*Seine Nacht war wieder früh zu Ende gewesen. Ganz gleich, ob krank oder nicht, das war seine Art. Während er sich etwas Brot und Käse in den Mund steckte, verfasste er mit nur noch leicht zittriger Hand einen Brief an Tania. Nathelia hatte ihn schließlich darum gebeten, "diese Frau" mal zu den Salbergs nach Hause einzuladen. Und so entstanden folgende Zeilen ohne zu wissen, dass es alles etwas anders verlaufen würde, als geplant...*
Kronwalden,
den 23. Hartung 259
Grüß dich Tania,
ich hoffe, dir geht's soweit gut. Ist schon wieder was her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. In Lichtenthal ist seit dem viel passiert. Meine Nichte Nathelia, Amelies Tochter möchte dich gern mal kennenlernen. Meinst du, du kannst einmal zu uns kommen? Ich würd dich dann in Bajard abholen und zu uns bringen. Der Weg ist für Fremde etwas schwieriger zu finden.
In den frühen Abendstunden erreichte sie auch der Brief. Merkwürdig war es schon nach so langer Zeit seine Schrift wieder mit den Augen erhaschen zu dürfen. Fast ein wenig unwohl war ihr bei dem Gedanken, dass sie um eine Wiedersehen gebeten wurde... wenngleich die Bitte nicht direkt von Zahrak selbst kam.
Sie spielte mit der Schreibfeder zwischen ihren Fingern, überlegte noch bis in den späten Abend hinein, was sie antworten sollte. Erst nach einer Weile tauchte sie die Spitze in das Tintenglas und setzte zu den ersten Lettern an:
Liebster Zahrak,
es freut mich sehr, dass Du mir schreibst. Du weißt wie ich das meine, wenn ich Dir schreibe, dass es mir gut geht.
Deiner Schrift nach zu urteilen scheint es in Lichtenthal sehr frostig zu sein. Geht es Dir denn gut? Es fühlt sich eine Ewigkeit an Dich das letzte Mal gesehen und gar etwas von Dir gelesen zu haben.
Wenn Du den Brief liest, bin ich bereits nach Bajard aufgebrochen. Der anhaltende Winter wird jedoch das Wiedersehen nicht beschleunigen.
Ich hoffe Du hälst mir warme Kleidung aus Deiner Hand bereit? Mir gefällt es immer, wenn Du mir eine Kleinigkeit fertigst.
*Mitten in der Nacht kam Zahrak endlich vom Ball und den noch "kurz" erledigten Arbeiten im bunten Kessel nach Hause. Auf möglichst leisen Sohlen ging er die Treppen ins Obergeschoss hoch und warf einen Blick in Tanias Zimmer, nur um festzustellen, dass sie bereits schlief. So stellte er einen Blumenstraus in eine Vase, legte etwas Gebäck auf einen Teller und legte ein kleines Pergamentstück dazu, welches er sorgsam beschrieb..*
Guten Morgen,
es tut mir leid, dass ich gestern so in Eile war. Ich wollt eigentlich nochmal was Zeit mit dir verbringen, aber ich war mit der Hochgeboren von Nebelpass verabredet und die konnte ich beim besten Willen nicht warten oder gar sitzen lassen. Hoffe, wir können das die Tage mal nachholen. Dann hat sich die Sache mit der Familienfehde zwischen den Mederics und uns sicher auch wieder beruhigt.
Wünsche dir nen schönen Tag!
Noch am Abend des Frühlingballs lag ich sehr lange wach. Offenbar, da ich die Tür nicht aufsperren hörte, ging für Zahrak der Abend noch wesentlich länger. Wahrscheinlich kam er sehr spät nach Hause? Das Gespräch zwischen Keylon und mir hielt meine Augen offen, während die Gedanken um den Abend kreisten.
Keylon bot mir an, dass ich seine Verlobte und ihn zum Ball begleiten könnte. Ich hätte mir sogar ein Kleid von Adelena borgen können. Was dachte er von mir? Dachte er allen ernstes, dass ich aus ärmsten Verhältnissen käme, nichts vom Arbeiten und Leben verstehe und keinen Groschen zur Hand hätte? Ich war eingeschnappt, gar ein wenig betrübt über die Situation, als das Angebot eines Kleides für den Ballabend an mein Ohr drang. Allerdings zeigte meine Miene gegenüber Keylon Dankbarkeit und ich setzte ein zartes Lächeln auf meinen Lippen auf. Ich wollte Keylon nicht enttäuschen und den Eindruck erwecken, als sei ich eine engstirnig Denkende und zickige Frau. Ich mochte seine gutmütige und herzliche Art - einfach, weil er auch an mich dachte, statt mich im Haus von Zahrak alleine zurück zu lassen. Ich beschloss sein Angebot jedoch nicht anzunehmen und hob die Hände abwehrend in die Höhe.
>>Oh! Ich.. sowas ist nichts für mich, Keylon.<< >>Glaubst du für Zak? Der ist so unglücklich das der das machen muss. Er würde sich bestimmt freuen.<< >>Und wann findet das statt?<< >>Zur siebenten Abendstunde. Mach dir wegen Zak übrigens keine Sorgen. Er geht nicht freiwillig mit der Dame dahin.<< >>Und wenn... er hat schon immer getan was er wollte.<< >>Oh wenn du wüsstest. Er hat sich verändert. Sehr verändert.<<
Ich musste leise lachen. Es klang so unglaubwürdig in meinen Ohren. Zahrak hätte sich verändert... Etwa in einen reifen, erwachsenen Mann? Ich reagierte auf die Aussage trocken, wenngleich mein Gefühl etwas anderes sagte. Ich spürte einen Hauch von Eifersucht, obwohl ich fest davon überzeugt war Zahrak wäre nur noch ein "enger Freund" für mich. Nicht viel mehr.
>>Ich hatte leider noch nicht die Zeit ihn kennenzulernen, seitdem wir uns länger nicht mehr gesehen haben.<< >>Dann solltet ihr die Zeit nutzen. Überleg es dir. Ich wohne nebenan. Muss auch noch schnell mich etws fertig machen. Adelena hat sicher ein Kleid für dich.<< >>Adelena ist deine Geliebte?<< >>Meine Verlobte, ja.<< >>Oh. Glückwunsch!<<
Keylon strahlte mich an und schien tatsächlich noch einer der wenigen Männer gewesen, der noch wusste, wie sich Liebe anfühlte. Es machte mich sogar glücklich seine strahlenden Augen zu sehen, wenn ihr Name fiel. Seine Gefühlsregung steckte mich geradezu an.
Ich bedankte mich für die Einladung, bevor er das Anwesen Zahraks verliess. Hinter mir, mit dem Rücken zur Tür gelehnt, drückte ich die Tür ins Schloss. Kurz musste ich nach Luft ringen - Erleichterung. Ich war froh dass er fort war. Es stand längst für mich fest, dass ich Adelena und Keylon nicht begleiten wollte. Ich hoffte nur, dass er mir deswegen nicht böse war.
...
Als ich aufwachte nahm meine Nase bereits den Duft des frischen Blumenstrausses wahr. Mein müder Blick glitt zu den Blumen zu Tische hinüber. Ein Brief? Ich setzte mich auf, drückte mich aus dem Bett hoch und bewegte mich auf nackten Sohlen zum Tisch. Die Zeilen überraschten mich, als meine Augen sie erfassten und mir schon ab dem ersten Buchstaben bewusst wurde, dass der Brief von Zahrak war. Auch das Gebäck fiel mir wenig später ins Auge. Ich schnaufte angestrengt und schwer. Es schien zumindest so, als gäbe er sich Mühe. Ja, eigentlich könnte ich Zahrak auch weiterhin egal sein - dem war offenbar nicht so.
Ich liess mir das Gebäck unter kleinen, mundgerechten Häppchen schmecken. Anschließend nahm ich einen angespitzten Kohlestift zur Hand und schrieb lediglich auf die Rückseite des Briefes: "Es ist alles in Ordnung. Ich hoffe Du hast den Abend unter guter Gesellschaft genießen können."
Den Brief legte ich ihm, bevor ich das Haus verliess, vor die Kellertür.