Nachdem Jenyka ihr das Schreiben - oder besser gesagt die Steintafel - in die Hand gedrückte hatte, verkrümelte sie sich damit in den Innenraum des
Torkelnden Oger. Es war wirklich kalt geworden, sau kalt sogar! Sie würde dringend Kohlenpfannen auftreiben müssen, dachte sie bei sich. Weil gleich nebenan gerade ein Kesselschmied geöffnet hatte, ließ sie alles stehen und liegen und erledigte das zuerst. Dabei fielen ihr noch tausend andere Sachen ein, die sie gebrauchen konnte, so dass sich der Aufenthalt ein wenig in die Länge zog.
Etwas später saß sie dann wieder vor der Tafel. Es dauerte eine Weile bis sie die Schrift entziffert hatte. Im Lesen von Steintafeln war sie nicht geübt. Die positive Nachricht nahm sie mit einer gewissen Erleichterung auf, auch wenn Restzweifel blieben. Seit ihrem kurzen Besuch des Basars in Menek'Ur war sie etwas vorsichtiger geworden. Sie war nicht dumm und wusste natürlich, dass die Uhren in Bajard anders tickten als im Rest Gerimors und dass die Lebensverhältnisse hier mit denen in den größeren Reichen nicht vergleichbar waren. Der tatsächliche Unterschied hatte sie dann aber doch überrascht. Offensichtlich kam sie nicht genug in der Welt herum und hinkte der Zeit hinterher. Ihren ursprünglichen Plan, in der Taverne Getränke und Speisen aus verschiedenen Regionen Gerimors anzubieten, hatte sie jedenfalls ganz unten in der Schublade vergraben. Das finanzielle Wagnis schien ihr doch zu groß, schließlich kamen nach Bajard viele arme Reisende, die sich erst ein Standbein in der Welt schaffen mussten. Wer sollte das also bezahlen? Und wie sollte sie das alles bezahlen?
Auch wenn sie einsehen musste, dass ihre Pläne etwas überambitioniert und den Verhältnissen nicht angemessen gewesen waren, wollte sie an den Kaluren doch festhalten. Der Handelsposten war schon seit Jahren nebenan und irgendwie kam es ihr komisch vor, dass man in Bajard nicht einmal ein Zwergenbier bekam. Außerdem half es ja nichts, gleich den Kopf in den Sand zu stecken. Also nahm sie sich erneut Pergament und Federkiel und machte sich daran, eine Antwort zu verfassen. Mal sehen, was das Gespräch ergeben würde.
Leider war es über das ganze Grübeln jedoch spät geworden, weshalb sie ihre Arbeit unterbrechen musste, um zu schlafen. Am nächsten Tag aber, so gegen Abend, verschwand sie in
Meister Blingdenheims Reisender Bibliothek und Wunderkammer und setzte sich am Schreibpult wieder an den Text, um ihn endlich und tatsächlich auch zu schreiben. Anschließend brachte sie das Schreiben zum Postamt und bestellte einen Versand zur Frostklamm an die Sippe Donnerfaust, den Bhir Dar persönlich.
Hochverehrter Meister Donnerfaust
Habt vielen Dank für Eure Antwort. Gerne möchte ich Euch zum Wochenende in Bajard empfangen. Unter der Woche kann ich es leider nicht mit der nötigen Verlässlichkeit versprechen.
Würde Euch der 14. oder wahlweise auch der 15. oder 16. Goldblatt zusagen? Mit Vorliebe nicht früher als zur 20. Stunde. Bezüglich der genauen Abendstunde wäre ich nicht festgelegt.
Natürlich können wir uns gerne im Torkelnden Oger verabreden. Sollte Euch der Weg doch zu beschwerlich sein, will ich Euch aber auch gerne auf der Frostklamm besuchen. Frau Wintereich wird es nach Möglichkeit einrichten, dem Treffen ebenfalls beizuwohnen.
Hochachtungsvoll
