Selbst die Freiheit hat seinen Preis

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Thomas Erlenhain

Selbst die Freiheit hat seinen Preis

Beitrag von Thomas Erlenhain »

Selbst die Freiheit hat seinen Preis

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Erneut wurde die Nachtruhe auf der Insel von Toms Steinschlosspistole unterbrochen, als diese – begleitet von einem lauten, donnernden Knall – einen Schuss löste und den schwefelhaltigen Rauch frei gab, dessen Geruch bereits den Hafen erreichte. Es war mitten in der Nacht, die zwölfte Stunde hatte schon längst geschlagen. Wankend und ein Lied vor sich her summend hielt er in der anderen Hand eine Flasche Rum, während er mit der die Pistole ziellos auf das Wasser schoss, ehe er nach jedem Schuss die Flasche wieder zu seinem Mund führte. Die blauen Augen huschten über den kaum wahrzunehmenden Horizont, dort, wo er Adoran vermutete.
Seufzend ließ er sich rücklings in den Sand fallen, die Schmerzen, welche er bei der Explosion vor einigen Tagen davongetragen hatte ignorierte er, da das stechende Gefühl, gleich einem Dolch, welches sich augenblicklich durch sein Herz durchbohrte, war bei weitem schlimmer.
Nach Außen hin gab er sich stets als selbstsicher und stark. Nicht zuletzt da er dies aufgrund seiner Schwester, die einzige Person die ihm noch blieb, sein musste. Und doch…war er nur ein Mensch, der eine harte Schale und einen weichen Kern hatte.
Die Ankunft der beiden Geschwister war nur zwei Wochen her, nie hätte er erwartet, dass eine Frau in so kurzer Zeit seinen Verstand so sehr benebeln würde, dass er sich in sie verlieben würde – Und dennoch geschah das Unerwartete. Die attraktive Kriegerin, intelligent und schön wie nur wenige Frauen es waren, mit den hohen Wangenknochen, die ihren Zügen eine Eleganz und auch eine gewisse Härte verliehen, hatte es geschafft mit ihrer liebenswürdigen, mitfühlenden und unterhaltsamen Art, Gefühle, die seit langem hinter einem für andere von Ketten und Schlössern verschlossenem Herzen, versteckt waren, zu entlocken.
Schwer atmend wischte er sich eine Träne, welche die rechte Wange hinab rollte, mit der behandschuhten Hand weg, ehe er einen Blick auf jene warf und ein weiteres Mal an der Flasche nippte. Auch wenn er nie vor jemandem oder in einem öffentlich zugänglichen Gebiet eine Träne vergießen würde, so war es ihm in diesem Moment völlig egal – nicht einmal die Tatsache, dass er zu den „starken und vor nichts fürchtenden Piraten“ gehörte, schien ihn in diesem Moment zu interessieren. Nein, ganz im Gegenteil. Wut, Hass und Zorn, nichts Anderes hatte er für die Seinen in diesem Moment übrig –immerhin waren jene der Grund dafür, dass er sich dazu entschloss, allem ein Ende zu setzen.
Ich bin ein Narr.“ Hauchte er vor sich hin, während er den Blick zu den von leuchtenden Sternen erfüllten Nachthimmel empor hob.
Das, was zwischen ihr und ihm aufkeimte war noch am Anfang und doch griff er mit seiner Hand in die Erde und riss den Samen heraus und zerrieb jenen zwischen den Fingern, bis nichts mehr außer feinem Pulver übrig war, welcher durch seine Finger hindurch auf den Boden rann.
Zu groß war die Angst, sie aufgrund des Pirateneides, welches früher oder später einen Keil zwischen den beiden treiben könnte, zu verlieren. Dies war der Grund, warum er dem Ganzen ein Ende setzte. Lieber würde er jenen Samen der Beziehung -schmerzvoll - frühzeitig im Keim ersticken, als ihr später das Herz brechen zu müssen, weil ein Teil davon der See gehörte.
Seufzend blickte er weiterhin in den Nachthimmel, während er seine Gedanken zu dem Gespräch, welches sie geführt hatten in seinem Kopf umherschwirren ließ.

Mein Lieblingsort.“ Erklang ihre Stimme, nachdem sie die Bibliothek betraten und sich in ein stilles Kämmerlein, wo sie ungestört waren, zurückzogen.
Oh nein, warum musstest du mich ausgerechnet hier her bringen…ach, Kila.. Er musste bei ihren Worten schwer schlucken, vorahnend, was folgen würde.
Sie hatte es gesehen und den Kopf daraufhin auf die Seite gelegt. Schwer atmend senkte er für einen Augenblick das Haupt, ehe er sich ihr näherte und die Hände auf ihre Taille legte. Das Lächeln, welches ihre vollen Lippen umspielte, als er näherkam, war wie ein weiterer stechender Schmerz, der sich in seiner Brust langsam ausbreitete. Tief einatmend setzte er schließlich zu Sprechen an: „Ich habe mir im Laufe des Tages einige Gedanken gemacht.“ Die Augen wanderten langsam an ihr hinauf zu ihrem Gesicht, wo sie schließlich zu Ruhe kamen. Wie kann ich dir das nur sagen, ohne den Eindruck zu hinterlassen, nur ein Abenteuer gewesen zu sein? Oh, wenn du nur wüsstest, wie schwer es mir fällt, dir das zu sagen. Ich will gar nicht…
Das schwindende Lächeln und das blinzeln, welches von ihr ausging, riss ihn wieder aus seinen Gedanken und brachte ihn dazu, fortzufahren. Dass sie ihn gefragt hat, was er damit meint, hatte er überhört.
Nachdem er einige Worte sammeln konnte, was ihm nur schwer gelang, erhob er die Stimme erneut: „Das Leben hier in Adoran ist nicht das, was zu mir passt. Du, gebildet und schön, wie nur wenige Frauen es sind, gehörst in solch eine Stadt. Aber das passt nicht zu mir. Ich bin ein einfacher Pirat, ein Mann, der von der Straße kommt. Eine wilde und freie Seele.Und du bist eine ehemalige Adlige, stets elegant gekleidet, weißt dich auszudrücken und findes Anschluss an jenen. So etwas gibt sich nicht mit Menschen wir mir ab, einem Versager. Während er mit ihr sprach, griff er nach ihrer Hand, über der er seinen Daumen sanft drüber streifen ließ. Die blauen Augen folgten kurz ihrem Blick, als sie auf deren Hände sah, ehe er ihr wieder in die Seelenspiegel blickte, als sie zu ihm hoch sah.
Stockend begann sie wieder zu sprechen und fragte dann mit leiser Stimme: „Ich war nur ein Abenteuer für dich?
Wieder, der Schmerz in seiner Brust pochte erneut auf und drohte ihm die Luft zu nehmen. Nein, nicht doch, das war alles andere als ein einfaches Abenteuer… Angestrengt, seine Gefühle möglichst weit zurückzuhalten, so wie er es anderen gegenüber meist tat, presste er die Zähne aufeinander, woraufhin die bereits markanten Wangenknochen noch einmal stärker hervortraten.
Mir ist es egal, woher du kommst…Dein…“ begann sie und legte an dieser Stelle eine Hand auf seine Brust, dort wo sein Herz sich sein Herz befinden mag, ließ den Satz aber offen. „Das zählt doch nur für mich.
Bitte hör auf zu reden, mach es mir nicht schwerer, als es schon ist. Ich will es nicht hören – nein, ich kann es nicht.
Nein, das war es ganz und gar nicht.“ Müde hoben sich die Mundwinkel zu einem schwachen, von Schmerzen begleiteten Lächeln an, während er das Haupt kurz schüttelte und auf ihre Frage einging. „Ich mag dich.
Kam es dann mit einem Lächeln über die Lippen, das erste, welches an diesem Abend ehrlich zu sein schien. Die Augen funkelten dabei für einen Moment auf. Nicht wie das Funkeln, welches bei seinen Spielchen darin zu sehen war, nein, sondern das, welches hervorkam, wenn er mit einer Frau sprach, die er mochte.
Nein, Tom, es ist viel mehr als das. Du hast dich in sie verliebt. Und du kannst es ihr nicht einmal sagen.
Und ich will nicht, dass du wegen mir irgendeiner Gefahr ausgesetzt wirst. Du hast etwas Besseres verdient.
Warte…Du sagst mir gerade, dass du mich magst und machst im gleichen Moment Schluss mit mir?“ kam es ungläubig über ihre Lippen.
Aye…so blöd es auch klingen mag. Jetzt loslassen oder später noch mehr Schaden nehmen, sollte es irgendwann enden. Versteh doch bitte meine Gedanken. Es gibt einen Grund, warum ich das tue.
Ich will damit sagen, dass es mir alles andere als leicht fällt, diese Entscheidung zu treffen.
Ihre Augen verengten sich langsam und ihre Hände zog sie zurück. Für einen Moment folgt er jenen mit den Augen, ehe er wieder zu ihr aufsah.
War dies das Zeichen, worauf ich gewartet habe, die Bestätigung, dass ich loslassen sollte?
Wie kannst du das sagen? Wie kannst du mir sagen wer gut für mich ist?“ Die Worte kamen nun emotionaler als zuvor über ihre Lippen.
Hörst du? Vielleicht ist es noch nicht zu spät und du kannst es sein lassen. Dreh um, du musst es nicht tun – du musst dich nicht von ihr trennen. Es würde zwar in deinem Kopf eingebrannt werden, aber du würdest sie zumindest nicht verlieren.
Der Hoffnungsschimmer, welcher ihm gleich einem Licht am Ende des Tunnels war, der ihm sagte, dass er mit ihrer Hilfe seinem – im Vergleich zu anderen – miserablen Leben entkommen könnte, in welches er sich und seine Schwester vor 12 Jahren gestürzt hatte, wurde für einen Moment heller, schwand dann aber gänzlich, als die nächste Stimme in seinem Kopf die Stimme erhob und dunkle Schatten um sein Herz legte.
Schwer atmend hob sich die Brust an, als er ihre Worte vernahm und seine Gedankengänge einen Moment lang freien Lauf ließ.
Nein Tom. Als sie deine Hand losgelassen hat, hat sie deine Entscheidung besiegelt. Du wolltest eine Bestätigung, nun hast du sie. Lass los. Du weißt doch selbst, dass du nicht gut für sie bist – sie höchstens verletzen wirst.
Das hin und her in seinem Kopf, die beiden Stimmen, die auf ihn einredeten, raubten ihm langsam die Kraft. Und doch wusste er, dass es die Zweite war, die recht hatte.
Das weiß ich nicht, aber ich weiß, dass früher oder später etwas aufgrund meines Eides–“ begann er, wurde aber dann barsch von ihr unterbrochen.
Deines Eides?“ Sie biss sich auf die Unterlippe und sah zu ihm hoch.
Sie wusste es noch nicht. Es war höchstens eine Vermutung, doch er legte vor einigen Tagen den Piraten Cabezas gegenüber einen Eid ab.
Den Piraten Cabezas gegenüber.“ Kam es erklärend über seine Lippen, während die Augen für einen Moment zu ihren Lippen wanderten.
Hätte ich gewusst, dass dies der Grund sein wird, warum ich das hier beenden muss, hätte ich einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Doch es ist bereits zu spät. Der Eid wurde mit meinem Blut besiegelt und kann so schnell nicht wieder gebrochen werden, ohne dass ich am Galgen enden würde.
Das habe ich so nicht bedacht. Die Piraten sind hier nicht gern gesehen.
Richtig…und nun denk darüber nach, was die Leute über dich sagen würden, wenn sie erfahren würden, dass ich ein Pirat bin. Du bist erst gerade nach Adoran übergelaufen. Das würde dein neues Leben hier zerstören. Und dafür will ich nicht verantwortlich sein. Du sollst glücklich werden.
Ich will nicht, dass sich irgendetwas zwischen uns stellt und es noch schmerzhafter wird, als es ohnehin schon ist. Wenn…es dann nicht mehr weiter geht. Du kannst mir glauben, wenn ich dir sage, dass es nicht nur ein Abenteuer war, sondern viel mehr, etwas, dass eine Hoffnung in mir geweckt hat. Es tut mir leid, Kila.
Die letzten Worte wurden nur noch leise gehaucht, denn die Kraft schwand fast gänzlich aus seinem Körper. Lange würde er es nicht mehr aushalten.
Sie atmete hörbar ein und wieder aus, ließ ihr Kopf sinken und nickte beiläufig, ehe sie ihre Arme unter seine schob und ihn an sich drückte.
Die Haarblume, welche er aus dem Wasser fischte, jene welche sie beim Schimmen verloren hatte und er sie für diesen Moment mit sich nahm, zog er kurzerhand aus seiner Hemdtasche hervor und steckte sie behutsam in ihr Haar, bevor er dann seinen Kopf auf ihren legte. Schwer hob sich der Brustkorb bei seinen Atemzügen, während er einen Moment lang stumm dastand und seine Gedanken wieder für einen Augenblick los ließ.
Es ist Zeit loszulassen, Tom. Du musst es beenden. Lass sie gehen...
Als sie ihren Blick zu ihm anhob und er den Kopf dabei zurückzog, während sie sich beide in die Augen sagen, hauchte sie leise die Worte „Anderer Ort, andere Zeit.
Ein kaum merkbares Nicken ging auf ihre Worte hin von ihm aus. Aye. Anderer Ort, andere Zeit.
Er beugte sich schließlich wieder nach vorne, einen Arm um ihre Taille auf den Rücken legend, um dann seine Lippen liebevoll mit den ihren zu versiegeln. Sie erwiderte jenen Kuss sanft, ehe beide sich lösten.
Ich werde diese Zeit vermissen.“ Hauchte er leise. Du meinst, du wirst _sie_ vermissen. Du darfst nicht ständig deine Gefühle verbergen und das, was du eigentlich meinst. Idiot.
Ich werde Dich vermissen.“ Erwiderte sie daraufhin, ebenso hauchend, ehe sie sich schweigend lösen und gehen wollte.
Ich dich auch, Kila.“ Kam es dann wieder von Tom, wobei er nach ihrer Hand griff und den Schlüssel, welchen er von ihr erhielt, in ihre Hand legte. Dieser Moment schien ewig anzudauern und es wurde nicht besser, als sie daraufhin die Luft zwischen den Zähnen hindurch zog und sich dabei auf die Lippen biss. Wieder musste er schwer schlucken und sein Blick spiegelte dabei für einen Moment Trauer dar, gleich einer Person, die jemanden verlor, dem sie nahestand.
Als sie schließlich die Treppen hinunterstieg, lehnt er sich nach hinten gegen das Holzgitter, welches von Pflanzen überdeckt war und ließ sich langsam nach unten sinken, während er den Kopf gen Boden neigte.
Du hast das richtige getan. Erklang die Stimme wieder in seinem Kopf.
Kaum hatte er den Eid den Piraten gegenüber geschworen, kam eine Hand auf ihn zu, welches ein Stück seines Herzens gierig aus seinem Leib riss.
Selbst die Freiheit hat seinen Preis.

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Zuletzt geändert von Thomas Erlenhain am Sonntag 29. Januar 2017, 17:10, insgesamt 1-mal geändert.
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