Zwischen den Stühlen sitzt es sich schlecht...

Geschichten eurer Charaktere
Antworten
Zafer Asim

Zwischen den Stühlen sitzt es sich schlecht...

Beitrag von Zafer Asim »

Auf dem dunklen, stolzen Ross, das ihm so schon so oft gute Dienste erwiesen hatte, preschte Zafer durch die Wüste. Die Sandkörner wirbelten bei jedem Schritt des Pferdes unter den Hufen auf. Staub wurde hinter dem Gespann aufgewirbelt und verfolgte es unabdinglich wie eine ockergelbe Flutwelle. An der Küste angekommen zügelte er den Mustang und ließ sich aus dem Sattel gleiten. Provisorisch machte er es an einem Stein fest, versorgte es mit Wasser aus seinem eigenen Vorrat.

Den Blick auf das weite Meer gerichtet, rieb er sich mit der behandschuhten rechten Hand die linke. Der Finger schmerzte stärker, als er es jemals tat. Seltsam, war er doch schon seit mehreren Tagen kein Teil seines Körpers mehr. Rashid hatte ihm erklärt, dass dies nichts Ungewöhnliches sei. Der eigene Körper scheint einem manchmal streiche zu spielen. Vielleicht eine Lektion, eine zusätzliche Strafe, die an die vorausgegangene Dummheit erinnern soll.

Er setzte sich ans Ufer und sein Gedanken verloren sich in den mannigfaltigen Blau- und Grüntönen, die ein atemberaubendes Spektakel für das Auge boten. In den Händen dreht er die Botschaft seiner Rani, die er vor kurzem erhalten hatte. Seltsam was in letzter Zeit alles vor sich ging. So viel hatte sich verändert und manches blieb doch immer gleich.

Die Nachricht trieb seine Gedanken zurück zu dem unleidigen Thema, was ihn seit einiger Zeit in Sorge versetzte. Ich bin selbst schuld, dachte er, ich wollte sie dort heraus holen und Gassur schien dafür geeignet. Wie hätte ich ahnen sollen, wo das ganze hinführt? Zafers Blick wanderte wieder zu seiner versehrten Hand. Er sah es als eine Strafe für seine Kurzsichtigkeit. Halsüberkopf hatte sich sein Cousin scheinbar in diese Natifah verliebt. Gassur setzte mit seinen unüberlegten Aktionen nicht nur den Ruf der Familie aufs Spiel. Gerade als so hochrangiger Würdenträger sollte er es doch besser wissen. Er hatte ihm sein Wort gegeben und sie hatten sich geeinigt. Davon war in Gassurs Taten nicht mehr viel zu erkennen.

Natürlich, sein Cousin hatte ihm vieles gestanden, doch ob er die ganze Wahrheit zu hören bekam, würde Zafer wohl nie erfahren. Gassurs Brief ließ er unbeantwortet, er wusste nicht, was er darauf noch sagen sollte. Das Briefpapier war blutverschmiert. Rote tropfen, die aus der Wunde gelaufen waren, die er sich selbst nur notdürftig am Abend davor verbunden hatte und die letzten Endes im Verlust seines Fingers gipfeln würde. Viele Worte waren schon gesprochen worden, doch die Absolution, die alles so erleichtert hätte, konnte Zafer seinem Cousin und hierbei noch wichtiger, seinem Freund, nicht erteilen.

Da Talib so lange abwesend war, musste er sich um die Familie kümmern. Es war seine Pflicht zum Wohle der Familie zu entscheiden. Wenn schon Gassur das nicht mehr zu interessieren schien, musste er umso mehr darauf Acht geben. Dass die Liebe einem den Kopf verdrehen kann, war nichts Neues für Zafer, aber er würde es Gassur nicht durchgehen lassen können. Nicht als stellvertretendes Oberhaupt und nicht als Freund. Wenn man sich nicht mehr auf das Wort eines Mannes verlassen konnte, worauf dann?

Scheinbar hatte sich alles herumgesprochen und in der Stadt wurde getuschelt. Wie immer waren die Gerüchte wahrscheinlich verdreht, ausgeschmückt oder interpretiert worden. Mit Sicherheit sogar alles zusammen. Doch es war wirklich alles andere als gut für das Haus und es musste aufhören. Die Sache würde sich sicher beruhigen, wenn der Brautpreis übergeben war und die beiden verheiratet. Zum Glück war es nicht mehr lange hin.

Dennoch machte sich Zafer keine Illusionen. Er hatte womöglich den einzigen richtigen Freund verloren, den er hatte. Er sah keinen Weg, wie sich das jemals wieder ändern könnte, zumindest nicht, dass es wieder so werden könnte wie früher. Und da rollte er die kleine Botschaft von Aaminah auseinander. Wenige Worte in denen jedoch so viel verborgen lag.
Aaminah Faghira Ifrey hat geschrieben:
  • Freundschaft ist eine Tür zwischen zwei Menschen.
    Sie kann manchmal knarren, sie kann klemmen, aber sie ist nie verschlossen.
    Balthasar Gracián y Morales

    In ewiger Liebe, deine Rani
Er wusste, was sie ihm damit sagen wollte, doch er fand nicht die Kraft, ihre Worte umzusetzen, über den eigenen Schatten zu springen. Dennoch realisierte er, dass es auf Dauer so nicht gut ausgehen könnte. Malaika war Aaminahs Freundin, die beiden standen sich sehr nah. Was zwischen ihren Männern vorging, würde beiden nicht verborgen bleiben und es würde seine Rani sicher grämen.

Das war das letzte, was Zafer wollte. Er hatte sie so sehr lieben gelernt, wie nichts anderes auf der Welt. Ist sie in Trauer, ist auch er in Trauer, ist sie glücklich, würde auch er glücklich sein können. Und schon tauchte sie vor seinem geistigen Auge auf. Er sah sie vor sich, wie sie ihm am Tag der Operation gegenüberstand. Behutsam tupfte sie mit dem Handtuch seinen Oberkörper trocken. Bei jeder Berührung verging der Schmerz für einen Augenblick und eine innere Wärme durchströmte ihn. Danach nahm er sie in den Arm, drückte sie sanft an sich. Er wollte sie niemals loslassen müssen, den Moment für immer festhalten.

Zafer fasste für sich selbst den Entschluss, dass er sie mit der ganzen Sache um Gassur nicht bedrücken sollte. Sie würde bestimmt ein schlechtes Gewissen haben. Das wollte er nicht. Andererseits wäre es viel leichter dem Drang nachzugeben, es alles herauszulassen. Das war jedoch keine Option für ihn, zu viel hatte sie schon in den letzten Tagen erleben müssen.

Es tat ihm so leid, dass sie etwas von der Operation mitbekommen musste, kaum vorzustellen, wie viele Sorgen sie sich wohl gemacht hatte. Doch wie immer war es seine Rani, die ihm danach wieder aufhalf. "Heute bist du einfach nur Zafer und darfst auch einfach mal meine Hand nehmen, um dir hochhelfen zu lassen. Immerhin könnte es sein, dass wenn wir alt sind, du die auch mal brauchst", hatte sie gesagt. Und so konnte er schon kurz nach dem überwältigenden Schmerz, welchen die Operation durch Rashid verursacht hat, wieder lächeln. Er sah die beiden vor sich: ein alter Menekaner, Hand in Hand mit der Liebe seines Lebens, sie beide in den Sonnenuntergang liefen. Ihre Schönheit würde nie vergehen, denn sie trug sie in ihrem Herzen. Eine angenehme Vorstellung, das mögliche Ende eines erfüllten Lebens...
Gast

Beitrag von Gast »

Mit der Zeit glätteten sich die Wogen wieder. Aaminahs Botschaft half Zafer dabei, von seiner sturen Haltung abzurücken. Sie hatte Recht. Er gehörte zur Familie und war ein treuer Freund. Die vielen gemeinsamen Erlebnisse und geteilten Erfahrungen sollten nicht durch einige unerfreuliche Ereignisse in Vergessenheit geraten.

Es schienen wahrlich wieder bessere Zeiten für Zafer und die Familie anzubrechen. Mit dieser Erkenntnis fiel eine große Last von ihm, denn die Verantwortung als Sajneen und Familienoberhaupt wog auch in ruhigen Zeiten schwer genug. Mit einem Gefühl der Befreiung und neuem Tatendrang machte er sich auf in die Eishöhle. Er wollte diese neu erstarkte Energie in ihm für die Jagd nutzen.
Zu selten ließ ihm die Verantwortung in Menek'Ur die Freiheit, sich auf die Meisterung seiner kämpferischen Fertigkeiten zu konzentrieren. Es war wichtig, in Form zu bleiben. Den Instinkt nicht verkümmern zu lassen, der ihn bis dahin aus so vielen Kämpfen siegreich hervorgehen oder zumindest mit dem Leben davon kommen lassen hatte.

Die Eishöhle schien ihm ein gutes Ziel. Schon bei früheren Erkundungen hatte er gemerkt, dass sein Körper in diesem ungewohnten Klima anders als in der vertrauten Wüste reagierte. Es war eine gute Möglichkeit, sich selbst für Schlachten unter anderen Bedingungen vorzubereiten. Er trieb sein Pferd in gutem Tempo zum Eingang der Höhle, band die Zügel um einen nahe gelegenen Baum und betrat das Innere des Felsmassivs über den engen Durchgang.

Die Wesen nahe des Eingangs streckte er mit gezielten Säbelhieben und Schüssen mit der schweren Armbrust nieder. Je nach Situation wählte er entweder den Nahkampf oder griff aus der Ferne an, wohl wissend, dass er keine der beiden Techniken vernachlässigen durfte. In der Wüste durfte man sich nicht nur auf eine Kampfart beschränken. Es gab zu viele Kreaturen, die bei der kleinsten Berührung große Mengen an Giften absondern konnten. Pusteln, eiternden Wunden, Krämpfe, Lähmungen der Gliedmaßen oder lebenswichtiger Organe. All das konnte man mit einem gut gezielten Bolzen vermeiden.

Immer tiefer stieß er in die Höhle vor, sein Blut berauscht von der steten Gefahr und der Präzision mit der er die lange einstudierten Tötungsmechanismen ausführte. Das Adrenalin in seinem Körper ließ nicht zu, etwas von der schleichenden Ermüdung seiner Muskeln zu merken. Die Sucht nach Gefahr und Herausforderung, die ob bewusst oder unterschwellig in jedem Krieger schlummert, trieb ihn immer weiter voran. Er hatte die Höhle schon hin und wieder allein erkundet.

Nach einer Windung eines mannhohen Ganges fand sich Zafer in einem größeren Höhlenraum wieder. Ein bekanntest Geräusch fuhr ihm durch Mark und Bein. Ein lautes Zischen, danach ein Fauchen. Schwefliger Geruch drang durch die Maske aus Balronleder in seine Nase. In einiger Entfernung konnte er die Umrisse eines Drachen ausmachen. Es war ein ausgewachsenes Exemplar, ein mehr als würdiger Gegner. Mit einem schweifenden Blick suchte Zafer das umliegende Gelände ab. Einige Gesteinsspitzen, die aus dem Boden ragten, sollten gute Deckung bieten können und auch von der Decke hing an einigen Stellen Geröll. Er lehrte eine Phiole, die seinen Körper vor Verletzungen schützen sollte und pirschte sich mit der geladenen Armbrust an den Drachen heran.
Er legte an und traf mit dem Bolzen den Hals des Ungetüms. Das Geschoss drang durch die widerstandsfähige Haut nicht tief ein.
Er warf der Armbrust unsanft hinter einen Geröllbrocken, befreite Säbel und Schild und ging zum Nahkampf über. Den Schild schützend vor sich haltend verkürzte er rasend die Entfernung zu seinem Gegner. Dabei nutzte er die Umgebung, um Deckung vor den Feuerstößen zu suchen, die immer wieder von der Bestie ausgestoßen wurden. Endlich in Hiebreichweite, nutzte er den Säbel um leichte Wunden an den Gliedmaßen des Ungeheuers zu hinterlassen. Dabei wich er den gefährlichen Prankenhieben aus oder versuchte sie mit Hilfe des Schildes von seinem Körper abzulenken.
Um einen weiteren Bolzen im Körper des Drachen zu platzieren, wich Zafer zurück. Wieder pirschte er zwischen den Felsen hin und her, um den Flammen zu entkommen. Wieder bei der Armbrust angelangt kauerte er sich hinter das schützende Geröll und spannte einen Bolzen ein.

Die Hitze in der Luft stand mittlerweile den Temperaturen in der Wüste um nichts nach. Die steten Feuerstöße wirkten auf das Felsgestein ein und weichten in Urzeiten zusammengewachsene Verbindungen aus Eis und Geröll auf. Zafer verließ die schützende Deckung, um einen weiteren Schuss mit der Armbrust zu platzieren. Er traf unweit des ersten, doch der Menekaner schlüpfte ohne auf den Treffer zu achten hinter den nächsten Geröllhaufen, um dem todbringenden Hauch des Drachen zu entgehen.

Plötzlich bahnte sich ein markerschütterndes Grollen den Weg durch das verzweigte Höhlensystem. Das Felsgestein war instabil geworden und Teile der Höhlendecke hatten die beiden Streiter im Kampf auf Leben und Tod jäh unterbrochen. Vom Drachen war nur noch ein kümmerliches Schnaufen unter einem großen Geröllberg zu vernehmen, doch auch dem Wüstensohn ging es nicht besser. So fern seiner Heimat lag er auf dem Boden, durch einen riesigen Felsbrocken an den Boden gefesselt. Das Gewicht des Gesteins hatte seine Beine zermalmt und nur ein unförmiges Gemisch aus Metall, Fleisch und Knochen zurückgelassen. Sein Verstand gaukelte ihm schier unerträgliche Schmerzen in den beiden Gliedmaßen vor. Das dunkle Gestein versperrte die Sicht auf das volle Ausmaß des Elends, dass Zafer widerfahren war. Bewegen war unmöglich geworden. Heimkehren war unmöglich geworden.

Mit dieser Erkenntnis wurde ihm heiß und kalt zu gleich. Der Schmerz wurde für einen Moment zur Nebensache und wie wild versuchte er mit den Armen einen Ausweg aus der Felslawine zu schaffen. Es half nichts. Der Menekaner stieß einen Schrei voller Wut und Verzweiflung aus. Kurz darauf schossen ihm Tränen in die Augen und die Sicht verschwamm. Resignation unterminierte seinen Verstand. Zafers Geist glitt in eine Art Delirium, eine Flucht vor der ausweglosen Lage.

Er sah die Umrisse einer lieblichen Gestalt. Sie war vertraut, doch ihr Gesicht war verschwommen. Er wollte ihr näher kommen, um das Gesicht zu erkennen zu können. Zafer wusste, dass es seine geliebte Aaminah war. Er musste zu ihr. Die Erinnerung an ihre vertraute Stimme halte durch seinen Kopf. "Komm zu mir, komm nach Hause", spornte sie ihn an. Die in Gedanken unversehrten Beine trugen seinen Körper näher zu ihr, bis er sie mit einem glückseligen Lächeln auf den Lippen in die Arme schließen konnte.

In der Eishöhle blieb ein lebloser Körper zurück, das Gesicht zu einer schmerzerfüllten Fratze verzerrt. Ein letzter Regen aus Felsbrocken, der sich von der Höhlendecke löste, begrub die Überreste unter sich. Falls die Leiche irgendwann, durch eine Laune der Natur, wieder zum Vorschein kommen sollte, ist fraglich, ob der Entdecker weiß, dass hier Zafer Asim Ifrey, ehemaliger Sajneen und Oberhaupt der Familie Ifrey ein natürliches Grab gefunden hat.
Antworten