Im Zeichen der Leviathan

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Gast

Im Zeichen der Leviathan

Beitrag von Gast »

Beziehend auf: http://forum.alathair.de/viewtopic.php?t=84923

Die Sonne küsste gerade mit ihrer Wärme das Land der Menekaner. Die edle Perle im Herzen der Durrah erstrahlte in ihrem gewohnten Glanz. Imraan saß schon eine Weile im Garten des Palastes, hatte sich mit dem Rücken an eine Palme gelehnt, nachdem er es geschafft hatte sein kleines Mädchen zu beruhigen. Armaiti brauchte wesentlich mehr Aufmerksamkeit, als die beiden Jungs. Das lag jedoch wohl daran, dass sie eine Natifah war und diese bekanntlich, gerade bei den Omar, ganz besondere Aufmerksamkeit erforderten. Aber dafür wurde er Vater und genau deswegen tat er es gerne. Sie hatten den kleinen Kopf auf seine Brust abgelegt, die Hände ruhten jeweils links und rechts daneben, berührten fast die Schultern des Hadcharim. Sie atmete ruhig und konzentriert und der leise Herzschlag ihrer Brust trug sich gleichermaßen auf ihn weiter. Es beruhigte ihn, so dass der ganze Körper entspannte. Als die ersten Sonnenstrahlen seine Nase kitzelten, lächelte er wohlig auf, denn er war froh wieder zurück zu sein. Er wollte gerade damit beginnen seinen Tag zu verplanen, als die Gedanken durch ein Räuspern förmlich vernichtet wurden. Der Janitschar blinzelte kurz, als müsse er sich in das Diesseits zurückholen. Der Blick schweifte zur Seite, um in das Gesicht Mahids zu sehen, der doch eigentlich am Palasttor Wachdienst hatte. Sein Gegenüber hatte einen Gesichtsausdruck, wie ein kleines Kind, das gerade etwas angestellt hatte und es nun dem Vater beichten musste.

„Ehrenwerter, es wurde jemand im Hügelgrab gefunden…“

Was sollte das denn heißen? Ist überhaupt jemand „verloren gegangen?“ Imraan beließ es vorerst bei einem Nicken, während sein Augenpaar auf das Mädchen in seinen Armen zeigte. Er kommentierte lediglich knapp, dass er gleich dafür Zeit hätte. Die Palastwache deutete noch zum Haupteingang des Palastes, dann wendete sich Mahid auch schon rasch ab. Die Schritte trugen ihn in den Keller des Palastes, wo sich die Familienräumlichkeiten befanden. Auf dem großen Bett hatten sich Noelani, Arif und Aasim verteilt. Das gemeinsame Schlafen hatte nichts Edles, wie es in den Büchern und Erzählungen berichtet wurde. Jeder brauchte einfach seinen Freiraum, so dass es immer chaotisch wirkte. Bis Noelani aufwachte, oder Tamika kam, wurde Armaiti auf dem Bett niedergelegt und in ihre dünne Decke eng eingewickelt. So fühlte sie sich am wohlsten und würde noch lange schlafen können. Bevor er wieder nach oben ging, gab er erst noch Arif, wie auch Aasim einen Kuss auf die Stirn, dann zog er seine Stadtkleider an, um sich wieder in den Palastgarten zu begeben. Es arbeitete bereits hinter seiner Stirn. Er mochte es nicht überrascht zu werden und unvorbereitet zu sein, außerdem hatte er eine Gabe bevorstehende Ereignisse schlechter Natur zu spüren. Das Gefühl hatte er gerade.

Der junge Janitschar, der ihm gegenüberstand, sobald Imraan durch das Palasttor geschritten war, war sichtlich nervös und verbeugte sich tief vor dem Omar- doch hatte Imraan dafür keine Zeit und winkte mit der rechten Hand ab. „Zeig mir, wen du gefunden hast.“ Die restlichen Janitschare der Gruppe warteten bereits am Kasernenplatz. Wie sich herausstellte, waren die Männer zum Hügelgrab zur Jagd aufgebrochen und hatten recht früh die Gestalt vorgefunden. Sie war in einem schlimmen Zustand und die Wesen dort hatten ihr Übriges angerichtet, den leblosen Körper irgendwann in eine Ecke geschoben. Einzig und alleine die Farbe der Robe war den Janitscharen bekannt. So hatten sie am Abend ihre Jagd abgebrochen und wollten ihren Fund direkt dem Herrscherhaus oder zumindest dem Sajneen oder der Sekban mitteilen. Dazu musste es jedoch nicht mehr kommen. Imraan war da.

Er beugte sich erst hinab, dann musste er doch in die Knie hinab sinken. Die Erkenntnis traf ihn, wie ein Stich ins Herz. Für eine Weile wirkte es so, als würde man ihn jeder Luft berauben und ihm den Hals zudrücken. Er konnte es gar nicht glauben, dass dort seine gute Freundin vor ihm lag, der nun das Leben ausgehaucht war. In diesem Zustand. Sie ist alleine gestorben. Kraftlos viel er von der Hocke auf sein Hinterteil, um dann mit beiden Händen zum Haupt zu greifen, die Hände führte er auf dem Kopf zusammen und ignorierte dabei erfolgreich seinen Turban. Ihm war so schlecht, dass er sich merklich zusammenreißen musste, sich nicht direkt auf den Boden zu übergeben. Worte verlor er nicht und starrte nur hinab. Ihre Robe war es. Die einer Akademieführung. Er hatte Hazar verloren und er wusste nicht warum. Er wusste nicht wann. Er wusste nur, dass er sie nicht mehr zurückholen konnte und sie auch nicht beschützen konnte. Er merkte nicht einmal, wie sehr seine Hände zitterten, als die Gefühle und die Verzweiflung über ihn hereinbrachen. Die Männer um ihn rum, wussten überhaupt nicht, was sie tun sollten. Der Anblick des Maleem in dieser Situation war selten und sie selbst hatten ihn noch nie zuvor in dieser Lage gesehen. Nur leise und bedrohlich erklang die Anweisung des Omar, ohne dass er den Blick von der Leiche nahm. „Bringt sie in den Tempel hoch…“, erklang sie, ohne dass diese wohl eine Rückfrage erlauben würde.

Er hatte wieder eine Vertraute verloren, einen Freund, einen geliebten Menschen. Das Gefühl war ihm nicht fremd, doch war es auch etwas, woran man sich einfach nicht gewöhnen konnte. Nur der Prozess im Tempel war bekannt und er kannte inzwischen jeden einzelnen Schritt, der zu machen war. Er hätte ihr gerne noch so viel gesagt und ein letztes Mal mit ihr diskutiert, Scherze gemacht. Das würde jedoch nicht mehr klappen. Er würde nie wieder mit ihr zusammen sitzen und Kuchen essen. Er würde sich nicht mehr mit ihr streiten können, welche Anwendung der Magie legitim ist und welche nicht. Er würde sie nicht mehr mit diesem strafenden Blick ansehen dürfen, wenn sie sich mit Letharen anlegte. Es war vorbei. Mit den ersten Gedanken, mit denen er sich trösten wollte, dachte er dann an Kadir. Sein bester Freund, den er schon vor einiger Zeit verloren hatte. Sie waren wieder zusammen und weilten nun bei Eluive. Noch mehr Menekaner, die jetzt auf ihn warteten. Irgendwann würde er in einer Gesellschaft von ehrenhaften Männern und Frauen ruhen, seinen Frieden finden. Doch jetzt, jetzt hieß es Abschied nehmen…

Es gibt diese Tage, an denen man sich selbst unter Menschenmassen furchtbar alleine fühlt.
Gast

Beitrag von Gast »

Es waren schon einige Tage, in denen sie das Weite gesucht hatte. Sie fühlte sich vertrieben, wollte Ruhe. Welche Gründe es waren, die sie sogar dazu brachten ihre Kinder zu verlassen, behielt sie voll und ganz für sich. Doch ihre Wut und zeitgleich ihre Sehnsucht trieben sich in dieser Zeit durch die seltsamsten Orte. Wie man in so wenigen Tagen so viele Dinge sehen konnte, die man in anderer Zeit gar nicht wirklich wahrnahm oder beachtete, wunderte sie deutlich. Die Größe eines Ogers, welche man sonst nie wirklich realisierte, weil man einfach sein Leben beendete, war fast schon faszinierend. Der Faustschlag, der einen an die Wand donnern konnte, ebenso. So viele blaue Flecke hatte sie lange nicht mehr und das Bedürfnis nach einem Ende dieser kleinen Reise kam auch noch nicht auf. Nur die Abende, in denen sie sich einen Schlafplatz baute, in der Durrah schlief oder in der Kälte des Nordens, erinnerten sie an die Heimat und an die Tatsache, dass eine Existenz alleine nicht mehr möglich sei. Es fehlten Stücke, teile ihrer Seele, die zur Zeit im Palast weilten und nicht in greifbarer Nähe. Sie fühlte sich leer, es wirkte falsch.

Es gab nur einen Boten, dem sie immer wieder ihren Aufenthaltsort mitteilte. Falls es Briefe gab, falls es Informationen gab die Werdegänge ändern würden. Er suchte sie die Tage nie auf, was gut war, denn so blockierte er ihre Zeit nicht, die sie nun selbst einmal benötigte, für sich. Doch in dieser Nacht, da rüttelte er sie wach. Sie nahm an, es sei ein Feind, riss ihre Klinge empor, mit welcher sie schlief und schnappte nach Luft, als er ihr panisch entgegen starrte. Panik, die sich sogleich auch bei ihr ausbreitete. Er sah nicht so aus, als hätte er gute Nachrichten. Sie befürchtete erst, dass ihre Kinder krank seien, doch die Information die folgte, brachte sie daran zu denken, dass sie sich eher einen kleinen Schnupfen bei einen der Jungs gewünscht hätte.

"Die Mudir wurde tot aufgefunden, Ehrenwerte."

Ihrer Schultern senkten sich ab und ein tieferes Einatmen folgte, bevor sie einmal nickte, dann noch einmal. In so Momenten wünschte sie sich oft, sich mehr mit gewissen Seelen befasst zu haben, denn es erinnerte sie daran, wie kurz das Leben sein konnte. Ihr Herz tat weh, so sehr, dass es nicht vergleichbar war mit dem Schmerz den ihr Körper fühlte, als der Oger sie gegen die Wand donnerte. Es war der Schmerz den sie empfand, wenn sie wusste das ihr Ehemann litt. Ein Leiden, welches sie noch nie stillen konnte. Kam er noch nie zu ihr, wenn es ihm schlecht ging. Ein Leiden, das sie sich sehr auf sie niederlegte, dass sich die Augen für einige Augenblicke mit Tränen füllten. Sie nickte wieder und wieder und schickte den Boten dann fort. Ob sie das dazu bewegte, ihm alsbald zurück nach Menek'Ur zu folgen, war ungewiss, allerdings würde sie diese Nacht nicht Ruhen und der Trauer um die Verlorene und dem Leid nachgehen.

Geh in Frieden, geh in Gewogenheit.
Geh in Liebe, geh im Vertrauen.
Lass alles, lass einfach alles hinter dir.
Die Zeit ist gekommen, geh in Frieden.

Lass uns in die Dunkelheit gehen,
nicht ängstlich, nicht alleine.
Und lass uns auf Wohlgefallen hoffen,
für eine sichere Heimkehr.
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