Es war bereits die dritte Nacht.
- Er war vorbereitet.
Ein abgenutztes Fell als Unterlage; zwei Decken, von denen eine einmal ein Umhang war; drei Kissen, zwei alte und eines mit dem Duft einer Frau; ein auf der Außenseite rostiger Topf, um darin Wasser erwärmen zu können; genügend Teeblätter, um den ganzen Winter durch zu stehen - und ein wenig Brot, Obst und Nüsse.
Er war vorbereitet.
Seine Notizmappe lag bereit und er hatte sich sogar einen neuen Kohlestift besorgt, nachdem ihm der letzte Stummel zerbröselt war; er hatte das Buch der Arcomaga über die Wesen der Zwischensphären in der Tasche, obwohl er es schon drei oder viermal nach Wissen durchforstet hatte; seine eigenen Aufzeichnungen über Sphärenmagie aus dem Unterricht und den Erfahrungen der letzten Wochen; ein halbes Tintenfässchen, eine Schreibfeder, ein kleines Messer zum spitzen.
Er war vorbereitet.
Er hatte Steinchen vom Unheilsberg und den Orkkavernen, Sand vom Strand in Tiefenberg und aus Menek'ur, Dreck aus den letzten Ecken und Enden der Welt; er hatte Wassertropfen aus Bächen, Flüssen, Seen, Tümpeln, den Morgentau von Blättern und den Nebel der Nacht, Regen in allen Variationen und natürlich geschmolzenen Schnee; Er hatte sogar eine Reihe scheinbar leerer Phiolen mit Luft und Wind und Sturm und Stille von den verschiedensten Ecken des Kontinents, er hatte Harpienfedern und den weichen Flaum von jungen Küken; Nur das flüchtige Feuer konnte er nicht zähmen, ohne es zu verlieren.
Er hatte sich der Elegida freiwillig angeboten, die Nachtwache zu übernehmen. Es war ihr vermutlich klar, was er vor hatte. Er hatte bemerkt, wie sie ihn ansah, als er nicht einmal versuchte seine Unzufriedenheit zu unterdrücken. Und sie wusste auch ganz genau, dass er vermutlich der Letzte in der Reihe wäre, der sich für irgendetwas freiwillig melden würde. Zumindest nicht aus reiner Gutmütigkeit, aus verkanntem Heldenmut oder fehlender Todesangst, wie manche aus seiner neuen Verwandschaft.
Nein - es war natürlich nicht freiwillig. Es war notwendig.
- Es hatte einen Maestro, eine Elegida, zwei Magister, einen Magus und einige unbedeutende Krümel benötigt, um das Ritual zu vollführen. Einer dieser Krümel hatte den Magister noch rechtzeitig gefragt, ob es einen Plan gäbe, weil er die Absurdität der Situation schon von weitem hatte heranschwappen sehen.
Natürlich gab es einen Plan!
Natürlich gab es keinen Plan. Eine Tat, um etwas getan zu haben. Blinder Aktionismus, um sich danach zurück zu lehnen und guten Gewissens die Verantwortung auf andere abschieben zu können. Der Brief über den vermeintlichen Erfolg war schon verschickt, bevor auch nur ein zweiter Blick auf das Ergebnis geworfen wurde. Vielleicht wollte man auch einfach nicht hinter dem Konzil zurückbleiben und musste auf ihren 'Ihr müsst intelligenter sein!'-Erfolg etwas noch weniger aussagekräftiges Stapeln. Politik. Wer verstand davon schon wirklich etwas?
Die erste Nacht über hatte ihm der Magister Gesellschaft geleistet. Ob aus Solidarität, Langeweile, Schuldgefühlen oder Erschöpfung war ihm eigentlich vollkommen egal. - Es war eine gute, unterhaltsame Nacht mit vielen interessanten Gesprächen.
- Vermutlich hätte ihn der Magister sogar bei seinen Experimenten unterstützt, aber er hatte sich dem System klarer Hierarchien zu beugen, auch wenn ihm das schwer fiel. Der Plan des Magisters war die Wesenheit zu vernichten. Der Befehl der Elegida war eindeutig. Sie wollte das Ding nicht auf ihrem Ritualplatz haben.
Es lag schlicht nicht in seiner Macht sich dagegen zu stellen. Zumindest nicht offen.
Die Tatsache, dass der Maestro aus seiner persönlichen Macht heraus etwas geschaffen hatte, was weder Elegida, noch Magister in irgend einer Art und Weise beeinflussen konnten erzeugte in ihm eine paradoxe Mischung aus Emotionen und Gedanken. Es war beeindrucken. Es war erschreckend. Es war enttäuschend. Es war erheiternd. Es war verwirrend. Aber vor allem war es gut.
Zumindest der Maestro schien der gleichen Auffassung zu sein, wie er selbst: Man betreibt keinen riesigen Aufwand, um etwas lebend zu fangen, nur um es nach einem Wimpernschlag zu töten.
Er drapierte die einzelnen Paraphernalien an den dafür vorgesehenen Spitzen des Pentagrams. Er hatte in den letzten Tagen viel über die Symbole und ihre Wirkung gelernt.
Verstärkung. Genau das, was er mit seinen jämmerlichen Fähigkeiten brauchte, um sich an dem Studienobjekt zu schaffen zu machen.
- Es war sein erstes richtiges Ritual gewesen. Er hatte zum ersten Mal die Verantwortung für ein Element übernommen. War Werkzeug, Verbindung und Quelle zugleich. Auch wenn ihm die Magistra zuarbeitete, ihn auf seinen ersten, wackeligen Schritten mit Geduld, Erklärungen und Magie unterstützte: Es war seine Aufgabe. Und damit auch sein Erfolg.
Er konnte diesen einen, halben Schritt zur Seite der Magistra kaum hoch genug anrechnen. Er hatte in diesen Momenten mehr gelernt, mehr erfahren, mehr gespürt und mehr gewirkt, als in den vielen Wochen zuvor. Sie hatte etwas gut bei ihm. Auch wenn sie es vermutlich nicht einmal wusste. Auch wenn es sie vermutlich nicht einmal interessierte. Aber Vergessen war noch nie eine seiner Stärken gewesen.
Er umzirkelte noch einmal sein Werk. Erde, Wasser, Luft und Feuer. Für letzteres musste eine der Kohlepfannen herhalten, die er direkt vor die entsprechende Spitze gezerrt hatte. Aber ein Pentagram hat, wie sollte es auch anders sein, fünf Spitzen. Der Platz war eingenommen und er versuchte die schrecklich laute Mischung aus Gedanken, Plänen, Erinnerungen und dem immerwährenden Klang des Liedes aus seinem Fokus zu verdrängen. Er musste sich ..
- Meditation. Was für eine unerwartete Erfahrung.
Er hatte weder Augen, noch Ohren getraut, als er den Unterricht dazu besuchte. Entspannungsübungen. Atmen. Den Geist leeren. Lautenklänge. Säuselnde Stimmen. Hätten ihn nicht die roten Locken der Lehrmeisterin zu überaus weltlichen Träumereien verleitet, hätte er sich womöglich übergeben müssen.
Meditation. Was für ein missverstandenes Konzept.
Es ging nie darum sich zu entspannen. Im Gegenteil. Spannung ist sogar gut und wichtig. Es geht um Konzentration. Es geht um Fokus. Es geht darum, seinen Willen zu bündeln, nicht zu leeren. Wenn man sich entspannen will, legt man sich in eine heiße Quelle oder ein Freudenhaus. Aber es ist dringend davon abzuraten in diesem Moment an dämonischen Kräften zu forschen.
Meditation. Was für eine unnötige Erfindung.
Sich auf das Lied einstimmen, tiefe Atemzüge nehmen, den Blick in die Ferne schweifen lassen - oder die Augen schließen, die Muskulatur entspannen, leises Summen.
Nein. Das ist so, als würde man eine Säge oder eine Angel benutzen, um einen Nagel ins Holz zu schlagen. Es geht. Und man schlägt sich mit Sicherheit nicht auf den Daumen. Aber es gibt bedeutend effektivere Werkzeuge für diese Aufgabe.
Ein kleiner Schnitt in die Handfläche. Schmerz. Fokus. Er war in einem Herzschlag hellwach und höchst konzentriert. Er kannte seinen eigenen Körper mittlerweile gut genug, um daraus Kraft zu ziehen, statt sich ablenken zu lassen. Noch bevor der erste Tropfen Blut den Boden unter ihm berührte, hatte er bereits vergessen, dass dort eine kleine Wunde war.
Erst die Erde, dann das Wasser, dann die Luft - und zum Schluss das Feuer. Der junge Magier bemühte sich bis an die Grenzen seiner Fähigkeiten. Und, wie es sich für seine Gattung gehört, einen Schritt darüber hinaus.
Doch es kam, wie es kommen musste. Alle seine Versuche prallten an der Blase ab. Jegliche Energie, die er darauf verwendete sie auf die Barriere zu schleudern, glitt über die Oberfläche hinweg und verlor sich wieder im Lied. Die Blase hatte nicht einmal einen eigenen Klang, den man spüren oder berühren konnte, war wie ein tiefes Loch, dessen Boden man nicht sehen konnte. Er war sich nicht einmal sicher, ob sie wirklich existierte oder nur eine Illusion in seinem Kopf war. Sie lies sich nicht durchdringen, nicht bewegen, nicht verändern. Es war das mit Abstand komischste, was er bis jetzt beobachten durfte.
An Manipulation war schlicht nicht zu denken.
Und so beschränkte er sich nach vielen, stundenlangen Versuchen darauf zu beobachten. Die einzige Erkenntnis war, dass sich das Wesen von sich aus nicht veränderte. Es war, was es war. Und tobte. Und wirbelte in seinem Gefängnis hin und her. Und blieb, was es war.
- Er hatte über den Tag hinweg Ablenkung gesucht. Wollte sich nach anstrengenden Abenden, schlaflosen Nächten und trägen Stunden mit der ein oder anderen Geschichte aufheitern lassen. Vielleicht auch, um die Welt noch einmal zu genießen, bevor sie von den Schatten zerrissen wurde.
Doch selbst dieser Versuch scheiterte für ihn. Sie stellte die falsche Frage, er gab die richtige Antwort und verschreckte damit nicht nur seine Gesprächspartner, sondern lockte sich selbst auch wieder zurück zu den Gedanken der Nacht.
Es lies ihn einfach nicht los, so sehr er auch wollte. Und die wenigen, die dafür Verständnis zeigten und seine Sicht teilten waren weit über den Kontinent verstreut. In allen Akademien fielen ihm Lichtblicke auf, die drohten im Strudel von alten Strukturen und blindem Tatendrang zu verblassen.
Erst als ihn die Vögel darauf aufmerksam machten, dass die Nachtwache ihr Ende gefunden hatte, wurde ihm bewusst, dass er die letzte Stunde der Nacht vom Schlaf übermannt worden war.
Am frühen Morgen wurden noch einmal die angegammelten Tierkadaver begutachtet, bevor er sie mitsamt der Paraphernalien der letzten Nacht säuberlich vom Ritualplatz entsorgte.
Putzen konnte er mittlerweile gut.