R E M I N I S Z E N Z
7 Jahre
Weinend saß die kleine Rothaarige, nicht einmal 8 Jahre alt, auf den steinernen Boden und rieb sich die Augen. Dicke Tränen liefen über die mit Sommersprossen bespickten Wangen und ihrer Haltung zu urteilen schien die Welt gerade in sich zusammen zu brechen. Vor ihr lag ein kleiner Vogel, regungslos und steif, fernab vom Leben. Und niemand schien zu kommen, niemand konnte sie hören. So ging der Schmerz noch mehr durch ihre Brust und der Fluss ihrer Tränen wollte nicht aufhören. Immer mal wieder wischten die kleinen Hände über die Augen, wollten das Leid vertreiben und doch schien sie gänzlich zu versagen. Irgendwann fühlte sie dann allerdings eine Hand auf ihrem Schopf und als sie empor blickte, stand er da, der kleine, vorlaute Bengel mit dem schiefen Grinsen. Er strich immer wieder über ihr Haar, während er beruhigende Worte zu ihr sprach und das war der Moment, wo sie langsam wieder begriff, dass das Leben weiter gehen würde, auch ohne diesen Vogel.
12 Jahre
Mit verschränkten Armen saß sie an ihrem Schreibtisch und starrte aus dem Fenster. Sie hatte sich mit einen der Jungen der Nachbarn gestritten und ihre Mutter erachtete dies als unpassend, so musste sie die nächsten zwei Tage auf ihrem Zimmer verbringen. Zwar durfte sie zum Essen hinunter kommen, aber weiter als die Küche wurde ihr Freiraum nicht. Und so langweilte sie sich, über Stunden und entschloss sich letztendlich aus dem Fenster zu starren. So lange, bis der schwarzhaarige Kerl über das Dach balancierte und sie aus den Träumen riss. Er klopfte gegen das Fenster, sie schob es in die Höhe und mit einem selbstgefälligen Lächeln drückte er sich an ihr vorbei in den Raum hinein. Aus seiner Tasche packte er diverse Dinge, welche die nächsten Stunden von Langeweile befreiten.
17 Jahre
"Du kannst nun nicht einfach abhauen, Hillevi!"
"Ich habe keine Lust mehr in diesem Käfig zu leben, mit diesen Vorlagen!"
"Du tust so, als wäre der Wunsch deiner Mutter die Hölle für dich!"
"Das ist es auch!"
"So..."
Sie merkte noch, wie er ihr nachsah, doch sie warf keinen Blick zurück. Die Auswirkungen dieses Wortwechsels wurden ihr erst nach ein paar Stunden bewusst, doch ließ der Stolz sie nicht mehr herumdrehen. Sie konnte nicht an den Ort zurück, wo ihr Leben geplant war, bevor sie es lebte. Sie wollte frei sein und dafür mussten eventuell auch Worte gesagt werden, die einen zerrissen wie ein Stück Papier. Und so lief sie und lief, nahm Kutschen und Schiff, bis sie sich nicht mehr an einem Ort befand, an welchem ihrem Gegenüber ihr Nachname ein Begriff war."Ich habe keine Lust mehr in diesem Käfig zu leben, mit diesen Vorlagen!"
"Du tust so, als wäre der Wunsch deiner Mutter die Hölle für dich!"
"Das ist es auch!"
"So..."
Ich fragte mich wie das Atmen funktionierte. Denn ich war mir nicht mehr ganz sicher. Ich hatte manche Dinge vermutlich verdient, aber das sie mich trotzdem so erreichen würden hätte ich nie gedacht. Mir wollte auch nichts mehr gelingen, die Nähte wurden schief, die Farbmischungen grauenvoll und abgesehen vom Laufen und Essen, wenn da der Hunger auch nicht antrieb, funktionierte nichts mehr wie es sollte. Doch ich hatte mir einst vorgenommen, mir von meiner Vergangenheit nicht die Zukunft verderben zu lassen. So war bemüht das Leben weiter zu leben, welches ich mir aussuchte. Ich machte weiter und ignorierte die Tatsache, dass ein paar kleine Worte am vergangenen Abend mein Uhrwerk angehalten hatten. So lief ich weiter, ohne wirkliches Zeitgefühl oder Ziel. Es war eben ein: Tag ein und Tag aus und es war in Ordnung, nach ein paar Stunden oder vielleicht auch mehr. Die Rückkehr meines Bruders hatte das Ganze nur verschlimmert, dadurch erinnerte ich mich nämlich an das Leben im Käfig und meinen vorgeschriebenen Pfad. Dinge, die ich aus meinem Kopf vertreiben wollte, bereits auf der Schiffsreise nach Gerimor. Wie ich bedauerlicherweise feststellen durfte, hatte ich dahingehend versagt. Aber wie mein Vater einst sagte: Sei immer bemüht. - Das war ich.