|| Geschichten über den Bau einer Brigg auf der Südmeer-Insel La Cabeza, ihre künftige Mannschaft und die Unbill, Handwerker für ihre Arbeit bezahlen zu müssen ||
Episode 1 - Prolog
Anfang des Jahres 259
Auf La Cabeza
Die Völker dieser Welt pflegten über ihre Ahnen und ihre eigene Geschichte zu singen, zu schreiben und zu berichten. In ausufernden und nicht selten blutrünstigen Epen weiß fast jeder Mensch, Elf, Zwerg oder dreckiger Lethar den Weg seines Volkes zu berichten - vom mythischen Anfang, bis zum vielleicht irgendwann einmal hereinbrechenden Untergang. Was die cabezianischen Piraten von solchen Epen halten, ist hinlänglich bekannt. Sie erzählen ihre eigene Geschichte lieber in frivolen Theaterstücken, alkoholschwangeren Erzählungen in der Hafenspelunke oder am Strand unter freiem Himmel. An Blut und Tod stehen sie indes ihren annalistischen Konterparts des Festlandes in nichts nach, ein Umstand, der erst jüngst seinen denkwürdigsten Niederschlag fand: Kapitän Raul Vincente Perera war tot!
Einst totgeglaubt und vergessen, mit einem verheerenden Pakt zurückgekehrt, aufgestiegen zu einem der bekanntesten Piraten überhaupt – das war die verfluchte Geißel der See höchst selbst. Doch ein Detail wurde ihm schließlich zum Verhängnis: Der Fluch. So mächtig und gefürchtet der Mann unter den Cabezianern auch war, all das hatte er teuer erkaufen müssen; Krathor hatte ihm einen Blutpakt dafür abgerungen, ihn zurück auf See zu schicken, mit einem Schiff, das die Welt bis dato nicht gesehen hatte.
„Bring mir Seelen, auf dass die deine frei sei!“
Und Raul wäre nicht ein Sohn des alten Perera, hätte er sie ihm nicht gebracht! Lange Jahre ging dieser Pakt gut, die Männer und Frauen banden sich über einen Blutpakt an das Schiff und ihren Kapitän, schickten jeden, den sie auf See umbrachten direkt zu Krathor – in dessen Reich sie selbst jedoch auch eingingen, sollten sie im Dienste Raul Vincente Pereras ihr Leben lassen. Das war der Pakt. Das war Rauls Verhängnis.
Die schwarzen Segel der Toro de la Muerte waren bis zu Beginn des Jahres 259 nur mehr selten gesetzt worden, wenig Beute wurde eingebracht und noch weit weniger Seelen. Das Glück schien den Alten verlassen zu haben, das spürten viele seiner Männer und offenbar auch er selbst, wieso sonst sollte er sich auch in seiner Kajüte einschließen, statt zu Kaperfahrten aufzubrechen? So ging es Mond für Mond, bis es dem Schöpfer des Schiffes, dem Buhler unter den Dunkelsten der Götter und Dämonen, zu „bunt“ wurde. Der Bruch des Paktes sah nur eine einzige Schuld vor, die in fulminanter Gewalt in einer Nacht des jungen neuen Jahres 259 eingefordert worden ist. Splitterndes Holz, ein Seufzen, wie man es von sinkenden Schiffen zu gut kennt, ein surreales Aufblitzen; zarte Wellen, die schon bald der spiegelglatten See weichen – mehr blieb nicht von einem der größten Piraten der Geschichte, der zu viel gewollt und zu viel dafür gesetzt hatte.
Seine Leute, die Männer und Frauen des freien Inselreichs La Cabeza, das vielerorts auf Gerimor als Sündenpfuhl und Drecksloch verschrien war, hatten nun ein existenzielles Problem. Ihr wichtigstes, schlagkräftigstes Kaperschiff, und damit den wichtigsten Arbeitgeber der Insel, gab es nicht mehr. Dass mit dem Tod Pereras auch die oberste Machtinstanz auf der Insel vakant war, erwies sich indes als weit geringeres Problem, wussten die Piraten sich doch stets gut selbst zu helfen. So dauerte es nicht lange, bis sich in Sitzungen der Bruderschaft der Plan herauskristallisierte, neue Schiffe zu bauen. Nicht mehr so große Dreidecker, wie es die Toro de la Muerte gewesen war, denn das war zum einen unrentabel, zum anderen war solch ein Kahn ohne die verfluchte Hilfe Krathors doch ziemlich schwerfällig. Und in einem waren sich die Cabezianer einig: Nie wieder ein Pakt mit Krathor oder sonst irgendjemandem! Also sollten es schnittige, wendige Zweimaster werden, die ein solides Mittelmaß zwischen Schnelligkeit, Manövrierbarkeit und Schlagkraft aufwiesen. So hatten sich schließlich im Frühjahr bereits mehrere Mannschaften gebildet, die an dem Projekt „neue Schiffe für La Cabeza“ tüfelten, eifrig Material heranschafften, Pläne sichteten und Personal für die zu leistenden Arbeiten warben.
Eines dieser „Projekte“ war eine Brigg, die keinen Namen tragen sollte...






