Greife.. schlinge.. siege.. in aller Ruhe saß die hagere Gestalt auf dem Stuhl in der sonst völlig leeren Barkasse im Armenviertel von Varuna, gewandet in eine graue Robe betrachtete er den blutigen, allabendlichen Kampf in dem die Sonne sich mutig zur Wehr setzte, auch wenn sie ihn schon abertausende von Malen verloren hatte… und auch heute hatte die Nacht ihren stickenden Mantel längst unwiederbringlich ausgeworfen und es würde nur noch wenige Minuten… Momente dauern bis sie einen weiteren Sieg davon getragen hätte.
Kurz darauf fand sich die Trauergemeinschaft ein: In nahezu jedem der umliegenden Fester glommen schummrige Lichter auf, die ein mattes Licht auf die Straßen warfen. Es war Zeit sich auf den Weg zu machen… auf die Suche zu begeben: Es galt ein Geschenk zu finden.
Wenige Schritte später hatte er einen der schwärzesten Bereiche in der Stadt des Lichtes erreicht, die längst seine Heimat geworden war – „Heimat ist da wo du dich wohl fühlst“, wahrlich, wie eine Made im Speck – im Verlauf des Tages war dieser Straßenzug meist menschenleer, denn den hier stattfindenden Geschäfte tat der Schutz der Nacht gut, kaum einer der „Geschäftsmänner“ wollte mit dem hier Üblichen in Verbindung gebracht werden und wenn man ihren Erzählungen glaubte musste es hier eigentlich jede Nacht völlig ausgestorben sein – doch das war es ganz und gar nicht: Andauernd tauchten Gestalten aus der Dunkelheit für einen Moment in das aus Fenstern fallende Licht um wie scheue Rehe weiter zu huschen.
Die meisten Schatten hatten ihre festen Geschäftspartnerinnen, manche auch zwei.. oder drei.. und so war der Hagere der einzige weit und breit der geradezu gemütlich durch die Gassen schlenderte. Jetzt brannten noch in vielen der Fenster die kleine Kerzen, doch es würde nicht mehr lange dauern, dann wären die meisten gelöscht um in der Regel nach ein oder zwei Stunden wieder von neuem entzündet zu werden, andere erloschen auch für die ganze Nacht und wenige nur für zehn oder fünfzehn Minuten.
Ein wenig später verweilte Tithlio vor einem etwas abgesondert stehenden Haus, auch hier brannte noch eine einzelne Kerze im Fenster, doch sie war anders als die übrigen, schien heller obwohl sonst nichts besonderes an ihr auszumachen war, auch warf sie nicht mehr Licht auf die Straße, einzig die Flamme war umgeben von einem rötlichen Schleier, nicht mehr als ein schemenhafter Schatten… doch das Interesse Anderer hatte sie noch nicht erweckt, fraglich ob sie es überhaupt erkennen konnten...
Als die knöcherne Faust gegen das Holz der Tür pochte dauerte es nur einen Moment bevor sie sich öffnete – der Markt war hart umkämpft und so mancher entschied sich in Augenblicken des Wartens doch noch um – dieser „Kunde“ sicher nicht. Die matte Stimme kroch nur quälend über seine Lippen, er sparte sich unnötige Floskeln, so etwas erwartete man hier auch nicht. Viel wichtiger war das verheißungsvolle Klimpern des Lederbeutels, der auf dem breiten Bett landete und dessen Inhalt, selbst ohne nachzählen für weit mehr als eine Nacht gereicht hätte und für ein ehrliches Lächeln – hier eine Seltenheit – auf den Zügen der „Dame“ sorgte. Jene Dame war ohne Zweifel schon eine der Erfahreneren, nicht nur die Sicherheit mit der sie sich bewegte, auch ihr Alter – sie war sicher schon Mitte zwanzig – lies dies erahnen, doch das war nebensächlich, vielleicht half es sogar, musste sie sich doch darüber bewusst sein, dass sie schon bald uninteressant werden würde und es immer schwerer wurde einen „tapferen Ritter“ zu finden, der sie mit sich auf sein Schloss nehmen würde.
Die Vermutung schien richtig: Als er sie aufforderte die aufreizende Kluft abzulegen – üblicherweise nur von Damen ihres Geschäftszweiges, der Bürgermeisterin von Rahal, Mitgliedern der Bruderschaft der schwarzen Klaue oder im Wald lebenden Emanzen getragen – und sie gegen ein Kleid zu tauschen, tat sie dies ohne zu zögern auch wenn es alles andere als üblich war, dass ihresgleichen den fragwürdigen Schutz der eigenen Wohnung verließen, doch sicher hatte auch der nicht unerhebliche Goldbetrag seinen Teil dazu beigetragen.
Ohne zu hadern erwehrte sich der grau Berobte jeder Art von Zuwendung, die seine Begleiterin ihm widmen wollte, bevor sie dann bald aufgab, auch jeder Gesprächansatz erstickte schon im Keim. Nicht einmal als er mit ihr die Stadt durch eines der mächtigen Tore verließ zögerte sie auch nur für einen Moment, viel mehr schien sie den nächtlichen Spaziergang geradezu zu genießen, vielleicht bereitete sie sich jedoch auch nur auf eine anstrengende Nacht vor – konnte sie doch kaum glauben, dass ihr hagerer Wohltäter aus reiner Großherzigkeit einen solchen Betrag zahlte, wahrlich: Mit Großherzigkeit hatte sie selten zu tun – aber auch mit 25 hat man doch noch Träume…
Meine Schwester die Nacht, mein Bruder der Tod
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Tithlio Kryon
Tithlio rang sich ein müdes Lächeln der Beruhigung ab als die stumme Bitte an den Rabenherrn in seinem Kopf verhallt war und jener ihr nachgekommen war, seinem ergebenen Diener und seiner zukünftigen Nahrung, viel mehr ihrer leiblichen Hülle, die Fähigkeit zu verleihen auch ohne den verblassenden Lichtschein der Stadt jeden Schritt sicher setzen zu können und jede bei Dunkelheit oft so bedrohlich wirkende Baum- und Strauchkonstuktion zu erkennen… eben jenes Lächeln und wohl vor allem die von der Gabe geheuchelte Sicherheit ließen neu aufkommende Zweifel ersterben und die Schritte an der Seite des Pockenvernarbten wieder fester werden…
Einige Zeit schritten sie noch über den Weg, die Stadt im Rücken wurde immer kleiner und immer mehr Bäume tauchten neben ihnen auf, die in der nächtlichen Dunkelheit oft beunruhigend wirkenden Geräusche der Tiere des Waldes und das Rascheln der Blätter hatten jegliche Bedrohlichkeit verloren, jetzt wo man das unheimliche „Huhhuuuuu… huhuuuu…“ einem kleinen Vogel und das Rascheln hinter dem nächsten Busch einen aufgeschreckten Fuchs zuordnen konnten…
Dann blieb er plötzlich stehen. Nur wenige Momente später wendete sie sich ihm zu, völlig frei von jedem Schatten konnte er sie erkennen, die noch jungen Züge auf die sich ein zaghaftes, unsicheres Lächeln schlich, langsam und doch stetig an Kraft gewann, sie schien ein gewisses Vertrauen gefasst zu haben, das kräftig rote Kleid lag eng an ihrem Körper und lies erahnen, dass sie in den letzten Jahren sicher nicht wenig verdient hatte, mit diesem Körper. Für einen Moment glitten seine Gedanken ab: Warum ging sie noch immer ihrem Gewerbe nach? Es hätte kein Problem darstellen dürfen… doch dann zwang er sie zurück in die üblichen Bahnen: Was kümmerte ihn das?
„Ich möchte dir etwas zeigen…“ ohne auf eine Reaktion zu warten verließ er den Weg, wendete sich nicht einmal um, es wäre einfacher wenn sie ihm folgen würde – für beide – und irgendwie hoffte er darauf, dass sie es tat. Als hätte sie diesen Hoffnung gespürt hörte er einen Ast hinter sich unter ihrem Fuß brechen und spürte kurz darauf ihren Arm an dem seinigen – dieses mal hielt er es für klüger es geschehen zu lassen, ihr Kleid hatte kurze Ärmel und so dauerte es nur einen Moment bis die Hitze ihres Körpers sich den Weg durch seine Robe gebahnt hatte und er sie wahrnehmen konnte, für einen Augenblick glaubte er sogar das Blut in ihren Adern spüren zu können, den leicht erhöhten Herzschlag.. pochpoch…pochpoch…pochpoch…: Ein angeneh… er verwarf den ungedachten Gedanken sofort, verbannte das ungefühlte Gefühl hinter unzählige Türen und auch wenn er sich sicher war, dass er sich dies nicht hatte anmerken lassen spürte er doch ein Zucken im Arm der um den seinigen geschlungen war… Plötzlich stieg ihm die süße Sommernachtsluft behaftet mit dem leichten Duftöl seiner Begleiterin in die Nase… Erdbeere.. oder Himbeere.. er war sich nicht ganz sicher..
Einige Zeit schritten sie noch über den Weg, die Stadt im Rücken wurde immer kleiner und immer mehr Bäume tauchten neben ihnen auf, die in der nächtlichen Dunkelheit oft beunruhigend wirkenden Geräusche der Tiere des Waldes und das Rascheln der Blätter hatten jegliche Bedrohlichkeit verloren, jetzt wo man das unheimliche „Huhhuuuuu… huhuuuu…“ einem kleinen Vogel und das Rascheln hinter dem nächsten Busch einen aufgeschreckten Fuchs zuordnen konnten…
Dann blieb er plötzlich stehen. Nur wenige Momente später wendete sie sich ihm zu, völlig frei von jedem Schatten konnte er sie erkennen, die noch jungen Züge auf die sich ein zaghaftes, unsicheres Lächeln schlich, langsam und doch stetig an Kraft gewann, sie schien ein gewisses Vertrauen gefasst zu haben, das kräftig rote Kleid lag eng an ihrem Körper und lies erahnen, dass sie in den letzten Jahren sicher nicht wenig verdient hatte, mit diesem Körper. Für einen Moment glitten seine Gedanken ab: Warum ging sie noch immer ihrem Gewerbe nach? Es hätte kein Problem darstellen dürfen… doch dann zwang er sie zurück in die üblichen Bahnen: Was kümmerte ihn das?
„Ich möchte dir etwas zeigen…“ ohne auf eine Reaktion zu warten verließ er den Weg, wendete sich nicht einmal um, es wäre einfacher wenn sie ihm folgen würde – für beide – und irgendwie hoffte er darauf, dass sie es tat. Als hätte sie diesen Hoffnung gespürt hörte er einen Ast hinter sich unter ihrem Fuß brechen und spürte kurz darauf ihren Arm an dem seinigen – dieses mal hielt er es für klüger es geschehen zu lassen, ihr Kleid hatte kurze Ärmel und so dauerte es nur einen Moment bis die Hitze ihres Körpers sich den Weg durch seine Robe gebahnt hatte und er sie wahrnehmen konnte, für einen Augenblick glaubte er sogar das Blut in ihren Adern spüren zu können, den leicht erhöhten Herzschlag.. pochpoch…pochpoch…pochpoch…: Ein angeneh… er verwarf den ungedachten Gedanken sofort, verbannte das ungefühlte Gefühl hinter unzählige Türen und auch wenn er sich sicher war, dass er sich dies nicht hatte anmerken lassen spürte er doch ein Zucken im Arm der um den seinigen geschlungen war… Plötzlich stieg ihm die süße Sommernachtsluft behaftet mit dem leichten Duftöl seiner Begleiterin in die Nase… Erdbeere.. oder Himbeere.. er war sich nicht ganz sicher..
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Tithlio Kryon
Ein Aufschrei – wie erwartet – denn augenblicklich wurde alles um sie herum schwarz, einzig der Mond, der ab und zu hinter der dichten Wolkendecke hervorblickte spendete ein wenig Licht, kaum genug die Umrisse der Bäume zu erkennen, auch ihren Begleiter hatte sie aus den Augen verloren, denn im Moment der herabbrechenden Dunkelheit hatte sich auch sein Arm aus ihrem Griff gelöst und er tat sogleich zwei.. drei.. Schritte zurück um ihr Tun zu beobachten: Zuerst fragte sie nur ruhig in die Dunkelheit, gar ein gezwungenes Lachen erklang – wie bei einem Versteckspiel – doch die Angst in ihrer Stimme lies erahnen, dass sie sich durchaus darüber bewusst war, dass das hier kein Spiel war.
Dann plötzlich begann sie panisch um sich zu schlagen.. stolperte zwei… drei Schritte vor um über eine Wurzel zu fallen und mit einem lauten Schluchzen am Boden liegen zu bleiben.. er folgte ihr gemächlich auf die wohl bekannte, wohl berechnete Lichtung, blieb dann direkt hinter ihr stehen, ergötzte sich für einen Moment an der Wehrlosigkeit seines Opfers: Der rechte Ärmel des roten Kleides war so gut wie abgerissen – wohl durch den Sturz – und der Blick auf die Schulter freigegeben, eine Tätowierung war dort zu erkennen: Eine kleine, schwarze Rose in voller Blüte stehend und – so schien es – aus dem Arm der jungen Frau wachsend.
Kraftvoll reist der Hagere seine Arme hoch, die sonst so emotionslosen Züge verkrampft von Anspannung, zerfressen von Hass, die Worte die über seine Lippen dringen so kräftig, bebend wie selten, geradezu paradox zur sonstigen Tonlosigkeit:
„Höchster der Richter, Wahrer, gib mir, deinem Diener, die Kraft dir dieses Geschenk zu überbringen, dir meine Treue ein weiteres mal zu beweisen – härter als jede Klinge, stetiger als der Tod selbst.“
Das tiefe Knirschen, gleich einem Flug, der nach dem harten Winter die Erde aufbricht, kündigte von Grausamen, hier trug das Geräusch nicht die Kunde von bald erstarkendem, blühendem Leben sondern dem Gegenteil: Erst war es nur ein kleiner Erdverwurf – gleich einem Maulwurfshügel – dann kamen drei weitere dazu.. rechter Arm.. linker Arm.. rechtes Bein.. linkes Bein.. doch es war keine feuchte Maulwurfsnase die heraus kamen, die am Boden Liegende durch zärtliches Streicheln zu beruhigen: Modrige, stinkende Knochen, angefaulte Hände hatten sich ihren Weg gebahnt, jene der Familie „Blorn“ – so war auf dem nicht weit entfernt stehenden Stein, vor der sich das leichte Mädchen „niedergelegt“ hatte, zu lesen. Die Zeit ihren Dienst zu tun war gekommen und so griffen sie unnachgiebig nach den Gliedmaßen: rechter Arm.. linker Arm.. rechtes Bein.. linkes Bein..
Dann plötzlich begann sie panisch um sich zu schlagen.. stolperte zwei… drei Schritte vor um über eine Wurzel zu fallen und mit einem lauten Schluchzen am Boden liegen zu bleiben.. er folgte ihr gemächlich auf die wohl bekannte, wohl berechnete Lichtung, blieb dann direkt hinter ihr stehen, ergötzte sich für einen Moment an der Wehrlosigkeit seines Opfers: Der rechte Ärmel des roten Kleides war so gut wie abgerissen – wohl durch den Sturz – und der Blick auf die Schulter freigegeben, eine Tätowierung war dort zu erkennen: Eine kleine, schwarze Rose in voller Blüte stehend und – so schien es – aus dem Arm der jungen Frau wachsend.
Kraftvoll reist der Hagere seine Arme hoch, die sonst so emotionslosen Züge verkrampft von Anspannung, zerfressen von Hass, die Worte die über seine Lippen dringen so kräftig, bebend wie selten, geradezu paradox zur sonstigen Tonlosigkeit:
„Höchster der Richter, Wahrer, gib mir, deinem Diener, die Kraft dir dieses Geschenk zu überbringen, dir meine Treue ein weiteres mal zu beweisen – härter als jede Klinge, stetiger als der Tod selbst.“
Das tiefe Knirschen, gleich einem Flug, der nach dem harten Winter die Erde aufbricht, kündigte von Grausamen, hier trug das Geräusch nicht die Kunde von bald erstarkendem, blühendem Leben sondern dem Gegenteil: Erst war es nur ein kleiner Erdverwurf – gleich einem Maulwurfshügel – dann kamen drei weitere dazu.. rechter Arm.. linker Arm.. rechtes Bein.. linkes Bein.. doch es war keine feuchte Maulwurfsnase die heraus kamen, die am Boden Liegende durch zärtliches Streicheln zu beruhigen: Modrige, stinkende Knochen, angefaulte Hände hatten sich ihren Weg gebahnt, jene der Familie „Blorn“ – so war auf dem nicht weit entfernt stehenden Stein, vor der sich das leichte Mädchen „niedergelegt“ hatte, zu lesen. Die Zeit ihren Dienst zu tun war gekommen und so griffen sie unnachgiebig nach den Gliedmaßen: rechter Arm.. linker Arm.. rechtes Bein.. linkes Bein..