Vor- und Nachteile des perfekt Seins

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Gast

Vor- und Nachteile des perfekt Seins

Beitrag von Gast »

*Anmutigen Schrittes, selbst in ihren eigenen vier Wänden im perfekten Gang unterwegs, schritt sie Treppen zum Schlafraum hoch und blickte sich um. Wie immer war alls akurat hingestellt, -gelegt und -gesetzt. Der Boden war gefegt und glänzte noch vom nassen Durchwischen Anfang de Woche. Die Vorhänge wehten sanft umher, dort, wo das Fenster noch offen stand. Die letzte warme Brise dieses Sommerabends fand wie jeden Tag ihren Weg in das Schalfgemach der jungen Frau und wurde mit einem ruhigen Blick aus den olivgrünen Augen empfangen. Dann schritt sie jedoch auf eben jenes Fenster zu und drückte es zu. Die Kühle der Nacht sollte draußen bleiben, sie wollte es weiter warm haben. Ein paar Schritte weiter, war sie auch schon im Umkleideraum angekommen. Ja, sie hatte sich tatsächlich den Wunsch erfüllt, nicht nur einfach einen Schrank im Schlafraum stehen zu haben, sondern eben einen großen Schrank, zu dessen linken Seite ein fein gearbeiterter und reich verzierter Standspiegel stand und dem schräg gegenüber ein breiter Marmortisch samt Bank und Utensilien darauf zum Pflegen, Frisieren und Parfümieren einlud. Zufrieden irgendwo, lächelte Valeska auf und wandte sich sogleich dem Kleiderschrank zu, um sich ein Nachthemd herauszusuchen. Die Wahl fiel stetig schwer, hatte sie schließlich eben eine solche. Wie viele Hemden zählte sie? Mehr als eine Hand voll, nun gut. Es wurde schließlich eines der Weißen und mit diesem ging sie Richtung Bad, wo sie sich erst entkleidete und dann hineinstieg. Ein wohliges Durchatmen entdrang ihr, während sie das warme Nass genoss. Es war der Wärme im Haus zu verdanken, dass sie dieses Bad bald einen ganzen Stundenlauf genießen konnte, ohne dass es zu kalt wurde. Erst da stieg sie wieder hinaus, trocknete sich mit einem großen, weichen Wolltuch ab und schlüpfte in ihr seidenes Nachthemd, bevor sie sich daran machte, einen Tagebucheintrag am Marmortisch zu verfassen..*

Geschätztes Tagebuch,

ziemlich genau einen Mondlauf lebe ich nun schon für mich alleine. Kein Elternhaus, keine Angestellten und strenggenommen auch niemand sonst. Sicher habe ich Nachbarn, aber die sind viel beschäftigt mit ihrer eigenen Arbeit oder vermutlich schon längst auf Reisen, ohne ihre Sachen gepackt zu haben. Den Nachbarn im Westen, zum Beispiel, habe ich noch nie gesehen. Keine Ahnung, wie er so ist. Es würde mich ja schon interessieren. Nunja und das Fräulein Leetha ist zwar sicherlich erfolgreich mit dem, was sie macht, doch in meinen Augen ist sie von vorne bis hinten nicht das, was ich unter einer Frau verstehe. Sie geht in die Mine, steht an der Esse, arbeitet Tag und Nacht und ist in einem Alter von bestimmt mindestens Anfang 20 immer noch nicht leiert. Zumindest trägt sie keinen Ring. Allgemein kann man wohl über Lichtenthal sagen, dass die Frauen hier längst nicht so sind, wie ich es gewöhnt bin. Die Stadtverwaltungen, der Klostervorstand, einige andere Geweihte, Meister ihrer Handwerke, Hofbesitzer.. allesamt zu viel zu großen Teilen Frauen. Nicht, dass ich es schlecht finde, hier eine gewisse Wertschätzung unseres Geschlechts zu erfahren, doch irritiert es mich schon sehr. Zeit meines Lebens habe ich nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet, den noblen und wohlgebildeten Herren ihre Arbeit abzunehmen. Wenn ich schon arbeiten würde, und das ist dank der großzügigen Unterstützung meines wiedergefundenen Stiefbruders Tarek nicht zwingend nötig, dann meldete ich mich wohl für eine Assistenzstelle, Empfangsdame oder sonst irgendeine angesehne Stelle. Aber doch nicht für körperliche Schwerstarbeiten und politische Ämter. Sei es darum, Tarek hat sich daran gewöhnt und sicherlich werde ich das auch noch mit der Zeit. Für den Moment bin ich zufrieden, endlich zur Ruhe gekommen zu sein, nachdem ich von zu Hause aufgebrochen bin und wer weiß? Vielleicht findet mich hier auch noch der richtige Mann, auf dass ich bald eine gute Ehefrau sein und meine Eltern stolz machen kann. Ich muss ihnen alsblad schreiben und es wäre mir eine große Freude, ihnen erfreuliches berichten zu können.

Mutters Segen, in Liebe
gez.
V.B.Rakil
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