Er blinzelte zum Himmel, der sich gerade mit Ungetümen von dunkelgrauen Wolken zuzog. Es würde bestimmt Regen geben und der Pfad, dem er am Meeresufer entlang nach Norden folgte, war ziemlich ungeschützt. „Da hab' ich mir ja was Schönes eingebrockt“, dachte Maro bei sich und nestelte an seinem Umhang, um ihn sich auch über Kopf und Nacken zu ziehen. „Aber bin wohl selbst schuld, dass ich nicht schon letzten Sommer gegangen bin.“
Erste Tropfen platschten auf den Weg und den wandernden Jungen, malten dunkle Tupfen auf sein Gewand und sein Bündel. Unwirsch murmelte er vor sich hin: „Sollte ich umdrehen...? Nö. Kommt nicht in Frage!“ Das Gefühl, dass ihm das heimatliche Dach beinahe auf den Kopf fallen wollte, stieg beklemmend wieder in ihm hoch, und er war noch nicht einmal weit gekommen. Viel zu lange, schien es ihm, hatte er ausgeharrt und sich erst gegen Ende des Winters zum Aufbruch durchgerungen. Nicht gerade die beste Reisezeit.
„Wenn ich nun zurückgeh', fragen sie mich nur, ob mir endlich eine vernünftige Abschiedsrede eingefallen ist. Neee...!“
Trotzig richtete er die blaugrauen Augen auf den Weg voraus und stapfte weiter. Den Gedanken an den wortkargen Abschied von seinen Eltern verdrängte er für den Moment. Er musste möglichst noch einen Unterstand finden, wo er für die Nacht sein Lager aufschlagen könnte, denn bis Berchgard würde er es an diesem Tag nicht mehr schaffen. Nicht solange ihm Wind und Wetter um die Ohren peitschten.
Der Weg wand sich weiter durch die Landschaft, führte teilweise am Waldrand entlang, verschwand teilweise beinahe zwischen Gestrüpp, weil er nicht häufig genutzt wurde. Zur rechten Hand ragten hohe Bergwipfel auf, die noch anzuwachsen schienen, als Maro sich ihnen näherte.
Langsam sickerte das Pfützenwasser aus den Schlaglöchern des Weges durch seine Stiefel und der Regen weichte von oben seine Kleidung durch, während das sonst helle, abstehende Haar schon längst platt und dunkel an seinem Kopf klebte. Mit ernüchterter Miene schaute er sich um. Es war kein Ende der Wolkendecke zu erkennen, ebenso wenig die Höhe des Sonnenstands abzuschätzen... doch er hatte das unbestimmte Gefühl, dass sich die Welt im Verlauf des letzten Wegstückes verdunkelt hatte. Vor ihm wurde der Pfad von einem Waldstück umfangen.
„Da sollte ich erst bei Tage weitergehen“, überlegte er halblaut und strich sich einige Haarsträhnen aus der Stirn, von wo immer wieder kleine Regenrinnsale den Weg zu seinen Augen antraten. Seine Schultern und Oberschenkel begannen auszukühlen. Entschlossen wandte er sich nach rechts und steuerte auf einige höher liegende, felsige Hügel zu, wohl Ausläufer des Bergmassivs, das unweit zu erkennen war.
Unter einem kleinen Gesteinsüberhang ließ er sich nieder, klaubte etwas feuchtes Geäst zusammen und bemüßigte sich eine Weile mit dem Versuch, es zu entfachen. Sich schließlich eingestehend, dass das völlig aussichtslos war, hockte er sich dann in seinen durchnässten Sachen mit dem Rücken an den Fels und starrte in die nun merklich hereinbrechende Dämmerung hinaus.
Immer dunkler wurde es und die in einiger Entfernung noch auszumachenden Baumwipfel begannen, sich vor Maros Augen zu verformen. Die langen Gesichter seiner Eltern schienen ihm anklagende Blicke zuzuwerfen, wie als er sich umgewandt hatte und früher am Tag aufgebrochen war.
Er rieb sich leise murrend über die müden Augen und streckte die Stiefel aus. Die Füße darin schmerzten wenigstens nicht, doch ihm wurde bewusst, dass dies daran lag, dass die Nässe und Kälte sie betäubten. Schon kam Sehnsucht nach dem warmen Heim auf, dem er den Rücken zugekehrt hatte. Eine Weile gab er sich den Revue passierenden Erinnerungen hin, während er auf einem durchweichten Kanten Brot kaute und spürte, wie ihm die unebene Felswand, die ihm als Lehne diente, stellenweise hart in den Rücken piekste.
Die Nässe, die ihn durchdrang und umgab, rief all die Gefühle hervor, die er als Sohn eines Fischers mit dem Wasser verband. Selbige waren wohl nicht unschuldig an dem Entschluss gewesen, fortzugehen. Er dachte an die schlimmste Tracht Prügel, die er sich mal eingehandelt hatte, ausgeführt mit der Angelrute seines Vaters: Als er diesen beim Wegwerfen von einigem in der Sommerhitze zu schnell verdorbenen Fisch beobachtet hatte, wollte er einen zu baldigen erneuten Fang verzögern. Der Tod war ihm so sinnlos vorgekommen. So versuchte er sich des väterlichen Angelzeugs habhaft zu machen, rannte mit allem, was er sich an Köderdosen, Schwimmern und Blinkern in die Arme pressen konnte, zum Steg und spurtete dort in voller Montur ins Wasser, um die Sachen zu versenken. Und zugleich selbst dem zornig hinterher springenden Vater zu entrinnen. Obgleich kräftig und ein guter Schwimmer, war er damit allerdings nicht weit gekommen. Nach einer gehörigen Standpauke und ordentlich versohltem Hintern war er dann zu anderen Vorgehensweisen übergegangen: Wann immer er sich unbeobachtet glaubte, hatte er fortan heimlich Fische zurück ins Wasser gelassen, um ihre Lebensspanne zu verlängern.
Das Gefühl, dass er es richtig gemacht hatte, biss sich in seinem Inneren mit einem gewissen Schuldbewusstsein. Undankbar, einfach so fortzugehen. Aber hätte ich auch Fischer werden sollen?
Als sich die Luft zur Nacht weiter abkühlte, sah er seinen eigenen Atem als Dampf vor sich und zitterte vor sich hin.
Irgendwann musste er eingedöst, irgendwann der Regen in Graupel übergegangen sein.
Maro öffnete die Augenlider halb und sah nur Schwärze ringsum. Mitten in dem Dösen, das nach den Anstrengungen des Wanderns irgendwie angenehm schien, drang eine Erkenntnis zu seinem Verstand durch: Er konnte seine Füße nicht spüren. Auch nicht Beine und Arme. Sein Geist schwebte in Schwärze. Das Blut rauschte im Takt seines Herzschlags langsam in seinen Ohren... Shwwwshh. Shhhwwwsh. Oder waren es die Baumwipfel, die sich im Wind wiegten? War es das Zischeln eines imaginären brennenden Feuers oder doch ein rauschender Bach in der Nähe?
Der Fels, der stumm in seinem Rücken lag, drückte ihn nicht mehr.
Er ließ sich einfach treiben, umfangen von dem angenehmen Rauschen. Swwwwsh. Shwwwwwssh.
Durch die geschlossenen Augenlider schimmerte es weißlich, fast schon grell hindurch. Aufwachen? Nein, dazu war es zu friedlich. Er fror überhaupt nicht, hatte auch zu zittern aufgehört, obwohl ihm in einem hinteren Winkel seines Bewusstseins klar war, dass es noch immer kalt sein musste. Sein ganzer Rücken, ausgehend von der Wirbelsäule, deren Dornfortsätze durch Hemd und Umhang den Stein spürten, war durchzogen von Wärme, die in die noch reglosen Gliedmaßen ausstrahlte, als ob hinter ihm ein Feuer brennen würde.
Maro öffnete das linke Auge... dann das rechte. Die Welt war verdreht – nein, er lag. Er lag inmitten von Gras, vor sich noch das kleine Häuflein aus Zweigen, die zu entfachen ihm nicht gelungen war. Alles war von einer feinen Schicht Raureif bedeckt, der in der Morgensonne glitzerte.
Mit dem rechten Arm drückte er sich vom Erdboden hoch, streckte sich etwas und fühlte, wie die kalte Luft durch die einfache Kleidung griff und nun die Finger nach seiner Haut ausstreckte.
„Hmmfnfrost?“, murmelte er unartikuliert, wohl unterschätzend, wie wenig wach er noch war. Sollte doch Frühling werden. War nochmal ganz schön kalt, ging es ihm, als er sich etwas mehr gefasst hatte, durch den Kopf. Manch einer wacht nach so einer Nacht gar nicht wieder auf. Eluiv' sei Dank. Orientierung suchend schaute er sich um, drehte den Oberkörper und betastete den Fels dort, wo er gelegen hatte. Sogleich zuckte seine Hand zurück und sein Pulsschlag beschleunigte sich: Der Stein war ganz warm! Nicht wie angewärmt von der Gegenwart eines schlafenden Jungen, sondern wie etwas selbst Lebendiges.
Ungläubig rieb er sich über das Gesicht, plötzlich ganz fahrig von dem Schreck. Einige Male atmete er tief durch. Prüfend streckte er nochmals die Hand aus und fühlte über die Erde und den Stein – doch was auch immer das Gefühl gewesen war... es war vergangen. Seltsam! Die Stelle war lediglich verschont von der feinen Schicht aus Eiskristallen, die alles ringsum überzog und die Welt unwirklich leuchten ließ. Der Ruf eines Singvogels, der nun den Morgen grüßte, erinnerte Maro daran, was ihm noch bevor stand.
Er rappelte sich auf und klopfte seine noch etwas klamme Kleidung ab. Dann marschierte er weiter – in Richtung des Weges zunächst, wobei jeder Schritt unter seinen Stiefeln knirschte. Dann folgte er dem Waldpfad nach Norden und hatte bis zum Erreichen Berchgards sowieso noch jede Menge Zeit, um sich Gedanken über jenes rätselhafte Erlebnis zu machen.
***
Immer weiter führte ihn der Weg, an vereinzelten Höfen und Hütten vorbei und zwischen Hügeln und Feldern hindurch, dann wieder durch den Wald. Es wurde milder, umso höher die Sonne an den Himmel stieg und umso weiter er sich von den Bergen entfernte. Der Pfad, dem er folgte, wand sich immer weiter und war teilweise kein deutlicher Weg mehr, sondern nur etwas mehr Platz zwischen den Bäumen und Sträuchern, der andeutete, dass es sich dort eher anbieten würde, hindurch zu wandern, als woanders. Der Blick nach oben zeigte nur das Blätterdach, durchsetzt von Fetzen blauen Himmels. Es ist so schön hier. Schade, dass ich nicht einfach bleiben kann. Er behielt die Wetterseite der Bäume im Blick, doch war sie hier nicht besonders ausgeprägt, so dass er nur eine grobe Vorstellung hatte, in welche Richtung er unterwegs war.
Teilweise war der Weg so schmal und zugewuchert, dass Maro ihn verloren zu haben glaubte … nein, er hatte ihn verloren. Das hier war eindeutig die gleiche knorrige Eiche, an der er schon einmal vorbei gekommen war.
Mit einem resignierenden Seufzen ließ er sich auf den Allerwertesten fallen und lehnte sich an dem dunklen, verwitterten Baumstamm an, um Rast zu machen. Als wäre dies nicht nur eine bloße Lehne, sondern als ob der solide Stamm ihm den Rücken stärkte und etwas von seiner Festigkeit und Ruhe sich auf ihn selbst übertröge, fühlte er sich sogleich getröstet.
Er konnte nicht einfach weiter marschieren – schlimmstenfalls würde er sich noch schlimmer verfransen und irgendwann vielleicht vor Erschöpfung zusammenbrechen. Vielleicht würde jemand vorbeikommen, wenn er lange genug wartete? Kopfschüttelnd verwarf er das sogleich wieder. Der Pfad war ja gar keiner und so töricht, so weit abseits der Wege zu geraten, war wohl nur er. Maro schloss die Augen und grübelte angestrengt. Die Bäume rauschten im Wind. Shwwwsh, swwwsh. Es klang angenehm und beruhigend, als ob sie ihm sagen wollten: Du kennst dich hier nicht aus, aber du bist willkommen. Dir geschieht nichts. „Was soll ich bloß tun...?“, fragte er sich leise. „Ist zwar schön hier, aber ich möchte endlich was Sinnvolles machen“, murmelte er. Ein weiteres Geräusch kam dazu, das sich von dem Rauschen abhob, eine Art Knirschen und Klappern direkt vor ihm. Er öffnete die Augen und krabbelte erschrocken ein Stück zur Seite, als er gerade noch wahrnahm, wie ein Kiesel vor seinen Füßen scheinbar von selbst ein Stück weiter rollte. Blinzelnd verharrte er, lehnte sich nach vorn und starrte den Kiesel an. Ein gewöhnlicher graubrauner, kleiner Stein. Echt jetzt, hab ich mir das eingebildet? Neben der Stelle, an der das Steinchen zum Liegen gekommen war, lagen noch drei, vier seinesgleichen, die zusammen ungefähr ein Dreieck bildeten, das nun eine Spitze hatte. Sieht fast aus wie ein Pfeil. Er ließ den Blick in die gezeigte Richtung wandern. Dort waren Bäume, Sträucher, ein paar Pilze und Moos am Boden... wie auch sonst ringsum, so weit das Auge reichte. Alles sah gleich aus, aber die Richtung sah jetzt irgendwie sympathischer aus als die anderen, so dass Maro sich aufrappelte und dem Gefühl folgte, dass da sein Weg war.
Als Maro sich dem Palisadenwall aus massiven Baumstämmen näherte, begann ihm zu dämmern: Das konnte nicht Berchgard sein. Eine zufällig vorbei kommende Frau, die ihr Gedächtnis verloren hatte, offenbarte ihm immerhin, dass es ihn stattdessen nach Bajard verschlagen hatte.
Hm, war ja klar. Reines Wunschdenken, dass mir ein Kieselstein den Weg nach Berchgard zeigen würde. Sehr seltsam trotzdem!, dachte er und setzte sich ins Gras, um sich nochmals auszuruhen. So langsam musste er sich auch Gedanken machen, wo er nächtigen könnte, aber erstmal kippte er den Sand aus seinen Stiefeln und verspeiste seinen letzten Rest Brot. Es war mittlerweile innen hart und außen weich. Wirklich höchste Zeit, dass er mal irgendwo ankam.
Mein Freund, der Stein?
-
Maro Birkwall
Nach einer Weile kam ein Mann vorbei, dessen Erscheinung Maros Neugier weckte. Die gedächtnislose Frau, die er vor Bajard angetroffen hatte, erkannte in dem Mann ohne Zögern einen Druiden, während er selbst nur Erzählungen von den Weisen Eluives gehört hatte, aber noch nie einem begegnet war.
Lediglich eine braune Robe und einen rankenumwobenen Stab trug der geheimnisvolle Mann bei sich, keine Rüstung oder Waffen waren zu erkennen. Nichtsdestotrotz strahlte er keine Wehrlosigkeit, sondern ganz im Gegenteil, Selbstbewusstsein aus. Er erzählte von der Mutter und ihrer Schöpfung. Als der Fremde dabei das Feuer erwähnte, bemerkte Maro, dass er fror. Er setzte sich mit dem Unbekannten ans Lagerfeuer und entspannte sich ein wenig, derweil entwickelte sich ein Gespräch.
Nach den Tagen auf Wanderschaft war er froh um jede Gesellschaft, doch darüber hinaus schien der Mann ein guter Zuhörer zu sein.
„Glaubt Ihr denn an die Mutter oder eines ihrer Kinder … Temora vielleicht?“
„Was hat Euch davon abgehalten, Fischer zu werden?“
„Erzählt mir von diesem Gefühl. Ist es, als wäre man zuhause angekommen?“
Wie ein gefangener Fisch, der im Netz herumzappelt und sich so unweigerlich noch mehr in seine Lage verstrickt, verstrickte sich der junge Bursche in das Gespräch. Sein Gegenüber gab ihm offene Ohren und einige mehrdeutige Antworten, die wie Schleppnetze durch Maros Gedanken zogen und nach etwas suchten, das in den Maschen hängen bleiben wollte. Sogar Vermutungen, weshalb ihm manchmal unerklärliche Dinge geschahen.
„Wir leben in einer Welt, die von Göttern geprägt ist. Nichts derlei klingt blödsinnig.“
Warum erzähl' ich ihm das alles? Wir kennen uns doch kaum. Verlegen raufte er sich die Haare. Ungewöhnlich wortreich kamen ihm trotzdem die Antworten über die Lippen, denn er hatte sofort Vertrauen gefasst, ohne dass er sich erklären konnte, woran das lag.
„Manchmal weist uns die Mutter den Weg. Ich weiß nicht... es sieht mir nicht danach aus, als hättet Ihr Euch verlaufen,“ schloss der Mann.
Als der Abend sich dem Ende zuneigte, stellte sich der Gesprächspartner als Gandurin vor. Und erst, als sie sich längst verabschiedet hatten, gestand Maro sich ein: So offen hab ich nicht mal meinen Eltern gesprochen.
Im Stillen hegte er die Hoffnung, das Gespräch bald fortsetzen zu können, denn es hatte zahlreiche Fragen in ihm aufgeworfen. So blieb er am nächsten Tag in der Gegend, lungerte müßig um die Feuerstelle herum, pflückte ein paar Birnen und hielt nach dem Mann mit dem umrankten Stab Ausschau.
Lediglich eine braune Robe und einen rankenumwobenen Stab trug der geheimnisvolle Mann bei sich, keine Rüstung oder Waffen waren zu erkennen. Nichtsdestotrotz strahlte er keine Wehrlosigkeit, sondern ganz im Gegenteil, Selbstbewusstsein aus. Er erzählte von der Mutter und ihrer Schöpfung. Als der Fremde dabei das Feuer erwähnte, bemerkte Maro, dass er fror. Er setzte sich mit dem Unbekannten ans Lagerfeuer und entspannte sich ein wenig, derweil entwickelte sich ein Gespräch.
Nach den Tagen auf Wanderschaft war er froh um jede Gesellschaft, doch darüber hinaus schien der Mann ein guter Zuhörer zu sein.
„Glaubt Ihr denn an die Mutter oder eines ihrer Kinder … Temora vielleicht?“
„Was hat Euch davon abgehalten, Fischer zu werden?“
„Erzählt mir von diesem Gefühl. Ist es, als wäre man zuhause angekommen?“
Wie ein gefangener Fisch, der im Netz herumzappelt und sich so unweigerlich noch mehr in seine Lage verstrickt, verstrickte sich der junge Bursche in das Gespräch. Sein Gegenüber gab ihm offene Ohren und einige mehrdeutige Antworten, die wie Schleppnetze durch Maros Gedanken zogen und nach etwas suchten, das in den Maschen hängen bleiben wollte. Sogar Vermutungen, weshalb ihm manchmal unerklärliche Dinge geschahen.
„Wir leben in einer Welt, die von Göttern geprägt ist. Nichts derlei klingt blödsinnig.“
Warum erzähl' ich ihm das alles? Wir kennen uns doch kaum. Verlegen raufte er sich die Haare. Ungewöhnlich wortreich kamen ihm trotzdem die Antworten über die Lippen, denn er hatte sofort Vertrauen gefasst, ohne dass er sich erklären konnte, woran das lag.
„Manchmal weist uns die Mutter den Weg. Ich weiß nicht... es sieht mir nicht danach aus, als hättet Ihr Euch verlaufen,“ schloss der Mann.
Als der Abend sich dem Ende zuneigte, stellte sich der Gesprächspartner als Gandurin vor. Und erst, als sie sich längst verabschiedet hatten, gestand Maro sich ein: So offen hab ich nicht mal meinen Eltern gesprochen.
Im Stillen hegte er die Hoffnung, das Gespräch bald fortsetzen zu können, denn es hatte zahlreiche Fragen in ihm aufgeworfen. So blieb er am nächsten Tag in der Gegend, lungerte müßig um die Feuerstelle herum, pflückte ein paar Birnen und hielt nach dem Mann mit dem umrankten Stab Ausschau.
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Maro Birkwall
* * *
Er gab es irgendwann auf, beschloss wieder den Weg nach Berchgard zu suchen. Auf seiner Wanderschaft traf er einige hilfsbereite Leute, die ihm Rat gaben, in welche Richtung er gehen müsste. Schließlich gelangte er unweit Bajards bei einem kleinen Monument an, bestehend aus einem Brunnen und der stilisierten Figur einer Frau. Fassungslos raufte er sich die Haare. Zwischendurch hatte er es doch schon fast bis nach Berchgard geschafft!
Trotz alledem wurde er neugierig, also marschierte Maro näher heran und entdeckte ein in einen hoffnungsgrünen Stein eingelassenes Symbol. Bestimmt ein Schrein der Temora. Gleichmäßig plätscherte das nasse Element in ein eckiges Steinbecken hinab. Gleichmäßig? Er rieb sich etwas irritiert über die Ohren, denn auf einmal schien dem Plätschern schwach ein ganz eigener Rhythmus inne zu wohnen. Ssshwwwwsh. Swwsh. Sswwwsh.
„Der Mutter Segen, junger Mann.“ Maro war ganz vertieft gewesen, bis er von dem Gruß aus den Gedanken zurückgeholt wurde. Doch mit einem Mal stand jemand neben ihm. Der trug eine braune Robe und hielt in seiner Hand einen rankengezierten Stab, doch war es ein anderer Mann als am Tag zuvor. Dieser hatte rötliches Haar und wirkte etwas jünger, vielleicht Mitte zwanzig. Sie begannen sich über den Ort zu unterhalten und wie Maro hierher gefunden hatte.
Um ehrlich zu sein, hab ich schon wieder den falschen Abzweig genommen... , dachte er. Unerwarteterweise interessierte sich der Mann namens Earon scheinbar ebenso für den jungen Burschen, wie umgekehrt. Im Verlauf des Gesprächs fühlte sich Maro von dem Stabträger unweigerlich durchleuchtet. Und verstanden, hinsichtlich der Schwierigkeiten und seltsamen Begebenheiten, die ihm bisher widerfahren waren. Woher weiß er das alles?, schoss es ihm immer mal durch den Kopf, während er den Versuch aufgab, irgendwo unauffällig die Frage einzuflechten, wie er nach Berchgard gelangen könnte. „Seid Ihr echt?“ Die Frage konnte er sich einfach nicht verkneifen. Prüfend tippte er den Mann am Ärmel an. Der lachte nur und fragte, ob Maro ihm vertraue. Dann würde er ihn auf eine Reise mitnehmen, die weitere Antworten bereit hielte.
Also folgte er dem Mann. Die besagte Reise begann an Ort und Stelle mit einem kleinen, ziemlich merkwürdigen Wesen, das aus einem Baum herabgeschwirrt kam. Davon völlig fasziniert und abgelenkt nahm Maro nur noch am Rande wahr, wie Earon einige Worte an das Geschöpf richtete. Da geschah es: Eben noch stand er im Wald nahe Bajard, umtanzt von einem zu Schabernack aufgelegten Waldgeist. Wenige Momente später fühlte er sich auch schon angehoben, wurde mitgerissen, langgezogen und so gründlich durchgeschüttelt, dass er sich fragte, ob sein Körper ein einziger undefinierbarer Matsch geworden wäre... Shhwwwwwwshwwwsh, sauste es in seinen Ohren. Dann hörte das Rauschen abrupt auf und er spürte mit einem durch Mark und Bein dringenden Ruck wieder das eigene Gewicht, die einzelnen Gliedmaßen, oben und unten. Taumelnd stemmte er die Stiefelsohlen in den plötzlich wieder aufgetauchten Boden unter den Füßen und unterdrückte einen Würgereiz. Haltsuchend breitete er die Arme aus und erreichte eine helfende Hand, die ihm schon umsichtig entgegen gereicht wurde. „Keine Sorge, man gewöhnt sich daran und sie sind auch nicht immer so frech“, merkte Earon an und winkte den Jüngeren mit sich, ohne erst Fragen abzuwarten.
Er führte ihn einen verschlungenen und teilweise zugewucherten Pfad entlang, hin zu einem großen und verwildert wirkenden Tal in einem kleinen Bergkessel, um das herum ein kleiner Fluss sich schlängelte. Es ging über von vielfältigen Kräutern bunte Wiesen und wackelige kleine Brücken. Na prächtig. Beim nächsten Busch links und dann beim Maulwurfshügel geradeaus... Selbst wenn man Maro die Augen verbunden und ihn dreimal um sich selbst gedreht hätte, wäre es kaum besser zu verhindern gewesen, dass er sich den Weg einprägte.
Sie kamen bei einer kleinen Hütte mitten im Wald an. Darin setzten sie sich zusammen und ebenso das Gespräch fort, das das Vertrauen in Maro immer weiter anwachsen ließ. Vertrauen zu dem Ort, zu dem Weg, zu seinem Gegenüber. Er hatte die Orientierung völlig verloren, aber dafür fühlte er sich sicher.
Earon erklärte: „Dies ist Vernemeton, das Tal der Bruderschaft, der Druiden. Eluive gab es uns als Rückzugsort und wir behüten es. Bei deiner Geburt hat Eluive dein Potenzial und deine Gaben erkannt und dich gezeichnet. Die Druiden haben einen Kodex. Ich denke das wäre wohl wichtig für dich zu wissen, um zu entscheiden, ob das für dich etwas Sinnvolles wäre?“ Die Stunden vergingen wie im Flug, während sie Fragen und Antworten austauschten.
„Jetzt liegt eine Entscheidung vor dir. Eine sehr wichtige. Eluive zwingt dich nicht dazu, ihr zu dienen. Überlege gut, ob du alle diese Regeln akzeptieren willst und auch bereit bist, dich der ein oder anderen Furcht oder Schwäche zu stellen im Lauf der Jahre. Diesen Schatten zu begreifen und damit zu leben, möchten nicht viele Menschen.“
„So wie ich das sehe“, überlegte Maro laut, „sind das die besten Antworten, die ich je bekommen habe. Und die sinnvollsten Fragen. Und ein Schatten wird nicht kleiner davon, dass ich mich damit nicht befasse.“ So war der Entschluss gefällt.
Er wurde aufgenommen in die Reihen der Bruderschaft und Earon gewährte ihm zum ersten Mal Einlass in den geheimen Hain der Druiden. Obgleich er noch nicht wusste, wie man hierher (geschweige denn wieder hinaus) finden würde. Er war von dem beruhigenden Gefühl erfüllt, dass er gar nicht wieder weg wollte.
* * *
Am nächsten Morgen wachte Maro auf einer der Pritschen auf, die für die Ovydd, die „frischen Brüder“, im Gemeinschaftshaus aufgestellt waren. Zunächst blinzelte er desorientiert, bis er sich erinnerte, wo er war und warum. Er kratzte sich am Kopf, rappelte sich auf und schaute an sich herunter. Er steckte nun in etwas zu großer Kleidung aus den Truhen der Bruderschaft und bemerkte ein latentes Magenknurren.
Also erhob er sich und richtete das simple Bettzeug, nur um dann die Treppe hinab zu steigen. Kurz wurde ihm schwindelig beim Anblick der luftigen Höhe, in der sich die Räumlichkeiten befanden, denn das gesamte Haus war auf hohen Holzpfosten errichtet und integrierte mächtige Baumkronen in sich. Demnach waren die Schlafräume … ziemlich weit oben.
Langsam arbeitete er sich nach unten vor und fühlte sich gleich besser, als er den Erdboden unter den Füßen hatte. Neugierig spazierte er durch den Hain und schaute sich um. Kleine Hütten lagen rings umher im Hain zu Füßen des Gemeinschaftshauses, so eingeflochten von Efeuranken und anderen Pflanzen, dass es fast aussah, als hätte die Natur sie umarmt.
Plok! Mit einem dumpfen Aufprall landete eine Birne vor seinen Füßen im Gras. Der Blick nach oben offenbarte Maros staunenden Augen einen noch wackelnden Zweig des dazugehörigen Baums. Er lächelte den Baum an. Langsam kam er sich nicht mehr so komisch dabei vor. Eluive sei Dank... und nun kann ich lernen, ihr zu dienen.
Die Birne essend, setzte er den Weg durch den Hain fort, von Zuversicht erfüllt. An diesem Tag sollte er sich für einen Rundgang bereit halten.
Er gab es irgendwann auf, beschloss wieder den Weg nach Berchgard zu suchen. Auf seiner Wanderschaft traf er einige hilfsbereite Leute, die ihm Rat gaben, in welche Richtung er gehen müsste. Schließlich gelangte er unweit Bajards bei einem kleinen Monument an, bestehend aus einem Brunnen und der stilisierten Figur einer Frau. Fassungslos raufte er sich die Haare. Zwischendurch hatte er es doch schon fast bis nach Berchgard geschafft!
Trotz alledem wurde er neugierig, also marschierte Maro näher heran und entdeckte ein in einen hoffnungsgrünen Stein eingelassenes Symbol. Bestimmt ein Schrein der Temora. Gleichmäßig plätscherte das nasse Element in ein eckiges Steinbecken hinab. Gleichmäßig? Er rieb sich etwas irritiert über die Ohren, denn auf einmal schien dem Plätschern schwach ein ganz eigener Rhythmus inne zu wohnen. Ssshwwwwsh. Swwsh. Sswwwsh.
„Der Mutter Segen, junger Mann.“ Maro war ganz vertieft gewesen, bis er von dem Gruß aus den Gedanken zurückgeholt wurde. Doch mit einem Mal stand jemand neben ihm. Der trug eine braune Robe und hielt in seiner Hand einen rankengezierten Stab, doch war es ein anderer Mann als am Tag zuvor. Dieser hatte rötliches Haar und wirkte etwas jünger, vielleicht Mitte zwanzig. Sie begannen sich über den Ort zu unterhalten und wie Maro hierher gefunden hatte.
Um ehrlich zu sein, hab ich schon wieder den falschen Abzweig genommen... , dachte er. Unerwarteterweise interessierte sich der Mann namens Earon scheinbar ebenso für den jungen Burschen, wie umgekehrt. Im Verlauf des Gesprächs fühlte sich Maro von dem Stabträger unweigerlich durchleuchtet. Und verstanden, hinsichtlich der Schwierigkeiten und seltsamen Begebenheiten, die ihm bisher widerfahren waren. Woher weiß er das alles?, schoss es ihm immer mal durch den Kopf, während er den Versuch aufgab, irgendwo unauffällig die Frage einzuflechten, wie er nach Berchgard gelangen könnte. „Seid Ihr echt?“ Die Frage konnte er sich einfach nicht verkneifen. Prüfend tippte er den Mann am Ärmel an. Der lachte nur und fragte, ob Maro ihm vertraue. Dann würde er ihn auf eine Reise mitnehmen, die weitere Antworten bereit hielte.
Also folgte er dem Mann. Die besagte Reise begann an Ort und Stelle mit einem kleinen, ziemlich merkwürdigen Wesen, das aus einem Baum herabgeschwirrt kam. Davon völlig fasziniert und abgelenkt nahm Maro nur noch am Rande wahr, wie Earon einige Worte an das Geschöpf richtete. Da geschah es: Eben noch stand er im Wald nahe Bajard, umtanzt von einem zu Schabernack aufgelegten Waldgeist. Wenige Momente später fühlte er sich auch schon angehoben, wurde mitgerissen, langgezogen und so gründlich durchgeschüttelt, dass er sich fragte, ob sein Körper ein einziger undefinierbarer Matsch geworden wäre... Shhwwwwwwshwwwsh, sauste es in seinen Ohren. Dann hörte das Rauschen abrupt auf und er spürte mit einem durch Mark und Bein dringenden Ruck wieder das eigene Gewicht, die einzelnen Gliedmaßen, oben und unten. Taumelnd stemmte er die Stiefelsohlen in den plötzlich wieder aufgetauchten Boden unter den Füßen und unterdrückte einen Würgereiz. Haltsuchend breitete er die Arme aus und erreichte eine helfende Hand, die ihm schon umsichtig entgegen gereicht wurde. „Keine Sorge, man gewöhnt sich daran und sie sind auch nicht immer so frech“, merkte Earon an und winkte den Jüngeren mit sich, ohne erst Fragen abzuwarten.
Er führte ihn einen verschlungenen und teilweise zugewucherten Pfad entlang, hin zu einem großen und verwildert wirkenden Tal in einem kleinen Bergkessel, um das herum ein kleiner Fluss sich schlängelte. Es ging über von vielfältigen Kräutern bunte Wiesen und wackelige kleine Brücken. Na prächtig. Beim nächsten Busch links und dann beim Maulwurfshügel geradeaus... Selbst wenn man Maro die Augen verbunden und ihn dreimal um sich selbst gedreht hätte, wäre es kaum besser zu verhindern gewesen, dass er sich den Weg einprägte.
Sie kamen bei einer kleinen Hütte mitten im Wald an. Darin setzten sie sich zusammen und ebenso das Gespräch fort, das das Vertrauen in Maro immer weiter anwachsen ließ. Vertrauen zu dem Ort, zu dem Weg, zu seinem Gegenüber. Er hatte die Orientierung völlig verloren, aber dafür fühlte er sich sicher.
Earon erklärte: „Dies ist Vernemeton, das Tal der Bruderschaft, der Druiden. Eluive gab es uns als Rückzugsort und wir behüten es. Bei deiner Geburt hat Eluive dein Potenzial und deine Gaben erkannt und dich gezeichnet. Die Druiden haben einen Kodex. Ich denke das wäre wohl wichtig für dich zu wissen, um zu entscheiden, ob das für dich etwas Sinnvolles wäre?“ Die Stunden vergingen wie im Flug, während sie Fragen und Antworten austauschten.
„Jetzt liegt eine Entscheidung vor dir. Eine sehr wichtige. Eluive zwingt dich nicht dazu, ihr zu dienen. Überlege gut, ob du alle diese Regeln akzeptieren willst und auch bereit bist, dich der ein oder anderen Furcht oder Schwäche zu stellen im Lauf der Jahre. Diesen Schatten zu begreifen und damit zu leben, möchten nicht viele Menschen.“
„So wie ich das sehe“, überlegte Maro laut, „sind das die besten Antworten, die ich je bekommen habe. Und die sinnvollsten Fragen. Und ein Schatten wird nicht kleiner davon, dass ich mich damit nicht befasse.“ So war der Entschluss gefällt.
Er wurde aufgenommen in die Reihen der Bruderschaft und Earon gewährte ihm zum ersten Mal Einlass in den geheimen Hain der Druiden. Obgleich er noch nicht wusste, wie man hierher (geschweige denn wieder hinaus) finden würde. Er war von dem beruhigenden Gefühl erfüllt, dass er gar nicht wieder weg wollte.
* * *
Am nächsten Morgen wachte Maro auf einer der Pritschen auf, die für die Ovydd, die „frischen Brüder“, im Gemeinschaftshaus aufgestellt waren. Zunächst blinzelte er desorientiert, bis er sich erinnerte, wo er war und warum. Er kratzte sich am Kopf, rappelte sich auf und schaute an sich herunter. Er steckte nun in etwas zu großer Kleidung aus den Truhen der Bruderschaft und bemerkte ein latentes Magenknurren.
Also erhob er sich und richtete das simple Bettzeug, nur um dann die Treppe hinab zu steigen. Kurz wurde ihm schwindelig beim Anblick der luftigen Höhe, in der sich die Räumlichkeiten befanden, denn das gesamte Haus war auf hohen Holzpfosten errichtet und integrierte mächtige Baumkronen in sich. Demnach waren die Schlafräume … ziemlich weit oben.
Langsam arbeitete er sich nach unten vor und fühlte sich gleich besser, als er den Erdboden unter den Füßen hatte. Neugierig spazierte er durch den Hain und schaute sich um. Kleine Hütten lagen rings umher im Hain zu Füßen des Gemeinschaftshauses, so eingeflochten von Efeuranken und anderen Pflanzen, dass es fast aussah, als hätte die Natur sie umarmt.
Plok! Mit einem dumpfen Aufprall landete eine Birne vor seinen Füßen im Gras. Der Blick nach oben offenbarte Maros staunenden Augen einen noch wackelnden Zweig des dazugehörigen Baums. Er lächelte den Baum an. Langsam kam er sich nicht mehr so komisch dabei vor. Eluive sei Dank... und nun kann ich lernen, ihr zu dienen.
Die Birne essend, setzte er den Weg durch den Hain fort, von Zuversicht erfüllt. An diesem Tag sollte er sich für einen Rundgang bereit halten.
Zuletzt geändert von Maro Birkwall am Mittwoch 13. Juli 2016, 17:05, insgesamt 1-mal geändert.
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Maro Birkwall
Bei seiner Erkundung der näheren Umgebung versuchte er, die Orte der Hainführung als Orientierungspunkte zu nehmen. Immer besser fand er sich zurecht und nutzte dies, um selbstständig mit dem Kennenlernen der Natur zu beginnen.
Kräuterkunde.
Er begann beim kleinen Beet der Bruderschaft und prägte sich zumeist ohne die Namen zu kennen, die Form, Größe und Farbe der Pflanzen ein, die dort wuchsen. Dann brach er auf, die gleichen rings umher im Wald zu finden. Einige weißliche Blüten mit langen, schmalen Blütenblättern zogen sein Augenmerk auf sich.
„Kamille, die kenn' sogar ich,“ murmelte er. Manchmal ertappte er sich bei Selbstgesprächen, die ihm zwar halfen, sich an Dinge zu erinnern oder für sich Klarheit zu bekommen, aber in der Stille des Hains ungewohnt laut klangen. Sein Blick fiel beim Einpacken einer der Blüten auf seine bisherige Auswahl an Pflanzenteilen. „Die muss ich mal wem zeigen, Kaleya oder vielleicht einer Schwester.“
Vom Kräuterbeet aus setzte er seinen Weg meistens systematisch fort, über den Menhir des Feuers, dann zum Teich und zum Schnattelbaum, dann am Menhir der Erde vorbei zum Festplatz und zum Ahnenbaum. Der Rückweg führte ihn dann zum Menhir der Luft und zum Wasserfall, am Gemeinschaftshaus und am Beet wieder vorbei.
Was Earon im Beisein der schwarzhaarigen Schwester erzählt hatte, ließ ihn immer wieder ein bisschen an den verschiedenen Orten verweilen. Derzeit war es noch so, dass er an jedem Ort, zu dem er ganz gut hingefunden hatte, einigermaßen froh war und noch nicht so genau hätte benennen können, wo er sich eben aus anderem Grunde besonders wohl fühlte. Aber das wird schon noch.
* * *
Einige aus der Schwesternschaft hatte er in der Zwischenzeit bereits kennengelernt, so dass auch ein Rundgang über die Sumpfinsel einige Tage später folgte. Fasziniert stellte er fest, dass auch die Insel von einer ganz besonders dichten Hecke gegenüber unerwünschten Blicken und unbefugtem Zutritt abgeschirmt wurde.
Die drei und zuweilen vier Schwestern, die den Rundgang begleiteten, wirkten recht munter und redeten in einer beachtlichen Geschwindigkeit.
„Hier gibt es einige Bäume die leckere Sachen tragen. Und da unten wachsen Seerosen, und Schilf und einige Algen...“ Kaum hatte Maro endlich zu den Erklärenden aufgeschlossen, ging es auch schon weiter.
„Hier musst du aufpassen, dass du nicht zu nah rangehst“, hieß es an anderer Stelle. Er gab sich große Mühe, immer zu schauen, wo er hintrat. Überall fanden die Schwestern Besonderheiten aufzuzeigen. Maro war durchaus erleichtert, dass Earon mit dabei war, denn ab und zu steckte dieser ihm erklärende Worte zu, ohne dass Maro sich getraut hätte, seine Frage laut auszusprechen.
Sicherlich trug die Freundlichkeit der Schwestern dazu bei, dass sie bis nach Einbruch der Nacht dort blieben und bei Birnentee Gespräche führten. Maro verfolgte über weite Strecken einfach die Wortwechsel, während er versuchte das bisher Gelernte mit dem zu verknüpfen, was er hörte. Nicht immer gelang es ihm, aber um das Gespräch nicht zu unterbrechen, dachte er sich dann eben seinen Teil. Manchmal kommt's mir so viel vor, dass ich richtig „satt“ bin von dem ganzen... und 's reicht doch nicht. Wo bringen die anderen bloß all das Wissen unter?
Als sie von der Insel den Rückweg in den Hain antraten, war er trotz der besseren Kenntnis der Umgebung ungemein froh, den bekannten Rotschopf vor sich zu sehen und sich an diesen zu halten, denn es war zappenduster geworden und er hatte begründeten Respekt entwickelt vor blubbernden, sumpfigen Ufern. Einer seiner Stiefel war immer noch nass und machte bei jedem Schritt, den er in Richtung des Hains setzte, leise schmatzende Geräusche.
* * *
Kräuterkunde.
Er begann beim kleinen Beet der Bruderschaft und prägte sich zumeist ohne die Namen zu kennen, die Form, Größe und Farbe der Pflanzen ein, die dort wuchsen. Dann brach er auf, die gleichen rings umher im Wald zu finden. Einige weißliche Blüten mit langen, schmalen Blütenblättern zogen sein Augenmerk auf sich.
„Kamille, die kenn' sogar ich,“ murmelte er. Manchmal ertappte er sich bei Selbstgesprächen, die ihm zwar halfen, sich an Dinge zu erinnern oder für sich Klarheit zu bekommen, aber in der Stille des Hains ungewohnt laut klangen. Sein Blick fiel beim Einpacken einer der Blüten auf seine bisherige Auswahl an Pflanzenteilen. „Die muss ich mal wem zeigen, Kaleya oder vielleicht einer Schwester.“
Vom Kräuterbeet aus setzte er seinen Weg meistens systematisch fort, über den Menhir des Feuers, dann zum Teich und zum Schnattelbaum, dann am Menhir der Erde vorbei zum Festplatz und zum Ahnenbaum. Der Rückweg führte ihn dann zum Menhir der Luft und zum Wasserfall, am Gemeinschaftshaus und am Beet wieder vorbei.
Was Earon im Beisein der schwarzhaarigen Schwester erzählt hatte, ließ ihn immer wieder ein bisschen an den verschiedenen Orten verweilen. Derzeit war es noch so, dass er an jedem Ort, zu dem er ganz gut hingefunden hatte, einigermaßen froh war und noch nicht so genau hätte benennen können, wo er sich eben aus anderem Grunde besonders wohl fühlte. Aber das wird schon noch.
* * *
Einige aus der Schwesternschaft hatte er in der Zwischenzeit bereits kennengelernt, so dass auch ein Rundgang über die Sumpfinsel einige Tage später folgte. Fasziniert stellte er fest, dass auch die Insel von einer ganz besonders dichten Hecke gegenüber unerwünschten Blicken und unbefugtem Zutritt abgeschirmt wurde.
Die drei und zuweilen vier Schwestern, die den Rundgang begleiteten, wirkten recht munter und redeten in einer beachtlichen Geschwindigkeit.
„Hier gibt es einige Bäume die leckere Sachen tragen. Und da unten wachsen Seerosen, und Schilf und einige Algen...“ Kaum hatte Maro endlich zu den Erklärenden aufgeschlossen, ging es auch schon weiter.
„Hier musst du aufpassen, dass du nicht zu nah rangehst“, hieß es an anderer Stelle. Er gab sich große Mühe, immer zu schauen, wo er hintrat. Überall fanden die Schwestern Besonderheiten aufzuzeigen. Maro war durchaus erleichtert, dass Earon mit dabei war, denn ab und zu steckte dieser ihm erklärende Worte zu, ohne dass Maro sich getraut hätte, seine Frage laut auszusprechen.
Sicherlich trug die Freundlichkeit der Schwestern dazu bei, dass sie bis nach Einbruch der Nacht dort blieben und bei Birnentee Gespräche führten. Maro verfolgte über weite Strecken einfach die Wortwechsel, während er versuchte das bisher Gelernte mit dem zu verknüpfen, was er hörte. Nicht immer gelang es ihm, aber um das Gespräch nicht zu unterbrechen, dachte er sich dann eben seinen Teil. Manchmal kommt's mir so viel vor, dass ich richtig „satt“ bin von dem ganzen... und 's reicht doch nicht. Wo bringen die anderen bloß all das Wissen unter?
Als sie von der Insel den Rückweg in den Hain antraten, war er trotz der besseren Kenntnis der Umgebung ungemein froh, den bekannten Rotschopf vor sich zu sehen und sich an diesen zu halten, denn es war zappenduster geworden und er hatte begründeten Respekt entwickelt vor blubbernden, sumpfigen Ufern. Einer seiner Stiefel war immer noch nass und machte bei jedem Schritt, den er in Richtung des Hains setzte, leise schmatzende Geräusche.
* * *
Zuletzt geändert von Maro Birkwall am Montag 18. Juli 2016, 13:28, insgesamt 1-mal geändert.
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Maro Birkwall
Seit seiner Aufnahme in die Gemeinschaft hatte er wenig Zeit außerhalb des Hains verbracht, um sich erst einmal innerhalb umzusehen. Ermutigt von einem Gespräch, dass er sich weniger Sorgen machen solle, unternahm er immer weitere Erkundungsgänge. Schließlich wagte er sich jeweils ein kleines Stück aus dem Bergkessel hinaus, auf einer Karte hätte seine Route vielleicht ausgesehen wie ein kleiner Stern mit unregelmäßigen Zacken.
Dann brachte ihn ein Ausflug mit Earon in eine Gegend, die ihm vage bekannt vorkam. Der Weg dorthin, einmal mehr nicht zu Fuß, sondern mithilfe eines der sonderlichen, flirrenden Waldgeister, trug nicht gerade dazu bei, dass er sich schnell orientierte. Im Gegenteil, er fühlte sich wie ein dutzend Mal im Kreis gedreht und dann losgelassen, um einem bereits eine Richtung einschlagenden Rotschopf hinterher zu wackeln. Die weichen Knie klangen ebenso langsam wieder ab wie das Schwindelgefühl. Bin ich an dem großen Gebäude schon mal vorbeigewandert? Sie näherten sich vom Wald her einem großen, mehrstöckigen Bau, der umgeben war von einigen Blumenbeeten und allerlei Sonderlichkeiten, unter denen eine Vogelscheuche nur die erste war, die ihm auffiel.
In dem Gebäude hieß es als erstes, Schuhe ausziehen. Dann wurden Namen ausgetauscht und ehe er sich versah, standen sie inmitten von Bücherregalen.
„Ihr könnt also lesen?“, fragte die hochgewachsene blonde Frau, die sich als Lilian von Nebelpass vorgestellt hatte.
„Ähmm...“, druckste Maro herum und überlegte, wo er anfangen sollte sich zu erklären. Nein, kann ich nicht. Obwohl mein Vater 's versucht hat, am Küchentisch. Zahlen und ein paar Buchstaben, und das fiel mir schon schwer genug. Da haben wir 's gelassen und praktische Dinge gemacht.
„Gibt es denn etwas, das Euch besonders interessiert?“
„Kräuter“, antwortete er und machte ein verlegenes Gesicht. Er folgte Lilian Treppen und Sprossen hinauf zu einigen Regalen und schaute rätselnd über die dicht an dicht stehenden Bücherrücken. Welches nehm' ich da jetzt? Die sind hübsch, aber schauen alle gleich aus. Wenn da keine Bilder drin sind, seh ich alt aus. So war es dann leider auch. Gleich das erste Exemplar, das er probeweise aufschlug, hatte auf der Doppelseite zwar eine Skizze, aber es war ein Spinnrad, das ihm spöttisch die Wahrheit entgegenschlug: „Nänänä, falsches Buch!“
Schließlich bedurfte es wohl des brüderlichen Schubses, auch wenn die Situation dem jungen Burschen sichtlich unangenehm war. „Na komm.“ Als Earon voran marschierte, wieder in Richtung des Empfangstisches im Erdgeschoss, lief Maro ihm nach und versuchte, ihn durch Zupfen am Ärmel zu bremsen. Ich könnte wen fragen, Melvin oder Ove oder oder..., ging es ihm hektisch durch den Kopf.
„Ähm äh, Lilian! Also wie haben hier ein, äh, Problem.“
Mit erstaunlich wenigen Worten wurde die Lage geschildert, woraufhin die blonde Frau den Schreibtisch umrundete und etwas hervorsuchte, ein „Überlebenspaket“, wie sie sagte, das er mitnehmen konnte: „Wir haben hier eine Fibel von unserem Lehrer, etwas Süßes für schwere Zeiten, ein erstes Buch für Notizen und wenn Ihr es schafft, ...“ Den Rest des Satzes hörte Maro schon gar nicht mehr bewusst. „Wenn Ihr es schafft“, sagt sie. Sie glaubt, ich kann es schaffen!
* * *
„Jeder Druide hat die Gabe das Lied zu hören und zu beeinflussen. Diese Stunde ist der Einstieg dazu und gleichzeitig auch wichtig im Bereich der Gefühle. Meditieren ist mehr als eine simple Entspannungsübung“, erklärte Earon. Er demonstrierte den beiden Jüngeren die empfohlene Haltung und ging einige Varianten mit ihnen durch. Um die Bedeutung der Technik zu verinnerlichen, sollten sie sie gleich ausprobieren, was Maro davor noch nie getan hatte.
„Ich denke, ich habe so etwas noch niemals bewusst gemacht“, sagte aber auch Melvin und biss sich auf die Unterlippe. Maro warf dem anderen Ovydd einen erleichterten Blick zu. Wenigstens war er nicht allein mit seinen Fragen und Unsicherheiten.
Das Üben erfüllte einen großen Teil seiner nächsten Tage. Er setzte sich irgendwo in den Schneidersitz und legte die Ellbogen auf den Oberschenkeln ab. Bei den Handpositionen war er mit der Auswahl hingegen ein bisschen überfordert. Einige, die an dem Abend besprochen und vorgeführt worden waren, behagten ihm nicht so sehr und ließen ihn sich unbewusst anspannen. So übte er mit der Haltung, die ihm irgendwie sofort ein besonderes Gefühl vermittelt hatte: Beim Zusammenlegen der einzelnen Fingerspitzen der rechten und linken Hand verspürte er an den Berührungspunkten seinen eigenen Pulsschlag, was ihm half, sich zu konzentrieren, bewusst tiefer zu atmen und sich innerlich fallen zu lassen.
Dann brachte ihn ein Ausflug mit Earon in eine Gegend, die ihm vage bekannt vorkam. Der Weg dorthin, einmal mehr nicht zu Fuß, sondern mithilfe eines der sonderlichen, flirrenden Waldgeister, trug nicht gerade dazu bei, dass er sich schnell orientierte. Im Gegenteil, er fühlte sich wie ein dutzend Mal im Kreis gedreht und dann losgelassen, um einem bereits eine Richtung einschlagenden Rotschopf hinterher zu wackeln. Die weichen Knie klangen ebenso langsam wieder ab wie das Schwindelgefühl. Bin ich an dem großen Gebäude schon mal vorbeigewandert? Sie näherten sich vom Wald her einem großen, mehrstöckigen Bau, der umgeben war von einigen Blumenbeeten und allerlei Sonderlichkeiten, unter denen eine Vogelscheuche nur die erste war, die ihm auffiel.
In dem Gebäude hieß es als erstes, Schuhe ausziehen. Dann wurden Namen ausgetauscht und ehe er sich versah, standen sie inmitten von Bücherregalen.
„Ihr könnt also lesen?“, fragte die hochgewachsene blonde Frau, die sich als Lilian von Nebelpass vorgestellt hatte.
„Ähmm...“, druckste Maro herum und überlegte, wo er anfangen sollte sich zu erklären. Nein, kann ich nicht. Obwohl mein Vater 's versucht hat, am Küchentisch. Zahlen und ein paar Buchstaben, und das fiel mir schon schwer genug. Da haben wir 's gelassen und praktische Dinge gemacht.
„Gibt es denn etwas, das Euch besonders interessiert?“
„Kräuter“, antwortete er und machte ein verlegenes Gesicht. Er folgte Lilian Treppen und Sprossen hinauf zu einigen Regalen und schaute rätselnd über die dicht an dicht stehenden Bücherrücken. Welches nehm' ich da jetzt? Die sind hübsch, aber schauen alle gleich aus. Wenn da keine Bilder drin sind, seh ich alt aus. So war es dann leider auch. Gleich das erste Exemplar, das er probeweise aufschlug, hatte auf der Doppelseite zwar eine Skizze, aber es war ein Spinnrad, das ihm spöttisch die Wahrheit entgegenschlug: „Nänänä, falsches Buch!“
Schließlich bedurfte es wohl des brüderlichen Schubses, auch wenn die Situation dem jungen Burschen sichtlich unangenehm war. „Na komm.“ Als Earon voran marschierte, wieder in Richtung des Empfangstisches im Erdgeschoss, lief Maro ihm nach und versuchte, ihn durch Zupfen am Ärmel zu bremsen. Ich könnte wen fragen, Melvin oder Ove oder oder..., ging es ihm hektisch durch den Kopf.
„Ähm äh, Lilian! Also wie haben hier ein, äh, Problem.“
Mit erstaunlich wenigen Worten wurde die Lage geschildert, woraufhin die blonde Frau den Schreibtisch umrundete und etwas hervorsuchte, ein „Überlebenspaket“, wie sie sagte, das er mitnehmen konnte: „Wir haben hier eine Fibel von unserem Lehrer, etwas Süßes für schwere Zeiten, ein erstes Buch für Notizen und wenn Ihr es schafft, ...“ Den Rest des Satzes hörte Maro schon gar nicht mehr bewusst. „Wenn Ihr es schafft“, sagt sie. Sie glaubt, ich kann es schaffen!
* * *
„Jeder Druide hat die Gabe das Lied zu hören und zu beeinflussen. Diese Stunde ist der Einstieg dazu und gleichzeitig auch wichtig im Bereich der Gefühle. Meditieren ist mehr als eine simple Entspannungsübung“, erklärte Earon. Er demonstrierte den beiden Jüngeren die empfohlene Haltung und ging einige Varianten mit ihnen durch. Um die Bedeutung der Technik zu verinnerlichen, sollten sie sie gleich ausprobieren, was Maro davor noch nie getan hatte.
„Ich denke, ich habe so etwas noch niemals bewusst gemacht“, sagte aber auch Melvin und biss sich auf die Unterlippe. Maro warf dem anderen Ovydd einen erleichterten Blick zu. Wenigstens war er nicht allein mit seinen Fragen und Unsicherheiten.
Das Üben erfüllte einen großen Teil seiner nächsten Tage. Er setzte sich irgendwo in den Schneidersitz und legte die Ellbogen auf den Oberschenkeln ab. Bei den Handpositionen war er mit der Auswahl hingegen ein bisschen überfordert. Einige, die an dem Abend besprochen und vorgeführt worden waren, behagten ihm nicht so sehr und ließen ihn sich unbewusst anspannen. So übte er mit der Haltung, die ihm irgendwie sofort ein besonderes Gefühl vermittelt hatte: Beim Zusammenlegen der einzelnen Fingerspitzen der rechten und linken Hand verspürte er an den Berührungspunkten seinen eigenen Pulsschlag, was ihm half, sich zu konzentrieren, bewusst tiefer zu atmen und sich innerlich fallen zu lassen.
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Maro Birkwall
„Gut, wir wissen jetzt also, dass es ein Lied gibt und auch, dass es die Struktur hinter der Schöpfung ist und alles, was wir sehen, daraus besteht. Wenn wir uns nun das Lied anschauen, dann steckt in jedem Teil der Schöpfung etwas von den vier Elementen.“ Earon erklärte, wie unterschiedlich die Elemente im Lied in Erscheinung treten würden und ermöglichte den jungen Ovydd einen Einblick in das Lied, der deren eigene Wahrnehmungsfähigkeiten noch um ein Vielfaches überstieg. Selbst sollten sie dann weiter die Meditation üben und dem Lied zu lauschen versuchen.
Da der Hain und der Bergkessel so eine friedliche Atmosphäre ausstrahlten, probierte Maro es einfach an ganz verschiedenen Plätzen aus. Zwischen den Kräutern im Beet, im Gemeinschaftshaus, wo sie anlässlich der Lehrstunde schon die Technik geübt hatten, ebenso wie unter einem der Kirschbäume.
Nach den ersten Malen fühlte er sich ermattet, als hätte die Übung ihn geistig und körperlich angestrengt. Wie lange muss man wohl üben, bis man sich danach erfrischt und aufgeräumt fühlt?
Er beschloss also zur Abwechslung, sich am Mittag des warmen Sommertags an das „Überlebenspaket“ zu wagen und nahm fest entschlossen die Fibel mit in das kleine Baumhaus beim Menhir der Luft. Von Weitem hatte das noch nach einem lauschigen, schattigen Plätzchen zum Lernen ausgesehen, aber als er erst einmal oben war und das Buch aufschlug, fingen die Schriftzeichen vor seinen Augen an zu tanzen. Verwirrt blinzelnd versuchte er, eins von ihnen zu identifizieren, was ihm vielleicht bekannt vorkäme.
Ob das normal ist und sie das bei anderen Leuten auch machen? Er legte eine Fingerspitze auf die Seite unterhalb des Buchstaben A, versuchte diesen so förmlich festzuhalten. Da verwandelte sich die Form vor seinen Augen in einen kleinen Fisch, dessen Knopfaugen unter der glitzernden Wasseroberfläche ihm wie in seiner Kindheit sagen wollten: „Hilf mir, lass mich aus dem Netz.“ A... B... wenn sie nur mal so bleiben würden!, dachte er mit einem Aufflackern von Erinnerungen und Ärger auf sich selbst. Mit dem Finger rieb er über die Stelle auf dem Pergament, woraufhin das Bild wabernd wieder entfleuchte und der Buchstabe in den Vordergrund rückte. Als er merkte, dass seine Handinnenfläche schwitzte, nahm er den Finger wieder fort, um die Tinte nicht zu verwischen. Ein lauer Windstoß brachte auch keine wirkliche Abkühlung, stattdessen erfasste er nur die Seite und blätterte eigenmächtig um. So hat das keinen Sinn. Er kapitulierte und klappte das Buch zu. Wie's scheint, brauch' ich den Lehrer.
Da der Hain und der Bergkessel so eine friedliche Atmosphäre ausstrahlten, probierte Maro es einfach an ganz verschiedenen Plätzen aus. Zwischen den Kräutern im Beet, im Gemeinschaftshaus, wo sie anlässlich der Lehrstunde schon die Technik geübt hatten, ebenso wie unter einem der Kirschbäume.
Nach den ersten Malen fühlte er sich ermattet, als hätte die Übung ihn geistig und körperlich angestrengt. Wie lange muss man wohl üben, bis man sich danach erfrischt und aufgeräumt fühlt?
Er beschloss also zur Abwechslung, sich am Mittag des warmen Sommertags an das „Überlebenspaket“ zu wagen und nahm fest entschlossen die Fibel mit in das kleine Baumhaus beim Menhir der Luft. Von Weitem hatte das noch nach einem lauschigen, schattigen Plätzchen zum Lernen ausgesehen, aber als er erst einmal oben war und das Buch aufschlug, fingen die Schriftzeichen vor seinen Augen an zu tanzen. Verwirrt blinzelnd versuchte er, eins von ihnen zu identifizieren, was ihm vielleicht bekannt vorkäme.
Ob das normal ist und sie das bei anderen Leuten auch machen? Er legte eine Fingerspitze auf die Seite unterhalb des Buchstaben A, versuchte diesen so förmlich festzuhalten. Da verwandelte sich die Form vor seinen Augen in einen kleinen Fisch, dessen Knopfaugen unter der glitzernden Wasseroberfläche ihm wie in seiner Kindheit sagen wollten: „Hilf mir, lass mich aus dem Netz.“ A... B... wenn sie nur mal so bleiben würden!, dachte er mit einem Aufflackern von Erinnerungen und Ärger auf sich selbst. Mit dem Finger rieb er über die Stelle auf dem Pergament, woraufhin das Bild wabernd wieder entfleuchte und der Buchstabe in den Vordergrund rückte. Als er merkte, dass seine Handinnenfläche schwitzte, nahm er den Finger wieder fort, um die Tinte nicht zu verwischen. Ein lauer Windstoß brachte auch keine wirkliche Abkühlung, stattdessen erfasste er nur die Seite und blätterte eigenmächtig um. So hat das keinen Sinn. Er kapitulierte und klappte das Buch zu. Wie's scheint, brauch' ich den Lehrer.
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Maro Birkwall
Er hatte an verschiedenen Orten mit mäßigem Erfolg meditiert und einen Plan ausgeheckt, wie er vielleicht größere Fortschritte machen könnte darin, seine Wahrnehmung von sich und der Welt zu verbessern. Ich geh' so nah wie möglich heran. Mein halbes Leben hab ich im und am Wasser verbracht, vielleicht hab ich da einen Vorteil?
Platsch, patsch... watete er in den Flusslauf, der sich um den Hain zog. Die Kleidung hatte Maro am Ufer abgelegt. Sofort breitete sich eine Gänsehaut auf seinem Körper aus, als das kühle Nass seine Füße umfing, doch unbeirrt ging er tiefer hinein, tauchte kurz unter, legte sich dann flach auf dem Rücken und ließ sich unter der geringstmöglichen Kraftanstrengung vom Wasser tragen.
Obgleich das Leben, das er früher bei seinen Eltern geführt hatte, ihm inzwischen ziemlich weit weg erschien, kehrten einige Erinnerungen nun unweigerlich lebhaft zurück: Wie sein Vater darauf bestanden hatte, ihm das Schwimmen beizubringen. Oft hatte er protestiert und sich dagegen sogar noch vehementer gesträubt als gegen Tätigkeiten, die mit Stillsitzen zu tun hatten. Immer wieder wortwörtlich ins kalte Wasser geworfen, hätte er damals Stein und Bein geschworen, bei seinen Schwimmstunden den halben Ozean verschluckt zu haben … der wurde aber nie niedriger und „klein Maro“ bibbernd und röchelnd wieder herausgefischt. Schließlich hatte er notgedrungen gelernt, den Mund besser zuzumachen sowie tief Luft zu holen, bevor er im Wasser landete, anstatt Zeter und Mordio zu schreien, und sich dann zu versuchen, ein bisschen über Wasser zu halten. Mit der Zeit erwarb ein Gespür dafür, dass er getragen wurde und wie man sich im nassen Element bewegen konnte. Das Schwimmen selbst war der Teil, den er mittlerweile mochte. Den Gedanken an seinen Vater jedoch, der seinen derzeitigen Weg nicht miterlebte, dem er nicht einmal gedankt hatte für das Beibringen so nützlicher Fähigkeiten, schob er beiseite.
Mit wenigen Zügen schwamm er gen Ufer, tastete in dessen Nähe mit den nacken Zehen nach dem Flussbett und tapste an Land, wo er mit den üblichen Vorbereitungen begann. Schneidersitz. Lockere Muskeln. Ellbogen seitlich auf den Knien ab- und Fingerspitzen zusammenlegen. Das Gefühl, dahinzutreiben und getragen zu werden, behielt er im Sinn und schloss die Augen. Die Sonne, die sich in den Wellen brach, hatte ihn ein wenig geblendet und hinterließ grünliche Flecken hinter seinen Augenlidern. Er probierte sich zu entspannen, wie er es für die Meditation gelernt hatte, und irgendetwas zu spüren. Doch es wollte ihm nicht auf Anhieb gelingen, bei der Sache zu bleiben. Er überlegte am Rande, was der Grund dafür sein könnte. Die Frösche am Ufer quaken zu laut. Hm nee, nass und kalt. Die ganze Zeit dieses Geplätscher! Oder... liegt's an mir? Auch diese Gedanken schob er wiederum nach einer Weile fort und lauschte dem Rauschen... Shwwwwwshsshshshh... nur schwerlich wollte sich darin etwas genauer fassen lassen.
Ganz allmählich verfärbten sich die grünlichen Stellen hinter seinen geschlossenen Augen ins Bläuliche. Langsam waberten die Flecken in grober Flussrichtung, während ein leichtes Unbehagen in ihm hochstieg: Die Unmengen des Elements, die unweit seines Sitzplatzes - beim Wasserfall - hinabstürzten und unten auf mehr ihresgleichen aufprallten, schienen ihm plötzlich ganz nah. Nah und immer näher, als ob sie direkt auf seinen Kopf hinab rauschten und ihm durch Mark und Bein dröhnten. Maro versuchte das bedrückende Gefühl auszuhalten und es sich einzuprägen.
Irgendwann bekam er dann allerdings nicht mehr gut Luft, japste und brach unter einem nicht sehr konzentrationsförderlichen Hustenanfall seinen Versuch ab. Wie ein halber Ozean in meinen Lungen!
Beim Öffnen der Augen glitzerte Maro der Fluss freundlich und ganz unschuldig entgegen. Das Dröhnen war wieder zu dem frischen Rauschen geworden, das vom Wasserfall schräg gegenüber herüberklang.
Platsch, patsch... watete er in den Flusslauf, der sich um den Hain zog. Die Kleidung hatte Maro am Ufer abgelegt. Sofort breitete sich eine Gänsehaut auf seinem Körper aus, als das kühle Nass seine Füße umfing, doch unbeirrt ging er tiefer hinein, tauchte kurz unter, legte sich dann flach auf dem Rücken und ließ sich unter der geringstmöglichen Kraftanstrengung vom Wasser tragen.
Obgleich das Leben, das er früher bei seinen Eltern geführt hatte, ihm inzwischen ziemlich weit weg erschien, kehrten einige Erinnerungen nun unweigerlich lebhaft zurück: Wie sein Vater darauf bestanden hatte, ihm das Schwimmen beizubringen. Oft hatte er protestiert und sich dagegen sogar noch vehementer gesträubt als gegen Tätigkeiten, die mit Stillsitzen zu tun hatten. Immer wieder wortwörtlich ins kalte Wasser geworfen, hätte er damals Stein und Bein geschworen, bei seinen Schwimmstunden den halben Ozean verschluckt zu haben … der wurde aber nie niedriger und „klein Maro“ bibbernd und röchelnd wieder herausgefischt. Schließlich hatte er notgedrungen gelernt, den Mund besser zuzumachen sowie tief Luft zu holen, bevor er im Wasser landete, anstatt Zeter und Mordio zu schreien, und sich dann zu versuchen, ein bisschen über Wasser zu halten. Mit der Zeit erwarb ein Gespür dafür, dass er getragen wurde und wie man sich im nassen Element bewegen konnte. Das Schwimmen selbst war der Teil, den er mittlerweile mochte. Den Gedanken an seinen Vater jedoch, der seinen derzeitigen Weg nicht miterlebte, dem er nicht einmal gedankt hatte für das Beibringen so nützlicher Fähigkeiten, schob er beiseite.
Mit wenigen Zügen schwamm er gen Ufer, tastete in dessen Nähe mit den nacken Zehen nach dem Flussbett und tapste an Land, wo er mit den üblichen Vorbereitungen begann. Schneidersitz. Lockere Muskeln. Ellbogen seitlich auf den Knien ab- und Fingerspitzen zusammenlegen. Das Gefühl, dahinzutreiben und getragen zu werden, behielt er im Sinn und schloss die Augen. Die Sonne, die sich in den Wellen brach, hatte ihn ein wenig geblendet und hinterließ grünliche Flecken hinter seinen Augenlidern. Er probierte sich zu entspannen, wie er es für die Meditation gelernt hatte, und irgendetwas zu spüren. Doch es wollte ihm nicht auf Anhieb gelingen, bei der Sache zu bleiben. Er überlegte am Rande, was der Grund dafür sein könnte. Die Frösche am Ufer quaken zu laut. Hm nee, nass und kalt. Die ganze Zeit dieses Geplätscher! Oder... liegt's an mir? Auch diese Gedanken schob er wiederum nach einer Weile fort und lauschte dem Rauschen... Shwwwwwshsshshshh... nur schwerlich wollte sich darin etwas genauer fassen lassen.
Ganz allmählich verfärbten sich die grünlichen Stellen hinter seinen geschlossenen Augen ins Bläuliche. Langsam waberten die Flecken in grober Flussrichtung, während ein leichtes Unbehagen in ihm hochstieg: Die Unmengen des Elements, die unweit seines Sitzplatzes - beim Wasserfall - hinabstürzten und unten auf mehr ihresgleichen aufprallten, schienen ihm plötzlich ganz nah. Nah und immer näher, als ob sie direkt auf seinen Kopf hinab rauschten und ihm durch Mark und Bein dröhnten. Maro versuchte das bedrückende Gefühl auszuhalten und es sich einzuprägen.
Irgendwann bekam er dann allerdings nicht mehr gut Luft, japste und brach unter einem nicht sehr konzentrationsförderlichen Hustenanfall seinen Versuch ab. Wie ein halber Ozean in meinen Lungen!
Beim Öffnen der Augen glitzerte Maro der Fluss freundlich und ganz unschuldig entgegen. Das Dröhnen war wieder zu dem frischen Rauschen geworden, das vom Wasserfall schräg gegenüber herüberklang.
Zuletzt geändert von Maro Birkwall am Donnerstag 28. Juli 2016, 15:27, insgesamt 2-mal geändert.