Flackernde Saat

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Gast

Flackernde Saat

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Der Erste Tag


Nachdenklich kniete der junge Mann neben den steinernen, nackten Stufen, die zum Altar des All-Einen hinauf führten. Vor ihm stand wachend eine Armee dunkelroter Kerzen, deren Licht tapfer gegen die Finsternis der Nacht ankämpfte. Pavel zog die erste der Kerzen vom Boden ab und schabte mit dem Daumennagel die Reste des herabgetropften Wachses vom Stein. Ausdauernd hatte diese Kerze sicherlich schon viele Stunden für die Herrlichkeit des Vaters gebrannt, und so würde sie es auch die weiteren Stunden tun. Pflichtbewusst. Ausdauernd. Zuverlässig.

Vorsichtig drehte Pavel das flammende Stück in den Fingern hin und her und pulte dabei einige Wachsnasen ab, bis die Kerze wieder glatt und rein erschien. Für einen Augenblick hielt er sie in Händen und starrte in das gleißende Licht. Seine Gedanken schweifen lassen solle er, so hatten es ihm die Clerica und der Vicarius aufgetragen. Über den Sinn dieser Arbeit nachdenken und davon berichten solle er. Allein - welch anderen Sinn mochte es haben, nach den Kerzen des Tempels zu sehen, wenn nicht der Reinhaltung des heiligen Bodens?

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Auch nach der dritten und vierten, der zehnten, gar nach der fünfzehnten Kerze, von denen zahlreiche quer über das ganze Tempelgebäude verstreut standen, wollte ihm keine Erleuchtung kommen. Im Gegenteil - gleich zwei Kerzen hatten beim bloßen Anblick seiner Hände den Kürzeren gezogen und waren verloschen, der Docht tief im flüssigen Wachs vergraben und nicht mehr zu retten. Sorgfältig beseitigte Pavel auch hier sämtliche Reste am Tempelboden, ehe er zu einer kleinen Stube im hinteren Teil des Tempels eilte und dort nach einem Schwung neuer Kerzen suchte. Wie der Vicarius gesagt hatte, in einer kleinen Kiste fand er sie. Mit der Sorgfalt eines jungen Knaben, dem man mit strenger Hand alle Regeln eingebläut hatte, trug er die neuen Flammenträger zu dem ihnen zugesprochenen Ort, entzündete sie an den bereits entflammten Brüdern und Schwestern und stellte sie dazu.

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Schlussendlich hatte er die Runde geschafft. Von außerhalb des Tempels waren nun kaum noch Geräusche zu vernehmen, die nächtliche Ruhe hatte ihren alltäglichen Sieg über die Geschäftigkeit der Stadt des Herren eingefahren und die Diener des Allvaters zur Ruhe gebettet. Pavel schickte sich an, auch den zweiten Teil seiner Aufgabe zu erfüllen. Bedächtig nahm er auf einer der Bänke Platz, atmete tief durch und begann, sich zu entspannen. Er war nun also im Tempel des Allvaters. Man hatte ihn empfangen. Man hatte sich sein Anliegen angehört und sich seiner angenommen. Gewiss, die Aufgaben, die man ihm gestellt hatte, waren nicht leicht. Doch er würde sie erfüllen, ganz gewiss. Doch in gleichem Maße, wie seine Zuversicht wuchs, da stiegen auch die Zweifel empor - war er ausreichend für den Vater? War er genügend für den Pfad, der vor ihm lag? Würde er bestehen?

Es erschien ihm wie Minuten, doch tatsächlich war es tiefe Nacht, als er schlussendlich aus dem Tempel ging und den Weg nach Hause antrat. Der erste Tag war vorüber, doch der steinige Weg hatte erst seinen Anfang genommen. Und seine Gedanken kreisten - auch lange, nachdem er sich zu Bett begeben hatte.
Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 5. Juni 2016, 19:40, insgesamt 2-mal geändert.
Gast

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Der Zweite Tag


Als Pavel an diesem Tag den Tempel des Allmächtigen betrat, da war es noch früher Abend. Von draußen vor dem Tempel drang leise der Lärm einer geschäftigen Stadt herein, das Klappern von Rosshufen, das wilde Gelächter zweier Handwerker, das laute Knallen eines Bettlakens, das von einer Hausfrau ausgeschüttelt wurde. Von alledem war schon wenige Schritte jenseits der Tempeltore nichts mehr zu hören, doch stand man dort, am Eingang, da lag ein seltsamer Schleier über den Alltagsgeräuschen, der sie nahezu unwirklich machte. Es war, als sei er in eine andere, eine neue Welt eingetreten. Und letztlich war er das auch.

Wie schon am Vortag galt seine erste Sorge den Kerzen, die am Altar, an den Stufen des Eingangs sowie an den Sitzbänken im Tempelschiff verteilt worden waren. Obgleich er sich erst gestern zu später Stunde um sie gekümmert hatte, waren schon wieder einige abgebrannt, und um die meisten Kerzen herum war das herunter gelaufene Wachs an den kalten Steinplatten des Bodens erkaltet und festgeklebt. Es kostete Pavel an diesem Tage erheblich mehr Zeit, sowohl die Kerzen als auch den Tempel in einem vorzeigbaren Zustand zu hinterlassen. Ungleich mehr abgebrannte Kerzen als am Tage zuvor trug er in die hintere Stube, um sie durch neue zu ersetzen - ganz so, wie es der Vicarius ihm auferlegt hatte.

Schlussendlich zog er sich auf seinen angestammten Platz zurück, eine der Bänke im mittleren Drittel des Tempelschiffes. Es war schon erstaunlich - binnen kürzester Zeit war ihm das Heiligtum des Panthers zu Rahal wie eine Art zweites Zuhause geworden. Vom Tempel aus ging er zu Treffen, vom Tempel aus traf er seine Schwester Milyen am Markt. Dort zu sitzen, in der Einsamkeit und Stille der gewaltigen Tempelhalle, verlieh ihm ein Gefühl von Sicherheit und Heimeligkeit - so seltsam das bei einem Gebäude aus nacktem Stein wirken mag. Gedankenfetzen hingen ihm an, während er auf den Altar stierte - Erinnerungen an den Glaubensunterricht, in dem er die Gebote des All-Einen erlernt hatte. Erinnerungen an den Tag des Todes des Getares. Erinnerungen an das blutige Opfer, das vorne im Tempelschiff vollzogen worden war. Ein Ketzer hatte seine gerechte Strafe erhalten. Die Welt war gereinigt worden vom Blute eines Menschen, der nicht glauben wollte, der sich der Wahrheit des Herrn verschlossen hatte.

Es vergingen diesmal über zwei Stunden, ehe Pavel wieder den Weg aus dem Tempel suchte. Es war draußen noch hell, doch seine Gedanken galten alleine dem Herrn, seinem Glauben, und den Aufgaben, die ihm auferlegt worden waren. Doch noch immer hing über alledem eine Frage, die er nicht zu klären wusste: Was hatte es mit den Kerzen auf sich?
Gast

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Der Dritte Tag


Am dritten Tage besuchte Pavel den Tempel früh. Den ganzen Mittag und auch den frühen Nachmittag über hatte er emsig an dem kleinen Schreibpult gestanden, das er nach Anleitung seines Vaters zusammengeschraubt und geklebt hatte. Vielleicht kein Meisterwerk einer Schreinerhand, aber es tat seinen Zweck. Den schweren Kopf in die Hände gestützt beugte er über einem verhältnismäßig langen Text, verfasst aus der eigenen Feder Tinte, und neben dem Tischchen lagen verunstaltete Gedanken, Skizzen und Ansätze zerknüllt herum. Er kam langsam voran - viel langsamer, als er es sich gedacht hatte. Wann immer er der Meinung war, den Kern getroffen zu haben, da tat sich ihm ein neuer Gedanke auf. Wann immer er glaubte, die richtigen Worte gewählt zu haben, und er es sich laut vorlas, da fand er eine schroffe Stelle, ein ungenaues Wort, eine schlechte Formulierung. Wann immer er sich gewiss war, dem Herrn Genüge geworden zu sein, fand sein Auge Mängel.

Schlussendlich hatte er genug. Mit einem leisen Fluch auf den Lippen und einem Stoßseufzer der Verzweiflung raffte er seine Sachen zusammen, stürzte aus dem Haus und eilte Richtung Tempel. Nur dort würde er die Ruhe finden, die er brauchte. Nur dort wäre er in der Lage, einen klaren Kopf zu fassen. Der kalte, nackte Stein, so unwirsch und fremd er für den Außenstehenden auch wirken mochte, er bot eine blanke Spiegelfläche, an der seine Gedanken abprallten wie ein Moosball von einer Tischplatte. Der harte, strenge Blick des Panthers forderte ihn, ließ sein Herz erbeben, doch gleichermaßen gab er ihm die Kraft, sich neu zu ordnen, seine Wünsche, seine Ziele. Was ihn einerseits schreckte, der Hass, der Zorn, die finstere Wut im Herzen, das wurde immer mehr zu einem beständigen Begleiter, einem vertrauten Freund, einem Kraftspender.

Auch an diesem Tage widmete er sich mit Hingabe seiner Aufgabe. Er hatte Glück - nur wenige Kerzen waren verloschen seit dem letzten Abend, doch wie üblich stierte der Steinboden vor angetrocknetem Wachs. Zunächst verrichtete er seine Aufgabe mit Sorgfalt, langsam und gewissenhaft, doch schon nach dem dritten Fleck packte ihn die wachsende Ungeduld. Was war dies? Was hatte er darin zu sehen? Eine nimmerendende Aufgabe? Wie er sich selbst eine ewig dauernde Arbeit schuf? Kräftig und mit Nachdruck rubbelte er an den fettigen Flecken, bis kein Krümel mehr davon zurück blieb.

Als er sich an diesem Tage auf die Bänke setzte und in sich ging, da war es schwarz und leer. Er fühlte eine Leere. Doch sie schreckte ihn nicht. Aus irgendeinem Grunde schreckte sie ihn nicht. Er saß einfach nur da und dachte - Nichts. Eine ganze Zeit lang. Bis ihm kam, dass er nichts dachte. Also dachte er an etwas, das er denken konnte - und sein Blick fiel auf den Panther. Er gedachte der Gebote, die der Herr ihnen gegeben hatte, auf dass sie alle seinem Werk dienten, seiner Sache entsprachen, dem gemeinsamen Sinn entgegen gingen. Er gedachte der Worte der Geweihten. Er gedachte seiner eigenen Geschichte. Und am Ende, als alles ein großer Flickenteppich aus bunten Farben und Erinnerungen, Gefühlen und Verwirrungen wurde, da fühlte er sich freier als zuvor.

Erst am Abend verließ er den Tempel wieder. Bedeutungsschwer waren die Blicke, welche sich die beiden Tempelwachen gegenseitig zuwarfen. Der Hastende, gepeinigt vom Gedanken an die eigene Fehlbarkeit, war geläutert worden. Er kehrte wieder und ging hinaus in die Stadt - mit starkem, weitem Schritte und gestärktem Kreuze.
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Der Vierte Tag


Nein, an diesem Tage hing Pavel nicht die ganze Zeit über seinen Schriften. Stattdessen verbrachte er viel Zeit in der Werkstatt am Hafen, um dort an Hockern zu schrauben, Betten zu hämmern oder Regale zu basteln. Längst empfand er nicht mehr die gleiche Erfüllung für dieses Handwerk, wie er sie bei seinem Vater verspürt hatte. Erik Forstnam lebte für das Holz. Doch sein Sohn Pavel? Er missbrauchte das Holz und die Arbeit damit, um seine Gedanken zu ordnen. Es tat ihm gut, etwas mit den Fingern tun zu können, während er nachdachte.

Später am Tag nahm er sich einen Ausflug vor - der Vicarius und die Clerica hatten den Tempel in Düstersee erwähnt, und so wollte er einen Abstecher in diese Stadt machen, die er bis dahin noch nie gesehen hatte, um den dortigen Tempel zu besuchen. Welch glückliche Fügung, dass seine Schwester einem Spaziergang nichts entgegen zu bringen hatte.

Den Tempel des Allvaters fanden sie nicht zuletzt mit Hilfe des Livyathan, der sie eilends noch fast direkt vom Eingang der Stadt zum Gotteshaus führte. Und während Milyen draußen wartete - sehr zur Verstimmung ihres Bruders - da trat dieser in die heiligen Hallen des Herrn, um seinem täglichen Gebet nachzukommen. Kleiner war er, der Tempel zu Düstersee, und doch erfüllt mit einem ganz eigenen Charme. Vor dem Altar sank Pavel auf ein Knie herab, den Blick gesenkt, gehüllt in tiefes Schweigen, während er in seinem Kopf ein Gebet zu formulieren versuchte. Allein, es wollten sich keine Worte, keine Phrasen finden. Stattdessen gedachte er allein der wilden Gestalt des Panthers, der mit weit aufgerissenem Maul hinter dem Altar thronte und auf den jungen Pavel starrte.

Viel später, nach einem denkwürdigen Abend im Kreise vieler einstmals fremder Menschen, kehrten die Geschwister nach Rahal zurück. Doch während Milyen den Pfad zu den Träumen suchte, ging Pavel beflissen seiner Aufgabe nach. Er suchte den Weg in den Tempel, und nach einem weiteren kurzen Gebet vor dem altbekannten Altar dort widmete er sich mit neuer Hingabe den Kerzen, entsorgte die abgebrannten und ersetzte sie gegen neue, rieb das eingetrocknete Wachs von den Steinfliesen, beseitigte die hässlichen Wachsnasen. Denn der Tempel des Herrn sollte erstrahlen, jeden Tag, jede Nacht, in dem Glanze, der allein dem Herrn gerecht werden konnte.
Gast

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Der Fünfte Tag


An diesem Tag war alles anders. Also verkehrt. Umgekehrt. Völlig verdreht. Denn Pavel war dieses Mal schon am frühen Vormittag in den Tempel gegangen, um dort seinen Pflichten nachzukommen. Der tägliche Ablauf, das tägliche Ritual - ein respektvoller Gruß gegenüber den beiden Tempelwachen, denen er inzwischen schon so oft vor den Eisentoren des heiligen Hauses begegnet war. Stolz und streng wachten sie dort über die Unversehrtheit des Heims des Panthers. Wen und was sie wohl schon alles gesehen hatten? Pavel traute sich nicht, die beiden danach zu frage. Gewiss gab es eine Art Codex, einen heiligen Eid, der die beiden zu ewigem Schweigen verdonnerte. Oder der Herr selbst würde sie strafen, würden sie vor seinen heiligen Toren lästern oder Geheimnisse verbreiten. Und es war Pavel lieber so. Ihm gefiel die Vorstellung, wie viele Menschen hier wohl schon geläutert und gestärkt die Tore verlassen hatten, beobachtet nicht alleine von ihrem göttlichen Herrn, sondern auch von seinen treuen Wachen.

Der Tempel selbst hingegen war - wie üblich, vor allem zu solcher Zeit - wie ausgestorben. Nein, das war das falsche Wort. Denn trotz der Leere ging die Stärke und die Aura des Panthers in jeder Bank, jedem Stein, jeder Kerze des gewaltigen Tempelraumes. Selbst jetzt, da das Licht der frühen Morgensonne durch die Fenster in den Tempel fiel, hatte der ganze Bau etwas Unnahbares, Unwirkliches. Wie schon so viele Male inzwischen beschlich Pavel das Gefühl, in eine andere Welt abgetaucht zu sein. Dort draußen, da gab es Rahal - mit seinen engen, verwinkelten Straßen, dem lauten Marktgeplärre, den scheppernden Gardisten und keifenden Hafendirnen. Hier drin jedoch, da herrschte eine ganz andere Atmosphäre vor. Eine heilige, und das änderte sich auch nicht im Beisein vieler Menschen.

Nachdem er auch an diesem Tag die Kerzen sorgsam versorgt hatte, ließ er sich auf einer der Bänke nieder und erlaubte seinen Gedanken ihren freien Lauf. Ein paar Gesichter huschten ihm vor das geistige Auge. Seine Schwester Milyen. Trabant Farinor. Der Gardist Aschengardt. Leran, der vertrauliche Mann vom Hafen. So viele Menschen - und teils Letharen - hatte er bereits kennen gelernt, seit er in Rahal lebte, so viele Geschichten erlebt, so viele Meinungen vernommen. Unter all den Eindrücken fiel es ihm vor allem anfangs nicht leicht, die Gebote des Herrn allzeit im Kopf zu wissen. So hatte er irgendwann damit begonnen, sie heimlich aufzusagen. Auf dem Weg zum Tempel etwa - ein Weg, gerade lange genug, um alle Gebote zu memorieren. Oder beim Warten auf seine Schwester. Zunehmend flüssiger gingen ihm die Worte von den Lippen.

Inzwischen war er gar weiter. Denn was half es schon, die Worte zu kennen, wenn man sie nicht lebte? Aufmerksam verfolgte der junge Pavel seine Mitbürger, allesamt treue Diener des Herrn, und doch blieben ihm hie und da ernsthafte Zweifel an den Auslegungen der Lehre des Herrn. Es war eine gute, eine strenge Schule, die er sich auch selbst auferlegte. Ihm ging es gar nicht so sehr darum, ob andere Verfehlungen begingen. Am Ende würden sie ihre Leben vor dem Herrn rechtfertigen müssen und die Konsequenzen erdulden. Doch stets trieb er sich selbst an, sein eigenes Handeln, seine eigenen Einstellungen zu hinterfragen. Übte er sich genug im Kampfe? War er schon kundiger im Führen des verbalen Schwertes geworden? Hielt sein Lebensstandard, was man von einem treuen Bürger des Reiches verlangte, dessen einziges Ziel die Sache des Herrn war?

Worte zu lesen, zu hören, das ist eben das eine. Doch sich voll und ganz dieser Sache zu verschreiben und sein Leben in allen Dingen danach auszurichten, das ist das andere. In manchen Dingen - nein, in sehr vielen Dingen, fühlte er sich der Pantherstatue hinter dem Altar nun näher als manchem der Menschen dort draußen, vor dem Tempel. Er konnte die Worte spüren, tief aus seinem Inneren, im Magen - dort, wo das leise Pochen in den vergangenen Tagen immer lauter geworden war, die heiße Glut, ein Fackel im Dunkel. Worte, die er sprechen wollte, laut, deutlich, voller Inbrunst. Doch er wartete. Noch zwei Tage. Dann würde er sich sicher sein. Er war voller Zuversicht. Denn Zeit war bedeutungslos unter dem Blick des All-Einen.
Kheldairon

Beitrag von Kheldairon »

Jeden Abend kontrollierte er den Tempel von Rahal. Und er war verhältnismäßig zufrieden.
Der neue Aspirant ging seiner Tätigkeit gewissenhaft nach. Mit Absicht hatte er allen Catuli untersagt sich um die Kerzen im Tempel zu kümmern. Das Einzige, was er zu bemängeln hatte, war die Tatsache, dass er nur einmal am Tag kam um sich dieser einfachen und dennoch so wichtigen Aufgabe zu widmen. Für einen kurzen Augenblick dachte er an seine Zeit als Catulus, als er sowohl in Düstersee und Rahal für Ordnung in den Tempeln sorgte. Danach führte ihn sein Weg in den Raum mit dem Kerzenvorrat und er stellte nun einen Besen neben die Kerzen.

Würde der neue Aspirant von sich aus auf den Gedanken kommen, den Besen zu nutzen oder nur stumpf die vorgegebenen Aufgaben erfüllen?
Ein Kleiner Test, so unbedeutend er auch war, so sehr würde er ihm doch Aufschluss über den Charakter und die Ernsthaftigkeit des neuen Aspiranten geben.

Selbst die kleinste und unbedeutendste Tätigkeit ergibt einen Sinn, so man wirklich verstanden hat, worum es im Leben geht – Ihm zu dienen, vollends zu dienen, in jeder noch so kleinen, unbedeutend erscheinenden Tätigkeit, die aber dennoch einen tiefen Sinn in seinem Gefügt hat – dies bedeutet wahre Erfüllung, wahres Glück.
Zuletzt geändert von Kheldairon am Sonntag 12. Juni 2016, 02:52, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

Der Sechste Tag


Es war ein seltsamer Morgen, dieser Morgen. Eigentlich war es ja schon fast Mittag, als sich Pavel aus dem Bett schälte, die Arme weit in die Luft streckte und sich verschlafen durch das Gesicht rieb. Sehr viel schneller wach wurde er nach einem beiläufigen Blick aus dem Fenster, hinaus auf den Markt. Menschen eilten dort bereits geschäftig über den Platz, die Sonne stand hoch am Himmel - er hatte verschlafen. Gnadenlos verschlafen. So schnell wie an diesem Tag war Pavel noch nie gewaschen und angekleidet gewesen. Wie ein Wirbelwind fegte er durch den Wohnbereich. Nicht einmal Milyen hatte ihn geweckt - vermutlich war sie im Zunfthaus oder am Hafen.

Es war unerwartet spät geworden in der vergangenen Nacht. Dabei war das gar nicht geplant gewesen. Pavel hatte über einer Abschrift der Lehren des Herrn gesessen und darüber sinniert, sich darüber Gedanken gemacht, ob und wie sehr er den Lehren folgte. War er in den vergangenen Tagen treu und gehorsam gewesen gegenüber jenen, die über ihm standen? Lebten er und seine Schwester ohne unnötigen Prunk? Übten sie sich im Worte wie im Schwerte, um dem Allvater zu Diensten zu sein? Manches verstand sich von selbst, anderes war derzeit gar nicht denkbar - doch es würde immer mehr Möglichkeiten geben, sich dem Herrn und seinen Lehren vollständig hinzugeben.

Mitten in diesen Gedanken war Milyen geplatzt, seine sonst so quirlige Zwillingsschwester, die schon seit Wochen nicht mehr die gleiche Lebensfreude versprühte, wie noch zu Beginn ihrer Reise. Es schmerzte Pavel, sie so zu sehen. Er konnte förmlich fühlen, was sie fühlte - diesen Zweifel ob der Zukunft, ob des eigenen Weges. Er hatte all das nur wenig vor ihr durchmachen müssen. Sein Halt, sein Anker waren die Lehren des Panthers gewesen. Sie erfüllten ihn mit einer Zuversicht und einem neuen Glauben. Er hielt sich daran fest, und seither gab es nahezu kein Gespräch, in dem nicht die Gebote der Gläubigen oder das Werk des All-Einen Thema wurden. Seine Schwester hingegen blieb skeptisch. Gewiss, auch sie bemühte sich, nach den Lehren des Herrn zu leben. Doch nicht mit der gleichen Lust, mit dem gleichen allumfassenden Vertrauen wie er. Er bemühte sich redlich, sie zu den Lehren zu führen, doch es war ein anstrengender Pfad.

Nach einem langen Tavernenabend, der nach einer ehrlichen Aussprache der beiden sehr viel lustiger wurde, als Pavel sich das vorgestellt hatte, brachte er sie noch bis nach Hause. Er selbst schnappte sich dort allerdings lediglich eine Laterne, um seinen üblichen Weg in den Tempel zu finden. So kehrte er dort ein und vollzog sein tägliches Werk - reinigte die Kerzen, entsorgte die abgebrannten und ersetzte sie durch neue, schabte das angetrocknete Wachs von den Steinplatten und erging sich im gleichen Maße den Gedanken an den Herrn. Von der inneren Abneigung gegen diese vermeintlich lästige Arbeit, die er noch am zweiten Tage verspürt hatte, war nichts mehr übrig. Sein Dienst am Tempel des Panthers war zu einem festen Ritual, zu einem wichtigen Bestandteil seines Lebens geworden. Ebenso wie die stillen Minuten, die er im Gebet und Gedanken an den All-Einen verbringen konnte.

Dass er nun in dieser Nacht so spät zu Bette kam, lag jedoch weder an dem Tavernenbesuch noch an seiner Hingabe für den Allvater. Denn mitten in der Nacht klopfte es lautstark an der Tür - just, als Pavel sich zu Bette begeben wollte. Livyathan Aschengardt, Gardist der Stadt Rahals und jemand, den die beiden Forstnams in den vergangenen Tagen erstaunlich oft angetroffen hatten, hatte sich angesichts der Vorkommnisse um das Axorn um ihrer beider Wohlbefinden gesorgt. Eine Geste, die Pavel trotz der spätlichen Ruhestörung nicht kalt ließ. Ja, hier in Rahal wurde Sicherheit hoch geschrieben, und man sorgte sich umeinander. Eine Gemeinschaft, die füreinander einstand. Wieder einmal bewiesen die Umstände die Wahrhaftigkeit Seines Weges. Zwischen Tür und Angel unterhielt man sich, über den Ablauf des vergangenen Kriegsfalls ebenso wie über die Zuwendung zum Allvater. Selbst dieser nicht mehr ganz so Fremde hielt Pavel vor, er könne sich ihn als einen Templer, einen allverschriebenen Diener des Herrn vorstellen. Pavel wischte diese Einschätzung mit einem Lächeln beiseite, denn was tat es Gutes, sich im Lobpreis eines Anderen zu sonnen. Noch dazu mitten in der Nacht. Jedoch, tief in sich empfand er tiefe Dankbarkeit für diese Worte. War er etwa auf dem richtigen Weg? Man erkannte seine Hingabe an die Worte des Herrn. Ein Grund mehr, die Bemühungen zu verstärken.

Nun war es also Mittag, und Pavel hatte den gesamten Morgen verschlafen. Er hatte noch eine ganze Weile wach gelegen in seinem Bett und über verschiedenste Dinge nachgedacht, teils solche, die ihn zum Lächeln brachten, teils solche, die ihm Sorgen in den Magen trieben. Dennoch führte ihn nun sein erster Weg zum Tempel. Am späten Abend würde er einen Termin bei den Geweihten haben, und der Tempel sollte dann in vorbildlichen Zustand sein. So trat er ein - mit dem alltäglichen Gruß an die wachhabenden Gardisten - und vollzog sein Tagwerk. Reinigte die Kerzen, schabte das Wachs ab, entnahm all jene Kerzen, die ihr Leben vollständig an die Lobpreisung des Allvaters vergeben hatten. Als er jedoch an diesem Tag in die hintere Stube des Tempels ging, um neue Kerzen zu holen, fiel ihm der Besen auf, der neuerdings im Eck neben den Kerzen lehnte. War der schon die Tage zuvor hier gewesen? Er konnte sich nicht erinnern. Pavel kniff die Lippen zusammen, trat zurück in die kleine Bibliothek, sah sich um. Doch keiner der Catuli, kein Vicarius, keine Clerica waren zu entdecken. Ob er den Besen ausleihen durfte?

Als Pavel den Tempel an diesem Tag wieder verließ - zumindest am frühen Nachmittag - da war der Tempel weitaus sauberer, als er es noch die vorherigen Tage gewesen war. Kurzerhand hatte er sich dazu entschlossen, den Besen unerfragt auszuleihen und die Tempelhalle nach besten Kräften auszufegen. Er stellte alle Kerzen beiseite, auf die Bänke, und fegte Reste von Staub, Wachs und anderen Dingen zusammen, fuhr auch unter die Bänke und in die kleinsten Ritzen der Steinstufen des Tempels. Gelegentlich hatte er das ungewisse Gefühl, beobachtet zu werden, als amüsierte sich ein Catulus über die Akribie, mit der er vorging. Allein, es war ihm egal. Der Panther würde ihn ebenso beobachten. Und es stand dem Panther nicht an, sein heiliges Haus verdrecken zu sehen. Als er mit seinem heutigen Tagwerk geendet hatte, ruhte der Besen wieder an dem Ort, an dem der junge Schreiner ihn vorgefunden hatte - ebenfalls gereinigt vom Dreck, der an den Borsten hängen geblieben war. Noch viel reinlicher jedoch fühlte sich Pavel. Denn: Wer sich einer Sache voll verschreibt, wer Erfüllung verspürt in selbst den kleinsten Tätigkeiten, seien sie noch so nichtig, der folgt seinem wahren Pfad.
Gast

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Der Erste Tag


Vorsichtig setze ich meinen Fuß auf den Boden, erst die Zehenspitzen, dann den Ballen, zuletzt unendlich langsam die Ferse. Der weiche, feuchte Waldboden gibt sanft unter dem Druck meiner Schritte nach, doch die schwere Stille bleibt unberührt - mehr ahne ich das Knacken der zerbrochenen Äste, als dass ich es höre. Um mich herum herrscht die Dunkelheit, ein endloser Schleier, so dicht und mächtig wie ein samtener Umhang, der alles Leben unter sich begräbt. Die toten Bäume ragen wie Mahnmale hinauf in einen sternenlosen Himmel, die Äste wie zum Klageruf erhoben. Dunkle Nebenschleier liegen tief über der Ebene und gewähren mir nur wenige Schritt weit Sicht. Der Wind heult und flüstert gleichermaßen, ganz nah und doch so fern. Ich höre das Rauschen der Blätter, wie aus einer vergangenen Zeit, doch die Äste tragen nur das Kleid des Todes. Schatten bewegen sich schemenhaft in der Ferne, scheinen mich zu beobachten, immerzu, immerdar, doch wann immer ich versuche, sie zu betrachten, verschwimmen sie wie Geister im Nichts. Ich erblicke schemenhafte Gestalten im Augenwinkel, doch niemand ist hinter mir, niemand vor mir. Ich bin allein.

Mein Herz pocht, so laut, dass ich fürchte, der ganze Wald könne es hören. Vorsichtig setze ich meinen Weg fort, drücke mich immer mal wieder an die moosbewachsenen Baumstämme, halte den Atem an und lausche. Nichts. Nur der Wind. Und die Stille, diese lebendige, peinigende Stille. Doch mein Herz treibt mich voran. Ich kann nicht zurück, mein Weg führt allein nach Vorne, durch die Dunkelheit. Ich fühle, wie mit jedem Schritt, mit jedem Meter, den ich gehe, mein Magen schrumpft, sich verkrampft. Ich halte durch, gehe weiter, der Weg ist nicht vorüber.

Mit einem Mal erblicke ich ihn. Verborgen von Gestrüpp und eingebettet in eine Felsnische ruht ein steinerner Tisch, ein Altar. Er ist schwer zu verkennen, ein schweres Kohlenbecken ruht darauf und das Feuer darin taucht die Umgebung in warmes, rötliches Licht. Das Licht scheint mir nach all dem Weg so fremd, so andersartig, dass ich mit meinem Arm meine Augen abdecke, ehe ich nähertrete. Erst, als ich dort stehe, den nackten, kalten Stein mit meinen Fingerspitzen berühre, erscheint er mir wirklich zu sein. Rau fühlt er sich an, unnachgiebig, und doch realer als alles Andere, was ich bislang erfuhr.

Der Tisch ist leer. Allein ein rostiger alter Dolch liegt wie drapiert neben der schweren Kohlenschale. Ich zögere, doch schließlich obsiegt meine Neugier. Ich greife nach der Waffe. Der Griff fühlt sich abgegriffen an, wie durch unzählige Hände gegangen, gleichermaßen vertraut und ekelhaft. Die Klinge starrt vor Rost und eingetrocknetem Blut. Was auch immer man mit dieser Klinge getan hatte, sie hatte ihren Dienst mit Freude verrichtet. Und oft. Mit bebendem Herzen und zitternden Fingern lege ich ihn wieder zurück.

Ich sehe mich um. Aus dem Lichtkegel heraus erkenne ich nichts mehr. Selbst die Bäume rundum kann ich nur schemenhaft erkennen. Ich hebe meine Hand, suche meine Augen abzuschirmen, doch es scheint mir, als sei ich dennoch geblendet, als folge das Licht nicht den Gesetzen, wie ich sie kenne. Verstört blicke ich zurück - doch der Dolch, wie ich ihn eben noch neben die Schale legte, ist verschwunden. Weg. Wieso ist er weg? Ich taste mit meinen Händen nach ihm, doch berühre ich nur den nackten Stein des Altars. Meine Bewegungen werden hektischer, ich trete um den Tisch herum, suche darunter. Nichts. Ich will weg, Schrecken macht sich in mir breit, doch etwas in mir weigert sich. Das Licht, es zieht mich an, wie ein Magnet, kraftvoll, warm, stark. Als ich aus meinem Gedanken wieder auftauche, stehe ich regungslos vor dem Altar, den Blick in das glühende Feuer gerichtet.

Der erste Schlag. Heiß wie eine Nadel bohrt sich ein Schlag in meinen Rücken, und ich bin so überrascht, dass jeder Schmerzenslaut ausbleibt. Kraftlos entweicht die Luft meinem aufgerissenen Mund und ich taumle nach vorne, stürze auf ein Knie herab, halte mich an dem Steintisch fest. Der Schmerz durchzieht all meine Glieder, übertönt jedes andere Gefühl so stark, dass ich nicht einmal daran denke, mich zu fragen, WER oder WAS mich da schlägt. Mit einem Mal haucht eine sanfte Stimme in mein Ohr - so nah, dass ich beinahe glaube, die Stimme IN meinem Kopf zu hören. Sie ist nicht nur sanft, sondern auch liebevoll, gleichermaßen spöttisch und belustigt.
"Hass. Rachsucht. Zorn." haucht sie mir zu, und mit dem letzten Laut fegt sie davon wie ein Windhauch.

Der zweite Schlag. Diesmal erahne ich, was passiert, ehe ich es spüre, tief in mir, wenngleich ich nicht begreife, weshalb. Es ist keine Waffe, die mich trifft. Doch kurz darauf durchbohrt die brennende Nadel meinen Rücken erneut, der Schmerz zieht sich durch all meine Glieder. Ich schreie laut, doch meinen Lippen entringt nur ein leises Krächzen, ich klammere mich mit beiden Händen an die Kante des Tisches. Dieses Mal flüstert die Stimme in mein anderes Ohr, und ich kann förmlich hören, wie sich ihre Mundwinkel zu einem breiten Lächeln erhoben haben.
"Ehrfurcht. Macht. Stärke."

Der dritte Schlag. Dieses Mal trifft er mich nicht mehr unvorbereitet. Ich kneife die Lippen zusammen, sammle meine Kräfte, doch der Schmerz übertrifft alles, was ich je zuvor fühlte. Diesmal rufe ich wirklich, schreie den Schmerz hinaus, in eine Dunkelheit, in der mich niemand hört, in eine Welt, in der niemand ist. Wieder ist da die Stimme, wieder haucht sie, ganz sanft, ganz zart.
"Dominanz. Hierarchie. Tyrannei."

Der vierte Schlag. Ich bin unfähig, zu fliehen, mich zu wehren, aufzubegehren. Ich will es gar nicht. Der Schmerz ist von einem gleißenden Stechen zu einem permanenten Feuer geworden, das meinen Körper erfüllt, ihn verwandelt, in mir das Feuer der grimmigen Entschlossenheit weckt. Ich beginne, zu verstehen. Keine Waffe, keine Hand, nichts Sterbliches trifft mich da. Sind es die Worte? Ist es die Stimme? Sind es die spitzen Widerhaken der Gefühle, die in mir kämpfen? Nach dem vierten Schlag haucht die Stimme ein letztes Mal, und ich meine - nein, ich wünsche mir, in ihren Worten Anerkennung, Bewunderung zu hören. Doch sie kennt kein Erbarmen.
"Hinterlist. Intrigen. Schattenkünste."

Dann ist alles vorbei. Die Stimme verstummt wie Rauchschwaden, die man mit der Hand davonwischt. Das Kohlebecken flackert und erlischt schließlich. Dunkelheit hüllt mich ein. Ich kauere vor dem Altar, mein Körper bebt, gepeinigt, doch voller Kraft, entstellt, doch erfüllt mit der Stärke der Entschlossenheit. Ich muss nicht mehr gehen. Der Weg hat ein Ende. Ich kenne das Ziel. Tief in mir kenne ich das Ziel.

Plötzlich dringt ein neues Geräusch aus der Dunkelheit und durchbricht die Stille der Nacht. Äste knacken und der Waldboden knistert unter den Schritten eines Wesens. Ich halte den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen, vertraue allein auf mein Gehör. Es kommt näher. Und mit einem Mal vernehme ich ein Knurren...


Schweißgebadet wacht Pavel auf und setzt sich ruckartig auf. Es dauert einen ganzen Augenblick, bis sein Geist wieder zur Besinnung kommt und er begreift, wo er ist. Was für ein merkwürdiger Traum! Gleichermaßen sonderbar und verstörend - und doch mehr als real! Unwillkürlich tastet er mit der Hand an seinen Oberarm, als wolle er sich kratzen. Erst, als er den metallenen Armreif spürt, zuckt er zusammen. Richtig. Alles hatte sich geändert. Der Traum war verblichen und die Erinnerung an das Geschehene zurückgekehrt. Dies war sein erster Tag in einem neuen Leben, frei von den Sorgen und Nöten der Vergangenheit. Dies war sein erster Tag als Werkzeug des einzigen Gottes.
Gast

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Das Leid von Unten sehen


Leise, wirklich nur ganz leise schepperte das klapprige Nagelbrett, als Catulus Pavel es vor dem Altar des Herrn, tief unter dem Tempel, auf den nackten Steinboden legte. Doch dieses kurze, unvermeidliche metallische Scheppern reichte bereits, dass er zusammenzuckte, die Augen zusammenkniff und mehrere Augenblicke den Atem anhielt.

Einundzwanzig. Zweiundzwanzig. Dreiundzwanzig.

Vorsichtig öffnete er zunächst eines, dann beide Augen wieder. Glück gehabt. Entweder hatten der Vicarius und die Clerica ihn nicht gehört. Oder sie waren mit wichtigeren Dingen beschäftigt als dem Nichts, das er nun war. Eine Strafe, weil er seine Strafe nicht ordnungsgemäß und leise genug abgeleistet hatte - das konnte er wirklich nicht mehr brauchen. Mit einem unwillkürlichen Stoßseufzer ging er in die Knie und befühlte die spitzen, scharfen Nägel, die ungleichmäßig aus dem Brett ragten. Teils stierten sie vor Rost, teils klebte sogar noch Blut daran. Vor seinem Dienst am Tempel hatte Pavel von solchen Geräten noch nicht einmal in Geschichten gehört, nun durfte er sie leibhaftig verspüren. Welche Ehre.

Irgendwie hatte der Schmerz etwas Belebendes, ging es ihm durch den Geist, als er bereits eine Weile darauf kniete, der Körper aufrecht, der Kopf gesenkt, die Augen geschlossen. Es war ein entwürdigender, qualvoller Zustand. Er war gefangen.

Gefangen vom Schmerz, der sich zunächst wie feine Nadelstiche in seine Beine gebohrt hatte, um dann langsam nachzulassen. Doch je länger er auf dem Brett kniete, desto schwerer wurden die Schmerzen, desto tiefer trieb ihn sein eigenes Gewicht hinein.

Gefangen im Gebet, das er an den Panthergott richtete. Er wusste nicht einmal ganz genau, was er da betete. Eigentlich war es gar kein richtiges Gebet. Es war zunächst die stille Verehrung des Gottes. Seines Willens. Seiner Weisheit. Seiner Wahrheit. Seiner Vollkommenheit. Da kniete er vor ihm, der Catulus, wenig mehr als ein gezeichneter Holzklotz, unbehauen, unbedarft, der sich in der Würde baden durfte, von einem Gott erwählt worden zu sein, sich beweisen zu dürfen. Kniete in Schande, in Strafe. Doch noch lebte er. War der Gott ihm weiter gesonnen? War diese Strafe in seinem Sinne? War sie eine Prüfung, um ihn stärker zu machen?

Gefangen in Verachtung und Zorn, blinder Wut, verzweifelter Ohnmacht. Der Vicarius hatte ihm diese Strafe aufgebrummt, weil er seine Pflichten nicht erfüllt habe. Wutentbrannt schossen ihm Erwiderungen durch den Kopf, die er sich nicht auszusprechen getraut hatte. Die Namen all derer, denen er sich vorgestellt hatte. Die Texte, die er wie ein Irrer inzwischen aufgesaugt hatte, um die Lehre des Herrn zu verinnerlichen. Die endlosen Stunden, in denen er sich im Kampfe übte, um zu einem wertvollen Schwert für den Herrn im Kampf gegen die Ketzer zu werden. Die Überzeugung, mit der er nicht zuletzt in der eigenen Familie für die Durchsetzung des wahren Glaubens focht. Ja, er hatte geschworen, sein Leben zu geben, dem einen Gott, dem Tempel, der Templerschaft, ihre Befehle zu befolgen, ihren Anweisungen ohne Fehler nachzukommen. Doch Erfolge und Erledigtes zählte nicht. Es zählten allein die Missstände. Eine umgekippte Kerze. Ein unbekannter Bürger. Ein Gruß, nur gar zu knapp ausgeführt. Und jeder Fehltritt trieb den Schmerz, die Strafe in unbekannte Höhen.

Für eine ganze Weile brandete diese Gedankenflut wie eine Woge unverhohlenen Hasses in ihm. Wie gerne hätte er etwas zertrümmert, zerschlagen, jemandem Leid zugefügt. Einfach nur, damit noch jemand anders zu leiden hatte, nicht er allein. Gepaart wurde dies mit dem entsetzlichen Gefühl absoluter Ohnmacht. Er hatte sich dem Gott und der Templerschaft ergeben, er spielte nun nach ihren Regeln. Dies waren ihre Regeln. Ein rostiges Nagelbrett. Gleißende Schmerzen. Harte Worte. Der Tempel war keine Familie. Der Tempel war eine Kaserne. Das heiße Feuer einer Esse, in dem die Menschen entweder verbrannten oder aus dem sie gestählt hervorgingen.

Pavel wagte nicht, die Anspannung weichen zu lassen. Es war ihm gleich, ob die Clerica ihn beobachtete, ob der Vicarius sich am anderen Ende der Stadt aufhielt. Eine falsche Bewegung, und sie wären genau in diesem Moment hinter ihm. Davon war er überzeugt. Nicht, weil sie auf ihn achteten. Er war für sie nicht mehr als ein Lumpen, ein billiges, ersetzbares Werkzeug, dem sie sich im Auftrag ihres Gottes annehmen mussten. Sie achteten auf seine Fehler. Auf jede einzelne Regung abseits ihrer Anweisungen.

Es dauerte. Stunden. Die Gedanken drehten sich, immer wieder. Langsam nur sickerte die Erkenntnis bis in sein Bewusstsein durch. Der Vicarius mochte ihm die Strafe auferlegt haben, um ihn zu disziplinieren, um ihn zu strafen. Doch geschickt hatte sie der Herr, der All-Eine, der wahre Herrscher. Er prüfte ihn. Er, der Allmächtige, hatte seinen Blick allzeit auf seinem Catulus. Aufmerksam, geduckt, wie ein Panther auf der Pirsch, belauerte er ihn, sandte ihm Prüfungen, um ihn zu formen, um ihn zu gestalten. Sollte der Vicarius ruhig glauben, dass ihn diese Nägel schmerzten. Und beim Panther, sie schmerzten wie die Hölle, aus der nichts jemals wiederkehrt. Doch jeder Augenblick des Schmerzes würde ihn anstacheln. Gedanken in schier endlosen Stunden, die aus unverhohlenem Hass, einem flackernden Flammenmeer, einen schimmernden Speer aus gleißendem Zorn schmiedeten. Zorn, gerichtet auf jene, die ihn leiden ließen.
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