Wenn der Wind mit dem Sand tanzt

Ismaael Masari

Beitrag von Ismaael Masari »

Hastig war er durch die Stadt geirrt. Er wollte seinen Menekanern einfach ein guter Kumpane sein. Er sah deutlich über sein eigenes Wohl heraus, so oft wie ihn die Steine schon hätten erschlagen können. Die Haut brannte schlimmer und schlimmer und auch das Atmen war inzwischen völlig unerträglich. Ständig galt der Reiz in seinem Hals, sich zu übergeben - sich einfach fallen zu lassen. Dennoch musste er weiterkämpfen, er war zäh, zäher als andere und diese anderen waren allesamt sein Volk. Er musste es schützen, bis er selbst nicht mehr konnte.

Ein Schemen bildete sich langsam im Sturm - eine Frau? War es gar Eluivé und wollte ihn zu seinen Urahnen holen? War er gestorben? Einfach im Sturm umgekommen. Nein, glücklicherweise nicht. Es war Sahar, in ihrer wunderschönen Aufmachung, mit den sanften, kraftausströmenden Augen in denen man erkennen konnte, dass der Kopf dahinter nur so vor Kreativität sprießte. Aber er sah auch Angst, verständliche Angst, die wohl jeder in gewissen Mengen in sich trug. Sie wechselten einige Worte, woraufhin Ismaael Sahar erklärte, dass er sih bald zur Oase aufmachen wollte, um zu schauen, ob dort noch Hoffnung bestand.

Sie brachen tatsächlich auf, fest nahm er Sahar in den Arm und hütete sie wie einen kleinen Schatz, bei dem er nicht bereit war, sie loszulassen. Es war anstrengend, doch war es machbar. Tatsächlich fanden sie die Oase, wo auch bereits Khalida wartete, die ganz offensichtlich die gleiche Idee hatte. Sie fassten sich und beschlossen zusammen hier das Lager vorzubereiten. Der Ort war ungewöhnlicherweise wenig vom dem Sandsturm betroffen. Er schien, wie ein mächtiges Bollwerk Eluivés, während in der Ferne die prächtige Stadt halb zusammengestürzt war.

In Eile suchte Sahar Vorräte zusammen, wobei sie auch einzigartige Köstlichkeiten vorfand, die in diesen Zeiten gar unique waren. Auch Ismaael plünderte seine privaten Vorräte und stopfte sie in seine Manteltaschen. Er warf ein Bündel Felle, aus denen er vor hatte im Lager diverse Unterkünfte aufzustellen. Khalida holte derweil zwei Packtiere in Form von Lamas, wo dann die ganzen Sachen aufgebunden wurden, passend befestigt natürlich. Dann brach man Richtung Oase auf...

An den Rest konnte sich Ismaael nicht mehr erinnern. Die Gedanken waren voller Verwirrung, Unklarheit herrschte in ihm. Ihm war immernoch schlecht und alles drehte sich. Der pochende Schmerz, der absolut nicht nachlassen wollte. Er sah sich um: Das Lager war aufgebaut, einige der anderen Menekaner waren eingetroffen und hatten es sich bereits gemütlich gemacht, so wie es eben nur ging. Jemand hatte ihn in eine Decke gewickelt und in Sicherheit an eine Palme gelegt. Er drehte sich nur auf der Stelle herum - er war ja so müde. Morgen... ja, morgen... da musste er dringend nach anderen Menekanern sehen, die nichts von der Oase wussten...aber erst morgen...
Sharie Ifrey

Beitrag von Sharie Ifrey »

Mit dem letzten Schiff reisten Sharie und Kemail nach Menek’Ur zurück, nachdem sie noch ein paar Dinge in Bajard erledigt hatten. Und es würde wirklich das letzte sein, denn keiner der Kapitäne wollte eine Insel anfahren auf der Sandsturm und Wind so heftig tobte, dass ein falsches Manöver, das Schief schier kentern ließe. Es hatte Sharie ein ordentliches Sümmchen Gold gekostet, noch einen Kaptain zu finden, der verrückt genug war, noch nach Menek’Ur auszulaufen. Die überfahrt dauerte länger als gedacht, und als sie noch einige hunderte Meter von der Küste entfernt waren, konnte man die schweren Stürme bereits sehen. Ganz so närrisch, wie geglaubt, war der Kaptain dann doch nicht und meinte nur, dass er nicht weiter die Insel anfahren würde, doch er deutete auf ein Beiboot das sich an Bord befand. Mit diesem Paddelten dann die beiden nach Menek’Ur zurück. Beinahe, kurz vor Ufer, wären sie unter einer Welle vergraben worden, wäre nicht im letzen Moment der rettende Steg so nahe gewesen, an dem sie sich rasch auf das Land zogen.

Die Stürme waren unaufhaltsam geworden. Die Sicht war schlecht, und jedes mal wenn ein Sandwirbel vorbei zog, fand er neue Nahrung in ihnen, und peitsche den zweien den Sand mit solch einer Wucht ins Gesicht und gen Körper, das es schon schmerzhaft war. Der Weg führte Kemail und Sharie Richtung Basar, wo sie noch vereinzelt auf ein paar Stadtwachen trafen die wild gestikulierten und Befehle erteilen. Der Basar wirkte erschreckend, die ersten Wände drohten einzustürzen, und es würde auch beim nächsten starken Wind passieren. Sie informierte sich bei der Stadtwache, das einige Grüppchen von Menekanern sich auf den Weg ins Landesinnere zur Oase aufgemacht hatten, weil dort der Sandsturm nicht so heftig tobte. Ein kurzer blick zu Kemail, und die beiden wussten wo hin sie ihr nächster Weg führen würde.

Doch zu erst trennen sich ihre Wege kurz, als Sharie zu ihrem Haus eilte und noch das Wichtigste einpackte, was sie brauchte. Auch wenn es lebensmüde war ihr Haus nochmals zu betreten. Doch es musste sein. Schwer knarzend öffnete sich die Tür, als dabei etwas Putz zu Boden bröckelte. Die Sachen waren schnell gepackt, so nahm sie nur das nötigste mit; Essen, einen ordentlichen Schlauch voll Wasser und noch einige dinge die in die Taschen passten.
Es dauerte nicht lange als sie wieder am Basar ankam und noch auf Ibraheem traf, der auch dabei war, das nötigste zu packen und los zuziehen. Kemail stieß auch wieder zu dem Grüppchen hinzu, und so machten sich die drei auf den Weg, in die Richtung zu gehen, wo ihnen die Stadtwache gezeigt hatte. Sharie kannte sich zwar ungefähr aus und war durchaus mit der Wüste und ihren Tücken vertraut, doch überließ sie es Kemail die Führung zu übernehmen. Vereinzelt fanden sich noch Spuren im Sand, doch war das meiste schon durch den Wind unkenntlich, und so mussten sie völlig auf Kemail und seine Kenntnisse vertrauen. Der Weg war lang und unbehaglich, denn immer wieder wurden sie von Sandwirbeln heimgesucht, die rasch an ihnen vorbei zogen und ihnen einen neuen Wall von Sand vor die Füße streuten. Die Hitze war ebenso unerträglich. Der lockere Kaftan und Turban schütze zwar davor, das sie Sonne nicht direkt auf die Haut schien, doch wurde es in den Kleidern unerträglich heiß.
Die Gliedmaßen schmerzen Sharie, und als sie den letzten Tropfen Wasser aus ihrem Lederschlauch trank, der kaum noch Linderung ihres Durstes brachte, sahen sie in der Ferne die ersten Palmen der Oase stehen. Das gab Sharie und ihren müden Gliedern nochmals genug Ansporn, um die letzten Meter des Weges zurück zu legen.
Die Luft flimmerte von der immer noch währenden Hitze, doch waren hier die Winde wirklich schwächer geworden, ja fast gänzlich verschwunden. Und wie erleichtert waren die drei, als sie endlich im kühlenden Schatten der Palmen ankamen.
Müde ließ sich Sharie, mit dem Rücken an einer Palme gelehnt nieder, und ihr vielen sofort die Augen zu, nachdem sie einen erfrischen Schluck Wasser aus einem Schlauch getrunken hatte, der ihr sogleich gereicht wurde von einem der anderen Menekaner, als sie ankamen.
Saheeb Masari

Beitrag von Saheeb Masari »

Mit zittrigen Gliedern saß Saheeb, weiß vom Staub des herabfallenden Salzes, das durch die Erschütterungen herabrieselte, an eine Wand gekauert und heilt beide Beine eng an den Körper gezogen. Es war dunkel in der Mine, schrecklich dunkel. Zwei der Wachmänner standen am verschütteten Eingang und versuchten, die Geröllmassen auch nur einen Zentimeter zu bewegen - aber es war sinnlos.

Einige der Kerzen, die in der Mine verteilt standen, waren bei dem plötzlichen Heranbrausen des Sturmes und bei den Erschütterungen erloschen und nur noch an zwei oder drei Stellen brannte ein sanftes, hoffnungsvolles Licht. Saheeb machte sich nicht solche Illusionen wie die Wachmänner - der gesamte Eingangsbereich war schon seit Tagen brüchiger als der Rest der Mine. Steinbrocken, Holzpfähle, eine Zeltplane und die Massen von Sand, die sich vor dieser Barriere aufgetürmt haben mussten, würden den Menekanern in ihrem Gefängnis keine Chance geben, sich zu befreien.

Einer der anderen Wachleute, die ebenfalls an Wände gekauert oder an Felsen gelehnt dasaßen und -standen murmelte leise menekanische Formeln vor sich her - Beschwörungsformeln, die den Geist der heiligen Mutter und ihre Gnade herbeibringen sollten. Ein anderer trat nervös von einem Fuß auf den anderen, marschierte quer durch die Mine, stemmte sich dann erneut gegen die Felsbrocken, die den Ausweg in den Sturm verhinderten und brach dort schließlich zusammen - nicht aus Schwäche. Die Nerven brachen ihm zusammen.

Ein sehr junger Menekaner saß direkt neben Saheeb. Auch er trug die Rüstung und die Waffen eines Wachmannes, er musste sich gerade in der Ausbildung befunden haben. Wieso hatte man einen so jungen Mann in die Mine geschickt? Auch wenn man sah, wie sehr der Junge sich bemühte, stark und hart zu bleiben, fanden heiße Tränen ihren Weg an seinen salzigen Wangen hinab und hinterließen verwischte Linien auf seiner Haut.

"Fürchte dich nicht.", sprach Saheeb nach einigen Minuten den jungen Kerl an und versuchte, dabei selbst so sicher und hoffnungsvoll wie nur möglich zu klingen. "Angst ist ein schlechter Begleiter, erst recht in Zeiten wie diesen. Du wirst sehen, der Sturm wird nachlassen und man wird nach uns suchen. Unser weiser Emir und sein Statthalter werden alles tun, damit wir bald wieder durch den Sand rennen können."

Für einen Moment tat der Junge, als hätte er die Worte des Mannes nicht vernommen. Mit seiner zittrigen und sandverschmierten Hand wischte er sich über das Gesicht und hinterließ damit einen handrückenbreiten Streifen zurück, ein Gemisch aus Salz, Sand und Tränen. Langsam schien er sich zu beruhigen, noch einmal zog er die Nase hoch und blickte dann in Saheebs Gesicht. "Meint ihr wirklich, Herr? Meint ihr... ich werde meine Eltern wieder sehen?"

Saheeb legte dem jungen Knaben eine Hand auf die Schulter. "Glaube daran, dann wird es so sein. Eluive lässt niemanden aus ihrem Volk im Stich. Und nun versuch, dich zu beruhigen - ich werde nachsehen, ob ich beim Eingang etwas erreichen kann."

Damit erhob sich Saheeb, klopft Salz und Steine von seinen verschwitzten und verdreckten Kleidern und stapfte langsam ins Dunkle davon, richtung Mineneingang, wo nur noch winzige Löcher Einblick in das Chaos gewährten, das draußen herrschte.
Charis Yazir

Beitrag von Charis Yazir »

Der Sturm drückte ihr beißend ins Gesicht, während sie versuchte sich durch die Stadt zu kämpfen. Was war das nur für ein Unwetter? Die Hitze war unerträglich, der Sandsturm gnadenlos. Ständig wurde sie von Sandkörnern umwirbelt, die sich überall hineinsetzten wo sie auch nur das kleinste Plätzchen fanden. Teilweise zerriss es schon ihre Kleidung und sie hatte Schwierigkeiten überhaupt einen zielstrebigen Weg zu finden, um sich durch den Sturm zu kämpfen. Ihr Haus war schon gar nicht mehr betretbar, soviel Risse in den Wänden wies es auf. Der Sand drückte sich durch die Fenster und bedeckte bereits den Boden, die Tür wurde schon aus den Angeln gerissen und sie wehte nur noch sinnlos umher, es war alles nur noch eine Frage der Zeit bis jenes endgültig einstürzte und in sich zusammenbrach. Besser war es zu flüchten. Hinaus aus der Stadt.

Sie wusste nicht mal wohin sie ging, wo sie denn Zuflucht suchen sollte. Den schließlich sah keins der Häuser noch sehr standhaft aus. „Saheeb“ … sie dachte an Saheeb. „Wo war er nur? Hoffentlich in Sicherheit?“ kurz blieb sie vor seinem Haus stehen, sah mit Entsetzen, dass auch sein Haus mehr einer Ruine glich, wie irgendetwas anderem. Die Hoffnung ihn dort anzutreffen erlosch sogleich in ihrem Herzen und Verzweiflung machte sich in ihr breit. Wieder ließ sie die Blicke über die Häuser in der Stadt gleiten und ihre Augen weiteten sich mit immer mehr Entsetzen. Traurigkeit, Hass, Angst, wohl alles war darin zu lesen. Wie konnte Eluive es nur zulassen, einen solch grauenvollen Sturm über das Land zu jagen.

Sie zog den Umhang fest um sich, zog die Maske tiefer ins Gesicht und kämpfte sich entschlossen, gegen den Sturm Richtung Stadttore … hinter ihr stürzten schon so manch Häuserwände ein und krachten schallend zu Boden. Eiligen Schrittes ging sie weiter, soweit es der Sturm zuließ. Sie musste raus hier und zwar schnell … in die Wüste … in der Hoffnung, dass es dort sicherer war. Wobei sie nicht mehr daran glaubte, jegliche Hoffnung schwand bei dem Anblick der Sandstürme, die sich immer wieder von neuem auf taten, stärker und zerstörerischer wurden. Der Weg wurde immer beschwerlicher für sie, die Taschen voll gepackt bis oben hin, aber doch nur mit dem nötigsten, stapfte sie durch die Wüste. Der Sand unter den Füßen lies sie schwer vorankommen, genauso wie der Sand, der durch einzelne Wirbel immer wieder aufgestoben wurde. Die beißende Hitze zehrte zusätzlich an ihrem zarten, zierlichen Körper. Eigentlich sollte es doch ein leichtes sein, so leicht wie sie war durch die Wüste zu kommen. Doch fiel es ihr schwer, sich gegen die Stürme zu stemmen, ja stemmen musste sie sich … abermals kam ein Sandsturm auf, der sie direkt einschloß. Ihre Kräfte wurden schwächer und sie warf sich nur noch zu Boden, in der Hoffnung es wäre bald vorbei. Verzweifelt biss sie sich auf die Lippen, kneifte die Augen zusammen und versuchte tief durch zu atmen, um sich aufzurappeln, ehe sie langsam merkte, wie ihr schwarz vor Augen wurde und die letzten Kräfte sie verließen. Da lag sie nun … mitten in der Wüste … irgendwo im nirgendwo … weit entfernt von den anderen. Der Sandsturm führte sein Treiben weiter und wirbelte massig Sand umher … ihre Spuren verwischend, den Körper leicht bedeckend ….
Sahlim Ifrey

Beitrag von Sahlim Ifrey »

Benommen kam Sahlim wieder zu sich. Der Sturm wütete immer noch, jedoch für einen Moment schwächer als noch zu der Zeit, als er Menek'Ur zum Einsturz brachte. Er war halb vom Sand begraben und konnte sich nicht rühren, soviel stellte er für den ersten Moment fest. Verzweifelt und noch etwas desorientiert schüttelte er den Kopf von Sandkörnern frei. So lag er nun da, begraben von Sand und allein, soweit er die Lage überblicken konnte. Sein Trupp - verschwunden. Eluive mochte ihnen gewährt haben, dass sie sicher zur Oase gekommen waren, anderenfalls wäre Sahlims letzter Glaube in ihre Gutmütigkeit ein für alle mal dahin gewesen.

Irgendwas hielt er in seinen Händen, das vermochte er noch zu verspüren. Bei eluives kostbarsten Tränen, wenn er doch nur die Hände freibekäme! Wieso nur musste es ausgerechnet ihn treffen, der nun hier lag und mit dem Tode ringen musste? Wieso war es nicht irgendein anderer gewesen? Er war dem Ziel seiner Suche keinen Schritt näher gekommen und doch gescheitert?

Oh nein, das durfte und konnte nicht sein. Zorn und Wut machten sich wieder in seinem Bauch breit, gepaart mit dem Gefühl der Hilflosigkeit, dem Schicksal allein entgegen zu stehen. Sein inneres Feuer war noch lange nicht erloschen, und er hatte nicht vor, sich von ein paar Lagen Sand entmutigen zu lassen. Mit allen Kraftreserven, die er nach dem langen Marsch und der Böe noch hatte, spannte er seine Muskeln und den ganzen Körper an. Es musste doch möglich sein, sich von diesen Sandmengen zu befreien! Er drehte sich, drückte, schob und presste den Körper empor, versuchte auf irgendeine Art und Weise seine Hände frei zu bekommen. Und tatsächlich - die Wut, die sich in ihm aufgestaut hatte seit dem Beginn des Sturmes, setzte in ihm Kräfte frei, die er noch nicht gekannt hatte. Es gelang ihm, den Sand zu bewegen, etwas zu lockern.

Noch immer war er nicht frei, aber seine Lage nicht mehr so aussichtslos. Die Augen geschlossen, damit kein Sand hineinkäme, gönnte er sich nur kurze Ruhepausen zwischen den Versuchen, sich zu befreien. Es dauerte lange, einige Stunden, bis er seinen Arm zu befreien vermochte. Nicht zuletzt war ihm der Wind zuhilfe gekommen, der noch immer peitschend und stürmend Sand gegen Menek'Ur trieb. Die Vorräte jedoch, die Sahlim mit letzter Kraft bei sich behalten hatte, sollten zurückbleiben im Sand, ein Zeichen seines Kampfes, den er dort geführt hatte.

Erschöpft und kaputt kniete Sahlim einige Zeit neben seinem staubigen Gefängnis und versuchte, zu neuen Kräften zu kommen. Dann, langsam aber zielstrebig, fanden seine Schritte den Weg richtung Oase, zu seinem Volk.
Sahar Taj

Beitrag von Sahar Taj »

Ein leises Seufzen. Das donnernde Brausen des Windes. Leises Knarren der Holzkonstruktion im anhaltenden Wind. Das schmerzerfüllte Stöhnen eines Verletzten auf den notdürftigen Felllagern. Verhaltenes Murmeln der Gespräche voll von Sorge. Die Geräuschkulisse in der Oase war vielfältig, allgegenwärtig und unentrinnbar. Ebenso aufdringlich war der Sand, stets auf der Lauer in Nase, Mund und Augen einzudringen. Am schlimmsten jedoch war die Hitze, die nie verschwinden wollende glühende Hölle der Wüste. Gepaart mit der Unmöglichkeit Abkühlung zu finden wurde das Bedürfnis sich den Schweiß vermischt mit Sand vom Körper zu waschen unbezwingbar.

Die erste Nacht im improvisierten Lager war unruhig verlaufen. Die Erschöpfung des mehrtägigen Marsches durch den Sturm hatte die Menekaner nach und nach in einen dämmrigen, besinnungslosen Schlaf fallen lassen. Riss der wütende Wind jedoch eine Laterne um oder heulte er in der Ferne auf, fuhren immer wieder Köpfe aus den Fellen hoch. Die Angst war selbst hier, in der relativen Sicherheit der Oase nicht gewichen. Jeder von ihnen hatte Freunde, Bekannte, Familie die es bisher nicht aus der Stadt geschafft hatten. Freunde die in diesem Moment unter Mauertrümmern liegen konnten, eingeschlossen, durstend, tot. Hin und wieder, wenn das Tosen des Windes nachließ und Stille entstand war verhaltenes Schluchzen hörbar. Mancher stolze Menekaner weinte nachts um die verlorene Heimat einsame Tränen. Und noch mehr kämpften trotz aller Erschöpfung um den Schlaf, der vor Sorge und Kummer floh. Erst die Dämmerung brachte Erleichterung - die simple Möglichkeit die Hände beschäftigen zu können und so den nagenden Gedanken zu entfliehen. Jeder, vom einfachen Krieger bis zum Statthalter legte mit Hand an und ließ in der Oase einen Ort der Sicherheit entstehen. Und in dieser Geschäftigkeit entstand ein Gefühl der Einigkeit, das in dieser Kultur wohl immer gepflegt aber selten so spürbar war.

Die Stimmung hob sich stets wenn wieder ein Menekaner den Weg zur Oase fand, meist kamen sie einzeln, bedeckt von Sandkrusten und völlig ausgelaugt. Nur selten kam eine größere Gruppe an, noch seltener war ein organisierter Trupp mit Vorräten und Gepäck gesichtet worden. Die Oase füllte sich stetig und mit dem Stimmengewirr stieg auch die Stimmung ein wenig. Manchmal flog während der Arbeit ein Scherzwort hin und her, leises Lachen vertrieb für kurze Zeit das Gefühl des Verlustes. Doch dann trieb der Wind wieder eine brennend heiße Böe durch das Lager und den Menekanern fuhr es wie eine eisige Hand über den Rücken. Wo waren all ihre Lieben? Lebten sie, stand die Stadt noch? Wieviele Tote hatte der Wüstensturm gefordert, welchen Tribut würde er noch nehmen?
Dann erstarrten die schmal gewordenen Gesichter und ernste Blicke senkten sich zu Boden. Der Abend würde wieder stille Stunden mit sich bringen, viele Gedanken und zuviele Möglichkeiten über die Gefahren nachzusinnen. Das flackernde Feuer und die Nähe der Menekaner würde die kalte Angst nicht aufhalten können. Dennoch war die Anwesenheit von Freunden tröstlich, eine kurze Berührung, ein Lächeln ließ die innere Kälte abflauen. Und ihre Laute, ihre Musik würde vielleicht ein übriges tun. Ihr Spiel hatte schon am ersten Abend ihre Erschöpfung gemindert und den Gefühlen freien Lauf gegeben. Zumindest ein wenig Ruhe und Sicherheit würde sie in ihren Liedern finden können. Und es gab sovieles woran man denken musste, sovieles worum man sich kümmern musste. Es war ein gutes Gefühl den schwachen und trostlosen unter den Menekanern Trost zu spenden, für die grundlegenden Bedürfnisse zu sorgen. Darüber wurde die eigene Sorge, die Trauer betäubt. Der Augenblick war wichtig, was die Zukunft bringen würde, wusste ohnehin nur Eluive selbst.
Saheeb Masari

Beitrag von Saheeb Masari »

So froh Saheeb war, dass die Mine selbst unbeschädigt geblieben war und hier weder Sand noch Sturm Zutritt fanden, langsam aber sicher wurde die Lage ernst. Die Bemühungen der Wachmänner waren vergeblich, der riesige Sandberg, der sich zusammen mit Steinen, Holzbalken, Zeltplanen und allerlei Trümmern vor dem Eingang aufgeschichtet hatte, ließ sich nicht überwinden.

Ab und an versuchte man, durch die winzigen Spalten und Löcher, die das monströse Sandwerk ließ, einen Blick nach draußen zu erhaschen, aber weder begann der Wind nachzulassen noch schien Rettung zu kommen. Man war auf sich alleine gestellt. Das Rufen nach Hilfe hatte man schon bald aufgegeben - niemand würde, selbst wenn er direkt vor der Mine stände, auch nur einen Wortfetzen verstehen von dem, was die armen Männer sich aus dem Leibe brüllten.

So begann man nun, sich einzurichten in einem Gefängnis, das dereinst einer der heiligsten Orte für das menekanische Volk gewesen war - und es noch immer wäre, würden nicht Tonnen von Geröll das Volk von den kostbaren Tränen der Eluive trennen. Zum Glück trug manche Wache, die den langen und durchaus auch langweiligen Dienst im Minenschacht gewohnt war, einen Schlauch mit kostbarem Trinkwasser bei sich, die nun gesammelt und rationiert wurden. Selbst der kleine Junge, der sich als Fuad aus dem Hause der Ifrey zu erkennen gegeben hatte nach einigen Stunden des inzwischen vertrauten Gespräches, konnte seinen Teil zum Wasservorrat der Gefangenen beisteuern. Saheeb konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Es schien dem jungen Mann gut zu tun, dass er nicht nur sinnlos in der Mine herumsaß, sondern mit seinem Wasser die Leute vielleicht einen ganzen Tag länger am Leben halten konnte.

Dennoch war es nicht viel, das zusammen kam. Mit viel Glück konnte man vielleicht drei, höchstens vier Tage in der Mine ausharren, zu Essen gab es so gut wie nichts. Und durch die kleinen Löcher in der Sandbarriere kam nur wenig Luft, so dass die Versorgung mit frischer Atemluft ein weiteres Problem zu werden schien. Doch darum konnte man sich kümmern, wenn der Rest sich geregelt hatte.

Man setzte sich nun in kleinen Gruppen um die verbliebenen Kerzen, die an wenigen Stellen den Minenstollen noch auszuleuchten vermochten. Wieder waren zwei Kerzen erloschen, die eine war bis zu ihrem Ende treu geblieben und als Wachspfütze am Boden verendet, die andere wurde versehentlich von einem Wachmann umgestoßen und damit zerstört. Die Dunkelheit und das drohende Ende belastete die menekanischen Männer schwer, aber man versuchte tapfer, sich mit Geschichten und Rätseln von der ausweglosen Situation abzulenken.

Saheeb saß ebenfalls in einer dieser Gruppen, zusammen mit Fuad. Der kleine Junge schien ihm zu vertrauen - ein Gefühl, das Saheeb auf gewisse Weise stolz machte und ihn hoffen ließ, dass dies alles doch nur eine Prüfung der Mutter und nicht das bittere Ende war. Notfalls würde er dem kleinen Jungen seine Wasserrationen vermachen - es war besser, er schaffte es als ein älterer Mann.

Während die Männer so sprachen und um ihren Verstand rätselten, schweiften Saheebs Gedanken weit ab. Im schalen Licht der kleinen Kerze sah er Bilder seiner Familie. Er sah Zaina, die mit ihrem Saalih Hand in Hand am Hafen stand. Zaina. Wie mochte es ihr gehen? Er verspürte keine Schmerzen in der Bauchgegend, dieses unangenehme Gefühl, wenn ihr etwas zugestoßen war. Und er spürte auf eine vertraute Weise, dass seine kleine Zwillingsschwester noch am Leben war. Vermutlich war sie mit Saalih gegangen, wo auch immer die beiden nun in Sicherheit sein mochten.
Und er sah Aalina, wie sie glücklich mit Raakin umherwanderte. Ach Aalina. Erst jetzt wurde Saheeb wirklich bewusst, wie nichtig und unbedeutend ihr Streit gewesen war. Sie war seine Schwester, wenn es darauf ankam, hatte sowieso sie recht. Das war seine Pflicht und seine Last als Bruder - den Frauen zu Diensten zu sein. Es blieb nur die Hoffnung, dass nicht Worte des Streites das letzte gewesen sein sollte, was sie voneinander gehört hatten. Doch Saheeb war sich sicher, Raakin würde sie schützen und längst in Sicherheit gebracht haben. Anderenfalls würde kein Sandsturm und keine Armee aus Wüstenkriegern den Großwesir vom Zorn ihres Bruders abhalten - eine innige Drohung, die Saheeb beruhigt für sich selbst aussprechen konnte, würde sie doch gewiss nie wahr werden.
Amira, die kleine Prinzessin der Familie. Sie war bestimmt im Palast gewesen, vielleicht hatte sie sich den schönen Künsten der Frauen hingegeben, als der Sturm Stadt und Insel verwüstete. Doch umgeben von den Wachen des Emirs würde sie - wie der Einzigartige selbst - in Sicherheit gebracht werden. Um sie machte er sich die geringsten Sorgen.
Najiya, die junge Heilkundige aus dem Hause der Masari. Um sie machte sich Saheeb die meisten Sorgen. Er hatte unendliche Zeiten damit verbracht, so schien es ihm nun, sie zu suchen. Doch nirgends vermochte er auch nur Spuren von ihr auszumachen. Es blieb nur die Hoffnung, dass es ihr gut gehen mochte und auch sie es geschafft hatte.
Ra'ed. Der junge Masari-Mann, von dem Saheeb nie zuvor gehört hatte und der doch ein Teil seiner Familie war. Wie es ihm wohl gehen mochte? Er war ein junger Krieger und damit standhaft und stark. Kein Wüstensturm würde vermögen ihn zu schwächen - mit dieser Hoffnung musste sich Saheeb letzten Endes begnügen.

Und dann war da noch Charis. Die kleine, freche und lebenslustige Frau, die am liebsten auf Palmen herumturnte und mit ihrer einfachen und umkomplizierten Art sein Herz fest gefangen hielt. Wenn er an sie und das Leid dachte, das sie vielleicht in diesem Moment durchmachte, schien sein Herz wie von einer eisigen Klammer umgeben. Innerlich verfluchte er die Kräfte, die für diesen Sturm verantwortlich waren. Wenn sie ihm nun auch noch die Frau seiner Träume nahmen - was war dieses Leben dann noch wert? Oder... vermochte er dann überhaupt noch weiterzuleben?

Saheeb atmete aus. Er hatte bei diesen Gedanken vergessen zu Atmen und die Luft fest angehalten. Jetzt jedoch schüttelte er nur den Kopf - das waren Gedanken, die er nicht denken durfte. Charis ging es gut. Dafür würde die Mutter sorgen. Und sollte sie umkommen, so hatte dies alles einen tieferen Sinn, hatte dies alles einen Hintergrund. Fuad sah besorgt zu dem salzverschmierten Menekaner hinüber, der trotz des Salzes in seinem Gesicht merkwürdig bleich und blass wirkte.

"Ist alles in Ordnung, werter Herr Saheeb?", fragte er mit einer kindlichen und unsicheren Stimme, die Saheeb wieder ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

"Ja, Fuad. Mach dir keine Sorgen. In ein paar Tagen sind wir hier wieder raus - und dann fangen wir wieder ganz von vorne an. Du wirst sehen."
Saheeb Masari

Beitrag von Saheeb Masari »

Wieder war eine Kerze bis auf den letzten Tropfen wachs heruntgebrannt. Nur noch vier kleine Kerzchen erhellten die riesige Mine und dienten als Rettungsanker für die furchtsamen und verängstigten Männer.

Drei oder vier der Wachmänner in ihren ledernen Rüstungen und mit den Wüstenskorpionen an ihren Gürtel gebunden ließen trotz derAusweglosigkeit nicht davon ab, den Eingang zu bewachen und hin und wieder den Durchbruch zu versuchen. Natürlich ergebnislos, im Gegenteil: mit jedem mal, wo sie etwas Sand beiseite geschleppt hatten, brach noch mehr von außen wieder herein. Für diese Art der Kraftvergeudung hatte Saheeb nur ein müdes Lächeln übrig. Er kannte die Mine, und er wusste, dass es leichter war, hier auszuharren, als den Eingang mit Gewalt zu öffnen und alleine zu versuchen, durch den Sturm zu entkommen. Natürlich schätzte er die Aufgaben und die Pflichten der Gardisten und es lag ihm fern, ihre Berufung unter die seine zu ordnen. Doch in diesem Berg war er zuhause, seit frühester Kindheit. Er wusste, dass er hier sicherer war. Aber wenn es sie beruhigte, sollten sie ihre Kräfte an den Sandmassen aufzehren - mehr Wasser konnten sie dennoch nicht bekommen.

Stattdessen begnügte Saheeb sich mit einfacheren Dingen. Zum Beispiel schlief er fiel. In einer Salzmine zu schlafen ist weder für Atmung noch für die Haut sehr angenehm und gesund, aber trotzdem hatte der junge Salzschürfer schon mehrfach in seinem Leben die Nächte hier verbracht. Die Mine war gar wie eine Art zweites Zuhause für ihn gewesen, früher, wenn er sich nicht nach Hause getraut hatte zu Fateen, seinem Vater, und auch später, als er ein eigenes Haus in Menek'Ur besaß. Hach ja, das kleine Häuschen am Stadtplatz. Wenn es überhaupt noch stand nach diesem Sturm, würde es furchtbar eingerissen und demoliert sein und die Renovierung Monate dauern. Aber so heftig, wie der Sturm dort draußen tobte und selbst im Inneren der Mine noch widerhallte, konnte Saheeb sich nicht vorstellen, dass auch nur irgendetwas diesen Urkräften standzuhalten vermochte.
Der Schlaf hingegen machte Saheeb wieder deutlich ruhiger und gelassener. In seinem Zweitwohnsitz fühlte er sich einfach wohl, wie verschwitzt und verklebt er auch sein mochte. Und langsam aber sicher begann er, die Nähe des jungen Wachknaben Fuad zu genießen. Der kleine Mann kannte eine Vielzahl menekanischer Mythen und Sagen, die ihm seine Mutter erzählt hatte, und er vermochte sie auf eine so packende und fesselnde Art und Weise zu erzählen, dass Saheeb, der eigentlich nicht viel für Geschichten und Gesang übrig hatte, wie gebannt in den Schein der Kerze blickte und den Worten des Jungen lauschte. Und auch Fuad schien es gut zu tun, nicht einfach herum zu sitzen, sondern etwas zu erzählen und sich damit abzulenken.

Die Stunden vergingen, hin und wieder rollten Sandkörner und kleine Geröllsplitter in die Mine, rasselten und schepperten auf dem körnigen Untergrund vor sich hin. Manchmal tobte eine stärkere Böe gegen den Sandwall und das laute Geräusch des Windes ließ die Männer, ob alt oder jung, zusammenfahren. Wer in die Gesichter der Mannen blickte, die nur schwach von den immer kleiner werdenden Kerzen beleuchtet wurden, der konnte glauben, er blicke in die Gesichter der Toten. Über und über waren sie mit dem feinen, unnachgiebigen Staub des Salzes bedeckt, der ihre Haut bleich wie Knochen färbte und sie rissig und spröde werden ließ.

Saheebs Gedanken schweiften weiter. Rissige Haut? Wunden und Rötungen durch das Salz? Zwei Frauen hatte es gegeben neben seiner Schwester Zaina, die ihm in diesem Zuge zu Kokusöl geraten hatten. Madeeha, die junge Heilerin mit dem ganz eigenen Charme. Er hatte nie erfahren, wohin sie verschwunden war, ob ihr etwas zugestoßen war. Und Charis, die quirlige junge Menekanerin. Doch immer mehr verblassten die Erinnerungen an Gesichter und Geschehnisse im sonnigen Menek'Ur, die Bilder von goldenen Straßen, sandsteinfarbenen Wänden, den Teppichen und Vorhängen, die die ganze Stadt zierten. Langsam verschwand die Erinnerung an das Leben in diesem tristen Dunkel, und je schwächer und kleiner die letzten Lichter wurden, desto unheimlicher und verängstigter wurde auch wieder die Stimmung.

Erschöpft lehnte sich Saheeb schließlich wieder an eine der Salzwände. Würde man sie finden? Würde man hier überhaupt nach ihnen suchen? Er hatte Fadi diesen verdammten Brief hinterlassen, vermutlich glaubte er immer noch, Saheeb wäre auf der Suche nach den beiden Frauen. Und die Stadtwachen? Er hatte ihnen nicht gesagt, wohin er wollte. Wie konnte er nur hoffen, dass man ihn, dass man diese Leute hier finden und retten würde - lebendig. Zaina... vielleicht würde sie spüren, wo er war. Vielleicht würde sie spüren, wie langsam, schleichend, aber unaufhaltsam der süße Geschmack des letzten, ewigen Schlafes immer näher rückte, nicht nur ihm, sondern allen, die hier begraben saßen. Begraben. Würde die Salzmine zuletzt zu einem riesigen Grab für die Geschöpfe Eluives?
Aalina Yazir

Beitrag von Aalina Yazir »

Aalina hatte das Grollen über sich vernommen. "Was geschieht hier?" flüsterte sie in die Stille. Irgendetwas war passiert und sie wusste nicht, was es war. Vorsichtig stand sie auf und wollte die Treppen hinaufgehen um nachzusehen, als es erneut knarrte und grollte. Aalina hob schützend ihre Arme über sich und drehte sich ruckartig zur Seite, als der Balken auf sie zuraste. Sekunden später sank sie verletzt und benommen zu Boden. Mit letzter Kraft versuchte sie sich ein paar Schritte weiter nach vorn zu ziehen, doch gab sie sich dem Willen der Natur hin und prallte mit ihrem Kopf letztendlich auf dem Boden auf.

Wie lange sie dort im Staub und Dreck und zwischen all den Steinen lag, die von den Wänden abgebröckelt waren konnte sie nicht genau sagen. Unterbewusst vernahm sie einen lauten Knall und das Geräusch, als ob jemand Steine und Schutt weggräbt. Sie würde gerettet werden, ganz sicher. Jemand hatte sie gefunden. Erleichtert sank ihr Körper letztendlich in sich zusammen. Bewusstlos schien ihr leblos wirkender Körper über dem eins so schönen Sandstein zu schweben.

Schnell lief Raakin die Treppen hinab als ihn beinahe der Schlag traf. Dort sah er sie liegen - seine geliebte Frau, blutend und mit Staub bedeckt. Hastig eilte er zu ihr. "Bei den Göttern... Eluive lass sie nicht sterben." Hastig befreite er sie aus all dem Schmutz und Schotter, der um sie herumlag. Er ging behutsam vor, schließlich wusste er nicht, wie es um sie stand. "Aalina, du darfst nicht sterben!" flüsterte er, man konnte wohl die Angst um seine Frau in seiner Stimme hören. Doch Aalina reagierte nicht. Vorsichtig schob er seine Arme unter ihren Nacken und eine unter ihre Knie und hob sie sanft an. Ihr Körper hing fast schon leblos in seinen Armen, keinerlei Bewegung ihrer Körperteile war zu erkennen. Nur ihr Brustkorb hebte sich ab und an, wenn sie Luft ein und ausatmete. Vorsichtig arbeitete er sich aus dem Keller mit seiner Frau auf den Armen. Er musste vorsichtig sein. Seine Hände waren wund, er sah aus als hätte er stundenlang in einer Mine gestanden und mit bloßen Händen gegraben. Vorsichtig tastete er sich im Dunkeln die Wände des Kellers entlang als abermals ein Grollen zu vernehmen war und ein größerer Brocken die Treppen hinterrollte und auf den Treppenstufen in einzelne kleinere Steine zersprang. Raakin versuchte sich zu ducken, doch war seine Reaktion zu langsam gewesen, hatte er den Stein doch zu spät entdeckt. Mit einem Schlag wurde er gegen einen der noch stützenden Balken geschleudert, seine Frau in den Armen haltend und glitt mit ihr unsanft auf den Boden. "Wir kommen hier raus, das verspreche ich dir!" flüsterte er ihr zu. Blut lief seine Stirn hinab, hatte der Stein ihn wohl doch stärker erwischt als er dachte. Hastig stand er auf, er wusste nicht, wie lange der Turm noch stand halten würde. Trotz seiner starken Schmerzen hiefte er Aalina wieder auf seine Arme und eiilte mit ihr so schnell wie es ihm möglich war nach oben. Dort angekommen rief er eines seiner magischen Wesen, dies sollte Aalina durch die Wüste tragen. So würden sie sicher schneller vorankommen. Vorsichtig legte er seine Frau in die Arme des Wesens und verließ sein einst sicheres und trautes Heim. Wehmütig sah er nochmals zu seinem Turm, doch wendete er seinen Blick schnell ab und stapfte mit dem Wesen, welches Aalina trug durch die Wüste. Unterbewusst hatte Aalina alles mitbekommen. Sie hatte bemerkt, wie sich jemand zu ihr vorgearbeitet hatte, sie hatte bemerkt, wie sie getragen wurde, sie hatte bemerkt, wie zu ihr gesprochen wurde. Doch schien ihr Körper und ihr Geist nicht mehr in der Lage gewesen zu sein, Antworten geben zu können. Sie spürte nur wie erleichtert sie war.

Erschöpft kamen die drei im Lager der Menekaner an. An der Oase hatten sie Unterschlupf gesucht und ihre Lager aufgeschlagen. Hastig rannten ein paar auf sie zu, als sie Schritte im Sand vernahmen. "Der Emir sucht nach euch!" Tief in ihrem Inneren nahm Aalina alles auf, was um sie herum geschah, doch war ihr Körper immer noch eine bewusstlose Hülle, welche sie umgab. Sanft wurde sie von dem Wesen auf dem Boden gebettet, ehe Raakin es aus seinen Diensten entließ. "Kümmert euch um sie!" Aalina vernahm die Stimme von Faaris, welcher Raakin fragte, ob sie schwer verletzt sei. Raakin wusste keinerlei Antwort drauf. "Sie ist bewusstlos..!" Mit den Worten ging er zum Zelt des Emirs, während sich zwei Menekaner Aalina annahmen und sie an Händen und Füssen auf eine der Matten trugen. Sorgsam versuchte man ihre Wunden zu versorgen und sie vorsichtig zu betten. An ihrem Hinterkopf befand sich eine größere Platzwunde, was sie sehr bluten ließ und ihr langes, sonst so schönes Haar war blutverklebt. Immer wieder wurde auf sie eingeredet. "Ich bin Ra'ed kannst du mich hören?" Sogleich sie die Worte vernahm kamen sie ihr auch schon wieder so weit entfernt vor und sie sank erneut in ihre Bewusstlosigkeit. Von weitem hörte sie ihre Schwester, spürte, wie jemand ihre Hand nahm und sie weiter verbunden wurde. Raakin war mittlerweile längst beim Emir, sprach mit ihm. Erzählte, was passiert war, während Aalina weiter versorgt wurde. Ihr wurde zu trinken gebracht, doch war sie nicht fähig in ihrem Zustand viel Flüssigkeit aufzunehmen. "Aalina..." Zaina sprach weiter auf sie ein, ihre Stimme klang zitternd als würde sie weinen. Immer wieder bewegte sich der Kopf von Aalina leicht hin und her, als würde sie schlafen und schlecht träumen. Ein Zustand von Benommenheit. Es fühlte sich an als wäre sie dort und doch so weit weg von dem, was um sie herum geschah. Langsam wurde ihr der Turban abgenommen und man kümmerte sich um ihre Verletzung am Hinterkopf. Gekrümmt und mit angewinkelten Beinen lag Aalina dort, ließ sich verarzten. Immer wieder hörte sie Stimmengewirr um sich. Ein leichter Schmerz durchzog ihren Körper, hätte sie schreien können hätte sie geschriehen, doch ihre Lippen blieben verschlossen, als jemand versuchte, die Wunde an ihrem Hinterkopf zu reinigen und ihr einen Verband anzulegen. Nur leichtes Wimmern und Ächzen trat über ihre Lippen. "Ist ihr Bauch verletzt?" hörte sie ihren angeheirateten Cousin Faaris fragen. "Ich weiß es nicht, ich will den Kopf erst einmal verbinden!" Ihr Bauch. In ihr Kribbelte es und alles zog sich auf einmal zusammen. Was war mit ihrem Kind? Eine Mutter spürte, wenn sie ein Kind der Liebe in sich trug und Aalina hatte es von Anfang an gespürt. Der Zustand war noch nicht lange so, aber sie wusste genau, wann es geschehen war.

"Aalina.. wie geht es ihr?" Sie hörte Raakins Stimme und sie spürte, wie jemand sanft ihren Kopf in seinen Händen hielt. Ebenso spürte sie, wie die warme Hand ihre kühlere Hand losließ. Und sie spürte, wie alles auf einmal wieder so weit weg von allen war. Aalina hatte nicht einmal bemerkt, wie der Emir das erste Mal auf sie zugetreten war und sich nach ihrer Gesundheit erkundigte. Regungslos lag sie in Raakins Armen, während der junge Masari ihre Wunden verband und reinigte. Als ihre Wunden zum Großteil versorgt waren ließen die meisten sie allein. Nur Faaris und Raakin waren noch bei ihr, hielt Raakin den Kopf seiner Frau weiterhin in seinen Armen und stützte sie. Kein Wort trat über Raakins Lippen. Hätte Aalina seinen Zustand gesehen, hätte sie wahrscheinlich sehr viel darum gegeben seine Gedanken lesen zu können. Behutsam legte er im selbigen Moment seinen Umhang um sie und streichelte ihr kurz über ihre Wange, ehe Faaris leise zu ihm flüsterte. "Sag Cousin ... " Eine kleine Pause unterbrach die beiden und Raakin sah fragend zu Faaris auf, welcher dezent auf ihren Bauch deutete. "Kann es sein dass deine Frau in freudiger Erwartung ist?"

Raakin folgte dem Deut und begann nun leise zu wimmern und einige Tränen sammelten sich unter seiner Maske. "Ich hoffe sie wird wieder gesund...!" Faaris drückte seinen Arm kurz. "Das wird wieder, ich denke nicht das Eluive uns gerade Aalina nehmen würde...!" Raakin nickte leicht und streichelte Aalina sanft und lächelte gequält. Doch seine Augen spiegelten seine Angst und seine Hilflosigkeit wieder. Vielleicht hatte er es ob seiner Tränen auch nicht bemerkt, als Aalina das erste Mal die Augen leicht aufschlug und sich verwirrt umsah. Sie blinzelte und vor ihr zeichnete sich das verschwommene Bild von Raakin ab. Er schien mit seinem Blick die Oase zu überfliegen, Trauer durchzog seinen Blick als er all die Flüchtlinge sah. Aalina regte sich wieder ein kleines Stück, schlug die Augen abermals auf. Immer wieder blinzelte sie leicht und versuchte Raakins Blick zu erhaschen doch war sie für den Moment nicht stark genug ihre Augen geöffnet zu lassen. Sanft tupfte dieser mit einem feuchten Tuch ihre Wunden in ihrem Gesicht sauber und sah sie einfach nur an. Wie von selbst wendete sich ihr Kopf in seinen Armen hin und her, als er sie von dem Blut und dem Dreck in ihrem Gesicht befreien wollte. Abermals öffnete sie ihre Augen, doch war das Bild vor ihren Augen dieses Mal ein wenig klarer und sie sah Raakin an. Leicht lächelte er seine Frau an, streichelte ihr über die Wange und eine Träne kullerte seine Wange hinab und tropfte auf ihr Kleid. "Salam meine Kleine...!" flüsterte er und sie versuchte zaghaft und kraftlos nach seiner Hand zu greifen. "Es ist alles gut..!" sanft schien er seine Frau in seinen Armen zu halten. "Wir sind in Sicherheit, beweg dich nicht.. schlaf ein wenig!" sprach er bemüht ruhig zu ihr und sah sie weiter an. Sie konnte seinem Blick entnehmen wie froh er war, dass sie lebte. "W... was ist... was... was ist passiert? W.. Wo bin ich?" Sie hatte zwar unterbewusst alles mitbekommen, doch erinnerte sie sich an nichts, als sie ihre Augen aufschlug.

Raakin blickte sie an, seine Besorgnis konnte man seinen Augen direkt ablesen, doch versteckte seine Stimme wieder ein wenig Zuversicht in sich. "Du warst im Keller des Turmes als er begann in sich einzustürzen...!" sprach er leise und versuchte ihr alles zu erklären. "Noch ein paar Stunden länger und wir hätten dich nicht mehr retten können!" Aalina hustete leicht, der Staub wollte langsam aus ihrer Lunge wieder raus. "W.. wer hat mich.. hierher..?" Sie sah ihn an und sprach nicht weiter. Mit wehmütigen Augen sah er sie an. "Ich hab dich herausgeholt und hierher gebracht.. aber denke nicht weiter darüber nach!" Er lächelte sie liebevoll an. Aalina wollte weinen doch sie konnte nicht. Wäre Raakin nicht gewesen.. wäre sie nun tot. Raakin zog Aalina sanft zu sich in seine Arme und umhüllte ihre beiden Körper mit einer Decke und streichelte ihr sanft über den Oberarm. "Wir sollten schlafen.. !" sprach er und schloss seine Augen.

Aalina wollte ebenso schlafen, doch brachte sie kein Auge zu. Hunger und Durst quälten sie und sie sah sich um. Vorsichtig schlängelte sie sich aus Raakins Armen und versuchte an die Bananen der Bananenstaude zu gelangen. Doch ihre Schmerzen schienen ihr dies nicht zu ermöglichen. Vorsichtig setzte sie sich vor das Feuer und starrte hinein. Abermals versuchte sie sich langsam aufzurappeln, doch die Schmerzen in ihren Rippen waren zu stark als das sie hätte stehen können. Faaris stand noch immer neben ihr, während Raakin seelenruhig hinter ihr schlief. So ruhig und als ob nichts gewesen wäre. Vorsichtig krabbelte sie zu ihm und säuberte mit einem Tuch seine Wunden. Selbst wenn es ihr noch so weh tat, das war sie ihm schuldig. Erst jetzt entdeckte sie Faaris, als dieser sie wieder auf ihren Platz zurückdrückte. "Nein, Aalina... Du solltest dich schonen!" ... "Faaris...!" sprach Aalina und ihre Augen erhellten leicht. "Ich.. ich hab Hunger und Durst...!" Faaris nickte und reichte ihr etwas zu Trinken. Hastig trank Aalina, so hastig das sie sogar das Atmen zeitweise vergessen hatte und nach dem trinken erstmal nach Luft japste. Sogleich sah sie zur Seite und sah Aasim neben sich sitzen, welcher sich zu ihnen ans Feuer gesellt hatte. Er wollte hier mit seinem Volke speisen. Trotz ihrer Schmerzen in ihren Rippen versuchte Aalina ihr Haupt zu neigen, was ihr nur mühseelig gelang. Der Emir ließ sich Essen reichen. Aalina musste wegsehen. Das Gefühl von Hunger durchbohrte sie innerlich, sie starrte stur auf das Feuer. "Möchtest du etwas essen, Aalina?" fragte Faaris leise. Aalina schüttelte nur den Kopf und erklärte, dass sie nur wollte, dass der Erhabene wohl auf war und er solle alles bekommen, was er wolle. Schmatzend schaute dieser zu Aalina, fragte sie, ob sie nicht auch was essen wollte und gab ihr sein Essen. Aalina war überrascht, sie hatte damit nicht gerechnet und sie verneigte sich abermals unter Schmerzen und dankte ihm, ehe sie zögerlich das Essen und Trinken zu sich nahm. Lange saßen sie noch am Feuer. Sie unterhielten sich leise, die ersten waren schon schlafen. Zaina, Fadi, Aasim und Aalina waren die letzten, die noch wach waren. Raakin schlief hinter ihr unter der Decke und schnarchte leise vor sich hin. Faaris hatte sich daneben zusammengerollt und murmelte irgendetwas im Schlaf. Aalina seufzte. Die Nacht konnte heiter werden.

Nach und nach schienen sich alle zur Ruhe begeben und Aalina kroch zu Raakin unter die Decke. Ihr war kalt und sie presste ihren Körper an ihn und schloss die Augen. Doch schlafen konnte sie nicht. So viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Sie hatte fast jeden gesehen und war beruhigt. Aber wo war Saheeb? Aalina schluckte ihre Tränen hinab. Sie hoffte ihn wiederzusehen. Und das auch noch unversehrt. Sie würde ihm auch sicherlich keine Vorwürfe machen. Sie wollte nur, dass ihr großer Bruder heil auf war und lebte. Sie kuschelte sich näher an Raakin und sah ihn an. War es das, was Eluive wollte? Nein, sie musste ihr danken. Ihr Leben wurde gerettet, sie lag in den Armen ihres Mannes. Fehlte nur noch Saheeb. Dann würde sie alles überstehen können. Und sie hoffte so sehr, dass ihrem Kind nichts passiert war. Sie öffnete ihre Augen und sah in den Himmel. Er war sternklar. Wie würde das alles enden? Sie griff nach einer Hand von Raakin. All das, was sie sich aufgebaut hatten, würde zerstört werden. Sie schloss ihre Augen und versuchte ihre Gedanken auf etwas anderes zu legen, bis sie irgendwann in Raakins Armen eingeschlafen war.
Ibraheem Bashir

Beitrag von Ibraheem Bashir »

Noch immer toste der Sturm über Menek’ur und es schien als wolle er einfach kein Ende nehmen. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit die er gebraucht hatte von der Stadt bis zu seinem Zelt, weit abseits der Handelsrouten die von den Karawanen genommen wurden. Einzig die Felswände die sich rund um das Lager zogen boten ausreichend Schutz vor den Sandwirbeln die ihr Unheil stifteten.
Es erleichterte ihn ungemein als er sah das keine der Behausungen Schäden aufwiesen und noch mehr beruhigte es ihn als er bereits von weitem das kindliche Gelächter hörte das Analih von sich gab.
Wie so oft, wenn Ibraheem nicht da war, kümmerte sich Kareef um sie. Zwar war er schon ein wenig älter und nicht mehr der jüngste, doch hatte er nichts von seinem Feuer verloren und manches mal war nur schwer festzustellen wer nun kindischer war ... die kleine Analih oder der 57jährige Kareef. Er fuhr sich grob mit den Händen über die Kleidung um sich von den viele Sandkörnern zu befreien die sich darin verfangen hatten. Schon oft hatte er sich gefragt wie lange es noch andauernd würde bis dies alles ein Ende nahm und man wieder, vergleichsweise sicher, außer Haus gehen konnte ohne in die Gefahr zu laufen von einem der Sandstürme erfasst und begraben zu werden.
Ob es wohl eine weitere Prüfung Eluives war? Er seufzte innerlich und hoffte das all dies bald vorbei war. Er schob das Tuch beiseite welches den Zelteingang bildete und trat hinein. Analih und Kareef rangelten sich gerade und wälzten sich über den Boden, begleitet von ständigem kichern und gegackere. Ein lächeln legte sich auf seine Lippen als er die beiden dort herum tollen sah.
Als hätten sie beide geahnt das sie beobachtet wurden, hielten sie inne und sahen zu Ibraheem auf.
„Rahee!“
Analih sprang auf, eilte zu ihm hinüber und warf sich in seine Arme.
„Wo warst du solange?“ mit vorwurfsvollem Blick sah sie ihn an.
„Die Sandstürme haben mich ein wenig aufgehalten meine kleine, aber nun bin ich ja wieder hier.“
„Ich mag nicht das du weg gehst!“
Er seufzte leise auf.
„Du weist doch das sich das nicht vermeiden lässt, ich wäre ja auch lieber bei dir.“ Ibraheem stupste ihr mit einem Finger auf die Nasenspitze und entlockte ihr so ein lächeln.
Kareef hatte sich bereits wieder aufgerichtet und sah nun mit ernster Miene zu den beiden hinüber.
„Ich muss noch etwas mit Kareef besprechen, geh du doch solange deine Spielsachen aufräumen.“
An ihrem Gesichtsausdruck konnte er deutlich erkennen das ihr dies alles andere als recht war, doch nickte sie leicht und machte sich auf den Weg.
„Wie sieht es aus?“ fragte Kareef, kurz nachdem Analih in die andere Seite der kleinen Behausung unterwegs war.
„Überall das gleiche. Der Sturm tobt noch immer, scheint sich aber in Richtung Küste zu ziehen.“
„Nach Menek’ur also?“
Ein leichtes nicken seitens Ibraheem folgte.
Kareef nickte stumm und lies ich offenbar das gesagte noch einmal durch den Kopf gehen.
„Hoffen wir das sich alle rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten...“

Die Sonne schob sich langsam über eine der großen Sanddünen hinweg und tauchte den Morgenhimmel in ein sanftes orange. Eine leichte, andauernde Brise wehte und umschmeichelte hier und da einige Stoffe die sie zum Tanz aufforderte.
Ibraheem zog sich die Maske vor das Gesicht, hing sich seinen Wasserschlauch um und stieg auf sein Kamel.
„Rahee! Raheeee!“ klang die feine Mädchenstimmte zu ihm hinüber. „Rahee, wo gehst du hin?“
Analih sah mit ihren großen Augen zu ihm auf.
„Ich reite nach Menek‘ur kleines.“
„Darf ich mitkommen? Biiitteee!“
Ibraheem lachte leise auf. „Nein, diesmal nicht ... das ist zu gefährlich für dich, pass du lieber auf das Kareef nichts böses anstellt während ich nicht da bin!“
Sie nickte eifrig „Ist gut! Bist du bald wieder da?“
„Ja ... in vier oder fünf Tagen bin ich zurück.“ er wendete das Kamel herum. „Pass auf dich auf Analih.“
„Du auch Rahee!“ und hob dabei ihre Hand und winkte ihm nach, während er langsam aus dem Lager ritt.

Der Sturm schien noch immer nicht abgenommen zu haben, im Gegenteil, er hatte fast noch zugenommen. Der Wind schlug im entgegen und warf die unzähligen feinen Sandkörner nach ihm.
Selbst für sein Kamel war es schwer im sandigen Untergrund vorwärts zu kommen, denn der tosende Wind wollte dies offenbar verhindern. Er lies sich von seinem Kamel hinab gleiten und zog es mit sich in den Sand. Hinter einer kleinen Düne kauerten sie sich nieder, notdürftig mit einem großen Tuch vor dem Wind und Sand geschützt, während sie der Dinge harrten die der Sturm, der soeben über sie herzog, mit sich brachte ...

Der Sturm hatte sich wider gelegt und hinterließ das Sandmeer wieder in seiner ruhigen Erscheinung.
Sand wurde aufgewirbelt, als sich das Kamel, mit einem protestierendem Ausruf erhob, gefolgt von Ibraheem der sich die Decke abstreifte und den Sand abschüttelte.
„Alles in Ordnung mein guter?“ er klopfte seinem Kamel auf den langen Hals. „Lass uns besser schnell von hier verschwinden, vielleicht kommen wir ja noch rechtzeitig an um noch ein paar Vorräte zu bekommen.“
Daraufhin schwang er sich auf den Rücken des Kamels, schnalzte mit der Zunge und trieb es vorwärts.

Ein letzter anstieg auf eine Düne war es den sie beide noch zu bewältigen hatten, ehe die Stadt, oder das was von ihr übrig geblieben war, in Erscheinung trat.
„Wir haben es geschafft .. na komm ... das letzte Stück werden wir zwei auch noch hinter uns bringen.“ er griff nach den Zügeln und zog das Kamel mit sich.

Es sah schlimmer aus als er gedacht hatte. Felsbrocken waren aus den Häusern gerissen worden und Risse zogen sich durch die sonst so standhaften Mauerwerke.
Der Markt war fast gänzlich zerstört, überall klafften große Löcher in den Wänden und Decken. Er band das Kamel etwas abseits an und betrat die Überreste es Marktplatzes. Kein kindliches Gelächter war zu hören, keine lautstarken Verhandlungen über den Preis der Waren. Es war wie ausgestorben.
Vorsichtig schob er eine der Türen zu den Läden auf, die sich nur widerwillig und unter lautem knarren und ächzen öffnen lies. Der ganze Raum war voller Staub und Sand den der Sturm durch die Fensterläden hinein gewirbelt hatte. Einige wenige Waren lagen verteilt auf dem Boden und die Einrichtung teilweise oder gar gänzlich zerstört. Offenbar war schon jemand vor ihm hier gewesen. Einige Kisten standen hinter dem, offenbar ehemaligem, Tresen, welchen er sich nun zu wandte. Er befreite den hölzernen Deckel von der sandigen und staubigen Schicht, ehe er sie öffnete. Ein kleiner Beutel mit einigen wenigen Münzen fand sich darin, nebst einer Handvoll getrockneter Früchte, welche er in sicher in seiner Tasche verstaute. Die zweite Kiste hatte ein Loch, durch welches der Schmutz einlas gefunden und die darin befindlichen Lebensmittel ungenießbar machte.
Zusammen mit den ergatterten Nahrungsmitteln, trat er wieder hinaus ins freie um sich der nächste Türe zuzuwenden als eine Stimme hinter ihm erklang.
Ibraheem wandte sich herum und nach einem kurzem Moment, in dem er den Besitzer der offenbar weiblichen Stimme musterte, neigte er leicht sein Haupt. Wie sie ihm erklärte zogen sie los um Schutz in der Oase zu suchen. Es war zwar ein Umweg von zwei oder drei Tagen mit denen er rechnen musste bis er wieder im Lager war, doch war es wesentlich sicherer in einer Gruppe zu Reisen und wenn er an Analih dachte war es ihm das wert.
Kurz darauf schon zogen Sharie, wie sie sich vorstellte, ein weiterer Mann Namens Kemail und er los in Richtung Oase.

Der Weg war beschwerlich doch sie kamen recht gut voran. Kemail ging voraus während Sharie und er ihm folgten. Zwar kannte er den Weg mindestens ebenso gut, doch war es so wesentlich angenehmer, denn schon der Hinweg hatte merklich an seinen Kräften gezerrt.
Sein Mund fühlt sich trocken an und immer wieder musste er zu seinem Wasserschlauch greifen um seine Kehle zu befeuchten. Er hoffte nur das sie nicht in einen der Stürme gerieten.
Er hatte kaum geschlafen und mit jedem Schritt wurden seine Beine schwerer. Wie lange würden sie noch brauchen? Wenn sie Glück hatten waren sie bis zum Abend dort, wenn nicht, würde wohl noch ein weiterer Tagesmarsch auf sie warten.
Die Hitze war Unerträglich und er sehnte sich nach dem kühlendem Schatten einer Palme und frischem Wasser.
Als sich nach schier endloser Zeit die ersten Palmen in der ferne vom Horizont abhoben, glaubte er zuerst eine Fata Morgana zu sehen, doch ein Blick auf Sharie und Kemail sagte ihm das er nicht der einzigste war der die Oase sah.
Die Erleichterung darüber bald am Ziel zu sein und die Sehnsucht nach einem gemütlichen Platz um Kräfte zu sammeln, ließen ihn noch einmal einen Schritt schneller gehen und so fiel er bald darauf in den kühlen Schatten...
Der Erzähler

Beitrag von Der Erzähler »

Wann immer eine Waffe auf eines der Sandkreaturen trifft.. sie schneidet Luft, als würde ein Messer durch weiche Butter gleiten.
Die kleinen Wirbel nahmen Sand auf und schienen zu wachsen, bis sie die Form von Wesen annahmen, die wohl noch kein Auge erblickt hatte. Seltsam anmuten mag, neben der fortschreitenden Zerstörung der Stadt, dass es keinen Stillstand zu geben scheint und sich diese Wesen ausschließlich von Sandstein ernähren... und wehe es kommt Jemand ihrem Mahl zu nahe!

War es der Schöpferin zu verdanken, dass die Kinder Menekurs Schutz bei der Oase fanden? Hatte sie ihnen einmal mehr den Weg gewiesen? Dort wo der Sturm auf ein Minimum reduziert war.
Unendlich groß die Güte Eluives und nicht minder ihr Wohlwollen für ihr Wüstenvolk, so sollte es begreifen.. auch wenn der Emir die Nässe unter seinem Hosenboden nur dem herab rinnenden Schweiß zuschrieb, der sich vermeintlich unter ihm sammelte und in die Matte zog.
Saheeb Masari

Beitrag von Saheeb Masari »

Rettung. Nach Tagen ohne Nahrung, ohne Sonnenlicht und ohne Freiheit endlich die Rettung.

Saheeb hatte die Hoffnung schon am Morgen des Tages aufgegeben. Die Wasservorräte schwanden dahin, die Gesichter der Männer waren über und über verklebt und verdreckt. Der nasse Schweiß, verursacht durch die gnadenlose Hitze, vermischte sich auf der Haut mit dem Staub des Salzes und dem Sand, der immer wieder durch winzige Lücken in die Mine geweht wurde. Am Abend zuvor war die vorletzte Kerze ausgegangen und hatte schweres, lastendes Dunkel hinterlassen. Nun saßen sie alle um einen kleinen Lichtquell herum - ein Großteil von ihnen bewegte stumm oder mit einem Murmeln die Lippen, sandte so Gebete zu Eluive, der Schöpferin, auf dass sie Gnade zeigen mochte für ihre Kinder.

Am Mittag noch hatte Saheeb vor dem verschütteten Eingang gestanden und auf das Pfeifen des Sturmes gehört, der noch immer die Wüsteninsel erschütterte. Wie aussichtslos nun alles erschien. Bei diesem Unwetter würde es niemandem möglich sein, sie zu bergen, falls man überhaupt schon als vermisst erkannt und in der Mine vermutet wurde. Vermutlich dachten die tapferen Wachmänner nicht anders, die Angst stand in ihren Augen. Und es war nicht die Angst vor dem Sturm - es war die Angst vor dem Tod.

Auch bei Saheeb machte sich die lange Zeit eingesperrt im heiligen Berg Cantar bemerkbar - er wurde zunehmend kraftloser und verbrachte die meiste Zeit in einem traumlosen, aber dennoch ansatzweise erholsamen Schlaf. Etwas entfernt vom Lichtkegel der Kerze und den angsterfüllten Menekanern hatte er sich an eine der Salzwände gelehnt, die Beine von sich gestreckt und war einfach eingeschlafen - ein Umstand, den er nur seiner Berufung zu verdanken wusste, denn die Mine war wirklich seine zweite Heimat geworden.

So geschah es denn auch, dass Saheeb in festem Schlaf versunken war, als eine Gruppe von Menekanern, ausgesandt von der Oase auf Befehl des Emirs, den Durchbruch zur Mine zu wagen versuchte. Nicht zuletzt deshalb bleiben die genauen Kenntnisse über die Umstände seiner Rettung nicht nur ihm, sondern auch dem geneigten Leser verborgen. Erst außerhalb der Mine, nachdem Ismaael, ein tapferer Mann aus dem Hause Numair, ihn aus dem Stollen und durch das Loch getragen hatte, kam er zu sich, nachdem er selbst dort seelenruhig seinen Schlaf fortzuführen versuchte.

Doch tragisch waren die Umstände der Rettung, denn noch bevor alle Mannen aus den Salzhallen gerettet werden konnten, schloß sich die schmale Lücke, durch die sie entkommen waren, wieder und ließ zwei tapfere und loyale Wachmänner im Inneren zurück. An eine erneute Rettung war nicht zu denken, denn ein gewaltiges Sandwesen von unvorstellbaren Ausmaßen drohte die Gruppe anzugreifen - Flucht blieb die einzige Rettung. Noch immer vermeint Saheeb, die hilflosen und gequälten Schreie der beiden Männer vernommen zu haben, die allein und ohne Aussicht auf Rettung zurückgelassen werden mussten - auch wenn es sich dabei nur um das Heulen des Windes gehandelt haben könnte.

Fernab von Mine und Sandwesen hielt die Gruppe kurze Rast, trotz der Umstände, die einen Aufenthalt in Wüstengebieten unangenehm und gefährlich machten. Zum einen sollten Saheeb und die Wachmänner, die gerettet wurden, zum Stützpunkt der Überlebenden gebracht werden, zum anderen wollte man im gleichen Zuge die zertrümmerte Stadt aufsuchen und nach weiteren Lebenden Ausschau halten. So trennte sich nun der Trupp und Saheeb und die Wachleute wurden von Zaina und Fadi, dem Statthalter, zur Oase eskoriert.

Saheeb war in der Tat erstaunt, einen sicheren und halbwegs gemütlichen Ort vorzufinden, an dem sich die Menekaner häuslich eingerichtet hatten. Auf Fellmatten, die hinter einem Windschutz ausgelegt worden waren, schliefen viele der Männer und Frauen, die den Weg zur Wüste geschafft hatten, und mit einem freudigen Gefühl in der Magengegend erkannte Saheeb so manches Gesicht, das ihm bekannt war. Doch so recht vermochte seine Freude über die Rettung nicht aus ihm hervorzudringen - Speis und Trank lehnte er ab, setzte sich stattdessen an das kleine Lagerfeuer und starrte in die Flamme. Zu teuer war sein Leben erkauft worden, wenn noch immer Mannen um ihr Leben kämpfen mussten. Er wagte nicht, sich Selbstvorwürfe zu machen, doch der Verlust traf ihn tief - tiefer, als er es zugeben mochte. Er hatte diese Männer geschätzt und war ihnen in dieser Zeit der Gefangenschaft enger Freund und Vertrauter geworden. So mochte er abweisend und apathisch wirken für Zaina, Faaris und alle jene, die sich vielleicht über seine Errettung freuten, doch ihn selbst quälten andere Gedanken.

Und erst jetzt, am Feuer, dachte er wieder an den jungen Wachmann, an Fuad aus dem Hause Ifrey, der ihm in dieser Zeit besonders ans Herz gewachsen war. Doch niemand vermochte ihn als gerettet zu beschreiben, und auch wenn Zaina versicherte, sie habe niemanden sonst mehr in der Mine gesehen, bleib das verzweifelte Gefühl, dass er es nicht geschafft hatte.

"Möge Eluive über seine Seele wachen und ihn beschützen... wie all die anderen auch."
Zaina Masari

Beitrag von Zaina Masari »

Eine ganze Weile befanden sie sich nun schon im Lager … ob es nun Stunden oder bereits Tage waren … es war schon fast unwichtig, zweitrangig geworden. Das Lager wurde immer mehr ausgebaut, denn es kamen immer wieder Neulinge an, die den Weg zur Oase gefunden hatten. Jeder einzelne brachte Erleichterung in Zaina´s Herz. „Wieder einer, der dem Sturm ohne größeren Schaden entfliehen konnte“ dachte sie.

Ein Zelt hatten sie zusammengebaut, aus den restlichen Stoffen, die noch verfügbar waren, aus Fellen, Holz und Palmblättern, so gut es eben möglich war. Ein lustiges zusammen sitzen … gemeinsam mit Hadiya, Kemail und Raed … sie alberten einwenig und man hörte hin und wieder ein Lachen, was sonst eher der Seltenheit entsprach. Ja, es machte wirklich Spaß, dieses Zelt aufzubauen. Es lenkte ab, von all den Sorgen, die einen stündlich, Tag ein, Tag aus quälten. Jeder machte sich große Sorgen, um die noch vermissten Familienangehörigen und Freunde. Auch Zaina machte sich große Sorgen, vor allem um ihre Geschwister. Aalina, Najiya waren beide noch nicht aufgetaucht und auch noch nicht gefunden … genauso fehlte ihr Saheeb. Die Sorgen trieben sie fast zum Wahnsinn. Normal spürte sie immer, ob es ihm gut ging oder schlecht, gerade in solchen Situationen. Die Verbindung zwischen ihnen, es war wie wenn man jene mit einem Schnitt durchtrennt hätte. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass sie sich zuviel Sorgen machte. Wäre da nicht Fadi, der immer ein Wort des Trostes für sie fand, obwohl er selbst genug Sorgen hatte … ja, dann wäre sie wahrscheinlich schon lange verzweifelt und wahnsinnig vor Kummer. „Fadi“ leise murmelte sie seinen Namen vor sich hin, ein Lächeln huschte unbemerkt dabei über ihr Gesicht, während sie dann seinen Mantel wieder enger um ihren Körper zog und sich einwenig abseits an eine Palme setzte, um für einen Moment zu ruhen, entspannen und sich selbst zu finden. Ruhe vor den anderen. Einfach den Moment des „allein“ seins spüren. Ein seltsames Gefühl schlich sich in sie hinein. Tränen liefen ihr über die Wangen … sie konnte einfach nicht fassen, was geschah. Sie wollte es nicht wahrhaben. Diese zerstörerischen Ausmaße dieses Sturmes. Unglaublich. Sie vermisste so vieles. Und am meisten, glaubte sie ihren Verlobten zu missen. Und wie schon einmal, war er genau dann, wenn man ihn so dringend brauchte, nicht bei ihr. Allein gelassen fühlte sie sich, und doch machte sie sich selbst Schuldzuweisungen. Keiner konnte etwas dafür, Saalih sorgte sich ja auch nur um sie, als er abreiste, um einen sicheren Ort zu suchen. War sie es nicht gewohnt, zurückgelassen zu werden … er ging seine Wege immer erst allein, um dann sicher zu sein, dass sie folgen konnte. Immer. Dennoch war er zumindest in Sicherheit. Um ihn musste sie sich keine Sorgen machen. Seufzend und schluchzend saß sie wohl eine ganze Weile da, ehe sie sich wieder beruhigte. Irgendwann trat Khalida auf sie zu, setzte sich neben sie, sie sprachen eine ganze Weile … dann kam Fadi … und kurz darauf stand Raakin vor ihr. Die einzige Frage die über ihre Lippen kam, als sie Raakin zu Gesicht bekam: „Wo ist Aalina?“ bestürzt und voller Hoffnung sah sie Raakin an, der ihr dann deutete, dass sie hinten im Lager war … verletzt. Trümmer seien auf sie gefallen. Entsetzen zeichneten ihre Augen und sie hastete regelrecht zu ihrer Schwester, die bereits von Faaris und Raed gut versorgt wurde. Große Besorgnis machte sich in ihr breit, aber wenigstens war sie hier, sie war da, wenn auch mit schlimmen Verletzungen. Eine Weile noch blieb sie bei ihr und machte die beiden Helfer wohl wahnsinnig mit ihren Anweisungen, aber das war ihr egal, wichtig war nur, dass es ihrer Schwester wieder besser ging.

Wieder zog sie sich zurück, warum auch immer, ihr war an diesem Tage einfach danach. Dieser ganze Trubel, irgendwo machte jener sie irre. Alle rannten, wuselten wie wild durch die Gegend, wie wenn sie Hummeln im Hintern hätten. Hin und Wieder spazierte sie durch die Oase und beobachte still, schweigend, nachdenklich jeden einzelnen der dort verweilte. Viele Gedanken spukten in ihrem Kopf. Sogar ein Lama starrte sie an, als sich jenes vor sie stellte und ihr den Weg versperrte. Schmunzelnd musste sie den Kopf schütteln, als ihr bewusst wurde wie albern das aussehen musste.
Der Abend … genau dieser Abend … er sollte noch etwas besonderes werden. Fadi holte sie aus ihren Gedanken heraus, gemeinsam gingen sie ein Stückchen und redeten, bis zu jenem Zeitpunkt … er vermochte mit Worten umzugehen, die ihr den Atem und die Sprache raubten. War sie nicht verlobt, war sie sich ihrer Liebe nicht immer sicher gewesen? Waren es nur die Umstände, ihr momentanes Umfeld, die sie daran zweifeln ließ. Oder waren es wirklich Gefühle, die eigentlich verboten schienen. Seine Worte prägten sich ihr ein, wie eingebrannt.

„Man sollte sich in diesen Tagen gerade den schönen Momenten gedenken, da gerade diese selten sind und ich weiß, wie ich sie finden kann. In deiner Gegenwart verblassen die Sorgen, die Trauer und die Erschöpfung.“

Glücklich fühlte sie sich in seiner Nähe, unsicher und verwirrt zugleich. Konnte sie solche Gefühle zulassen? Wäre es nicht ungerecht? Sollte es nicht jemand anders sein, der ihr solche Worte schenkte … der sie in ein Gefühl der Glückseeligkeit trägt. Aber er war nicht hier, weit weg, viel zu weit. Ihre Gedanken überschlugen sich, Röte stieg ihr ins Gesicht, peinlich berührt und verwirrt. Kein vernünftiges Wort brachte sie mehr zustande. Schnell versuchte sie sich wieder zu fassen, sie mussten wieder zurück, sie durften nicht zu lange von den anderen fort bleiben. Gedankenverloren ging sie neben ihm her, kaum ein Wort kam über ihre Lippen, immer wieder zu ihm blickend. Unruhig wurde die Nacht für sie, das lag allein schon daran, dass Raakin lauthals schnarchte und Faaris sinnloses, unverständliches Zeug im Schlaf brabbelte, doch hauptsächlich hielten sie ihre Gedanken wach, da waren sämtliche Geräusche um sie nebensächlich, doch versuchte sie Schlaf zu finden, denn schließlich wollten sie im Morgengrauen los, um die Stadt sowie auch den Salzberg zu erkunden, nach Überlebenden/Vermissten suchen.

Der Morgen nahte, ihre Kräfte waren nicht die, die sie jetzt brauchte, doch nahm sie alle Kraft zusammen und lies sich nicht beirren. Durch gar nichts. Es galt jetzt Vermisste zu finden und vielleicht zu bergen. Das wusste sie und es gab ihr den nötigen Auftrieb. Der Weg zum Salzberg erwies sich als beschwerlich, der Sturm wurde zunehmend heftiger, umso mehr man in die Nähe des Berges und der Stadt kam. Angekommen am Salzberg bot sich ein schreckliches Bild. Der Eingang. Eingestürzt, in Trümmern und zugeweht vom Sand. Da standen sie … Khalida, Ismaael, Ibraheem und sie und starrten den Berg eine Weile an. Der Sturm blies um ihre Ohren und pfiff grauenvoll. Sie räumten Trümmer weg, schaufelten Sand weg, doch rutschte alles nur nach und wehte neuen Sand hinzu. Es schien schon fast hoffnungslos, überhaupt ein durchdringen zu finden. Einige Zeit später trafen noch Sharie, Faaris und Fadi ein … dem Himmel sei dank, durch Fadi´s Erdwesen konnte ein Eingang geschaffen werden, um in den Berg zu gelangen. Innerlich war sie ganz aufgewühlt, sie hoffte ihren Bruder darin zu finden … unversehrt am besten. Es gab ihr die nötige Kraft, das durchzustehen. Zusammen mit Ismaael schlüpfte sie durch den kargen Eingang, der durch das Wesen geschaffen wurde, hindurch. Überall nur Sand … sie hätte nie gedacht, Sand einmal hassen zu können, aber in diesem Moment tat sie es. Der Weg hinein kam ihr unendlich vor, doch irgendwann war es auch soweit. Sie suchte sofort das Innere nach Überlebenden ab, besah sich das Innere noch genauestens, um evtl. Gefahren aus dem Weg gehen zu können, während sich Ismaael um die Wachen kümmerte, die sich nah an den Eingang drängten und schrecklich verzweifelt aussahen.. Doch der Berg war nach wie vor sicher, abgesehen vom Eingang. Im östlichen Teil des Salzberges lag er dann, ihr Bruder. Sie war glücklich, entsetzt, verzweifelt, besorgt … alles in einem … fast schon hysterisch rannte sie auf ihn zu, nahm seine Hand, legte den Kopf auf seine Brust, nur um zu hören, ob er noch Lebenszeichen von sich gab. Und das tat er. Erleichterung machte sich breit. Sie hörte nur noch Faaris rufen, dass der Eingang wieder zusammenbrach. Sie mussten raus hier und zwar schnell. Ismaael trug Saheeb aus dem Berg hinaus. Sie dankte ihm im Stillen, allein hätte sie das nie geschafft. Die Wachen gingen ebenso hinaus. Zaina glaubte zumindest, dass sie das Schlusslicht bildete, doch war dem nicht so und es blieben Wachen zurück … zwei an der Zahl. Ihnen war die Sicherheit der anderen wichtiger, wie ihr eigenes Leben. Der Sturm draußen nahm immer mehr zu und bildete wieder ein seltsames Wesen, dass sie auf schnellstem Wege wieder zurück in die Oase trieb. Auch wenn Ismaael die beiden anderen Wachen noch befreien wollte, es fehlte ihnen die Zeit, der Sturm, das Wesen war beängstigend, Furcht einflößend. Entweder die Wachen oder das Leben aller. So liefen sie, hinaus in die Wüste, zurück in die Oase. Als sich der Sturm wieder beruhigte, hielten sie inne und teilten sich auf. Die Stadt musste nochmals abgesucht werden … aber Saheeb musste auch zur Oase gebracht werden, und allein war das zu gefährlich. Sie war zu erschöpft, um noch mit zur Stadt gehen zu können, so blieb sie bei ihrem Bruder, was ihr nur lieb und recht war, war sie doch froh, ihn wirklich gesund und munter aufgefunden zu haben. Fast erwürgte sie ihn vor Freude, wollte sie ihn doch lediglich nur umarmen, doch auch er drückte ihr die Luft ab vor Freude, sie zu sehen. Fadi ging mit ihnen zurück zur Oase, während der Rest sich auf, in die Stadt machte. Innerlich glühte ihr Herz dabei auf, doch ließ sie sich nichts anmerken, war sie doch immer noch verwirrt über die Geschehnisse des Vorabends. Sie wollte ihre Gefühle nicht zulassen.
Ismaael Masari

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Hustend, mit starken Schmerzen im Hals, fiel er abermals erschöpft in die Felle. Seine Liebste war so fern von ihm, obwohl sie nur wenige Schritte von ihm weglag. Er konnte sie nicht einmal in die Arme schließen, seit sie hier angekommen war. Sie war dabei, dem Emir seine Hütte einzurichten. Er hatte sie dabei betrachtet, lange und ausgiebig, so wie er es gerne machte. Immer wieder huschte ein leichtes Lächeln über seine Züge, wenn er sah, wie sie sich leicht in den Finger stach, einfach nur ungeschickt wirkte. Im nächsten Moment aber ernst überlegte, routinierte Griffe einsetzte und den Stoff hie und da ausbreitete. Leise seufzt er, wälzte sich herum und starrte mit weit geöffneten Augen in die Dunkelheit hinaus.

Er hatte sicherlich einige gute Taten getan. Ob er sich jetzt besser fühlte, konnte er sich selbst gar nicht beantworten. Es ging ihm nicht darum, sich vor Fadi zu beweisen, dem Emir zu gefallen, oder sich beim Großwesir einzuschmeicheln. Es ging ihm immer nur um sein Volk. Doch neuerdings ging es ihm auch immer mehr um Hadiya. Hadiya in die er sich verguckt hatte und die er doch endlich als sein wissen wollte. Wären die Schmerzen nicht, mit denen er sich gerade quälte, wäre er die Nacht nochmal zu ihr rübergegangen, nur um mit ihr sprechen zu können. Oder vielleicht hätte er nichtmal mit ihr gesprochen, sondern sie lediglich im Schlaf beobachtet.
Er tat es dennoch nicht, trotz aller Sehnsucht.

Diese Kreaturen bewirkten etwas in ihm, was vorher noch nicht da war. Er hatte sich oft aufopfernd gezeigt. Ismaael war ein Menekaner, der nichts zu verlieren hatte, außer sein Leben. Aber sein Leben, so wie es war, hatte nicht den wert, wie er ihn bei anderen Personen einschätzte. Jeder Mann der eine Frau besaß, ein Kind besaß war mehr wert als er. Ismaaael lebte irgendwo in der Wüste, ohne Dach über dem Kopf. Er hatte keine Familie an die er sich halten konnte. Trotzdem hatte er vor diesen Kreaturen eine Angst, die ihm direkt unheimlich war. Aber so ist es wohl auch normal mit Ängsten? Vielleicht ging es auch einfach darum, dass er endlich einen Plan für sein Leben vorsah. Eine Person war dafür doch schon fest eingeplant.
Fadi Yazir

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Raakin war angekommen. Endlich wusste er seinen Bruder in Sicherheit. Gerade als er nach Khalida und Zaina schauen wollte, die beide etwas abseits saßen, stand er plötzlich vor ihnen. Zaina sprang sofort auf und wollte nach ihrer Schwester sehen. Er selber blieb noch kurz bei Khalida. sie sprachen kurz über den Rettungstrupp, der am nächsten Tag zurück zur Stadt und zur Mine eilen sollte. Sie wollte mitgehen und er war recht froh darüber, dass neben den vielen jungen Freiwilligen auch jemand mit viel Erfahrung mitgehen würde. Der Tatendrang und die Aufopferungsbereitschaft der jüngeren waren sicher herausragende Eigenschaften, doch wenn es Ernst werden würde, bräuchten sie jemanden, der schnell und entschlossen handeln konnte.

Kurz darauf eilte er ins Zelt. Der Emir, der in Sorge um sein Volk war, sollte jederzeit gut informiert sein und die nächsten Schritte wollten abgestimmt sein mit seiner Erhabenheit. als er wieder hinausging fasste er in seine Tasche und erfühlte das Schreiben. Saheeb, schoss es durch den Kopf. Er wusste wie sehr sich Zaina um sein Ausbleiben sorgte und das was man an Informationen zusammentragen konnte war nicht gerade beruhigend. er ging zum Feuer zurück und sah, wie sich eine kleine Traube Menekaner um seine Schwägerin kümmerte. Mittendrin stand Zaina, deren Gesicht eine Mischung aus großer Erleichterung, darüber, dass sie wohl ihre Schwester wieder bei sich wusste und ein wenig Besorgnis um ihren Zustand aufwies.

Einige der Wachen, die um das Lager herum Wache hielten wussten um den Verbleib des Oberhauptes der Masari und es war nur eine Frage der Zeit, bis es sich langsam herumsprechen würde. Sie sollte es lieber direkt von ihm erfahren, bevor sich das, was sich rumsprach noch mit abenteuerlichen Beimischungen vermengte und so an ihr Ohr dringen würde.

Er nahm sie beiseite und sie gingen ein paar Schritte, bevor er dann den Brief herüber reichte und langsam begann, das was bekannt war so schonend und beruhigend zu vermitteln. Er wusste, dass sie nichts davon abbringen würde, morgen zu dem Trupp dazu zu stoßen und jemand, der den Zustand des Berges beurteilen konnte fehlte zudem noch zwischen al denjenigen, die ausgewählt wurden noch mal den beschwerlichen Weg durch die Wüste zu gehen.

Sie fingen an ein wenig zu reden. Ihr Bruder, die Oase, die Umstände und wen sie vermissten. Auch sein Haus war noch bei weitem nicht vollzählig eingetroffen. Doch er war es den anderen Menekanern gegenüber schuldig, Zuversicht zu zeigen und so vertraute er diese Gedanken nur selten jemandem an. Gerade noch Hadiya, Faaris oder Raakin, die selber in Sorge um die vermissten Mitglieder ihres Hauses waren, wussten sonst um seine Gedanken besser Bescheid.

Doch in Zainas Gegenwart fühlte sich alles etwas unbeschwerter an, es kam so etwas wie ein Gefühl der Vertrautheit auf, welches er sonst nur ungern zuließ. Er schob seine Bedenken mehr und mehr beiseite und plötzlich wagte er auszusprechen, was ihm schon durch den Kopf ging seit sie beisammen im Keller saßen. die Gedanken, die sich zuerst nur gelegentlich und unscharf einstellten und immer konkreter wurden fanden nun den Weg zu ihr. Kurz sah er Verlegen zu Boden, da er wusste was dies bedeuten konnte.

Sie schien verlegen und als er sie so sah, stellte sich kurz ein leichtes Schmunzeln ein. Sein Herz schlug schneller, als er ob ihrer Reaktion zu erahnen glaubte, dass er nicht auf direkte Ablehnung stieß. Er wusste, dass es nun besser wäre zurück zu kehren zum Feuer. ein überlanges verschwinden würde nur aufsehen erregen und auch zwischen ihnen einen Moment entstehen lassen, den er nicht auf diese Weise herbeiführen wollte.

Der Weg zurück zum Feuer erschien ihm Ewigkeiten zu dauern. Er fühlte eine gewisse Erleichterung. Hin und wieder blickte er zu Zaina herüber und konnte sich jedes Mal aufs Neue an dem Anblick erfreuen. Auch von ihr glaubte er gelegentlich ein freudiges Lächeln zu vernehmen.

als sie am Lagerfeuer ankamen war die Stimmung im Vergleich der letzten Tage und Stunden recht gelöst. die Menekaner sprachen und scherzten vorsichtig miteinander und für einen kurzen Moment schienen all die Strapazen, die Sorgen und Nöte vergessen.

Der Marsch am nächsten Tag, um die erhofften Überlebenden zu bergen, war mühselig und anstrengend. An der Mine angekommen bot sich ihnen ein Bild, was die Andeutungen der Wachen noch bei weitem übertraf. Der Eingang war so hoch von Sand und Trümmern verschüttet, dass man ihn nur dann erahnen konnte, wenn man ihn vorher schon an dieser Stelle erwartet hatte. Das Freischaufeln wollte kaum gelingen, immer wieder wehte der Wind schneller die Sandmassen vor den Eingang als sie abgetragen werden konnten. Erst ein Erdwesen, was er herbeirufen konnte vermochte es sichtbare Erfolge zu erzielen, um einen behelfsmäßigen Eingang frei zulegen.

Lange konnte der Eingang jedoch auch mit ihrer Hilfe nicht gehalten werden, so dass es gerade gelang Saheeb und zwei weitere Menekaner aus der Mine zu bergen, bevor sich wieder die gewaltigen Sandmassen auftürmten. er war nicht bereit auch nur einen Menekaner dort zurück zu lassen und sie wollten gerade wieder den Eingang freilegen, als eines dieser Sturmwesen auftauchte.

Wieder begann es sich, wie auch schon zuvor gesehen, von den Sandsteinbrocken zu ernähren. Und etwas Neues konnten sie herausfinden. Es wuchs mit jedem Brocken den es vertilgte, bis das Wesen, scheinbar besser mit dem Namen Sandsteinfresser zu kennzeichnen, die Höhe von drei Menekanern annahm. So mussten sie in die wüste zurückweichen, um nicht als ganzes das Schicksal derjenigen zu teilen, die nicht mehr errettet werden konnten. In der wüste formierte sich schnell ein Trupp, der zurückkehren wollte in die Stadt, um weitere Gewissheit über den Verbleib der Vermissten zu erlangen. Zusammen mit dem sichtlich angegriffenen Saheeb und Zaina fand er den Weg zum Lager.
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