurzen Schlaf. Eine Nacht - eine himmlische, kurze Nacht - träumte er weder von Feuer, noch von Tod.
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Gerwald Hasenpfote
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Beitrag von Gerwald Hasenpfote »

So einiges hatte sich zugetragen, seit der dunkelhaarige Schütze sich das letzte Mal einer Selbstbetrachtung im Feuerschein seines Kamins unterzogen hatte. Wehmütig sah er zur Flasche Rotwein auf der Anrichte, besann sich dann aber eines Besseren und nahm einen großen Schluck vom frisch gekochten Tee. Nüchtern musste er heute bleiben, auch wenn es schwer fiel, denn heute war sein erster Tag in einer gänzlich neuen Rolle angebrochen.

Nach Wulfgard ging es, in zivil und doch dienstlich.


Im Grunde hatten sich sogar viele verschiedene neue Rollen eröffnet, in die Gerwald mehr hingerutscht denn hineingeschlüpft war.
Immerhin hatte man es ihm, dem Soldaten, der sich gelegentlich mit unqualifizierten und allzu nervigen Kommentaren nicht zurückzuhalten vermochte, dennoch zugebilligt, den Rang eines Gardisten im Regiment einzunehmen. Ein wenig Narrenfreiheit ging verloren und Autonomie, Verantwortung sowie eine ungeniert große Menge an Möglichkeiten kam hinzu.

Von wegen 'ewiger Rekrut', dieser Traum ist vorbei!

Ein bisschen trauerte er dem verlorenen Welpenschutz und der damit verbundenen Nachsicht, seinen Kommentaren und Eseleien gegenüber, schon nach, aber die Vorfreude auf die kommenden Aufgaben überwog bei Weitem.
Zudem wurde die Frequenz seiner Dummheiten und getroffener Fettnäpfchen ohnehin immer kleiner, je mehr der Dienst und die Pflicht am Herzogtum seine Aufmerksamkeit forderten.

Eine heilsame Transition also.
Manchmal schimmerte der Schalk dennoch durch, aber wenigstens fiel es ihm nicht mehr so schwer, sich im Anschluss daran zu entschuldigen. Sein schlechtes Gewissen, zum Beispiel Kameradin Rengard gegenüber, war dennoch nicht zur Gänze verschwunden.

Die nächste Rolle, die es zu erkunden galt, war die eines Meisterschülers. Als die Scharfschützin ihm eröffnet hatte, dass er unter Umständen als Kandidat für die Ausbildung zum Scharfschützen in Frage käme, erkundete sein Kiefergelenk ganz neue Sphären. Nie hätte er gedacht, dass ihm die Kinnlade so weit hinunterfallen könnte.

Wie ein Idiot hast du ausgesehen. Sei froh, dass es in dieser Jahreszeit keine Fliegen gibt...

Meisterschüler. Meister-Schüler. Scharf-Schütze...
Eine Gelegenheit wie diese bot sich mit Sicherheit nur ein einziges Mal und so wie er die Scharfschützin Luninara einschätzte, würde diese Offerte wohl kaum wiederholt werden.
Mit dieser Gewissheit im Hinterkopf sagte Gerwald, der doch gerade erst befördert worden war, auch dieser neuen Rolle aus vollster Überzeugung zu. Die Zeit, und natürlich die endgültige Einschätzung der Scharfschützin, würde zeigen, ob er aus dem richtigen Holz für den Weg geschnitzt war, den er seit langem beschreiten wollte...

Sie wird dich schleifen. Sie wird dich vielleicht brechen, aber "Qualität", ja echte "Qualität", kommt eben doch von "Qual".

Als sei dieser Kanon der Veränderungen nicht genug gewesen, hatte die Mutter der Drachen, Hüterin der feurigen Befehle, Speierin flammender Reden und heißer Wortgefechte ihm eine Position als Leibwache angeboten.
Leibwächter zu sein bedeutete weit mehr als die Dinge, die im Zuge der Ausbildung zu einem solchen gelehrt wurden, das wusste Gerwald schon aus seiner tief vergrabenen Vergangenheit.

Es bedeutete vielmehr:
Beschützer, Späher, Kundschafter.
Ratgeber, helfende Hand, kühler Kopf.
Bewahrer von Geheimnissen, Diplomat und Freund.

Er gedachte, dieses Anspruchs gerecht zu werden und diese Rolle in Ehren zu halten. Außerdem würde der Sire ihn mächtig vermöbeln, wenn der Frau Oberst mit dem weißglühenden Atem etwas zustieße. Und das galt es nach Möglichkeit zu verhindern!

"Protektor der Drachenmutter", ein Titel der gefällt...!

All die Freude über die neu erworbenen Rollen und Aufgaben jedoch verblasste vor dem Licht, das die Dame, die in sein Leben getreten war, tagein, tagaus auszustrahlen vermochte. Ein helles Leuchten, das all den Unbillen den Schrecken nahm und selbst unwegsamste Pfade zu erleuchten vermochte. Ein Quell steter Freude und Ruhe, Zuversicht und Optimismus.

Und Schelmereien!

Das Leben macht keinen Sinn ohne Sinn für Unsinn, da sind wir uns einig.
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