Tarulfs Reise

Geschichten eurer Charaktere
Antworten
Tarulf

Tarulfs Reise

Beitrag von Tarulf »

Als die Sonne hinter den Hügeln versank und das große Feuer im Thinghaus entzündet wurde, verstummte das Lärmen in dem kleinen Dorf rasch. Es waren die Frauen, welche sich mit als erste in die große Halle begaben, wenngleich sie dort nur die Rolle des Zuschauers und Zuhörers einnehmen würden. Doch alle wussten ja, dass sie es nicht nötig hatten, zu sprechen. Was sie zu sagen hatten, das hatten sie ihren Männern längst kundgetan und wehe ihnen, wenn sie es wagen sollten, im Thing diese Ratschläge nicht zu beherzigen!
Einzig Swanir, der Jarl, seine Frau Iswyn sowie der greise Schamane Harfast und seine Schülerin und Enkelin Fryjah, hatten noch früher ihre Plätze eingenommen. Es roch nach dem kalten Rauch harzigen Holzes, Met und Geräuchertem, denn normalerweise diente die Halle dem geselligen Beisammensein, dem Saufen und Fressen. Doch heute war kein normaler Tag. Heute war Thingtag und ich, Tarulf, war der Grund dafür. Doch um das zu erklären, muss ich noch etwas früher anfangen, genauer zwei Wochen früher, am Tag meines einundzwanzigsten Geburtstags. Nach Sitte unsrer Leute erreichte jeder Mann mit diesem Alter die Großjährigkeit, das heißt er wurde als vollwertiges Mitglied, sei es als Clanshand oder Clansschwert, in die Gemeinschaft aufgenommen und erhielt eine Stimme beim Thing. Nach altem Brauch musste der Anwärter bis zu diesem Tag eine Trophäe aufbringen, die anschließend den Ahnen zur Prüfung vorgelegt werden, spricht geopfert werden sollte. Für Frauen galt eine ganz ähnliche Regelung, nur dass sie freilich keine Stimme im Thing erhielten. Das Ritual der Prüfung fand in größter Vertraulichkeit statt, denn es waren nur der Jüngling, der Schamane (und in unserem Fall auch seine Schülerin) sowie selbstredend die Geister der Ahnen anwesend. Nachher sprach in der Regel niemand ein Wort darüber, was in jenen Stunden in der kleinen, vom Rauch unzähliger Schalen mit Dufthölzern, Gewürzen und Ölen atemberaubend erfüllten Höhle wirklich geschah. Nun, in meinem Fall gab es ja dann eine Ausnahme, aber ich greife den Ereignissen vor, also zurück in die Höhle. Da saß ich, nackt bis auf einen leinenen Lendenschurz, schwitzend und blutend. Blutend? Oh richtig, ich vergaß zu erwähnen, wie es dazu kam.

Von meinem achten Jahr an hatte der Clan mich nach der Sitte zu einem Clansschwert ausgebildet, aber ich werde mich hier nicht in langweiligen Einzelheiten verlieren. Jedenfalls verbrachte ich viel Zeit damit, meine Stärke und Ausdauer, meine Zähigkeit und Flinkheit zu verbessern. Da unser Dorf aber recht abgelegen ist, hatten wir schon seit zwei Generationen keinen wirklichen Kampf mehr zu bestehen, sodass die Clansschwerter inzwischen oftmals die Rolle von Jägern erfüllten und nur in sehr seltenen Fällen einen wilden Bären, Troll oder Oger vertreiben mussten. Jahrelang hatte ich auf eine solche Chance gewartet, mir für meinen Übermut viel Spott und Tadel anhören müssen, doch nie hatte sich mir die Möglichkeit geboten, mich im Kampf mit einer solchen Bestie zu messen. Ich hatte jedenfalls bereits eine Woche vor meinem Geburtstag auf der Jagd eine kapitale Wildsau erlegt, deren Fleisch dem Dorf gute Nahrung und deren Kopf meine Trophäe geworden war, als ich am Tag vor meiner Prüfung abermals in den Wald ging. Eigentlich hatte ich nur nach meinen Kaninchenfallen schauen wollen und darüber die Zeit vergessen. Der Tag war bereits weit vorangeschritten, da stieß ich, schon halb auf dem Weg zurück ins Dorf, auf eine sonderbare und grausame Szene. Drei wilde Schafe lagen da im niedergedrückten Gras, doch dass es sich um Schafe gehandelt hatte, verriet mir einzig ein halber Schafskopf in der Nähe, der ganze Rest war grausam zerfetzt und zerrissen und über eine Fläche von vielen Metern verteilt worden. Doch was meine Sinne spannte war die Tatsache, dass, was immer hier geschehen sein mochte, nicht lange zurückliegen konnte. Das Blut war noch warm und klebrig. Und dort, halb zu meiner Linken, war da nicht ein Schemen hinter den Bäumen vorbeigehuscht. Ein Knacken. Ein röchelndes Grunzen.
Später sagten sie, ich hätte mehr als nur Glück gehabt, den Gargoyle nur mit einer Handaxt überwunden zu haben. Aber es war ein knapper Sieg gewesen, denn seine Klauen hatten meinen Hals verfehlt und nur meine Brust aufgerissen, über dem Herzen, aber nicht tief genug, um den Brustkorb zu durchdringen, wozu der Dämon mit Sicherheit im Stande gewesen wäre. So kam ich zu einer Wunde, aus der einmal eine ansehnliche Narbe werden würde sowie einer neuen Trophäe in Form eines Gargoylekopfes.
Der Kopf lag jetzt zwischen mir und dem Schamanen und die Klauenwunde war trotz der Heilkräuter wieder aufgerissen. Den Schamanen schien dies zwar zu interessieren, nicht aber besonders zu erstaunen. Stattdessen beugte er sich vor, fuhr mit seinen Fingern die vier parallelen Linien nach und begann dann, den Kopf des Gargoyles mit meinem Blut in einem komplizierten Muster zu bemalen. Der Rauch in der Höhle wurde dichter und immer dichter.

„Jetzt sag uns, was hast du gesehen?“, fragte der Jarl im Thinghaus den Schamanen.
„Nein, heute werde nicht ich sprechen, sondern Fryjah, denn sie war es, durch die die Ahnen zu uns sprachen. Nur auf, Kind, lass den Thing wissen, was sich zugetragen hat.“
„Also gut. Da – da war erst nur der Rauch, dicht und undurchdringlich. Opa – ich meine der Schamane saß dem Welpen gegenüber aber ich konnte beide nicht mehr sehen. Nur die gesungene Anrufung der Ahnen hörte ich aber es klang als käme sie von weit her. Und dann, noch bevor ich es sehen konnte, habe ich es gespürt. Da war – war noch jemand mit uns in der Höhle. Nein, nicht jemand. Etwas. Etwas Altes. Etwas – Böses. Auf einmal fror ich am ganzen Körper und mir war als würden kalte Finger mir die Kehle zuschnüren. Und dann war da ein Flüstern, keine Worte im eigentlichen Sinne, eher Gefühle, flüchtig wie ein Windhauch aber nach und nach formten sie eine Art Botschaft. Das Etwas wollte die Seele des Welpen! Und dann, dann war da noch etwas Anderes. Urplötzlich dröhnte es wie Donnerschlag in meinen Ohren, ein Gewirr aus dutzenden und aberdutzenden Stimmen, vermischt mit Waffenklirren. Worte konnte ich nicht verstehen, doch schien es, als würde dieses kalte, böse Wesen von ihnen verdrängt werden. Und dann war sie da, eine große, tiefe Stille, darin nur eine einzige Stimme, die zu mir sprach…“
„Hier muss ich unterbrechen, mein Jarl, denn für uns, den Welpen Tarulf und mich, war es vielmehr Fryjah, die sprach, aber mit einer Stimme, die nicht die Ihre war.“

So erfuhr die Thingversammlung von den Worten, welche die Dame im Wind an jenem Ort zu jener Zeit gesprochen hatte. Vom Kontinent Gerimor, wo viele entfernte Verwandte, auch Hinrahs wie ich einer war, noch heute wohnten. Wo aber auch, nahe des Ursteins, den manche Nilzadan nennen, ein großes Übel immer mehr an Macht gewann. Von einem Dämon, der zum Herrn aller Dämonen werden wollte, dem Ahnenverschlinger, dem Mörder der Geister, dem Kra’thor. Und davon, dass derjenige, der sich diesem Dämon und seinen Dienern in den Weg stellt, vor Clan und Ahnen Ruhm und Ehre erlangen kann. Sogleich wollte ich mich bereit erklären, die Reise anzutreten, allein mein Vater, der sonst im Thing kaum je das Wort ergriff, wandte sich an den Jarl. Auch wenn ich nun, da ich selbst zum Mann geworden war, nach unsrem Brauch nicht mehr sein Mündel war, er mir folglich nicht befehlen konnte, zu bleiben, bat er, meine Abreise an eine Bedingung zu knüpfen. Diejenige, dass ich ihn im Kampf besiegen könne. Ich lachte und erklärte mich sogleich einverstanden. Am nächsten Tag standen wir uns gegenüber, zum ersten Mal seit ich mich erinnern kann, trug mein Vater das alte Schwert, das sonst zur Zierde über unserer Feuerstelle an der Wand hing. Am Abend leckte ich meine Wunden. Zwei Tage später versuchte ich es erneut. Eine Woche danach wieder. Und wieder. Und wieder. Es sollten drei Jahre werden. Doch lernte ich in dieser Zeit mehr als in den dreizehn Jahren davor, denn zum ersten Mal hatte ich gegen einen Gegner antreten müssen, der für eine Sache kämpfte. Und auch ich hatte gelernt, für eine Sache, für meine Sache zu kämpfen und nicht etwa aus Freude am Blutvergießen. Zum Abschied schenkte Vater mir das alte Schwert. Von meiner Mutter erhielt ich ein Fässchen ihres besten Mets. Vom Jarl bekam ich ein Säckchen Asche des Feuers der Thingversammlung vor nunmehr drei Jahren. Vom Schamanen eine Dose mit Rauchwerk. Und wer mir die günstigen Winde schenkte, die mich schnell und sicher nach Gerimor trieben, das, meine Freunde, das wisst ihr.
Antworten