Das ist meine Geschichte und auch ein wenig die meiner Schwester
Also mich nennt man Amber und meine Schwester Juana. Beide tragen wir den Nachnamen unserer Mutter, also Cedewain. Ich vermute dieser Nachname wurde vor langer Zeit einmal einem unserer Vorfahren gegeben, der gerne den Cidrewein trank. Im Laufe der Zeit hat er sich wohl verändert und lautet nun Cedewain, was gut so ist. Unsere Mutter, Eluive sei ihr gnädig, denn sie ist tot, also unsere Mutter hat bei unserer Namensnennung nicht viel an Kreativität wirken lassen, die hat sich bei anderen Dingen eher ausgewirkt und zwar bei ihren Salben, Tinkturen und wirksamen Säften. Kräuterweib wurde sie von den Bewohnern der Dörfer genannt und bis heute ist mir unklar, ob es eine nette oder eher boshafte Umschreibung ihrer Tätigkeit war.
Von klein auf halfen wir beide, meine Schwester eher widerwillig, ihr beim Suchen der verschiedenartigsten Kräuter und Pflanzen. Jedes wichtige Detail hat sie uns erklärt und genau die Wirkungsweise beschreiben solange bis Juana davon genervt war. Nur ich, Amber konnte davon nicht genug bekommen. Was für kleine Mädchen damals nicht gerade der Höhepunkt eines Tages gewesen wäre, der eigentlich voller Abenteuer und Spaß sein sollte, meinen Tag hat es aber vollauf bereichert. Ihr verdanke ich mein Wissen über Pflanzen aller Art. Nach dem Tod unsere Mutter verließen wir unser kleines Häuschen im tiefen Wald und machten uns auf die Welt zu erobern.
Ich bin die jüngere von uns beiden. Man sollte meinen, das wäre irrelevant, aber nicht bei meiner Schwester Juana. Passt ihr etwas nicht, kommt sie mit ihren Mutterattituden
und diesen strengen Ton, den ich gar nicht mag, der mich reizt sie zu necken und weil ich sie kenne wie mich selber, führt das zu endlosen Debatten, die ergebnislos dann im Sand verlaufen.
„ Wieso in aller Welt liegen wieder deine Schuhe mitten am Tisch Amber ?“.
„Ich habe gestern noch bis in die Nacht gearbeitet und irgendwie war ich müde und die Schuhe sind am Tisch gelandet!“ Das war keine Erklärung, die sie gelten lassen würde, und genau das wusste ich, auch wenn der Tathergang der Wahrheit entsprach. Aber ich war vorbereitet auf das was nun vorhersehbar unweigerlich kommen wird….. eine endlose Diskussion über das Wieso, Warum und das tut doch „kein normaler Mensch, wieso dann du, Amber? Weil man einfach die Schuhe im Auge behält, die ja recht teuer sind und schnell von was weiß ich wem, gestohlen werden könnten! Verdammt noch mal du hast geschlafen mit den Schuhen auf dem Tisch! Das ist wie eine Einladung, nimm mich und lauf! Naja so einfach ist das nicht……..weil…..“. Wie gesagt das ganze kann Stunden dauern bis wir beide dann aufgeben irgendwann.
So sorgfältig ich forsche, arbeite und immer wieder alles verwerfe und von vorne beginne, so nachlässig bin ich bei dem, was man das Alltägliche nennt. Kleidung muss sauber und praktisch sein, Risse sind unwichtig und nicht von Bedeutung. Ein Hohn in den Augen meiner Schwester, die sich auf das Nähen von Kleidung spezialisiert hat und von daher sehr viel Augenmerk auf besagte legt. Vor allem Stoffe, die nicht einen Tag lang im Wald auf der Suche nach Blumen oder Kräutern halten würden. Was auch immer zu Debatten führt, und meine Schwäche ist es, dass ich dann nachgebe. Ich kann einfach nicht Nein sagen zu meinem Bedauern, vor allem wenn sie gewillt ist an mir alles was sie fertigt auszuprobieren. Und nicht einmal bin ich herausgeputzt wie eine feine Dame in den Wald geeilt um endlich meine Ruhe zu haben und mit Rissen da und dort zurück gekehrt.
Das wichtigste an meiner Kleidung sind meine Gürtel an denen unzählige Fläschchen und Phiolen hängen, deren Inhalt im Notfall bereit steht. Auch meine Lederrucksack aus dem eine Angelrute hervor sticht, ist ausgebeult und nicht mehr so ansehnlich ist wie der meiner Schwester. Indem wird alles, was wichtig ist, wie eine Anzahl von Dolchen, natürlich meine Angelrute, für den Notfall dass nichts Essbares zur Hand ist, sowie leere Leinenbeutel für den Fall dass man ein Kraut oder Pflanze erblickt, die es wichtig ist für weitere Forschungen, der Wasserbeutel, einige Feuersteine, Verbandszeug und eben das was eine Frau zum Leben braucht, also unzählige Bücher, verstaut.
Ich bin nicht gerade mit Größe gesegnet, mit meinen 156 cm. Meine Schwester als Erstgeborene ist größer! Darauf ist sie richtig stolz und reibt es mir oft genug unter die Nase mit der Betitelung „Kleine“, was ich wirklich hasse.
Meine Augenfarbe oder eher Augenfarben sind ein Experiment der Natur. Sei tragen bei weitem nicht die schöne saphirblaue Farbe der Augen meiner Schwester , meine sind grün wie das Moos im tiefen Wald zu meinem Leidwesen und oftmals der Neugier anderer ausgesetzt, wenn sie das bemerken. Übrigens nicht das einzige Merkmal uns beide zu unterscheiden abgesehen von unserem Charakter, der von einem Fremden wohl kaum beim ersten Anblick einschätzbar ist. Mein Haar trägt einen Rotton, der im Sonnenlicht flammend schimmert, und ist mit Locken gesegnet. Ich finde es nicht so schön, wie das blonde glatte Haar meiner Schwester. Wir beide sind nicht mit den vollen Rundungen einer Frau gesegnet und eher als zart zu bezeichnen, vor allem was den Vorderbau betrifft, der ein wenig von Mutter Natur vernachlässigt wurde, aber das tragen wir mit Würde. Meine Schwester ist geduldig, ich bin es nicht. Ganz und gar nicht, muss ich gestehen. Nicht einmal habe ich alles, damit meine ich wirklich alles angefangen von Phiolen, getrockneten Blüten, Zweigen etc., vom Tisch gefegt. Was meinem Ordnungssinn eigentlich widerstrebt, denn ich habe wirklich gerne alles sortiert und genau da, auch wenn der Platz nicht wirklich geeignet scheint, wo ich es finden kann. Es gibt noch eine Schwäche, die dann sehr deutlich aufscheint, wenn ich unterwegs im Wald bin, da vergesse ich alles auch die Zeit. Ich bin eher zurückhaltend anderen gegenüber, was sicherlich auf meine Kindheit im Wald zurückzuführen ist.
Als ich 17 Jahre alt war, haben wir den Wald verlassen und sind nun hier in Bajard gelandet, wo unser neues Leben beginnen soll, hätte ich da nicht im Trubel am Hafen meine Schwester verloren. Meine Schwester habe ich über diese Schiffsreise mit zerriebenen Lavendelblüten, die den Kopfschmerz nehmen, und einige Tropfen einer Mischung aus Ginsengwurzel und Minze, ein altes Rezept meiner Mutter, über Wasser gehalten. Das erstere besänftigt den Unmut des Magens, das andere also die Minze belebt. Beides zusammen samt Lavendelblüten tat ihr wohl. Dafür war sie mir dankbar. Es gibt einen weit entfernten Verwandten noch, angeblich ein Heiler, den wir suchen wollten in diesem Land. Wo immer der auch sein mag. Nicht einmal den Namen wissen wir. Aber noch etwas suche ich…diesen einen….diesen
Stein voller Wunder, mein! Lapis Philosophikum, so wird er genannt in meinen Büchern, weniger interessiert mich die Substanz, die unedle Metalle in edle verwandelt, bei weitem mehr interessiert mich das Prinzip der Transmutation, die in ihm ruht, also die Heilung und Läuterung. Irgend wann werde ich ihn finden!
Die funkelnde einzigartig berauschende Welt der Duftwässerchen und wie alles begann
Man kann nicht gerade behaupten, dass die Umgebung in der wir damals mitten im Wald lebten, von schlechten Gerüchen erfüllt war. Ganz im Gegenteil und vielleicht hat mich genau das gereizt all diese Geruchsnuancen einzufangen. Den Duft der Wiesen im Morgengrauen, wo der Tau noch an den Blüten haftet und funkelt im Licht der aufgehenden Sonne. Oder der Geruch von einigen Blumenarten, der sich nur am Abend bemerkbar macht und in voller Pracht sich dann entfaltet. Als Kind schon, zum Erstaunen meiner Mutter, konnte ich mit geschlossenen Augen mitten im Wald stehen und an einem Stück Moos, Holz, einem Blatt oder einer Blume riechen. Ich vermute heute noch, dass sie mir deshalb den Namen Amber gab weil Amber in der Sprache ihrer Heimat, einem sehr fernen Land, auch Rosenduft bedeutet.
Was tust du da Amber?, fragt meine Mutter eines Tages, als beim alltäglichen Einsammeln der Pflanzen, ich wieder so regungslos mit geschlossenen Augen mit einem Stück Moos in der Hand da stand und nur dessen würzigen Duft einatmete.
Amber sucht wieso Moos wie Moos riecht Mama!“, kam die kindliche Erklärung. Meine Schwester grinste damals nur, unsere Mutter damals nicht, sie ließ mich erstaunt darüber, nach dem bei diesem Beschnüffeln von Dingen keine Gefahr für Leib und Seele des Kinds drohte, gewähren. Wahrscheinlich dachte sie damals, es wird schon seinen Sinn haben, warum das Kind das tut und gefährlich ist es ja nicht und ja sogar gut, wenn man bedenkt dass jedes Kräutlein einen anderen Geruch verströmt, der unverkennbar ist.
Damals als Kind fand ich noch keine Erklärung dafür, wieso ich genau das tat, aber später dann mit 12 Lenzen war es mir bewusst und ich war bereit meinem Geruchssinn zu folgen und die Welt der Duftwässerchen zu beschreiten.
So lernte ich Dinge zu riechen, alles und jedes war von Interesse und meine Nase lernte dazu.
Vor nichts nahm ich nun halt, Hölzer, Beeren, Blätter, Moose, Blüten und auch komplexere Gerüche wie der Duft des Waldes am Morgen in seiner Vielfalt und der Duft des Waldes des Nachts. Ich stelle Vergleiche an, schrieb das auf und erweiterte mein Wissen. Bald war mein Geruchssinn wesentlich besser als der meiner Schwester. Mit jedem Tag, wo Neues entdeckt wurde, wurde er noch eine Nuance feiner und präziser und meine Nase speicherte alles. Im zarten Alter von 12 Lenzen wusste meine Nase bereits mehr als jede andere und da begann auch die Neugier meinerseits, die von Verlangen erfüllt war, wie man diese Gerüche und Düfte für immer einfangen und bewahren könne.