Zart erwachte der junge Morgen auf der Insel. Rot und fern spiegelte sich der Schein der Wintersonne auf dem glatten Meer, einige Möwen zogen krächzend durch die salzgeschwängerte Luft. Die Stadt lag verwaist, nur zwei Trunkenbolde, die sich offenbar selbstvergessen vergnügt hatten, stolperten krakeelend aus dem Minfays. Ihre Rumflaschen schwenkend stimmten sie ein schiefes Lied an: "Irgendwo im fremden Land, ziehen wir durch Stein und Sand. Fern von zuhaus und vogelfrei, hundert Mann, und ich bin dabei..." Sie lachten beschwingt, als ihnen der Rest des Liedes nicht einfallen wollte und zogen lärmend zu ihrem Heim. In einer Seitengasse lag zusammengerollt ein fetter Matrose und schnarchte lautstark, die leeren Flaschen um ihn kündeten von einer durchzechten Nacht. Eine Börse hatte er schon lange nicht mehr. Reglos lag die Toro de la Muerte vor Anker, kein Wachmann, kein Matrose, kein Mannschaftsmitglied war an Deck zu sehen. Der Rand um die Kisten und Fässer waren verkrustet vom Salzwasser, die Kanonen spröde und trocken.
So verging der Vormittag, der Mittag, zum frühen Nachmittag zeigten sich dann einige Menschen auf den Straßen, doch waren es nur wenige auf der Insel ansässige Handwerker, die tatsächlich einem Tagwerk nachgingen. Eine kleine Gruppe von Matrosen machte sich auf den Weg zum Strand, um dort die ersten Rumflaschen des Tages zu köpfen und sich gegenseitig mit anzüglichen Geschichten über die leichten Mädchen von La Cabeza zu unterhalten. Eine freizügig bekleidete Frau gab einem nackten Mann einen Tritt zur Tür hinaus, sodass er auf dem verdreckten Boden der Gasse landete und beschimpfte ihn lautstark als "untreuen Hurensohn, der hoffentlich die Feigwarzen bekäme". Zwei Frauen wanderten an der Szenerie vorbei und schäkerten über den Nackten.
Der Nachmittag verging, der Abend kam. Die Lichter wurden entzündet und erst mit der Dunkelheit lebte die Stadt auf. Zu stark geschminkte, halbnackte Mädchen schwärmten von dem Hurenhaus auf die Straßen und lockten vorbeischlendernde Seeleute mit ihren Reizen. Halbnackte Mädchen traten aus ihren Wohnhäusern und drohten jedem Mann Prügel an, der ihnen Geld bieten wollte. Aus den Tavernen schallte der Lärm, Gelächter, gegrölte Lieder, wilde Reden wurden laut über die eigene Überlegenheit, die Größe und Stärke der Insel La Cabeza und die Beschränktheit der Reiche, Götter, Menschen. Die zwei Matrosen am Strand, die noch immer aufrecht zwischen ihren schnarchenden Mannschaftskollegen sitzen konnten, prosteten sich zu: "Auf einen weiteren Tag in der Sonne!", während im Minfays eine Schlägerei um eine neue Hure ausbrach.
Er hatte genug gesehen.
Ein weiterer Abend brach auf La Cabeza an. Ruhig lag die See da, die Lichter der Hafenbeleuchtung und aus den Häusern spiegelte sich in dem Wasser und tanzten wie die Glut einer Esse auf der leicht bewegten Oberfläche. Wie aus dem Nichts erhob sich eine Frauengestalt aus dem Wasser und trat über die Molestufen an Land. Ihre Haut leuchtete wie Elfenbein im Mondlicht, nur allmählich färbten sich die perlmuttschimmernden Haare in ein kräftiges Purpur. Die schwarzen ausgerissenen Löcher, die an der Stelle ihrer Augen lagen, wurden von Haut überwachsen und als sie den Blick hob glänzte in ihrer Iris das lichtdurchzogene Meer. Leise vor sich hin summend schritt sie mit geschmeidigen Bewegungen über den Steg auf die Hafenstadt zu – eine Gezeitenwende stand kurz bevor