
Eine Rüstung, eng am Körper liegend wie ein gut sitzender Handschuh aus beinahe weißem Leder, bedeckte sie und hielt sie noch ein wenig aufrechter als es der Rücken unter anderen Umständen vielleicht gewesen wäre. Viele Stunden mochten schon vergangen sein, seit der Mond sich zur Ruhe gebettet, seit ihre Wacht am Eingang des im stillen Morgenschimmer liegenden Tales begonnen hatte und doch schien es ihr, als habe sie gerade eben erst den Platz ihres Mentors eingenommen. Sein Schwert, eine gut ausbalancierte Waffe, in deren Griff ein geschliffener Mondstein eingelassen schimmerte und die ihrem Lehrmeister und Freund Finduilas schon mehrere hundert Jahre zu einem Teil seines Körpers geworden war, lag neben ihr auf einer kleinen Ausbuchtung im durch Magie geformten Gestein, fing einige der himmlischen Lichtfäden auf und schien durch sie nur noch mehr von innen heraus zu strahlen. Sein Vertrauen, seinen Glauben an sie, an ihre Fähigkeit glomm in jedem Atemzug der jungen Elfe aus dem Inneren der Waffe, ganz als habe sie in all der Zeit ein Eigenleben entwickelt. Den Pass in die Welt, außerhalb des geschützten Tales zu hüten war seit jeher eine Aufgabe, mit der man nur jene betraute, die sich im Ernstfall auch zu verteidigen wussten und indem er nun ihr die Rolle der Wächterin für den nächsten Mondlauf anvertraut hatte, ließ sie im Inneren leise jubilieren. Ihr halbes Leben, länger als die Menschen zu atmen hofften, hatte sie sich dem Kampf verschrieben, war geduldig den Bewegungen des Mentors gefolgt, hatte gelernt, wie das Wasser den Stein mit stetem Tropfen auszuhöhlen und wusste, welche Bewegungen die natürliche Antwort auf einen Angriff von allen Seiten darstellte. Sie hatte nicht gelernt zu kämpfen, sie war zu einer Waffe selbst geworden, deren Anmut mancher Grünhaut noch den Hauch des Lebens nahm, ehe dieser ihr Nahen auch nur gewahren konnte.
Und nun hatte sie ihre verbissene Mühe, die manche ihrer Brüder und Schwestern milde ob ihrer Jugend belächelten, bezahlt gemacht, denn jener, dessen Vertrauen ihr mehr wert war als den Menschen all ihr Gold und ihre Juwelen hatte sie für reif genug befunden um dem Volk als eine Wächterin zu dienen.
Ob des Gedankens an ihren Mentor und die Bedeutung seiner Worte reckte sich die junge Elfe noch ein wenig mehr, schien im Glanz der leuchtenden Sonne noch einen Finger breit zu wachsen, doch bemerkte sie, sich im törichten Schein sonnend die kleine, in Gras geduckte Gestalt nicht, die die junge Elfe beobachtete, jede ihrer Bewegungen studierte, als wollte sie auch die Gedanken aus dem Kopf unter dem goldenen Schopf saugen.
Sie musste noch ein halbes Kind sein, sicher noch immer beinahe doppelt so alt wie er selbst und doch schien sie für eine der goldgesichtigen Kinder Phanodains beachtlich kurzsichtig, hatte er sie doch schon vor Stunden entdeckt, während sie, ahnungslos ob dessen, was da auf sie zukam noch immer wie eine steinerne Statue am Tor des Elfenhains Ausschau hielt… und doch hatte sie ihn im Dickicht des grünen Baumes nicht wahrgenommen. Kein Hauch seines Duftes, keine Bewegung seiner narbigen grünen Haut, keinen noch so leiser kehligen Laut hatte die junge Elfe dem Wind entlockt und dass freute den Lauernden beinahe diebisch. Die Älteren unter ihnen, sie hätten sofort seine Anwesenheit aufgespürt, doch dieses Exemplar war unerfahren genug, dass er sich hatte heranschleichen können, nah genug, um die anderen seiner Rotte näher heran zu lenken. Es würde ein Kinderspiel werden, sie auf ihrem hohen Ross zu überwältigen, ihr die hübschen Lippen zu verschließen und mit einem Schnitt das Licht in den hübschen Äuglein zum erlöschen zu bringen…er hatte schon immer wissen wollen, in welcher Farbe diese goldenen Elfen bluteten und ob ihr Lebenssaft so süß schmeckte wie er es sich immer vorgestellt hatte. Würde sie erbleichen und verdorren wie die Pflanzen denen seine Schamanin so leicht das Leben aussaugte? Er schüttelte sich leicht, wollte der alten Vettel nicht die Möglichkeit geben, dieses eine besondere Leben der Elfe vor ihm an sich zu reißen und sie würde es tun, sobald sie einen Blick auf das hübsche goldene Ding werfen konnte, da war er sich sicher. Still und leise hob er die lange grüne Nase noch ein wenig mehr und witterte in ihre Richtung doch dieses Mal machte ihm ein kleiner Ast einen Strich durch die gut kalkulierte Rechnung.
Ein knorriges Knacksen, leise und für das Gehör eines Menschen nicht auffällig genug um in einem Wald voller beseelter Bäume und Tiere, die sich darin bewegten, bemerkt zu werden, doch in den zu Spitzen geschwungenen Ohren Amae’thariels klang das Brechen des trockenen Holzes falsch, spürte sie keine der vertrauten Melodien der Rehe und Vögel, die sich gewöhnlich um diese Zeit des Tages längst erhoben haben sollten um die ersten Tautropfen von den Blättern zu trinken. Die schlanken Hände griffen ohne ein Gedanken zu verschwenden nach der bereit liegenden Klinge, die in ihrer ersten Bewegung durch die laue Morgenluft zu singen schien, ein Paar durchdringender bernsteinfarbener Augen flirrten durch das grüne Dickicht der Bäume und Sträucher, in die die kleine Gestalt sich während der noch angenehm kühlen Nacht gekrochen hatte und fanden, nun wissend in welche Richtung sich die Aufmerksamkeit zu richten hatte, die aufrecht aus dem Blätterhaufen ragende lange Nasenspitze.
Eindringlinge…
Der Gedanke huschte wie ein Lauffeuer ihre Nervenbahnen auf und ab, brannte sich in ihr weit geöffnetes Bewusstsein und übernahm rascher die Führung über den Körper als es jede noch so oft durchgegangene Übung ihre Glieder zur Ordnung rief. Ehe ein erster Atemzug den Weg aus ihren geweiteten Lungen ans Tageslicht gefunden hatte, stellte die junge Elfe der Grünhaut schon nach, folgte der wie ein angestochenes Wildschwein quiekenden Gestalt eines gedrungenen Wesens im Hürdenlauf über Stock und Stein, vorbei an den scheuenden verschreckten Rehen und den sich mit lautem Gezwitscher in die luftigen Höhen erhebenden Spatzen und näherte sich den im Lauf wackelnden grünen Ohren, die, wie sie nun bemerkte, einige Schlitze als Schmuck ins Fleisch geschnitten zierten.
Goblins…
Elendige kleine Diebe, deren schmutzige blutverkrustete Finger vor keinem Leben Halt machten, war es auch noch so heilig. So sehr Elfen keinen Hass verspürten, so wenig Liebe hatte Amae’thariel für die hinterlistigen Wesen deren Unehrlichkeit nur von ihrem Drang, alles Goldene zu besitzen übertroffen wurde. Flink wie ein Wiesel schoss der Grünhäutige, der in aus Leder und allerlei Stoff zusammengeflickten Lumpen gekleidet war, über die erste Brücke, die den Weg ins Tal der Elfen einleitete. Noch einen Schritt schneller trieb sich die junge Elfe an, dann würde sie den Eindringling eingeholt haben, nur noch eine Schwertlänge dann würde der kleine Bandit niemandem mehr Meldung machen.
Meldung machen…
Amae’thariel fiel es wie Schuppen von den ebenen Zügen und kalt schnürte sich der Wind ihres ungebremsten Laufes um ihren Brustkorb. Goblins waren selten mehr als kleine Lakaien, Laufburschen oder Späher einer weitaus größeren Bedrohung, eines Heeres den man unauffällig die Umstände und die Wachposten der zu erobernden Stadt auskundschaften ließ, um sich mögliche Schwachstellen zu Nutze zu machen…und sie war auf die einfachste List, den Lockvogel in der Gestalt eines harmlos aussehenden Goblins in abgetragenen Lumpen hereingefallen während ihre Heimat, die weiße Stadt schutzlos über die Flanke, deren Bewachung und Schutz man ihr übertragen hatte, angegriffen werden würde.
Zurück…schneller…
Kaum einen Atemzug lang irrten die grausam ins Fleisch schneidenden Gedanken durch ihren Kopf, kaum einen Wimpernschlag über goldenen Augen glühenden Bernsteins brauchte es, bis Amae’thariel die Tragweite ihres eigenen Handelns wie ein eisiger Klumpen ins Herz sackte. Sie hatte die im Stich gelassen, auf deren Schutz sie sich so Vieles eingebildet hatte. Schneller als es jeder Mensch, Zwerg oder Vogel gekonnt hätte hielt der junge Leib in begonnenem Sprung inne, behände ließ sie der gedrungenen bereits im Dickicht des gegenüberliegenden Waldes verschwundenen Gestalt die Flucht und zusehends führten ihre raschen Schritte sie den Weg zurück, der eigenen durch die Gesamtheit des Waldes führenden Spur folgend, dorthin wo die weiße Stadt am empfindlichsten war. Mit jeder Sekunde vernahm sie das Flüstern im Wind deutlicher und das, was er ihr erzählte konnte grausamer nicht schmecken…sprachen die Worte von Blut, von durchtrennten Sehnen und vom Geschrei derer, in deren Verantwortung sie gestanden hatte. Nach einigen Momenten, die wie eine ganze Ewigkeit auf der Seele der keine 100 Jahre messenden Elfe lagen, drangen ihr die ersten unverständlichen und noch verhaltenen Schreie bereits entgegen, brandeten an die wunde Seele der im goldenen Licht des Morgens ankommenden Amae’thariel und boten ihr ein Bild des unbeschreiblichen Gräuels. Kleine Feuer loderten bereits an den ersten Bäumen, in denen viele der Brüder und Schwestern noch geschlafen hatten, rote Flammenzungen zogen ihre Spur vom weißen Tor aus den Weg entlang ins Innere und dunkle gellende Laute mischten sich in die weichen Rufe derer, die sich der Meute aus Orks und Goblins bereits im Kampf entgegengestellt hatte.
Ihre Schuld…
Von Sinnen, die anvertraute Waffe gehoben schnitt die Klinge singend ins Fleisch ihrer Feinde, brachte sie mancher Grünhaut, die bereits selbst zum Stoß angesetzt hatte, wie ein nach Rache dürstender goldener Geist ums Leben, trennte Gliedmaßen von angestammten Körpern und bald ward das helle Weiß der Rüstung getränkt vom Blut der zu Boden sinkenden Angreifer. Bis ins Innerste Heiligtum, einen Baum so alt dass kaum eines der Kinder Phanodains die junge Knospe, aus der er einst entstanden war ,noch mit eigenen Augen gesehen hatte, brachte ihr rasender Tanz der wirbelnden Klinge sie und wie eine rasend vor Wut gewordene Wölfin biss sich die Schneide in die sich ihr entgegenstellenden Körper, bis sie am Rand ihres Bewusstseins eine weitere Gestalt gewahrte, die Schneisen in die angreifende Meute schlug.
Finduilas… ihr Mentor…
Sein gespannter Körper wand sich schneller und geschickter als die tumben Körper der Grünhäute zu folgen vermochten doch, sie waren viele und er musste schon eine ganze Weile nimmermüde hier die Stellung gehalten, den Baum verteidigt haben, denn mit jedem Schritt, den er in all seiner Gewandtheit tat, drängten ihn die Horden ein minimales Stück zurück. Kaum noch dreißig Schritt trennten den silberhaarigen Mentor noch von den ersten aus dem Baum heraus geformten Stufen, die bis in die oberen Äste und zu den dort befindlichen Plattformen führten auf denen all das angesammelte Wissen in ledernen Rollen schlummerte. Wieder übernahm ihr geschulter Körper und wie in Trance sah ihr inneres Auge dabei zu, als sich die gestundete Klinge durch die gegen sie anrennenden Leiber fraß, sich wieder etwas Raum erkämpfte, da einen Schlag parierte, hier in einer schnellen Finte auf einen Angriff antwortet und dort die Kehle eines einäugigen Orks zerschnitt, der gurgelnd, die bulligen Hände an den Hals drückend vor ihr zu Boden sank.
Nur noch zehn Schritte waren dem alten Freund geblieben, als ein leises Lachen im lauten Kampfgetümmel erklang, dass sich die feinen lichtblonden Haare auf Amaethariels Armen aufstellten. Eine weitere Gestalt, knotig, gedrungen und mit einem verstümmelten Bein näherte sich humpelnd von einer bisher unbeachteten Seite, schien wie ein vom Blitz getroffener Baum aus dem Boden heraus zu wachsen und doch klangen die Worte aus dem keifenden Mund wie blanker Hohn.
„Sieh an, schönes Liebchen…hast du den Weg nach Haus gefunden… „ Winzige in verwitterte Höhlen gesunkene Augen spotteten mit boshaften Blicken in ihre Richtung, trafen sie bis ins Mark denn sie wusste, jede Verletzung, jedes verbrannte Haus und jede gefallene Seele würde für alle Ewigkeit auf ihrem Gewissen lasten. Ein Kichern, dass sich an ihrem Elend weidete , ein haltloses Lachen schallte der mit Blut besudelten Elfe entgegen und noch während sie sich Meter um Meter an ihren Mentor heran kämpfte, den langsam ermattenden Orks mit jedem Schritt mehr Raum abkaufte, hob die Gestalt die Hand und ein kränklich grünlicher Blitzstrahl sank aus dem wolkenlosen Nachthimmel herab…
„Neeeeeeiiiiiiiinnnnnnn….“Der Moment, der nicht mehr als einen Sekundenbruchteil, nicht mehr als das Zucken einer Wimper oder das rasche Aufblitzen der Sonne im Wasser der Bäche und Flüsse war, dehnte sich zu einer unerträglichen Ewigkeit als Amae’thariel verzweifelt versuchte, noch zu ihrem Mentor, ihrem Freund und wichtigstem Inhalt ihres bisherigen Lebens zu gelangen, doch es war zu spät. Das silbrige Grau seiner Augen zeigte für eine Sekundenspanne grenzenlose Überraschung, die in einen nicht zu ahnenden Schmerz überging, gefolgt von der alles umfassenden Leere, wenn das Licht eines Elfen dabei ist gänzlich von der Welt zu verschwinden.
„Neeeeeiiiinnn…“ Ihr Schrei hallte wie ein verletztes Tier, wie das Heulen eines Wolfes in der Nacht, über die gefallenen Orks hinweg, erklang noch immer als eine Armee aus Elfen sich ihrem geschlagenen Pfad folgend viel später den restlichen Angreifern im Dorf stellten, hallte als verbliebenes Echo auch noch zu den Sternen empor, als die letzte Grünhaut ihr Leben für den sinnlosen Wunsch nach Schätzen hatte lassen müssen.
Eine Spur Verzweiflung, ein Quentchen Wut, Gefühle, die Amae’thariel nie zuvor zu fühlen geglaubt hatte, deren Tragweite sie nicht kannte, nie im Inneren ihres Herzens gespürt hatte flossen wie flüssiges Feuer durch ihre Venen und für einen langen Moment klang das Lied um sie herum wie das erstickende Gurgeln eines in die Tiefen Gezogenen, eines Ertrinkenden der um den letzten Halt an der ruhigen Wasseroberfläche kämpft. Verzagtheit über den nahenden Tod Finduilas schien die sorgsam gehaltene Hülle aus anmutiger Ruhe und Stille zu brechen. Mochte der Riss anfangs noch so fein sein, das kaum ein Lichtstrahl oder Atemzug sich hindurch hätte zwängen können, so wuchs das feine Geflecht langsam an, sackte eine bunte Schar an Empfindungen in sie hinein und sprengte schließlich den wohlbehüteten Mantel ihres bisherigen Lebens. Die Reinheit des sie umgebenden Liedes, das Wissen um seine Kraft, die alles jeden Tag aufs Neue schuf und das ihre Geschwister, jene die man Ithron nannte, wie geschickte Schneider zu weben vermochten, mit emsigen Fingerspitzen verflochten und zu noch nie dagewesenen Gebilden formten klang in ihrem Ohr so klar und rein wie eh und je und doch flatterte ihr Herz einen Schlag lang, schien ob des gerade Geschehenen sogar einen Schlag auszusetzen ehe es mit seiner ganzen Kraft wieder zu pochen begann.
Ein leiser Wind, dessen bunte Melodie am vergangenen Abend noch die in den Bäumen hängenden Häuser wie ein liebevoller Hauch umgarnt hatte, schien um sie herum zu tanzen, sie zu umringen als wollte er ihr etwas Bedeutendes mitteilen und in den Blättern, die nie ihr prachtvolles Grün verloren, vernahm sie ein huschendes Flüstern, eine Warnung.
*Gib acht…Böses droht, mein Kind*
Amae’thariel, deren Sinne vom Schock der einbrechenden Empfindungen den Blick in die Außenwelt beinahe vollkommen verloren hatte, besann sich wieder der Dinge, die um sie herum geschahen, sah, dass die alte Schamanin mit wackelnden aber nichts desto trotz behänden Schritten auf den am Boden liegenden Körper Finduilas zuging. Kaum mehr als zwanzig Schritte mochten die alte Vettel von ihm trennen, kaum achtzehn und wie Schuppen fiel ihr von den Augen was sie über das Volk der Grünhäute in den zahlreichen Lektionen vernommen hatte. Sie waren bekannt dafür die Opfer ihrer Angriffe auf grausamste Weise zu quälen und zu verstümmeln bis manche Kinder Phanodains nicht mehr zurück ins große Lied fanden. Einige hell leuchtenden Sterne hatte das blutige Spiel, das den Schamanen unter ihnen zugesprochen wurde, bereits gekostet und nun würde auch ihr Mentor zu jenen gehören deren Namen in den leisen Liedern beklagt und sogar beweint wurden.
Das durfte nicht sein…
Nicht er, nicht jetzt…nicht durch die knotigen Hände der sich nähernden Grünhaut.
Sie wusste, dass jede Hilfe ihrer Brüder und Schwestern zu spät käme, sie ahnte dass sie bei aller Kraft nicht rasch genug zu ihm gelangen würde, sie spürte dass sein Kampf ein endlicher war und nur wenige Atemzüge ihn vom Schlaf im dunklen Nichts, getrennt von seinen Geschwistern, abhielten , doch sie wusste auch dass er kämpfte, als suchte er noch ein letztes Mal Herr über seinen Körper zu werden.
Wieder stand die Zeit still, doch diesmal formte sich in ihrem Herzen, ihrem Geist, ihrer Seele ein Widerstand. In einem letzten Schrei stieß sie sich nach vorn und der leise sie warnende Wind trieb sie voran, rauschte mit ohrenbetäubendem Getöse an ihr vorbei und wurde härter als eine Wand aus geschliffenem Stahl es hätte werden können. Amae’thariel streckte die Hand nach ihrem Mentor aus und die geballte Mauer aus Luft sauste und surrte der lachenden Schamanin entgegen, die ihre kalten Hände schon an Finduilas Schultern gelegt hatte. Vollkommen unerwartet wirbelte der einstmals verhaltene Hauch die Alte von den Füßen und ließ ihr keine Möglichkeit mehr dem eisigen Griff zu entkommen der sie viele Meter weit entfernt gegen die borkige Rinde eines alten Baumes schmetterte. Wie ein ungebremstes Gewicht fiel ihr Körper zu Boden, wurde von ein paar verbliebenen Orks eingesammelt und davon getragen noch ehe die junge Elfe sich der Tragweite ihres Wirkens bewusst werden konnte.
Sie aber fiel auf ihre geschundenen Knie, kauerte sich wie ein zerbrochenes Spielzeug, blutverschmiert, die Rüstung in Fetzen, über ihren Mentor, hielt dessen verbrannte Hand in ihren schlanken Händen und flüsterte kaum hörbare Worte, die vom Wind davon getragen wurden, flehte um eine Vergebung, die niemand außer ihr selbst im Stande gewesen wäre zu geben.
„Gib dir nicht die Schuld… Gwathel, du hättest sie nicht aufhalten können, auch mit…aller Macht der Jugend nicht.“ Finduilas hustete und ein Faden frischen Blutes formte sich von seinem Mundwinkel aus um das Kinn hinab zu der angesengten einstmals weißen Rüstung zu rinnen.
„ Ich hätte dort sein müssen, ich hätte sie aufhalten müssen Herdir, doch ich bin einer List gefolgt, einer Täuschung die ich hätte durchschauen müssen. Du hast mich gelehrt Mellon und ich habe es dir vergolten indem ich dich im Stich ließ.“ Einzeln Tränen gruben sich durch die von Blut und Schmutz bedeckten Wangen, hinterließen ihre Spuren im Ruß der vergangenen Stunden, nahmen einen Teil dessen mit sich, das sie im Kampf aufrecht gehalten, ihr Kraft gegeben hatte.
„Ich habe dich verraten Finduilas… ich verdiene es nicht, dein Schwert zu tragen… ich verdiene es nicht, mich schützend vor meine Brüder und Schwestern zu stellen…“ Amae’thariel wollte erneut ansetzen als der Brustkorb des Mentors sich unter einem röchelnden Husten zusammenzog, weitere Tropfen dunklen Blutes zum Vorschein brachten.
„Glaur en elin síla mi chent lín, melethril…In deinen Augen sind die Sterne heute näher als sie es mir je zuvor waren…kleine Blüte, ich habe dir längst vergeben. Du hast alles getan, das getan werden konnte, du hast wie eine wütende Wölfin gekämpft um die deinen zu verteidigen…nun geh und hilf ihnen, ihre Wunden zu versorgen. Ich werde zu den Sternen zurückkehren und all ihre Wunder sehen. Mögen deine Seele und dein Herz weiß sein, wie der frisch gefallene Schnee der alle Wunden bedeckt, weiß wie ein unbeschriebenes Blatt und mögest du ab nun unter dem Namen Sae’lind gerufen werden… Amae’thariel Sae‘lind“ Wieder erschütterte ein Röcheln den Körper doch statt des Schmerzes weitete sich das helle Grau seiner Augen und für einen kurzen Atemzug schimmerte in ihnen der ferne, unbegreifliche und mannigfaltige Glanz der am Himmel stehenden Lichter ehe der Glanz der Augen ganz erlosch.
Es mochten Stunden oder aber doch nur Minuten vergangen sein als sich Amae’thariel Sae’lind in die Höhe drückte und den Blick zum dunklen Himmelszelt wandte, hell und unbefleckt von alledem, das an diesem Tag im Tal der weißen Stadt passiert war. In einem letzten Abschied bettete sie die Klinge, die ihr und vielleicht einigen Brüdern und Schwestern das Leben gerettet hatte, als Gruß an eine vergangene Seele in Finduilas Arme und folgte den leisen Stimmen derer, die im Kampf verwundet worden waren um ihnen zu helfen und ihre blutenden Körper zu einem Heiler zu tragen. Unter dem Licht der Sterne, die schon bei ihrer Geburt geschienen hatten war sie zu einer neuen Seele geworden, hatte eine alte Hülle von sich gestreift und einen neuen Namen erhalten. Auch wenn der, dem sie das, was man wohl als erste Liebe bezeichnen konnte, ihr in gewisser Weise Absolution erteilt hatte, ihr vergeben hatte, so würde es noch brauchen bis auch sie sich selbst würde vergeben können.

