Briefe an den Bruder

Moderator: Menekaner [Mod]

Antworten
Gast

Briefe an den Bruder

Beitrag von Gast »

In der Nacht werden fast lautlose Schritte durch das Haus der Yazir ziehen. Nicht einmal das Licht wird dazu benötigt ein Pergament für Amar auf den Tisch zu legen, welches fein verziert mit dem Siegel der Omar auf ihn wartet.
Salam Aleikum geliebter Bruder,

ich hoffe sehr, die Fehler meinerseits sind an dir vorbei gezogen. Zumindest soweit, dass ich noch die Möglichkeit besitze, sie dir selbst näher zu bringen. Es ist auf jeden Fall so, dass ich durch den Tod Imraans auf Wege geriet, die für zukünftiges Vorgehen nicht begehbar gewesen wären. Der Erhabene Emir hat mich allerdings recht schnell wieder auf den Pfad geführt, wo meine Füße auch fähig sind mich zu tragen. Den Verlust den ich dadurch allerdings erlitt, kann ich nicht wirklich in Worte fassen.

Er hat meine Kinder fort geschickt, Amar. Denn er erachtete mich nicht mehr als fähige Mutter. Sie wachsen nun bei Verwandten der Familie Omar auf und werden dort auch erzogen. Ich bin über die Phase hinaus, wo ich an seinem Wort zweifelte und alles in Frage stellte, doch über die tiefsitzende Trauer konnte ich mich noch nicht hinweg bewegen.

Geliebter Bruder, mir ist durchaus bewusst wie dick unser Blut ist, wie viele Strapazen unsere Seelen ertragen können, doch sage mir wie man sich bewegt, wenn einen in den letzten Monden alles genommen wurde, denn ich weiß es nicht, wenn ich auch stetig Schritte voran setze. Eluive hat mir meinen Mann genommen, der Emir mir meine Kinder - weil ich eine schlechte Mutter bin, meine Schwägerin verachtet mich vermutlich, weil ich tat was ich tat und zurück bleibt dabei lediglich die Erinnerung in meinem Kopf. Und ich weiß, dass viele Leute schon viele Dinge verloren haben und auch existieren können und ich will keinesfalls egoistisch sein, doch die Leere breitet sich aus wie ein Parasit, den ich mit Heilmitteln nicht vertreiben kann. So gebe mir einen Rat, einen Rat, der mir nicht sagt, dass das alles Eluives Plan ist. Denn das beflügelt meine Schritte nicht. Gebe mir einen Rat, der mich glauben lässt, dass mein Blut tatsächlich dicker ist als alles Andere. Einen geschwisterlichen Rat. Erkläre mir wie das Atmen funktioniert, wie würdest du atmen, würde man dir alles entreißen? Sage mir wie, denn diese Schwäche kann ich niemanden anderen zeigen außer dir. Denn für jeden anderen dreht sich das Leben weiter.

Muss es erst anderes Glück sein, dass das Leid ersetzt?
Du fehlst mir.


Noelani
[img]http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/omarsiegelxd1yonh2q6.png[/img]
Zuletzt geändert von Gast am Dienstag 21. Juni 2016, 23:13, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

„Dadeh“, wie konnte er nur ein Lächeln verdrängen, als er seine Tochter vor sich auf dem Teppich sitzen sah. Sie versuchte ihn immer wieder bei einem Wiedersehen „Vater“ zu nennen, wenngleich ihr das aufgrund der wenigen Zähne auch nur schwer gelang. Umso leichter fiel es ihr das Herz des sonst so strengen und unterkühlten Menekaner zu erreichen – ihr gelang es, dass er weich wurde. Er hatte keine andere Wahl als seine geliebte Seele aufzuheben und in seine Arme zu schließen.

Als er erfuhr, dass er Vater wurde und Jala ein Mädchen zur Welt brachte, brach führ ihn eine lange Zeit seine Welt zusammen. Er wollte immer einen Jungen. Einen Sohn, dem er alles lehren konnte, was ihm einst sein Radeh beibrachte. In seiner Familie war es üblich, dass die Menekanerinnen zuerst einen Jungen gebaren. Und dann das. Er, und eine Tochter. Er war enttäuscht und wütend auf seine Frau. Auf seine Tochter, der er wochenlang aus dem Weg ging. Khalida wollte ihm schon keinen Sohn schenken und als er durch Jala die Gelegenheit hatte, eine eigene Familie zu gründen, war sie nicht imstande dazu ihm das zu schenken, was er sich immer gewünscht hatte. Die Eheleute in der heutigen Zeit würden über seine Denkweise nur den Kopf schütteln. Ihnen war es wohl egal – glücklich und gesund sein waren ihre Priorität. Glück. Gesundheit. Wieso konnte er es nicht akzeptieren und einfach glücklich mit dem sein, was er hatte?

Er küsste Namika sanft auf die gerötete Wange, mehrmals und stürmisch, um sie zum Lachen zu bringen. Sie war ganz warm vom Toben. Kein Wunder, die Dshinne hielten sie tagtäglich auf Trab. Oder sie die Dshinne – man konnte es sehen wie man wollte. Er war froh, dass er Jala verzeihen konnte. Zu lange hatte er sie mit Namika alleine zurückgelassen, während er nur an sich und die Lappalie dachte. Und je öfter er darüber nachdachte, je weiter er von Jala und seiner Tochter entfernt war, umso mehr schmerzte es in seinem Herzen sein Glück eine Lappalie genannt zu haben.

Glück ist flüchtig. Das Leben zu kurz. Man muss sein Leben mit seinen Lieben genießen, bis der letzte Atemzug getan wurde.


  • Der Mutter Segen Noelani Banu,

    wenn Du ehrlich zu Dir selbst bist, weißt Du, dass Dein Fehlverhalten mir nicht unbekannt blieb. Ich hielt mich jedoch davon fern Dir zu schreiben, wenngleich ich kurz davor war Dich mit all meiner Kraft aus dem Palast und aus dem Schoße Deiner Familie zu reißen. Deinen Hintern hätte ich Dir am liebsten versohlt. Aber ich war mir sicher, dass der Erhabene und Deine Schwägerin ein Auge auf Dich hatten. Es steht längst nicht mehr in meiner Macht Dich an die Hand zu nehmen und Dir Deine Fehler aufzuzeigen. Geschweige denn über Dich zu richten. Du bist alt genug und trägst Verantwortung aufgrund Deines Daseins als Mutter.
    Die Tatsache Mutter von zwei Kindern zu sein, jedoch sein Leben aufs Spiel zu setzen, hat mich schwer enttäuscht, Noelani. Der Verlust von Deinem Mann hat die Dunkelheit in Dir einkehren lassen. Der Hass hat Dich geblendet, in feindliches Gebiet gelockt und Deine Hände mit Blut befleckt. Du hast wegen der Trauer völlig vergessen, wie viel Wert Dein Leben nun hat und wie kostbar jeder Deiner Atemzüge ist.

    Umso mehr befürworte ich die Entscheidung des Emirs, dass er Deine Kinder und das Kind unserer Cousine in die Obhut seiner Familie gab.
    Wie oft habe ich Dir gesagt, dass Du meinen Säbel nicht anzufassen hast? Und dennoch hast Du es getan. Du wolltest den Weg einer Säbelschwingerin gehen.
    Erinnerst Du Dich, wie schwer Radeh die Entscheidung fiel Dich für die Ausbildung zu melden? Radeh und Mara hatten oft deswegen gestritten.
    Weißt Du noch, wie sehr er Dich geschimpft hatte, als Du mit Blessuren und Schnitten nach Hause kamst? Der Körper einer Frau muss in eine Ehe ohne einen Makel übergehen. Je hübscher eine Blüte, desto höher kann man den Brautpreis ansetzen. Dein Weg war nie dafür bestimmt eine Säbelschwingerin zu werden. Dein Weg war es, eine gute Ehefrau und Mutter zu sein, die ihre Kinder stets vor Gefahren und Unheil behütet.
    Zweifelst Du die Entscheidung des Erhabenen an? Überdenke Deinen Schmerz. Seine Entscheidung war die Richtige. Denn er sorgte dafür, dass Deine Kinder keinen weiteren Verlust durch Dich erleben müssen. Deine Aufgabe als angeheiratete Omar lag einzig alleine darin, Deine Kinder wohlbehütet aufwachsen zu sehen – für Imraan. Für die Familie Omar.

    Dein Wille ist schwach geworden. Dein Herz gebrochen. Und dennoch atmest Du weiter. Du bist noch nicht am Ende Deines Weges angelangt. Deine Aufgaben sind noch längst nicht erfüllt.

    Ich weiß das meine Nachricht nicht die ist, die Du erwartet hast. Meine Enttäuschung konnte ich nicht in meinen Zeilen verbergen. Und dennoch erhoffe ich mir vom ganzen Herzen, dass diese Dich nun erreichen mögen.

    Ich werde immer atmen, weil jeder Atemzug meiner Familie und Dir gilt. Ich werde dies so lange tun, bis die Allbarmherzige entscheidet, dass ich meine Aufgabe auf Alathair erfüllt habe. Nichts ist mehr wert als die eigene Familie. Ich wünsche mir so sehr, dass ich noch lange an dem Leben meiner Tochter teilhaben kann. Ich will mit meinen Augen sehen können, wie sie immer schöner und erwachsener wird. Ich will entscheiden und prüfen können, welcher Mann um sie wirbt. Ich will sie auffangen, wenn sie wegen Liebeskummer weint. Ich will sie beruhigen, wenn sie vor unkontrollierter Wut in ihrer Jugend ihr Zimmer auseinander nimmt. Das sind alles wertvolle Dinge, die ich erleben möchte. Denn was wäre ich für ein Vater, der an Trauer zerbricht und blind vor Rachsucht in eine Klinge rennt?

    Ich kann Dir nur den Rat geben für Deine Kinder weiterzuleben und den Verlust hinter Dir zu lassen. Genieße die schönen Momente, die Du mit Imraan teilen konntest. Halte an diesen Erinnerungen fest. Erzähle sie Deinen Kindern, dass sie ihren Vater nie vergessen mögen. Sei ihnen eine Mutter. Und wenn auch das der Erhabene erkannt hat, werden vielleicht auch die kleinen Seelen zu Dir zurück finden dürfen.
Du weißt wo Du mich findest, wenn die Sehnsucht Dich erdrückt.
Amar
Zuletzt geändert von Gast am Mittwoch 22. Juni 2016, 19:13, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

Eine ganze Weile blickte sie auf die Zeilen ihres Bruders, die sie noch im Gang zum Palast regelrecht in sich auf sog. Irgendwann wurden dabei ihre Schritte langsamer und die Bank, an welcher sie vorbei zog, kam gerade recht, um sich darauf nieder zu lassen. Die letzten Zeilen wurden im Sitzen aufgenommen und nur langsam sackten ihre Schultern dabei ab. Es waren mentale Schläge ins Gesicht, das war recht offensichtlich, aber vermutlich auch Rüge die sie benötigte. Den im tiefsten Inneren wusste sie, dass er Recht hatte. Das hatte er oft, wenn sie es auch erst zu spät realisierte und es dann meistens schon zu spät war, es ihm so direkt zu sagen. Mit einem zittrigen Durchatmen wurde das Blatt wieder zusammen gefaltet und der Daumen der rechten Hand wanderte über die Handfläche zum Ehering hin, welchen sie immer mal wieder um den Finger drehte.

Sie konnte jedoch nicht bereuen welchen Weg sie gegangen war und sie begann auch nicht zu zweifeln oder sich selbst zu bemitleiden. Eher sorgten die Worte des Bruders dafür, dass sich nach langer Zeit des Denkens die Mundwinkel leicht anhoben und sie einfach eine ganze Weile mit diesem Ausdruck die Straße entlang blickte, welche vom roten Sonnenlicht umhüllt wurde, bevor die Dunkelheit einbrach. Sie konnte ihren Weg nicht bereuen, war sie diesen dafür bereits zu weit gegangen, formte dieser sie erst zu dem was sie war. Allerdings konnte sie der Welt offenbaren, dass sie sich - zumindest in mancher Hinsicht - irrte.
Antworten