Grün. Blätter waren grün. In ihrer vollen Pracht waren sie grün, wenn auch es unzählige verschieden grün gefärbte Blätter gab, in allen möglichen Formen. Doch das Jahr schritt voran und der Zahn der Zeit nagte an den grünen Blättern.
Nun, er nagte nicht ausschließlich an ihnen, aber das Grün der Blätter, oder Blätter im Allgemeinen, sind einfach ein zu gutes Beispiel für das Nagen der Zeit an… allem, was man auch nur allzu gut selbst beobachten kann, als dass man ein anderes Beispiel wählen müsste.
Der Sommer, die warme Jahreszeit, war vorbei. Längst war Väterchen Frost auf dem Weg nach Gerimor und sandte seine ersten Boten. Die Tage wurden kürzer. Das Klima wurde kälter. Das Wetter wurde schlechter.
Letzteres ist natürlich Definitionssache und hängt zudem auch immer an den persönlichen Vorlieben des Verkünders einer solchen Aussage.
Es regnete schon eine ganze Weile. Viele, mittlerweile alles andere als grüne, Blätter gaben sich dem fallenden Wasser hin und beugten sich ihm, vielen teils, ob ihrer Schwäche, sogar gen Boden. Nur wenige trotzen der Naturgewalt und fingen den Regen auf, betteten ihn, eines Kindes gleich, in ihrer Mitte und waren auch noch dreist genug, egoistisch wie Blätter nun mal sind, nichts frei- und damit abgeben zu wollen. Doch den Regen selbst kümmerte das wenig. Er tat nur das, was er immer tat. Fallen, bis ihn irgendetwas aufhielt, arrogant wie immer von oben herab.
Niemanden in Adoran interessierte dieser kleine Kampf der Blätter gegen den Regen. Die Menschen verkrochen sich zum Großteil in ihren Häusern, Schutz vor dem Regen suchend. Und das sogar ziemlich erfolgreich. Dennoch fehlte irgendetwas. Es mag sicher nicht vielen aufgefallen sein, genauer sicher nur einigen wenigen. Vielleicht war es die Ruhe, die das Fehlen verdeutlichte? Vielleicht war es ein Widerstand, der schon länger nicht mehr da war? Einige wenigen mögen danach suchen, dem Fehlenden. An Orten und Stellen, an denen man gerne mal etwas verliert. Dort unterm Bett, da fällt doch ständig mal etwas herunter. Doch nicht das fehlende, nein, hier war es nicht. Dabei würde der Platz sogar unter gewissen Umständen völlig reichen. Oder war es in einer der Schubladen, achtlos weggeräumt um es später wieder hervorzuholen? Nein, hier war es auch nicht. Wer würde es auch schon in eine Schublade stecken. Aber vielleicht war es ja doch nur kurz aus, hat sich selbstständig gemacht und kommt in den nächsten Minuten, Stunden, Tagen wieder. Es ist bisher immer wieder gekommen. Aber… vielleicht.. dieses Mal nicht? Doch, war es wichtig genug, jetzt bei dem Regen, draußen danach zu suchen? Nein, es konnte schon selbst auf sich aufpassen und es würde sicherlich wieder kommen. Ganz bestimmt!
Fernab der Stadt, die er eins Heimat nannte, und noch ferner seiner wahren Heimat, saß, nein lag er gemütlich in dem kleinen aber völlig ausreichendem Erdloch. Zumindest reichte es für einen Wolf seiner Größe aus. Als Mensch hätte er sicher nie da rein gepasst. Dafür hätte er sie deutlich größer machen müssen, aber das wäre anstrengender als eine routinierte Verwandlung. Der Regen prasselte auf den Boden des Waldes. Ein Segen für die Pflanzen, sicher. Doch die Tiere scheinen den Regen genauso wenig zu mögen wie die Menschen. Ein kleines Eichhörnchen huschte zu dem kleinen Erdloch in dem der silber-gräuliche Wolf lag. Es stockte bei dem Anblick des offensichtlichen Raubtieres, huschte jedoch nicht direkt davon. Der Wolf selbst richtete nur seine saphirblauen Augen auf das kleine Tier und hob kurz seine Brauen an, ehe er seinen Blick wieder hinaus, auf den Regen, richtete. Das Eichhörnchen kam ein klein wenig näher und traute sich sogar das Erdloch zu betreten. Zu müde und erschöpft wirkte der Wolf, als dass er irgendetwas tun würde, was dem Eichhörnchen nicht bekommen würde. Und tatsächlich blieb er einfach liegen. So verging einige Zeit, ungewiss ob Minuten oder Stunden, denn den Tieren war die Einteilung der Zeit in Einheiten völlig unbekannt und ebenso unwichtig, die kälter und kälter zu werden schienen. Der Wolf schien es dennoch warm zu haben, was dazu führte, dass das Eichhörnchen immer näher an den Wolf rückte. Stück für Stück, bis es sich an das warme Fell des Wolfes kuschelte. Er hob kurz seinen Kopf, sah zum Eichhörnchen und wieder geradeaus. Nach und nach kamen mehrere kleine Tiere in das kleine Erdloch zum zahmen Wolf und profitierten von der angenehmen Wärme, die weiter wacker gegen die Kälte des Regens ankämpfte.
Doch auch davon bekam niemand in Adoran auch nur ansatzweise etwas mit.
Die Stadt, dem etwas abhandengekommen war.
Wild und frei
- Constanze Malin
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- Registriert: Donnerstag 19. Mai 2016, 17:05
“Ich bin wieder zuhause!” Stille antwortete ihr, wie sie es schon seit Tagen tat. Sie presste die Armbänder enger an ihre Haut, bis die Kanten ihre Abdrücke hinterließen, das Flammenmuster aus Druckstellen das Handgelenk umkränzte. Wo war er nur? Die Lippen pressten sich zusammen, bildeten eine schmale, schneeweiße Linie, dann wirbelte die Schwarzhaarige wieder herum. Sie griff nicht nach den hübschen Mänteln, die sie in der Stadt trug. Sie griff nicht nach den Jacken oder gar ihrer Uniform. Stattdessen war es ein dicker, dunkelgrüner Umhang, gefüttert mit warmer, weicher Wolle. Ein Umhang, der stellenweise abgewetzt war. Eigentlich hätte er längst ausrangiert gehört.
Die Plattenrüstung blieb zuhause. Nur das Rapier nahm sie mit. Keine Waffe, die sie selbst sich gekauft hatte. Sein Geschenk. Vielleicht war er nur im Wald. Ein paar Tage in seiner Wolfsgestalt. Wenn sie ihn finden konnte, dann würde sie vielleicht mit ihm laufen, bis sie vollkommen erschöpft auf den Boden sank, bis sein weiches Fell alles war, was sie vor dem Regen und der Kälte beschützte.
Einen Moment gestattete sie sich, an seine verschiedenen Gestalten zu denken, an die Formen, in denen sie ihn bisher in den Armen gehalten hatte. Sie dachte an seine Stimme in ihren Gedanken, die sie nun so schmerzlich vermisste. An seine Gegenwart in den Räumen, die ohne ihn so quälend leer wirkten. Aber wenn er geglaubt hatte, dass sie seine Abwesenheit einfach hinnehmen würde, einfach so, ohne ein Lebenszeichen, eine Nachricht… Dann hatte er sich getäuscht.
Wenige Stunden nachdem die Hand zum Umhang gegriffen hatte, verließ eine Frau die Stadt. Wenig erinnerte an die Gardistin, noch weniger an die Kämpferin in ihrer Rüstung. Sie würde ihn suchen. Immer wieder. Vielleicht für dieses Mal nur einige Tage, bis sie wieder in die Stadt zurück musste. Aber aufgeben würde sie nicht.
Stunden später…
Regen fiel auf sie herunter, und der Umhang half schon lange nicht mehr gegen die Nässe, die Kälte. Sie räusperte sich, auch wenn es nicht viel half. Die Kehle war schon wund vom rufen, die Finger zerschunden, weil sie selbst auf Bäume geklettert war. Er konnte auch eine Katze sein und irgendwo dort oben liegen. Sie wollte überhaupt nicht wissen, an wie vielen Bäumen sie ihr Blut hinterlassen hatte. Sie wollte nicht einmal darüber nachdenken. Und eigentlich hatte sie für diese Frage auch keine Kraft mehr, als sie sich unter einen Vorsprung kauerte und den Umhang enger um sich zog. Feuer schreckte Wölfe ab… darum machte sie keines. Immerhin konnte sie sich nicht sicher sein.
Bevor sie in einen erschöpften Schlummer sank, flüsterte sie heiser “Merrik…” und gab sich alle Mühe zu tun, was jeder Liedwirker bei ihr so ohne Schwierigkeiten tun konnte. Sie gab sich Mühe, ihren Geist nach seinem auszustrecken. Vergeblich.
Die Plattenrüstung blieb zuhause. Nur das Rapier nahm sie mit. Keine Waffe, die sie selbst sich gekauft hatte. Sein Geschenk. Vielleicht war er nur im Wald. Ein paar Tage in seiner Wolfsgestalt. Wenn sie ihn finden konnte, dann würde sie vielleicht mit ihm laufen, bis sie vollkommen erschöpft auf den Boden sank, bis sein weiches Fell alles war, was sie vor dem Regen und der Kälte beschützte.
Einen Moment gestattete sie sich, an seine verschiedenen Gestalten zu denken, an die Formen, in denen sie ihn bisher in den Armen gehalten hatte. Sie dachte an seine Stimme in ihren Gedanken, die sie nun so schmerzlich vermisste. An seine Gegenwart in den Räumen, die ohne ihn so quälend leer wirkten. Aber wenn er geglaubt hatte, dass sie seine Abwesenheit einfach hinnehmen würde, einfach so, ohne ein Lebenszeichen, eine Nachricht… Dann hatte er sich getäuscht.
Wenige Stunden nachdem die Hand zum Umhang gegriffen hatte, verließ eine Frau die Stadt. Wenig erinnerte an die Gardistin, noch weniger an die Kämpferin in ihrer Rüstung. Sie würde ihn suchen. Immer wieder. Vielleicht für dieses Mal nur einige Tage, bis sie wieder in die Stadt zurück musste. Aber aufgeben würde sie nicht.
Stunden später…
Regen fiel auf sie herunter, und der Umhang half schon lange nicht mehr gegen die Nässe, die Kälte. Sie räusperte sich, auch wenn es nicht viel half. Die Kehle war schon wund vom rufen, die Finger zerschunden, weil sie selbst auf Bäume geklettert war. Er konnte auch eine Katze sein und irgendwo dort oben liegen. Sie wollte überhaupt nicht wissen, an wie vielen Bäumen sie ihr Blut hinterlassen hatte. Sie wollte nicht einmal darüber nachdenken. Und eigentlich hatte sie für diese Frage auch keine Kraft mehr, als sie sich unter einen Vorsprung kauerte und den Umhang enger um sich zog. Feuer schreckte Wölfe ab… darum machte sie keines. Immerhin konnte sie sich nicht sicher sein.
Bevor sie in einen erschöpften Schlummer sank, flüsterte sie heiser “Merrik…” und gab sich alle Mühe zu tun, was jeder Liedwirker bei ihr so ohne Schwierigkeiten tun konnte. Sie gab sich Mühe, ihren Geist nach seinem auszustrecken. Vergeblich.
Einen Fehler machen die Menschen, die am Abgrund stehen
Um zu sehen ob sie der Tiefe widerstehen können.
Sie denken sie sind allein und niemand da, der sie schubst.
Um zu sehen ob sie der Tiefe widerstehen können.
Sie denken sie sind allein und niemand da, der sie schubst.