Es gibt keine Zeit für Frieden...

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Gast

Es gibt keine Zeit für Frieden...

Beitrag von Gast »

Ich bin der Hammer,
ich bin die Klinge ihres Speeres.
Ich bin ihr Schwert, so wie mein Glaube meine Rüstung ist.
Ich bin ihr Zorn, so wie ihr Wort mein Eifer ist.
Ich bin der Bann ihrer Feinde,
ich bin das Bollwerk der Rechtschaffenheit.
Ich bin der Hammer, ich bin der Schild!
(Litanei unbekannten Ursprungs)




Prolog


Noch ist es ruhig in den Straße, die Sonne quält sich langsam über die Dächer und lässt die ersten Strahlen ihres wärmenden Lichtes auf die Pflastersteine fallen. Dumpfes Pochen zerreißt die Stille der schwindenden Nacht. Mit einem lauten Japsen schreckt Marlissa aus dem Tiefschlaf auf und hastet in ihrem weiten Nachtgewand zum Fenster um die Fensterlade aufzuschieben. Mit zerzausten, verwuschelten Haaren streckt sie den Kopf raus und blinzelt in die Morgendämmerung.

„Frau Aldhoven! Marlissa!“ erklingt eine laute Männerstimme. „Ja, hier oben. Was ist denn?“ Verwirrt blinzelt sie den Trupp Gardisten an, der vor ihrer Haustür sich breit machte. „Wir müssen mit euch reden… dringend!“ „Ja.. einen Augenblick, Gefreiter!“

Verwirrt und hastig zieht die junge Frau sich um und hastet barfuß die Treppe runter, die Haare noch mit einem Lederband im Nacken bändigend schiebt sie auch schon den Riegel zurück, zieht die Tür auf und mustert die, in rot und grün gewandeten, Gardisten. „Kann ich eintreten?“

Ohne weitere Worte gibt sie den Weg frei und lässt den Gefreiten eintreten während der Rest der Truppe die Tür absperrt. „Wollt ihr mir nun endlich sagen, was bei der Herrin Schwingen hier los ist?“ „Es geht um euren Mann…“ „Janik? Der hat noch vor Morgengrauen das Haus verlassen, ich weiß nicht wo er ist.“ „Gnädige Frau. Wir… wir fanden seine Leiche am alten Galgenbaum vor dem Westtor.“

Marlissa riss die Augen auf: „B..bei der Güte der Herrin… warum?“ „Wir wissen es nicht… wir hofften ihr könntet uns etwas dazu sagen.“ „Aber ich weiß doch nichts… mein Mann war in letzter Zeit sehr schweigsam. K…kann ich ihn sehen?“ „Er wird gerade in die Totenhalle gebracht.“ Sie nickt leicht und zieht den Kopf etwas zwischen die Schultern, sich beherrschend. „I..ich werde… mich um alles andere kümmern.“

Kaum schließt sich die Tür hinter dem Gardisten fällt Marlissa auf die Knie und fängt an bitterlich zu weinen. Janik war ein guter Mensch, ein Geweihter der Lichtbringerin, jemand der selbst in dunkelster Stunde jemandes Geist erhellen konnte. Und dafür liebte sie ihn so sehr. Ein unwohles Gefühl kam in ihr hoch und sie musste sich erstmal übergeben…

Der Wochenlauf neigt sich dem Ende zu… die schwersten Wege liegen bereits hinter ihr, ihr Mann war bestattet, alle Riten vollzogen und Marlissa findet endlich die Ruhe und Zeit die Sachen ihres verstorbenen Mannes zusammen zu packen. Es fällt ihr sehr schwer, die Kleider aus ihren angestammten Plätzen zu reißen, so greift sie in den Schrank nach der schweren, mit silbernen Verzierungen versehenen Priesterrobe, die nur zu festlichen Anlässen aus dem Schrank geholt wurde.

Sorgsam hält sie dem schweren, gewebten Stoff an den Schultern und mit Rascheln entfaltet er sich und schleift über den Boden. Einige lange, stumme Momente betrachtet sie den Stoff und die eingestickten Perlen ehe sie mit einem langgezogenen Seufzen die Robe wieder zusammenfaltet und zu den anderen Sachen in eine Truhe legen möchte ehe ihr Blick auf ein Stück mehrfach gefaltetes Pergament fällt, welches vor ihr auf dem Boden liegt. Ohne lange nachzudenken bückt sich die junge Frau und hebt es auf, die Robe über den Arm gelegt entfaltet sie es und beginnt zu lesen…

Geehrter Bruder,

mit großer Sorge und Beunruhigung haben wir deine Nachricht erhalten und möchten dir unseren Beistand versichern. Noch während du diese Zeilen liest ist schon jemand auf dem Weg zu dir um sich der Sache anzunehmen. Möge ihr Licht dir selbst in dunkelster Stunde den Weg weisen und ihre Schwingen schützend über dir weilen.
Dein Bruder
Theolar


Irritiert zieht Marlissa ihre Augenbrauen zusammen während ihre Finger über die raue Struktur des Papiers reiben. „Wo, beim Licht der Herrin, bist du da nur reingeraten, mein Liebster…“

Die folgende Nacht verläuft für Marlissa alles andere als erholsam, immer wieder hat sie den gleichen Traum: Ein Rabe kam zum Horst eines Adlers und hackte auf ihr Junges ein, bis dieses stirbt. Wenn die Adlerin zurück zu ihrem Nest kommt stürzt sie sich auf den Angreifer und beide verhaken sich in einem verbitterten Kampf, doch jedes Mal bevor einer der Kontrahenten dem anderen den Todesstoß versetzen kann, schreckt die blonde Frau aus dem Schlaf hoch und sitzt schweißgebadet in ihrem Bett.

Der Tag verläuft eher mäßig, die verrückte Nacht hat Marlissa mit tiefen, dunklen Ringen unter den Augen gezeichnet und noch immer gehen ihr die Zeilen des Pergaments nicht aus dem Kopf. „Was im Namen der Herrin geht hier vor sich?“ Bis auf die paar Zeilen konnte sie in den Sachen ihres Mannes nichts finden… keinen Hinweis, kein Indiz, rein garnichts…

Draußen hatte sich indessen schon längst die Finsternis ausgebreitet, als es an der Tür klopft. „Marlissa? Ich bin es, Rodrik. Bist du da?“ Die Frage war rein rhetorisch denn von draußen konnte man deutlich den Schein der Kerze hinter dem Fensterladen sehen, der flackernd seine Schatten wirft. Seufzend blickt Marlissa aus ihrem Sessel zur Tür und steht auf, schiebt den Riegel zurück und zieht die Tür auf. „Komm doch rein… Kann ich dir einen Tee anbieten?“ „Ja, sehr gerne… Danke dir.“ Ein großgewachsener Bursche, etwa in Marlissas Alter tritt mit schweren Stiefeln in die Stube. Lange, strähnige, hellbraune Haare fallen auf die Schultern hinab als er die Mütze vom Kopf zieht. „I…ich wollte dir mein Beileid aussprechen… und mich entschuldigen, dass ich nicht eher kommen konnte.“

Marlissa wirft einen Blick hinaus auf die Straße und einen Augenblick scheint es ihr, als funkele sie aus dem Dunkel der Gasse ein Stern an, ein sanftes silbernes Schimmern. Mit einem Kopfschütteln wirft sie es jedoch beiseite und schließt die Tür wieder hinter sich, sich umwendend blickt sie hoch in die ihr so gut bekannten, braunen Augen. Doch sie wirken kalt… ein leichter Schauer läuft ihr den Rücken hinab und ein beklemmendes Gefühl legt sich um ihren Hals. „S..schon in Ordnung… du leitest schließlich die Untersuchungen…“ Er nickt. „Du hast nicht zufällig irgendwas in den Sachen deines Mannes gefunden, was uns weiterhelfen könnte?“

Sogleich schießen ihr wieder die Worte des Briefes in den Kopf und sie zögert einen Augenblick lang ehe sie den Kopf schüttelt. „I..ich habe nichts gefunden, tut mir leid.“ Warum sie gerade jetzt ihren alten Freund und Kollegen anlog, erschloss sich ihr selber nicht, aber ihr Gefühl befahl ihr es förmlich. Mit jenen Worten wendet sie sich ab und will zum Tisch gehen um Tee einzugießen, doch wird dieses jäh unterbunden als sie an der Schulter gepackt und mit dem Oberkörper auf den Tisch geschoben wird, so dass die Tonkanne und die Becher scheppernd und zersplitternd auf dem Boden landen.

„Sagen die Lehren deiner Herrin nicht, du sollst nicht lügen?“ haucht ihr die Stimme boshaft über die Schulter ins Ohr. „Sie besagen auch, du sollst deinem Feind ehrenhaft Auge in Auge gegenübertreten!“ faucht sie zurück und versucht mit allen Kräften sich zu wehren, doch dem Griff des anderthalb Kopf größeren und entsprechend stärkeren Mannes hat sie nicht genug entgegen zu setzen.

„Lass den Unsinn!“ wird ihr ins Ohr gegrunzt und krachend landet ihr Kopf auf der Tischplatte, ihre Nase knackt dabei leicht und sie spürt wie ihr das Blut die Mundwinkel hinabrinnt während sie zu Boden sinkt und um ihre Besinnung kämpfen muss.

„W…warum…?“ Er baut sich vor ihr auf während sie sich die Nase hält und beduselt zu ihm hochblickt. "Du kannst manchmal schon blöde Fragen stellen? Ihr seid alle so schwach... wertlos... Ich jedoch... ich wurde auserwählt... auserwählt euch von eurem lächerlichen Dasein zu erlösen... und der Rabe wird mich reich belohnen für all eure Seelen... und du liebste Marlissa... im Leben wolltest du mich nie haben... hast stattdessen einen anderen gewählt... doch im Reich Kra'thors wirst du keine andere Wahl haben als den Rest der Ewigkeit an meiner Seite zu verbringen!"

"Du bist doch wahnsinnig geworden... dafür wird man dich auf dem Scheiterhaufen richten." keucht sie schwer schniefend. "Wer soll mich denn jetzt noch aufhalten? Jetzt wo dein weltverbessernder Mann nicht mehr ist? Die Soldaten, die ich befehlige?" Ein bösartiges, triumphierendes Grinsen stiehlt sich auf seine Gesichtszüge. "Diese Stadt ist verloren... und du wirst die Trophäe meines Sieges sein!"

Er holt mit der Faust aus... die Haustür knackt. Er dreht sich um und dort wo der Riegel die Tür hält, splittert das Holz weg. Laut berstend brechen die Dielen, welche bis gerade eben eine Tür waren und fliegen in den Raum. "Dein Sieg ist so fern wie noch nie zuvor." spricht eine dunkele, männliche Stimme aus der Dunkelheit, ruhig, wie ein Hauch Gewissheit, welcher sich gerade eben auf die Fäden des Schicksals legt und Bestimmung wird. In den Schein der Kerze tritt ein Stiefel, gefolgt von einer blau schimmernden Robe, unter derer man deutlich das leise Klirren von Kettengliedern vernehmen kann.

"Dort wo ich hingehe, soll die Dunkelheit weichen! Dort wo ich bin, sei kein Unrecht zugegen! Dort wo ich war, sei nur Friede und Erlösung!" "WIE KANNST DU ES WAGEN!" "Die Herrin sah in deine Seele und sah nur Dunkelheit und Leid. Die Herrin sah auf deine Hände und sah nur Blut. Die Herrin sah in deine Augen und sah nur Schuld!"

Aus dem Dunkel der Nacht schält sich die ganze Gestalt, gehüllt in weiten Stoff, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, am Hals baumelt ein funkelndes Amulett in Form einer Sonne über welcher sich schützend ein Paar Adlerschwingen ausbreiten, in der Hand ein schwerer Streitkolben mit tropfenförmigem Kopf.

Rodrik sieht sich nach einem Fluchtweg um und nimmt das Fenster ins Visier. Erstürmt los. Geistesgegenwärtig streckt sich Marlissa und schiebt ihre Beine zwischen seine, der schwere Mann kommt ins Taumeln und strauchelt. Einige sehr lange Momente fuchtelt er mit den Armen nach Gleichgewicht ringend in der Luft ehe er zur Seite und nach vorne kippt und mit Gesicht und Oberkörper in den Kamin fällt.

Fast augenblicklich fängt die Kleidung Feuer und der Missetäter rappelt sich schreiend und zappelnd auf, springt zum Fenster hinaus. Doch die Flammen kennen kein Erbarmen und zehren weiter an Haut und Fleisch und auch wenn das Geschrei auf der Straße die Menschen an ihre Fenster lockt, so ist doch keiner eilig genug um noch ein zu schreiten und so sackt er schließlich leblos auf der Straße zusammen.

Ein fester Griff packt Marlissa unter dem Arm und zieht sie auf die Beine. Immer noch hält sie sich das Gesicht während sie auf die Straße tritt, der Geruch verbrannten Fleisches schwängert die Luft. Eine schwere Hand legt sich auf ihre Schulter und sie blickt hoch in das kantige Gesicht unter der Kapuze.

"Ihr habt großen Mut bewiesen... genauso wie euer Gatte. Die Herrin hat eure Taten gesehen." "Aber warum... warum musste das geschehen?" "Manche Dinge müssen passieren, damit die Wahrheit erkannt werden kann, junge Dame." "Man kann es also nicht verhindern?" "Man kann es stets versuchen... das ist es, was uns ausmacht... niemals die Hoffnung zu verlieren und selbst im tiefsten Dunkel noch das Fünkchen Licht zu sehen!"
"A..Aber.. was kann ich tun?" "Die einzige, die euch diese Frage beantworten kann, seid ihr selber... sonst niemand..."
Zuletzt geändert von Gast am Freitag 5. August 2016, 10:00, insgesamt 2-mal geändert.
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