Auch strahlende Städte werfen lange Schatten

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Gerald Morgenstern
Beiträge: 3
Registriert: Sonntag 4. September 2016, 00:03

Auch strahlende Städte werfen lange Schatten

Beitrag von Gerald Morgenstern »

Zuhause. Endlich Zuhause.
Ich spüre deutlich die Tränen in meinen Augenwinkeln, als das Schiff in den Hafen einfährt. Das Schiff legt nach langer Reise am Kai an, Taue werden geworfen und vertäut. Die Planke wird von den Matrosen ausgelegt und ich wandle darüber wie ein Träumender.
Sechs Jahre war es her. Sechs lange Jahre, dass ich Adoran verlassen habe, wenn auch unfreiwillig und in Ketten.
Wenn Adlige ihre persönlichen Intrigen spinnen bleibt selbst von wohlhabenden und angesehenen Kaufleuten nichts mehr übrig. Meinen Vater haben sie in den Schuldturm geworfen, wo er starb und meine kleine Schwester haben sie mir genommen. Ich weiß bis heute nicht was aus ihr geworden ist, aber auch um sie habe ich geweint.
Mich haben diese Bastarde in die Sklaverei verkauft, nachdem sie meiner Familie alles genommen haben. Oh gewiss, im lichten Reiche gab es doch keine Sklaverei, aber dafür gab es Menschen. Mächtige Menschen die sich unfreiwillige Gespielinnen halten und die Kinder ihrer persönlichen Feinde in ferne Länder verkaufen.
Sechs lange Jahre. Eine Irrfahrt aus Flucht und Gefangennahme und Weiterverkäufen. Bis mir ein völlig Fremder zur Flucht verhalf, mich in seine Heimat brachte, wo ich mir genug Geld für eine Passage erarbeiten konnte.
Und nun bin ich wieder Zuhause im schönen, sonnigen Adoran. Doch die steinernen Straßen sind kalt, die Gebäude fremd und die Wachen bedrohlich. Ich habe unser altes Heim aufgesucht. Das große Haus meiner glücklichen Kindheit und Jugend ist das Heim von Fremden. Ich erkenne kaum etwas wieder.
Menschen gehen an mir vorüber ohne mich zu erkennen, nicht einmal im Handwerkshaus, in dem mein Vater ein und aus gegangen war, erkennt man mich. Vielleicht ist es auch besser so. Was würde denn mit mir geschehen, wenn die falschen Leute erfahren, dass ich zurück in Adoran bin?
Es schmerzt in der eigenen Heimat ein Fremder zu sein, doch in Adoran gibt es für mich kein Heim mehr. Dort bin ich nur ein Fremder, ein Reisender, ein Durchreisender.
Ich zähle meine letzten Münzen und besteige wieder ein Schiff.
Sechs Jahre sind eine lange Zeit, doch vielleicht finde ich in Bajard jemanden, der meinem Vater wohlgesonnen war. Auf jeden Fall jedoch werde ich im neutralen Bajard vor meinen Häschern sicher sein, die mit Sicherheit kommen werden, wenn bekannt wird, dass ich zurück bin...
Gerald Morgenstern
Beiträge: 3
Registriert: Sonntag 4. September 2016, 00:03

Beitrag von Gerald Morgenstern »

In Bajard ergeht es mir kaum besser. Dieser Ort hat noch immer den Charme eines Fischerdorfs, doch erkenne auch hier kaum etwas wieder. Auf den Hausschildern stehen fremde Namen.
Mit hängenden Schultern irre ich umher, daran zweifelnd, dass es eine gute Idee gewesen ist zurück zu kehren.
In der Nähe des Hafens spricht mich eine Frau an, als ich zu laut darüber nachdenke, dass ich hier niemanden mehr kenne.
Ich trete zu ihr, dass wir nicht ganz so schreien müssen, um uns zu unterhalten. Ein paar Worte folgen, ehe ich aufsehe, ihr Gesicht betrachte.
Es ist wie ein Schlag in die Magengrube. Das Gefühl einem Geist gegenüber zu stehen und ihr ergeht es nicht besser.
Wir bekommen keinen Ton heraus, stehen uns nur fassungslos gegenüber, vergessen die Menschen um uns herum.
"Arys..." Hauche ich ungläubig. Sie ist es. Nach all den Jahren in denen ich fürchten musste, dass sie unserem Vater in die nächste Welt gefolgt war, steht sie nun aufrecht vor mir. Meine kleine Schwester Arys.
Wir fallen uns in die Arme, können es noch immer nicht wirklich fassen einander gefunden zu haben.

Wir setzen uns in eine Taverne und unterhalten uns bei einem Mahl, lassen uns von niemandem stören, zu groß ist die Wiedersehensfreude.
Der Weg den meine kleine Schwester hat nehmen müssen war nicht schöner gewesen als der meine und ebenso wenig einfacher. Doch nun sitzen wir hier in Bajard einander gegenüber, die letzten der Morgensterns, die ihren einsamen Weg überlebt haben.
Und in einem Punkt sind wir uns einig wie bei kaum etwas anderem: Der Baron wird bezahlen und Adoran soll brennen!
Adoran verlor unsere Liebe in dem Augenblick, als angesehenen Bürgern unrecht geschah, ohne dass irgendjemand versucht hätte etwas dagegen zu unternehmen.

Arys erzählt mir, dass sie nun auf La Cabeza lebt und bietet mir Obdach, welches ich gerne annehme. Wir nehmen das nächste Schiff und ich bin glücklich.
Meine kleine, chaotische Schwester lebt und inzwischen geht es ihr gut. Es ist weit mehr, als ich bei meiner Rückkehr erwartet habe.
Gerald Morgenstern
Beiträge: 3
Registriert: Sonntag 4. September 2016, 00:03

Beitrag von Gerald Morgenstern »

Meine Angelschnur ist gerissen.
Ich schlage die Angelrute mehrfach gegen den nächsten Hafenpoller, bis die Splitter fliegen und ich nur noch einen kümmerlichen Rest in Händen halte. Erst die Schnur, jetzt auch noch die Rute.
Ich habe mich nicht mehr unter Kontrolle.
Tief durchatmend versuche ich krampfhaft mich zu entspannen. Entspannung und Verkrampfung vertragen sich nur leider nicht besonders, also seufze ich deprimiert und lasse die kaputte Angel fallen.
Erst meine Schwester, jetzt auch noch meine Angel.
Im Augenblick habe ich den Eindruck, dass ich früher deutlich gelassener gewesen war. Warum auch nicht? Ich hatte Geld, hatte eine vielversprechende Zukunft und hatte Frauen so viele ich wollte. Ich begehrte und war begehrt. Ein schönes Leben im sonnigen Adoran...
Intrigen und Verrat verändern einen Menschen, ebenso wie Verluste. Ganz zu schweigen von der Sklaverei und sechs langen Jahren in der Fremde.
Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich nach Gerimor zurückkehrte und meine Schwester traf, die lebte, der es gut ging und die mich in ihr Heim einlud.

Wie sich heraus stellt lebt sie in einem winzigen Zimmer in einer Herberge auf einer Insel namens La Cabeza. Ich hatte zunächst einen guten Eindruck. Der Hafen war belebt, der Ort gefiel mir.
Arys stellte mir eine ihrer Freundinnen vor, Melissa, ein junges Ding, noch jünger als Arys. Aber meine kleine Schwester hat eine hohe Meinung von ihr und ihrem Fachwissen als Heilerin. Arys selbst ist eine Heilerin geworden, auch wenn wohl noch ein langer Weg vor ihr liegt, ich war stolz auf sie.
Aber dann begann alles einzubrechen.
Melissas Freund kam hinzu, ein Kerl namens Leo. Ein Pirat wie schnell klar wurde und er leugnete nichts, schien gar stolz darauf zu sein. Alleine wenn ich nur daran denke brennen mir wieder meine Narben an Händen, Armen und Torso.
Dann fielen noch ein paar weitere Worte, irgendwie kam gar das Thema auf unsere Mutter und auf ihre Sucht. Arys wollte es mir nicht glauben. Sie war noch ein kleines Kind gewesen, als Mutter starb. Meine kleine Schwester sprang auf und rannte davon und ich durfte sie suchen.

Es dauerte lange, bis ich sie schließlich in Bajard aufstöberte, wo wir zum reden kamen, wobei das auch wieder aus dem Ruder lief.
Erst war ich angefressen weil sie mit einem Kerl am Feuer saß. Viryo sein Name. Er ist ein besserer Mann als ich anfangs dachte, aber das ist nicht von belang, denn William kam auch noch dazu, dieser Taugenichts mit dem Arys zusammen sein will.
Ehemaliger Seemann und nun ein Tagelöhner der dann und wann wildert. Ein Kotzbrocken, der schon im zweiten Halbsatz die Fäuste fliegen lassen wollte.
Aber ehrlich darüber nachgedacht habe ich mich auch nicht gerade vorbildlich benommen.
Meine kleine Schwester treibt sich mit Kriminellen herum, unterhält sich mit Huren über Kleider und möchte mit einem Taugenichts leben... Doch sind die Piraten mehr Ehrenmänner als es der adoranische Baron war der meine Familie ins Unglück stürzte. Bei diesem William habe ich mir aus wenigen Sätzen meiner Schwester ein Bild gemacht, das vielleicht etwas voreingenommen war, weswegen der erste Kontakt womöglich nicht ganz so lief wie es hätte sein können. Und die Huren... nun, wir sind im Augenblick gesellschaftlich nicht all zu weit von diesen entfernt, leider.
Aber dieser William regt mich nach wie vor auf. Sein Gerede, dass er sich an Arys heran macht... und das ich die Beherrschung verloren habe und ihn gestoßen habe. Am liebsten würde ich schreien, denn nun hat Arys mich von sich gestoßen.
Kaum habe ich sie wieder gefunden, da habe ich sie auch schon verloren. Wir haben uns übel gestritten nach diesem Abend und sie will mich nie wieder sehen.
Wieder ist sie davon gerannt... und ich bin gegangen.
Ich ging zum Hafen, sah William... und beachtete ihn nicht weiter. Ich habe einfach nicht mehr die Kraft gehabt mich mit ihm zu befassen. Wenn Arys bei ihm sein will... Sie hört sowieso nicht mehr auf ihren großen Bruder.
Alles ist anders. Was früher gewesen ist ist heute nicht mehr von belang.
Meine Schwester ist erwachsen geworden. Sie ist jung und furchtbar naiv, aber erwachsen...
Und ich...?
Ich bin alt geworden, so alt...
Meine Knochen schmerzen mir vom Rudern, mein Rücken schmerzt mir von den Peitschenhieben und meine alten Verbrennungen schmerzen mir heute mehr als die ganzen letzten Jahre zusammen.
Ich bin nur noch ein überflüssiger Krüppel, ein Relikt der Vergangenheit... vielleicht sollte ich wieder zurück gehen, an den Ort an dem ich von der Sklaverei befreit wurde, an dem es Menschen gab denen ich etwas bedeute und eine Frau die des Nächtens meinen Namen wispert...
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