"An den, der das Buch findet. Wenn dieser Jemand es liest, werde ich wohl tot sein."
Es war seiner Erziehung, seinem guten Willen und dem Barett auf seinem Kopf zu verdanken, dass Balian alle aufkommenden Assoziationen und Gefühle runter zu schlucken vermochte, solange er in Gesellschaft von Johanna, Nathelia und dem Wachtmeister war. "Gardist, ich werde Euch als bald als möglich einen Rekruten schicken.", hatte Keylon gesagt und natürlich ungesehen gezwinkert. Balian sollte nicht warten und die Hütte nach weiteren Hinterlassenschaften, Spuren oder sonstigem durchsuchen, bevor er dann mit einem Hilfstrupp, der tatsächlich als bald als möglich eintreffen sollte, den Vater unter der Zeder heraus zu holen. Im Anschluss würde man ihn in's nahe gelegene Kloster bringen und dort aufbahren, bevor er endgültig in's Licht der Herrin geführt werden könne. Eine dreckige Arbeit, die niemand gerne machte. Aber auch das gehörte zu den Aufgaben eines Soldaten, denn Menschen starben und ihre Seelen mussten vor Kra'thor bewahrt werden.
In der Holzfällerhütte fand er am Ende nur noch nebst den vermuteten Werkzeugen des Gewerks Unmengen an Pergamenten mit Kohlestiften, Kuscheltiere, bunte Wolldecken und Kleidung von den Beiden. Es war eindeutig, dass Frank seine Tochter nahezu vergöttert haben musste. Kein Wunder, dass er ihr nicht über die Feigheit der Mutter berichten wollte und eine umso größere Schande, dass er sie nun offenbar im Stich gelassen hatte.
"Kümmert Euch gut um meinen kleinen Schatz[...]", stand im Abschiedsbrief. Feste durchatmend stand Balian nun also in der Hütte, hatte alles zusammen gesammelt, was dem Kind noch von Nutzen oder Erinnerung sein konnte und schaute sich um. "Gardist, kann man Euch noch zur Hand gehen?", frug einer der Rekruten und da wandte sich Angesprochener herum. Eine perfekt antrainierte Fassade richtete sich auf, als er meinte: "Nein, Rekrut. Bringt einfach das hier nach Kronwalden zum Haus von Frau Salberg. Die Sachen wird das Kind noch brauchen." Mit diesen Worten wurde dem Rekruten auch schon der Stapel Kleider und Spielzeuge in die Arme gedrückt, ehe er am Kameraden vorbei schepperte. "Ich werde den Bergungstrupp nach Schwingenstein begleiten und dann in der Kommandantur anzutreffen sein.", waren die letzten Worte, ehe getan wurde, was gesagt worde. Am Kloster erklärte er dem nächstbesten Geweihten noch, was geschehen war: "Der Herrin zum Gruß Bruder. Wir haben den Leichnahm eines mittelalten Holzfällers aus Adoran gefunden. Er hinterlässt eine zehnjährige Tochter, die derweil in der Obhut der Familie Salberg ist und von einem Heilkundigen auf körperlichen Schaden untersucht wird. Sorgt bitte dafür, dass seine Seele zur Herrin gelangt und er seine letzte Ruhe findet. Für Rückfragen durch die Priester stehe ich zur Verfügung. Hinterlasst bitte in dem Falle ein Schreiben an der Kommandantur für Gardist Sturmthal. Temora beschützt!" So ward Frank auch schon in die Hände des Klosters übergeben und der Bergungstrupp machte sich auf den Rückweg zur Kommandantur. Dort setzte Balian sich auch gleich an den Bericht, den er auf dem Tisch der Frau Oberstleutnant hinterlegte. Irgendwo dazwischen hatte es Keylon noch einmal zurück verschlagen, er wurde ebenso informiert und teilte seinerseits mit, dass Johanna zumindest körperlich unversehrt war. Immerhin etwas...
Bericht zum Auflesen der jungen Johanna und ihres verstorbenen Vaters:
beteiligte Regimentler:
Wachtmeister Salberg
Gardist Sturmthal
Gardist Zaedrael (in zivil)
beteiligte Zivilisten:
Nathelia Salberg
Johanna
(Frank, verstorbener Vater des Fräulein Johannas)
Edle van Drachenfels
Adoran Kommandantur des Lichtenthaler Regiments,
den 08. Wechselwind 259
Ehre sei der Krone und dem Reich, der Lichtbringerin zum Gruße,
etwa zum vierten und einem halben Stundenlauf nach dem Mittagsläuten traf meine Person an der Kommandantur ein, wo mir Wachtmeister Salberg bereits entgegen kam und sagte, er hätte ein Mädchen in Adoran aufgelesen. Wie sich in einer Vielzahl kurzer Unterhaltungen herausstellte, wurde das Mädchen Johanna von ihrem Vater Frank, einem Holzarbeiter aus Adoran in der heimischen Hütte zwischen Bajard und Varuna vier Tage lang alleine gelassen, bis das Mädchen aus der Not heraus die Hütte verließ. Laut Angaben aus Hunger und Angst um ihren Vater. Dieser hatte vor seinem Aufbruch in den Wald einen Brief hinterlassen, den Johanna noch nicht lesen kann und uns so in der Kommandantur ahnungslos überreichte. (Im Anhang angefügt)
Kamerad Zaedrael kam zwischendurch in zivil und wurde gleich vom Wachtmeister damit beauftragt die Edle van Drachenfels zu holen und des Wachtmeisters Nichte Nathelia Salberg mit ein paar warmen Kleidern zur Kommandantur zu schicken. Nachdem Johanna neu eingekleidet war und sich mit Nathelia unterhalten hatte, gingen wir mit Kenntnisnahme des Briefes zur oben genannten Hütte, wo wir nicht fern ab auf den Leichnahm des Vaters stießen. Er lag erschlagen von einer Zeder im Wald und es bedarf keiner Ausbildung in Heilkunde, um zu vermuten, dass er dort mehr als einen Tag schon lag und definitiv tot ist. Wachtmeister Salberg und Nathelia brachten die vollkommen aufgelöste Johanna vorerst nach Kronwalden, wo sich die Edle van Drachenfels ihrer gesundheitlichen Unversertheit versicherte und man sie zu beruhigen versuchte. Zeitgleich wurde mir Verstärkung in den Wald von Tirell geschickt, um den Vater zu bergen, in das Kloster der Lichteinigkeit zu bringen und die Hütte nach Spuren oder noch brauchbaren Dingen zu durchsuchen. Weitere Briefe oder ähnliche Dokumente fand ich nicht mehr. Nur noch jede Menge Spielzeuge, teils selbst gemacht und ein paar wenige Kleider. Am verstorbenen Vater fand ich noch einen Anhänger, der darauf schließen lässt, dass er an die Herrin Temora glaubte. Jene Sachen übergab ich einem Rekruten, der sie zum Hause Salberg bringen soll, aufdass Wachtmeister Salberg sie dem Kind übergeben kann, so es in der Verfassung dazu ist.
Der Vater wird nun als bald als möglich im Kloster aufgebahrt und seine Seele in das Licht der Herrin geführt werden. Aus dem Brief ersichtlich und nach Aussagen des Kindes ist nicht davon auszugehen, dass die Mutter des Kindes noch einmal auftauchen oder zu erreichen sein wird. Daher sollte über eine Unterbringung Johannas nachgedacht werden.
Für Rückfragen stehen Wachtmeister Salberg und meine Person zur Verfügung.
Temora beschützt!
gez. Gardist
Und so wird auch der Brief noch beigelegt, ehe er schlussendlich nach Hause ging, um das Barett abnehmen und seinen eigenen Gedanken nachgehen zu können. Jetzt durfte er nur nicht den schmalen Grad zwischen Schwäche und Stärke verlieren..
