Den Blick auf das weite Meer gerichtet, rieb er sich mit der behandschuhten rechten Hand die linke. Der Finger schmerzte stärker, als er es jemals tat. Seltsam, war er doch schon seit mehreren Tagen kein Teil seines Körpers mehr. Rashid hatte ihm erklärt, dass dies nichts Ungewöhnliches sei. Der eigene Körper scheint einem manchmal streiche zu spielen. Vielleicht eine Lektion, eine zusätzliche Strafe, die an die vorausgegangene Dummheit erinnern soll.
Er setzte sich ans Ufer und sein Gedanken verloren sich in den mannigfaltigen Blau- und Grüntönen, die ein atemberaubendes Spektakel für das Auge boten. In den Händen dreht er die Botschaft seiner Rani, die er vor kurzem erhalten hatte. Seltsam was in letzter Zeit alles vor sich ging. So viel hatte sich verändert und manches blieb doch immer gleich.
Die Nachricht trieb seine Gedanken zurück zu dem unleidigen Thema, was ihn seit einiger Zeit in Sorge versetzte. Ich bin selbst schuld, dachte er, ich wollte sie dort heraus holen und Gassur schien dafür geeignet. Wie hätte ich ahnen sollen, wo das ganze hinführt? Zafers Blick wanderte wieder zu seiner versehrten Hand. Er sah es als eine Strafe für seine Kurzsichtigkeit. Halsüberkopf hatte sich sein Cousin scheinbar in diese Natifah verliebt. Gassur setzte mit seinen unüberlegten Aktionen nicht nur den Ruf der Familie aufs Spiel. Gerade als so hochrangiger Würdenträger sollte er es doch besser wissen. Er hatte ihm sein Wort gegeben und sie hatten sich geeinigt. Davon war in Gassurs Taten nicht mehr viel zu erkennen.
Natürlich, sein Cousin hatte ihm vieles gestanden, doch ob er die ganze Wahrheit zu hören bekam, würde Zafer wohl nie erfahren. Gassurs Brief ließ er unbeantwortet, er wusste nicht, was er darauf noch sagen sollte. Das Briefpapier war blutverschmiert. Rote tropfen, die aus der Wunde gelaufen waren, die er sich selbst nur notdürftig am Abend davor verbunden hatte und die letzten Endes im Verlust seines Fingers gipfeln würde. Viele Worte waren schon gesprochen worden, doch die Absolution, die alles so erleichtert hätte, konnte Zafer seinem Cousin und hierbei noch wichtiger, seinem Freund, nicht erteilen.
Da Talib so lange abwesend war, musste er sich um die Familie kümmern. Es war seine Pflicht zum Wohle der Familie zu entscheiden. Wenn schon Gassur das nicht mehr zu interessieren schien, musste er umso mehr darauf Acht geben. Dass die Liebe einem den Kopf verdrehen kann, war nichts Neues für Zafer, aber er würde es Gassur nicht durchgehen lassen können. Nicht als stellvertretendes Oberhaupt und nicht als Freund. Wenn man sich nicht mehr auf das Wort eines Mannes verlassen konnte, worauf dann?
Scheinbar hatte sich alles herumgesprochen und in der Stadt wurde getuschelt. Wie immer waren die Gerüchte wahrscheinlich verdreht, ausgeschmückt oder interpretiert worden. Mit Sicherheit sogar alles zusammen. Doch es war wirklich alles andere als gut für das Haus und es musste aufhören. Die Sache würde sich sicher beruhigen, wenn der Brautpreis übergeben war und die beiden verheiratet. Zum Glück war es nicht mehr lange hin.
Dennoch machte sich Zafer keine Illusionen. Er hatte womöglich den einzigen richtigen Freund verloren, den er hatte. Er sah keinen Weg, wie sich das jemals wieder ändern könnte, zumindest nicht, dass es wieder so werden könnte wie früher. Und da rollte er die kleine Botschaft von Aaminah auseinander. Wenige Worte in denen jedoch so viel verborgen lag.
Er wusste, was sie ihm damit sagen wollte, doch er fand nicht die Kraft, ihre Worte umzusetzen, über den eigenen Schatten zu springen. Dennoch realisierte er, dass es auf Dauer so nicht gut ausgehen könnte. Malaika war Aaminahs Freundin, die beiden standen sich sehr nah. Was zwischen ihren Männern vorging, würde beiden nicht verborgen bleiben und es würde seine Rani sicher grämen.Aaminah Faghira Ifrey hat geschrieben:
Balthasar Gracián y Morales
Das war das letzte, was Zafer wollte. Er hatte sie so sehr lieben gelernt, wie nichts anderes auf der Welt. Ist sie in Trauer, ist auch er in Trauer, ist sie glücklich, würde auch er glücklich sein können. Und schon tauchte sie vor seinem geistigen Auge auf. Er sah sie vor sich, wie sie ihm am Tag der Operation gegenüberstand. Behutsam tupfte sie mit dem Handtuch seinen Oberkörper trocken. Bei jeder Berührung verging der Schmerz für einen Augenblick und eine innere Wärme durchströmte ihn. Danach nahm er sie in den Arm, drückte sie sanft an sich. Er wollte sie niemals loslassen müssen, den Moment für immer festhalten.
Zafer fasste für sich selbst den Entschluss, dass er sie mit der ganzen Sache um Gassur nicht bedrücken sollte. Sie würde bestimmt ein schlechtes Gewissen haben. Das wollte er nicht. Andererseits wäre es viel leichter dem Drang nachzugeben, es alles herauszulassen. Das war jedoch keine Option für ihn, zu viel hatte sie schon in den letzten Tagen erleben müssen.
Es tat ihm so leid, dass sie etwas von der Operation mitbekommen musste, kaum vorzustellen, wie viele Sorgen sie sich wohl gemacht hatte. Doch wie immer war es seine Rani, die ihm danach wieder aufhalf. "Heute bist du einfach nur Zafer und darfst auch einfach mal meine Hand nehmen, um dir hochhelfen zu lassen. Immerhin könnte es sein, dass wenn wir alt sind, du die auch mal brauchst", hatte sie gesagt. Und so konnte er schon kurz nach dem überwältigenden Schmerz, welchen die Operation durch Rashid verursacht hat, wieder lächeln. Er sah die beiden vor sich: ein alter Menekaner, Hand in Hand mit der Liebe seines Lebens, sie beide in den Sonnenuntergang liefen. Ihre Schönheit würde nie vergehen, denn sie trug sie in ihrem Herzen. Eine angenehme Vorstellung, das mögliche Ende eines erfüllten Lebens...