Geschätztes Tagebuch,
ziemlich genau einen Mondlauf lebe ich nun schon für mich alleine. Kein Elternhaus, keine Angestellten und strenggenommen auch niemand sonst. Sicher habe ich Nachbarn, aber die sind viel beschäftigt mit ihrer eigenen Arbeit oder vermutlich schon längst auf Reisen, ohne ihre Sachen gepackt zu haben. Den Nachbarn im Westen, zum Beispiel, habe ich noch nie gesehen. Keine Ahnung, wie er so ist. Es würde mich ja schon interessieren. Nunja und das Fräulein Leetha ist zwar sicherlich erfolgreich mit dem, was sie macht, doch in meinen Augen ist sie von vorne bis hinten nicht das, was ich unter einer Frau verstehe. Sie geht in die Mine, steht an der Esse, arbeitet Tag und Nacht und ist in einem Alter von bestimmt mindestens Anfang 20 immer noch nicht leiert. Zumindest trägt sie keinen Ring. Allgemein kann man wohl über Lichtenthal sagen, dass die Frauen hier längst nicht so sind, wie ich es gewöhnt bin. Die Stadtverwaltungen, der Klostervorstand, einige andere Geweihte, Meister ihrer Handwerke, Hofbesitzer.. allesamt zu viel zu großen Teilen Frauen. Nicht, dass ich es schlecht finde, hier eine gewisse Wertschätzung unseres Geschlechts zu erfahren, doch irritiert es mich schon sehr. Zeit meines Lebens habe ich nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet, den noblen und wohlgebildeten Herren ihre Arbeit abzunehmen. Wenn ich schon arbeiten würde, und das ist dank der großzügigen Unterstützung meines wiedergefundenen Stiefbruders Tarek nicht zwingend nötig, dann meldete ich mich wohl für eine Assistenzstelle, Empfangsdame oder sonst irgendeine angesehne Stelle. Aber doch nicht für körperliche Schwerstarbeiten und politische Ämter. Sei es darum, Tarek hat sich daran gewöhnt und sicherlich werde ich das auch noch mit der Zeit. Für den Moment bin ich zufrieden, endlich zur Ruhe gekommen zu sein, nachdem ich von zu Hause aufgebrochen bin und wer weiß? Vielleicht findet mich hier auch noch der richtige Mann, auf dass ich bald eine gute Ehefrau sein und meine Eltern stolz machen kann. Ich muss ihnen alsblad schreiben und es wäre mir eine große Freude, ihnen erfreuliches berichten zu können.
Mutters Segen, in Liebe
gez.