Wohin der Weg führt

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Wohin der Weg führt

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Bei Eluives Liebe.
Alreidis lies sich langsam mit dem Rücken zur kühlen Mauer herabsinken und bettete die Stirn endlich auf den Knien.
Bei Eluives Liebe.
Nur, dass Eluive sie hier, an diesem Ort, diesem von Allem, an das sie bisher in ihrem Leben geglaubt hatte so weit entferntem Ort, gewiss nicht erhören wollte oder würde.
Und doch war sie hier. War sie freiwillig hier.
Düster ragten die Häuser vor dem Nachthimmel auf, reckten sich die Dächer empor als wollten sie das Licht der Sterne von den Straßen fernhalten. Der Nachtwind raschelte unheilvoll in Efeuranken und Gebüschen, kroch durch die Gassen, säuselte unheilvoll um die Häuserecken, zupfte an ihrem Haar. Alreidis schloss die Augen, presste die Lippen zusammen und atmete mühsam durch.
Was tat sie hier? Hier, in den Straßen der größten Stadt der Anhänger Alatars, die sie kannte?

Es war, als hätten die Götter sich tatsächlich von ihr abgewandt. Schritt für Schritt, Stück für Stück, in den letzten Monaten und Jahren, in der Zeit, in der sie so gekämpft hatte – in ihrem Namen, im Namen all dessen, mit dem sie aufgewachsen war, an das sie geglaubt hatte.
Aber vielleicht war es auch nur ihre Prüfung gewesen, um zu sehen, ob sie von wahrlich treuem Herzen war, ganz gleich, was ihr wiederfuhr. Doch nun saß sie hier, in irgendeiner schmalen Gasse Rahals, wo sie Schatten sie zu verschlucken drohten. In diesem Moment hatte sie keinerlei Anrecht mehr, sich von den Göttern verlassen zu fühlen. Sie war es, die die Götter verlassen hatte. So und nicht anders mussten die Götter von ihr denken, ungeachtet der Tatsache, dass sie doch nach wie vor einen großen Raum in ihrem Herzen einnahmen.
Jenen Raum, der nicht von den nagenden, düsteren Zweifeln angefüllt war, die sich in ihr Herz geschlichen hatten, als sie es noch für unmöglich gehalten hatte. All ihr Streben, all ihr Handeln, stets war es den Worten und Werten der Götter, ihrer Götter, gefolgt. Und plötzlich schien Er, der All-Eine, ihr nahe. Wie eine düster verhüllte Gestalt, die die ganze Zeit hinter ihr gestanden hatte, vom unwilligen Auge übersehen, der Zeit harrend, in der sie sich umdrehen würde.

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Die Banner und Fahnen, die sich stolz über den Dächern Adorans erhoben, knatterten zackig im Wind. Dann und wann ging ein Schauer über der Stadt nieder, doch auch die sporadischen Regenwolken konnten den prunkvollen, farbenfrohen Eindruck kaum schmälern. In Adoran erschien alles ein wenig lichter, ein bisschen bunter, ein bisschen lebendiger als in anderen Städten, die sie kannte.
Doch was mochte hinter den hellen Fassaden stecken? Am Ende waren es nur Wände, waren es Dächer, waren es Mobiliar und Dekorationen. Was sich in Wahrheit dahinter verbarg, das konnte kein Auge beurteilen. Nur der Verstand und das Herz vermochten hinter die Dinge zu sehen, an denen der Blick aufgehalten wurde.
Städte waren am Ende auch nichts anderes als Menschenwerk. Und wie die Menschen konnte sich hinter einer Fassade alles verbergen. Alle Abgründe, zu denen der Mensch fähig war. Vielleicht auch alle Tugenden. Das mochten die Götter Wissen. Die Abgründe jedoch, die offenbarten sich in so manchem Menschen. Willkür und Niedertracht. Wieviele Menschen, die nach außen hin ein strahlendes Ornat, eine stolze Uniform trugen, waren in den tiefen ihres Herzens verdorben, von kalter Gier und wahllosem Opportunismus getrieben, die sie mit hohlen Worten als vermeintlich ehrenvolles Handeln zu tarnen trachteten. Und gar zu viele Menschen verschlossen die Augen vor ihren hohlen Reden und betörenden Worten. Sie sahen, was sie sehen wollten, hörten, was sie hören wollten.
Und vielleicht taten die Götter es ihnen am Ende gleich, verschlossen die Augen. Ließen jene, die vorgeblich in ihrem Namen stritten gewähren, obwohl das, wofür die Götter eigentlich standen, mit Füßen getreten wurde.
Oder vielleicht waren auch die Götter nichts weiter als ihre Fassade. Und dahinter schlummerte etwas ganz anderes.

Die Stimme des Diakons in der Kirche zu Adoran hallte klar von den Mauern des hohen Kirchenschiffes wieder. Mit gedrückter Stimmung hatte man sich hier versammelt, die Beisetzung einer gefallenen Soldatin zu begehen.
Neben Sal auf einer der hinteren Bänke sitzend, wanderte Alreidis’ Blick nachdenklich über die Anwesenden. Es war ihr ein seltsames Bedürfnis gewesen, einmal wieder einen Götterdienst aufzusuchen. Doch nicht das erhoffte Gefühl von Zugehörigkeit und Schutz war eingetreten, sondern nur die schale, staubige Verlassenheit, die sich immer öfter in ihrem Herzen ausbreitete, wenn sie an den Glauben dachte, in dem sie aufgewachsen war. Die Götter, denen sie stets vertraut hatte, in die sie ihre Hoffnung gesetzt hatte, zu denen sie gebetet hatte. Und die die doch Mal um Mal zuließen, dass man ihre Werte verriet, dass ihre vorgeblich engsten Diener wider aller Moral handelten, die die Götter lehrten. Oder war es wie bei so vielen jener, die versucht hatten standzuhalten, trotzig für das einzutreten, an das sie glaubten – hatten auch die Götter lange resigniert und den Kampf aufgegeben?
Rede um Rede wurde über die Gefallene gehalten. Worte, die davon zeugten, dass man sie wertgeschätzt hatte, oder doch zumindest den Eindruck erwecken wollte, dies getan zu haben. Alreidis’ hatte sie nie kennengelernt. Vielleicht war sie ein guter Mensch gewesen. Vielleicht nicht.
„Ob sie wirklich so war?” flüsterte sie leise zu Sal herüber.
Der unauffällige junge Mann mit dem dunklen Haar hob müde die Schultern. „Wahr ist, was am Ende weitererzählt wird”, raunte er zurück.
Alreidis krauste unzufrieden die Stirn. „Man kann noch so viel reden. Eine Lüge wird davon nicht wahr. Und mögen auch die Götter selbst die Augen verschlossen halten!”
Sals Aufmerksamkeit war längst zum Redner zurückgekehrt. Resigniert senkt Alreidis den Blick auf die Bodenfuge vor sich herab.
Leise rauschte vor den Kirchenfenstern ein weiterer, kurzer Regenschauer auf die Stadt herunter.


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Nachdem man ihr, halb spöttisch, halb hilfreich, erklärt hatte, dass die Rashar für Menschen noch viel ungewöhnlicher und erschauderlicher wirken würden als die Letharen, war Alreidis vom Anblick dieses Wesens, das weit größer als sie und mit überaus erschreckend ausgeprägten Hörnern ausgestattet war, zumindest nicht derart überrascht gewesen wie von ihrer ersten Begegnung mit einer Letharin. Tatsächlich hatten sich die Begegnungen auch maßgeblich unterschiedlich abgespielt. Während die Letharin, diese Jexxe, recht agressiv und unerfreulich wirkte, schien zumindest der Rashar, den sie kennengelernt hatte, von freundlichem Gemüt.
Er war es gewesen, der ihr im Tempel aufgeholfen hatte, als ein Fremder sie absichtlich zu Fall gebracht hatte. Ob es Teil des Plans der Clerica gewesen war oder ein willkommener Zufall wusste sie nicht – aber die Clerica hatte es zielsicher in ihrer Argumentation genutzt. Mochte sie auch insgesamt nicht im Ansatz so wahnhaft und blutrünstig wirken, wie manch Geweihter der Götter in der Vergengenheit gepredigt hatte – die Berechnung war leicht zu bemerken, und Alreidis traute den Priestern Alatars trotz all ihrer Zweifel an jenem Glauben, in dem sie aufgewachsen war, jegliche Zweizüngigkeit, Manipulation und Berechung leicht zu. Man musste wachsam bleiben.

Diese Rashar jedenfalls schienen trotz ihrer Zugehörigkeit zum Alatarischen Reich gänzlich anders. Sie mochten erschauderlich aussehen – aber nichts von ihrem Äußeren fand sie in ihrem Wesen wieder. TroshKaMer war der Name jenes Rashars gewesen, der ihr geholfen hatte, und ihr später draußen, vor dem Tempel, jene tröstlichen Worte mitgegeben hatte, als das Gespräch mit der Clerica ihr bewiesen zu haben schien, dass die Lehren Alatars auch nicht allzu viel wert sein konnten. Wo die Lehren der Götter Ehre, Moral und das vermeintlich Gute verhießen, lebten die Menschen nur Opportunismus und Machtgier. Doch die Clerica verhieß Hass als den Weg Alatars. Wie abgestumpft musste ein Mensch sein, um sich freiwillig einer solchen Lehre hinzugeben! ...und doch waren da auch Gedanken von Aufrichtigkeit und Freiheit, von einer ehrlicheren Struktur eines Reiches als jenes, das sie kannte. Doch ob sie auch nur im Ansatz hielten, was sie versprachen?
TroshKaMer jedoch schien guter Dinge. Hass sei gar nicht nötig. Zorn reiche völlig aus.
Und Zorn, den hatte sie genug. Zorn war etwas ehrliches. Er trachtete nicht danach, wahllos zu zerstören, er trachtete nicht nach Untergang oder unnötigem Schmerz. Zorn richtete sich geradewegs auf sein Ziel, um es zwar mit der nötigen Kraft, aber mit so wenig unnötiger Pein als nötig zu treffen. Kein Beigeben um des lieben Friedens Willen. Unnachgiebig, aber klaren Werten folgend.
Ahamanis Glut, das war der Segen, den die Rashar wünschten. Welch gänzlich anderer Gruß als jener, den noch gestern jener unsympatische Ritter Durion im Dorf der Rashar geäußert hatte. Da war er wieder gewesen, der „Hass”, den sie predigten. Es musste wahnhaft sein, zumindest wirkte dieser Durion gewiss nicht von klarem, kühlen Verstand – eher wie ein rasendes, gieriges Tier, das sich nur kurzfristig gebremst hatte, um zu lauern, auf Beute zu warten.
Einmal mehr war es ein Rashar, der ihr das aufkeinemde Entsetzen vor dem Weg, den sie erkundete, nahm. KaChaRii, der sie kaum eine Stunde gekannt hatte, hatte sich in den Weg gestellt, als jener finstere Lethar, der den Ritter begleitet hatte, sie anstarrte wie ein Opferlamm. Und auch die Rashar, so hatten sie Alreidis später versichert, waren nicht von diesem Durion und seiner Begleitung überzeugt. Offenbar war nicht jeder davon überzeugt, dass Hass das ausschlaggebende Element der Lehren Alatars war.

Am Ende war es auch Ahamanis Segen, der sie zurück auf die Straße geleitete, auf den Weg zu Beylas Hof, auf dem sie dieser Tage gegen einen Schlafplatz das Obst erntete und die Tiere fütterte. Ahamani, die Tochter Alatars. Glut, nicht Zerstörung. Zorn, nicht Hass. Sie war gewiss keine Göttin, der Menschen bisher gefolgt waren. Aber erstmals seit Monaten fühlte Alreidis einen Deut von Hoffnung in sich aufsteigen, als sie an die Gottheit der Rashar dachte. Zum ersten Mal fühlte es sich richtig an, einen Abschiedsgruß im Namen einer Gottheit, die nicht Teil der Götter Alumenas' waren, zu erwiedern.

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Zuletzt geändert von Gast am Mittwoch 2. September 2015, 22:11, insgesamt 1-mal geändert.
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Menschen. Je länger man darüber nachdachte, desto verlogener und elender wurde der Mensch als solcher.
Im Grunde kam es doch gar nicht darauf an, welcher „Seite” sie angehörten, welche vorgeblichen Werte sie vertraten, welche Ziele sie hatten. Menschen lebten, bis auf wenige Ausnahme, zu genau dem einen Zweck, ihren Vorteil zu erlangen. Werte hielten sie nur so lange in Ehren, bis sie diesem Ziel abträglich waren. Danach änderten sie bedenkenlos ihre Meinung, vertraten das Gegenteil und taten empört, wenn die Sprache darauf kam, dass sie alles verraten hätten, wofür sie standen.
Nichts als Heuchelei.
Das lichte Pantheon – was für überholte Begrifflichkeiten, von Licht und Dunkel zu sprechen – mochte hehre Ziele haben und Werte, die einleuchtend und unterstützenswert klangen. Aber welchem Menschen bedeuteten die Götter schon noch etwas. Die einen Priester waren hilflos und mischten sich lieber nicht ein, die anderen machtbesessen und bereit, unter dem Deckmantel ihrer Kirche den Leitbildern ihrer eigenen Götter zuwider zu handeln, wenn es ihnen persönlich mehr Gewinn brachte.
Manchmal war Alreidis sich nicht sicher, ob die Götter überhaupt noch Notiz nahmen vom egoistischen, machtgierigen Treiben auf der Welt, oder ob sie sich lange abgewandt hatten von ihren Kindern, resigniert ob der Wege, die sie eingeschlagen hatten.

Die Dächer Rahals ragten stoisch in den trüben Tag hinein, gleichmütig, düster, wie es der Stil der Stadt war. Als habe man sich auf die unsubtilste aller mögliche Arten vom grellen Adoran abheben wollen. Es erfüllte das Klischee der ‘dunklen Seite’ und zementierte das Bild des dummen Menschen, der in sich selbst, in der gesamten Masse weitgehend gleichförmig verdorben war, sich aber krampfhaft an einem ‘wir’ und ‘sie’ festhielt. Lächerlich.
Alreidis schnaufte unzufrieden, als sie den Weg von Beylas Hof zum Stadttor zurücklegte, den Blick auf die finstere Stadtmauer gerichtet.
Im alatarischen Reich seien die Dinge anders, hatten die Clerica und der Ritter stolz verkündet. Sie würde schon sehen.
Und sie war mehr als bereit, zu sehen, sich den einen Ort auf der Welt zeigen zu lassen, an dem eine Gruppe von Menschen wenigstens noch so viel Anstand im Leibe hatte, zu einer einmal gewählten Weltanschauung zu stehen. Aber nach allem, was sie bisher davon gesehen hatte, war es hier nicht anders als im Osten. Heuchelei und Opportunismus. Sie hatte mindestens zwei Personen kennengelernt, die ihren brennenden Glauben an die Götter so rasch mit einem ebenso brennenden Glauben an den All-Einen ausgetauscht hatten, wie sie des Morgens ihre Unterwäsche. Sie hatte jenen „Bürgerkrieg” verfolgt, den die Schatten des Panthers gegen die Rahaler Garde ausgesprochen hatte. Sie hatte in den drei Rittern Alatars, die sie bisher kennengelernt hatte, drei derart unterschiedliche Wertvorstellungen gesehen, dass es einem Possenspiel zu entstammen schien – nur einen davon, der den Begriff „Wertvorstellung” in Zusammenhang mit seinem Namen überhaupt verdiente. Sie hatte das Verhalten manch eines offenbar angesehenen Bürger Rahals beobachtet, die sich, ebenso wie die Gecken der Städte Alumenas’, um jeden Preis in Position zu rücken und zu profilieren trachteten.
Was spielte es da für eine Rolle, ob sie in Temoras Namen grüßten oder in jenem Alatars. Was spielte es da für eine Rolle, ob sie dem König huldigten oder dem Alka. Die meisten von ihnen waren jederzeit bereit, alles zu verraten, für das zu stehen sie vorgaben, wenn es eben gerade einfacher oder erfolgversprechender wäre.
Und wenn sie eines nicht ausstehen konnte, dann war es Opportunistenpack. Gleich welcher Seite es momentan angehörte.

Die Straßen und Gassen lagen verschlafen da. Letzte Pfützen des nächtlichen Regens ließen die Pflastersteine glänzen, als ihre Schritte sie nach Norden führten.
Sie hatte sich schwer getan mit dem Angebot des Ritters, das indirekt wohl schon einige Wochen eher gefallen war. Sie hatte sich nicht wieder an etwas binden wollen, das am Ende den Abgründen des Menschen selbst zum Opfer fallen würde – wie nahezu alles, an das sie bisher geglaubt, für das sie bisher gekämpft und gestanden hatte. Dazen Wolfseiches Versicherung, bei den Prätorianern sei alles anders hatte sie kein Stück überzeugt. Sie war sich mittlerweile recht sicher, dass es keine Gemeinschaft geben konnte, von denen nicht der größte Teil leichtgläubig oder mitläuferisch war, ein Teil machtgierig und bestrebt, das Szepter an sich zu reißen, ein Teil nachgerade intrigant zu ausschließlich dem eigenen Wohle – und der letzte, kleinste Teil, bei allen respektablen Absichten, machtlos gegenüber dieser Konstellation, die stolz die selben Farben trug, aber bereitwillig alles verraten würden, sollte es sich ergeben.
Aber des Ritters Herausforderung, ihr dies beweisen, falls sie es vermochte, hatte sie gereizt. Und so hatte sie das Angebot angenommen. Den Schutz der Gemeinschaft gegen ihre Unterstützung. Und für sie die Möglichkeit, entweder diesen einen Ort auf der Welt zu finden... oder zumindest ein für alle Mal die Gewissheit, dass der Mensch selbst der Kern allen Übels war, an dem es nichts zu rütteln, zu hadern oder zu hoffen gab.

Das schwere Portal zum Sitz der Prätorianer fiel hinter ihr ins Schloss.
Sie war bereit, dem Ganzen eine Chance zu geben. Den Prätorianern, Rahal, dem alatarischen Reich. Vielleicht eines Tages auch dem All-Einen selbst. Falls er nicht, gleich den Göttern des lichten Pantheons, schon vor langen Jahren ermüdet das Feld geräumt hatte, als auch er zugestehen musste, dass selbst seine gänzlich anderen Vorstellungen einer Welt nicht gegen Gier, Machtstreben und Falschheit ankamen.


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Licht oder Schatten, gut oder böse, weiß oder schwarz.
Die Welt war nichts weiter als ein Spielfeld, auf dem die zynischen Spieler ihre Figuren angeordnet hatten und umherschoben, wie es ihnen beliebte. Wer dabei welche Farbe sein Eigen nannte, war im Grunde völlig gleich. Die Spielzüge und Manöver, die Erfolgsabsichten und Opfer, die sie dafür in Kauf nahmen, waren die selben.

Es war zu ernüchternd, um noch Zorn oder Verzweiflung zu verschwenden. Die einzige folgerichtige Konsequenz wäre es, zu gehen, sich abzuwenden von diesem Spiel um Macht, in dem sie alle nichts weiter als Spielfiguren waren – die einen mit mehr, die anderen mit weniger effektiven Manövern, doch alle gleichermaßen nur so ein eingesetzt, wie es der Wille derer war, die, verschleiert von großen Titeln, die Figuren voranschoben.
Nur, dass man sich nicht abwenden konnte. Das Spielfeld war überall. Es gab nur Stellen, die weiter abseits vom Spielgeschehen lagen als andere.
Das war der Unterschied. Dass sie diesmal vom Rand aus beobachtete, wie man die Figuren hin- und herschob, die einen mühsam arbeiten und ackern ließ, während man andere willkürlich in Position setzte, auch wenn es bedeutete, jene zu opfern, die am verlässlichsten Mal um Mal unter höchstem persönlichen Einsatz kämpften.
Für die Sache.
Jean Laval hatte mit seiner Frage recht gehabt. Jeder behauptete von sich, für die Sache zu kämpfen. Und wer vermochte schon zu beurteilen, wer es tatsächlich tat, wer lediglich glaubte, es zu tun, und wer es nur vorgab. Nur die Götter konnten am Ende das Urteil darüber fällen. Vielleicht war die Aussicht auf die Endabrechnung, irgendwann, der einzige Trost, die einzige Hoffnung auf Gerechtigkeit. Oder vielleicht war es der finale Tiefschlag, der letzte Beweis, dass Moral, Gerechtigkeit nur Trugbilder waren, die zu halten nicht möglich war und die auch den Göttern gleich waren.

Diesmal also stand sie außerhalb, beobachtete argwöhnisch die Spielzüge – diesmal von der anderen Seite des Feldes. Doch was sich in finsterem schwarz präsentierte, war nichts anderes als das Spiel der lichten Seite auch. Nicht die Gegenseite war der Feind – jeder konnte es gleichermaßen werden. Und der Feind im eigenen Rücken war gemeinhin gefährlicher als jenen, den man im Blickfeld hatte.
Was sollte, was würde sie tun?
Nocheinmal den Kampf aufnehmen für etwas, gegen etwas, einen Kampf, den man nicht gewinnen konnte, da jede der Figuren, gleich wie sicher sie sich wähnte, gleich wie viel sie für ihren Spieler tat, irgendwann geopfert würde? Oder der Beobachter am Rande bleiben, mit einer hinreichenden Portion Ignoranz und Zynismus, um gleichgültig zu bleiben, während Jene, für die sich womöglich Sympathien entwickelten, ihrem düsteren Schicksal entgegen geschoben wurden?
Keine der Möglichkeiten, die sich ihr boten, verhieß Trost. Keine der Möglichkeiten sagte ihr zu.
Aber eine musste sie wählen, früher oder später.

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Zuletzt geändert von Gast am Freitag 18. September 2015, 12:34, insgesamt 2-mal geändert.
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Es war früh am Morgen, als sie das stille Bajard hinter sich ließ. Die erste Nacht seit über einem Mond, die sie nicht im Alatarischen Reich verbracht hatte. Sie hatte gehofft, so ihre Gedanken leichter ordnen zu können, doch die Hoffnung war vergebens gewesen.
Herbstnebel stiegen über dem Wald auf, es war kalt genug, als dass sie sich wünschte, einen Mantel bei sich zu haben. Einige Vögel pickten unverdrossen entlang der Wege nach Würmen und zwitscherten im Geäst der Bäume.
Ansonsten war es still bis auf den gedämpften Hufschlag ihres Pferdes auf der ungepflasterten Straße nach Westen.
Nach Westen.
Als in der Ferne der Grenzposten des Alatarischen Reiches auftauchte, zügelte sie das Pferd. Dort gingen die Soldaten in den nunmehr bereits vertrauten Uniformen ihrem Dienst nach. Soldaten, die nicht halb so bedrohlich und unmenschlich waren, wie man es in Alumenas verkündeten. Nein, es waren die gleichen Männer und Frauen, in anderen Farben. Soldaten, die mit pragmatischem Argwohn die Reiterin begutachteten, die sich da näherte und sie beruhigt durchwinkten, als sie das kleine Emblem auf ihrer Tunika erkannten. Ein morgendlicher Gruß und sie konnte den Weg fortsetzen.
Noch immer erschien es ihr seltsam, dass ihr Weg nach Hause sie in diese Richtung führte. Dass Soldaten des Alatarischen Reiches jene waren, die auch für ihren Schutz sorgten. Und dass sie Teil von ihnen war.

Als sie das erste Mal die Grenze des Alatarischen Reiches übertreten hatte – irgendwo abseits aller Grenzposten, um nur keine Fragen beantworten zu müssen – hallten ihre Ohren vom Widerklang aller vermeintlichen Informationen und Wahrheiten, die sie je über „die Ketzer”, ihr Reich und ihre Lebensweise vernommen hatte. Vorgebliches Wissen, mit dem jedes Kind selbstverständlich aufwuchs. Natürlich waren sie gefährlich, sie waren ruchlos, blutrünstig, voller Willkür, böse.
Wenn sie eines im Leben gelernt hatte allerdings, dann, dass ‘gut’ und ‘böse’ keine Bezeichnungen waren, die man auf Reiche anwenden konnte. Bestenfalls auf Menschen, und selbst das war schwer. Menschen waren Menschen, jeden einzelnen galt es, für sich zu messen. Gut und Böse, schwarz und weiß. Vielleicht mochte es einst so gewesen sein. Die Welt die sie erlebte jedoch, war ein monotones, vor sich hinwaberndes grau, scheinbar fein und doch undurchdringlich wie der Nebel vor und hinter ihr auf der Straße.
Sie hatte sich nie der Illusion hingegeben, es wäre in Rahal besser. Aber anders – es musste doch anders sein.

Das hatte sie sich zu ihrer Aufgabe gemacht. Das Alatarische Reich kennenzulernen und zu ergründen, wie das Spielbrett, auf dem sie alle sich befanden, auf dieser Seite aussah. Zu sehen, welcher Figuren und Manöver man sich hier bediente. Zu beobachten, welche Fäden an den Figuren zogen und sie tanzen ließen.
Da waren jene, die sich der dunklen Seite zugewandt hatten weil sie sich versprachen, dort ihre Habgier und Machtbestreben besser leben zu können. Denen es niemals begreiflich sein würde, dass auch das Alatarischen Reich kein Sammelbecken für Jene sein wollte, die nichts als der eigene Nutzen interessierte. Die sich aus Egoismus hatten hertreiben lassen und weil sie meinten, hier würde man ihnen alles durchgehen lassen, und die den All-Einen als Entschuldigung wählten, ihre Charakterlosigkeit und Verworfenheit auszuleben. Es war so ernüchternd wie aufschlussreich, diesen Gestalten zuzusehen. Doch sie sie waren die einzigen, die sich leidlich unterschieden von den Figuren der lichten Seite. Ebenso wie dort waren auch hier zahllose austauschbare Figuren, die ohne groß nachzudenken ihrer Wege gingen, hierher oder dorther geschoben werden konnten. Sie wurden gespielt und wieder fallengelassen ohne großes Aufsehen zu erregen, tauchten auf und verschwanden, ohne Spuren zu hinterlassen.
Dann ware dort wie hier Figuren voller Zorn und Empörung, die ehrgeizig dem hehren Ziel entgegenstrebten. Pflichtbewusste Figuren, die dafür sorgten, dass das Spiel Zug um Zug voranging. Besonnene Figuren, die den nächsten Schritt vorsichtig abwägten.
Oder jene Figur, die scheinbar geradezu auf Gefahr und Risiko wartete. Sich ohne Deckung an den Rand gegnerischer Reihen wagte und seinen lichten Gegenpart zum Angriff herausforderte, ungeachtet möglicher Konsequenzen für ihn und alles, was damit zusammenhing. Wagemut, Wahnsinn oder Verzweiflung? Welche Fäden sie bewegten wurde noch nicht ersichtlich.

Rahal wurde menschlicher mit jedem Tag, den sie es erlebte – und mit jedem gewohnten, menschlichen Zug der sich unter einer weiteren blutrünstigen Schauergeschichte aus dem Munde Alumenas’ herauskristallisierte, schienen die Grenzen der beiden Reiche ineinander überzugehen, wurde aus Licht und Dunkel eine diffuse Einheit, in der die meisten Menschen gleichermaßen in erster Linie nach eigener Agenda handelten, Werte, Moral, Gebote und ihre jeweiligen Götter vorschiebend, um es sich selbst kommod zu machen.
Doch obwohl es hier nicht anders schien als als in Alumenas, schien ihr die alte Heimat ferner denn je. Ein Reich, das einmal ihr Zuhause gewesen war, ihr Hintergrund, das, an das sie geglaubt und für das sie gekämpft hatte – und nun wie hinter den Nebelschleiern verborgen schien wie die Sicht auf die Straße nach Adoran.
Aber so wie die Straße nach Adoran im Herbstnebel lag, tat es auch die Straße nach Rahal. Und irgendwo in der Kälte dazwischen bahnte sie sich ihren Weg voran.

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Zuletzt geändert von Gast am Freitag 2. Oktober 2015, 22:58, insgesamt 2-mal geändert.
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Das Donnern der Glocken Rahals, die die gestrige Weihe Ahad Lavals verkündet hatten, schien ein zweites Mal in ihren Ohren zu dröhnen, als sie den Tempel Alatars im ersten Morgengrauen wieder betrat – und nochmals verspürte sie die Gänsehaut, die sich auch gestern ihrer bemächtigt hatte, als das allesdurchdringende Dröhnen über die Stadt gespült war wie eine unaufhaltsame Flutwelle. Es war ein unnachgiebiges Donnern gewesen, eine stolze, selbstbewusste Warnung an das ferne Adoran, hinzuschauen, was im Alatarischen Reich geschah, sich in Acht zu nehmen vor der Macht im Westen, vor jenen, die dem All-Einen folgten und keinen Halt machen würde vor denen, die sich ihnen in den Weg stellten.
Doch nur Alreidis’ leise Schritte hallten diesmal im stillen Tempel wieder. Das fahle Licht der ersten Morgenstunden sickerte düster durch die Fenster, ließ die Schatten tiefer und lebendiger denn je erscheinen.
Ihr Blick wanderte entlang der Seitenwände, traf Altar und Pantherstatue an der Stirnseite. Streng genommen war der Tempel ein recht schauriges Bauwerk, drohende Architektur, voller scharfer Kanten und finsterer Winkel.
„Die Tempel des All-Einen sind so gebaut, dass er uns aus den Schatten und Winkeln heraus beobachten kann”, hatte Liska gestern Abend nachdenklich erklärt, als sie Alreidis hier als Letzte im Tempel angetroffen hatte. Tatsächlich fühlte es sich so an. Alreidis wurde nie gänzlich das Gefühl los, dass stumme Blicke ihren Rücken fixiert hielten – aber wandte sie den Blick, war der gestaltlose Beobachter schon weitergehuscht, in einen anderen Winkel, einen anderen Schatten.
Und doch fühlte sie sich nicht bedroht hier. Von ihrem ersten Besuch des Tempels vor einigen Wochen an war ihr die drückende Präsenz, die hier überall zu lasten schien, nie feindlich erschienen. Auch die düsteren Rituale, die in der Kirche praktiziert wurden, entsprachen trotz ihrer Fremdartigkeit nicht den Schauergeschichten über die vermeintlich blutrünstigen Diener des All-Einen, mit denen sie aufgewachsen war.
Bedächtig trat sie durch den Mittelgang weiter voran, den Blick fest auf die Pantherstatue fixiert, das Kinn fast herausfordernd gehoben. Erst vor dem Altar verharrte sie, tat einen tiefen Atemzug.
Sie war nie des Glaubens halber hierher gekommen, nach Rahal. Im Grunde auch nicht der Politik halber, auch wenn diese sie von vornherein in ihren konsequenten Grundsätzen interessiert hatte. Nein, hergekommen war sie, das musste sie sich eingestehen, ziellos, umgetrieben vom Wissen um den Ort, an sie nicht zurückkehren wollte, weil sie die Rückgradlosigkeit verachtete, die man im ach-so-lichten und moralischen Königreich an den Tag legte. Aber wohin sie sich stattdessen wenden wollte, das hatte sie nicht gewusst. So war sie sich eher wie ein Blatt im Sturm vorgekommen, dass die Böen gnadenlos von hier nach da taumeln ließen, um es irgendwo achtlos wieder fallen zu lassen.
Hier stand sie nun. Geblieben war sie aus Alternativenlosigkeit. Um das Alatarische Reich kennenzulernen. Das Reich, das sie als obligatorischen Feind all dessen, was ‘gut’ war, kennengelernt hatte – und das sich doch so völlig anders darstellte, wenn man die Augen öffnete, um zu sehen. Es war nicht das böse Reich der Dunkelheit, als das man es so gerne darstellte. Wenn überhaupt, so war es ein düsteres Spiegelbild Alumenas’. Doch die Düsternis rührte lediglich davon her, dass man es hier nicht für nötig hielt, wie auf der ‘lichten’ Seite all die unerfreulichen, unmoralischen und verwerflichen Sachen zu verschleiern oder zu beschönigen. Nicht alles war erfreulich im Alatarischen Reich. Aber es erschien ihr ehrlicher dabei.
Und der Glaube?
Auch in Rahal agierte man nicht fanatischer als andernorts. Noch eines dieser Schauermärchen. Man hatte stillschweigend akzeptiert, dass sie nicht im Namen des All-Einen gegrüßt hatte, man hatte sie nicht weiter behelligt, wenn sie eine gewisse Zurückhaltung an den Tag gelegt hatte. Sie hatte die Gebote gelernt, die Leitgedanken studiert, und sich Stück für Stück durch die Bibliothek der Prätorianer gearbeitet. Die Schöpfungsgeschichte von der anderen Seite betrachtet. Einige schlecht erarbeitet und noch schlechter geschriebene Abhandlungen mit spöttischen Gedanken bedacht. Einigen guten Predigten gelauscht und die Worte in ihrem Herzen behalten.
Nach allem, was sie in der Vergangenheit über Alatar gehört hatte, nach all den Wochen in denen sie sich wie eine Verräterin an den Göttern gefühlt hatte, ohne sich jedoch in der Lage zu sehen, zurückzukehren in die verlogene, falsche Welt voller hohler Versprechungen – nach all den Wochen musste sie sich eingestehen, dass der Glaube an den All-Einen zwar fremd war, düster, ehrlich bis hin zum symbolischen Blut seiner Rituale und den unerfreulichen Teil mancher Konsequenzen, die man in der Kirche der vielen Götter lieber verschwieg.
Aber nichts davon erschien ihr moralisch verwerflich. Auch nicht nach den Werten, mit denen sie aufgewachsen war.
Es wäre ihr heuchlerisch vorgekommen so zu tun, als wäre sie bereitsvom Glauben an den All-Einen erfüllt, und wenn sie von einer Sache genug hatte, dann waren es Heuchlerei und Falschheit. Außerdem würde der All-Eine, wenn er das Maß an Konsequenz an den Tag legte, das man von ihm behauptete, derlei ohnedies durchschauen. Aber vielleicht akzeptierte er auch einen stummen, ersten Gruß in seine Richtung, wenn er denn in all seiner Knappheit aufrichtig gemeint war.
Langsam ließ Alreidis sich auf ein Knie nieder, die Lippen zusammengepresst, der Blick starr voran statt ihn demütig zu senken. Ein, zwei Atemzüge verharrte sie so. Dann neigte sie kurz den Kopf, schloss einen Moment die Augen – erhob sich wieder und verließ rasch den Tempel, ohne sich nochmals umzusehen.


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In dem Moment, in dem sie vor dem schroff am Berg aufragenden Gebäudekomplex stand und den Kopf hob um die weiten Stufen heraufzusehen, wusste sie, dass sie nicht mehr hierher gehörte. Ein Gefühl der Fremde breitete sich in ihr aus.
Die Akoluthin, die ihr zufällig am Fuße der Treppe begegnet war, musterte sie aufmerksam. Angehörige der Priesterschaft in ihren hellen Roben hatten stets ein vages Gefühl der Ehrfurcht in ihr ausgelöst und den Anschein vermittelt, dass Temoras wohlwollende Blicke über die Welt schweiften und nichts und niemanden außer Acht ließen. Vielleicht war es diesem Gefühl geschuldet, vielleicht aber auch letzten Zweifeln, dass sie das Angebot annahm, sich bei einem Tee aufzuwärmen.

Sie hatte sich für völlig unauffällig gehalten – wie sie es nunmal im Grunde war. Die schlichte Reisekleidung, ein wenig zu dünn für die nun kühleren Tage, trugen bis auf den Rahaler Straßenstaub kein offensichtliches Zeichen ihrer Herkunft. Und wer war sie schon, hier auf Gerimor. Niemand der sie nicht kannte konnte ein sonderliches Interesse an ihr haben.
Und doch schien es ihr, als habe man ihr ein Zeichen mitten auf die Stirn gemalt, ein Zeichen, dass der Akoluthin offen zeigte, wer sie war, woher sie kam. Dass sie nicht mehr Teil des Reiches war, auf dessen Boden sie zum ersten Mal seit zwei Monaten wieder stand.
Die selben Gedanken, die sie einst in Richtung Westen getrieben hatten - ziellos erst, wie der launische Herbstwind, der ein paar Blätter achtlos von dannen wehte – waren es, die sie widerstrebend aussprach, als sie im Mittelgang der Kirche standen. Erleuchtet von unzähligen Papierlaternen und dem Licht, das durch das große Fenster an der Stirnseite fiel, schien kein Schatten rechten Einlass in das Gebäude zu finden. Jeder Winkel hatte sein Fleckchen Licht. Unwillkürlich kamen ihr die Worte der Tribuna im Tempel Alatars, nach der Weihe Ahad Lavals, wieder in den Sinn.
Was hatte sie sich davon versprochen, ihre Gedanken mit der Akoluthin zu teilen? Zustimmung, dass die Menschen sich mehr und mehr entfernten von den Werten, die die Götter ihnen gegeben hatten, sobald sie nicht mehr den persönlichen Zielen entsprachen? Die Versicherung, dass Temora nicht entginge, wer ihr wahrlich diente, und wer es nur vorgab, dass sie weiterhin aufmerksam verfolgte was auf der Welt geschah und auf lange Sicht nicht zulassen würde, dass jene, die von sich selbst behaupteten die „Guten” zu sein sich mehr und mehr in Gleichgültigkeit, Opportunismus und dem Streben lediglich nach dem eigenen Vorteil verstrickten?
Sie konnte es nicht sagen. Als sie die Gedanken ausgesprochen hatte, erschienen ihr die Probleme, das lichte Reich, ferner denn je. War es das eigene Gefühl von Distanz, dass die Aussagen der Akoluthin so kalt und abwiegelnd erschienen ließen? War es nur diesem Umstand geschuldet, dass sie das Gefühl nicht loswurde, sie habe von Anfang an gewusst wen sie vor sich hatte, und darum Antworten gab, die anklagten, dass sie sich eine Meinung über „die Anderen” erlaubte wenn „man” sich nicht über die eigenen Gefühle oder Gedanken im Klaren sei.
Das war der Moment, in dem Alreidis sich eingestehen musste, dass sie sich ihrer Gedanken und Gefühle tatsächlich klarer denn je in den letzten Monaten, vielleicht Jahren, war. Es war jener Moment, in der gemütlichen Küche des Klosters, als der heisse Teebecher ihre klammen Finger wärmte und die Akoluthin so selbstverständlich bestätigte, was als düsterer Eindruck so lange in Alreidis’ Gedanken geschwelt hatte: Dass selbst die Priesterschaft unterhalb der Oberfläche wenig Interesse mehr zu haben schien an den Dingen, für die sie eigentlich stand, dass, wenn es unbequeme Themen waren, man sie besser fallenließ.
Und wenn die Götter, allen voran Temora, zuließen, dass selbst ihre Priester vergaßen, was die Ziele und Werte waren, die es hochzuhalten galt...
Aber vielleicht hatten sie sich doch ohnehin bereits lange abgewandt von den Menschen, hatten resigniert und kümmerten sich nicht mehr darum, was sie taten. Vielleicht waren ihre eigenen Menschen ihnen selbst zu unbequem geworden, und nun hatte man sich gegenseitig über.

Der kalte Herbstwind drang unnachgiebig durch ihre Kleidung, zerrte an losen Haarsträhnen und der Mähne ihres Pferdes, schien sie vom Osten her mit eisiger Hand zu verfolgen, als sie den matschigen Straßen zurück nach Westen folgte. Vereinzelte Krähen krächzten in den bunten Bäumen. Am düster verhangenen Himmel zogen Wildgänse.
Zum ersten Mal kam ein Gefühl von Erleichterung in ihr auf, als in der Ferne die finsteren Stadtmauern und Türme Rahals aufragten.

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Unerbittlich starrte die Pantherstatue über dem Altar ihr entgegen, als sie den Blick hob, um stumm die Aufforderung zum wortlosen Duell anzunehmen.
Unerbittlich entgegnete die Pantherstatue ihrem Blick, als sie ihr gedanklich entgegangenbrachte, was entgegenzubringen war.
Unerbittlich hielt hingegen Alreidis den Blicken stand, die sie sich von Seiten der Templer einbildete, die als letzte mit ihr im Tempel zurückgeblieben waren, als die anderen Besucher schon längst gegangen waren. Sie mussten es geradewegs spüren, dass sie noch fremd hier war, dass ihr die Konventionen unbekannt waren und ihr manch Ritual befremdlich erschien. Doch in diesem Moment war es ihr egal. Stur wie die Statue, die sie anstarrte, starrte sie zurück, warf alles in diese unsichtbare Schlacht, das sie zu bieten hatte.

Dass Rituale, die mit Blut einhergingen, nichts Gutes verheißen konnten, mit dem Wissen war sie von kleinauf aufgewachsen. Doch es stammte aus der selben Vorstellung, nach der die Anhänger des All-Einen bösartige, finstere Gesellen waren die nichts anderes im Sinn hatten als Furcht und Zerstörung, die Begriffe wie Freundschaft, Kameradschaft oder Liebe nicht kannten und schier alle positiven Eigenschaften der Menschheit aufgegeben hatten für ihren fehlgeleiteten Irrglauben.
Wie selbstverständlich ihr das all die Jahre erschienen war.
All die Jahre, bis die widersprüchlichen Begegnungen mit vereinzelten Anhängern Alatars ihr Bild von ihnen notgedrungen aufgeweicht hatte. All die Jahre, bis sie sich eingestehen musste, dass all die positiven Werte, für die das lichte Reich doch vorgeblich stand, ganz sicher nicht das Vorrecht dieses Reiches waren – und dass es zahlreiche Personen gab, die sie für verwerflich genug hielt, um dem Schauermärchen eines „Ketzers” zu entsprechen. Nur, dass ihr ebenso klar geworden war, dass es mit derlei Geschichten nichts weiter auf sich hatte als Unsinn. Schwarz oder weiß – gewiss mochte es irgendwo am Rand der realen Welt Orte oder Personen geben, die diese Charakteristika für sich beanspruchen konnten. Doch alles, was sie in der Welt kennengelernt hatte – und es war zumindest nicht wenig – lag irgendwo im diffusen Graubereich dazwischen. Gut oder böse waren nichts weiter als Behauptungen, die niemand beweisen konnte.

Die weiße Schale auf dem Altar war rot gefüllt vom Blut jener Gläubigen, die das ihre gegeben hatten. Für den Tempel. Für den All-Einen. Es war freiwillig gegeben worden, bei klarem Verstand. Ohne erschauderliche Rituale oder menschenverachtende Handlungen.
Warum hatte ihr der Gedanke an das Blut, das in manch Alatarische Zeremonie involviert war, solch Sorge bereitet? Es hatte nichts unheimliches an sich, nichts schlechtes, nicht falsches. Ein kleiner Anteil dessen, was jeden von ihnen am Leben hielt. Ein symbolischer Akt, bei dem man dem All-Einen einen Bruchteil der eigenen Lebenskraft überließ. Ein winziges Zugeständnis an das letzte Gebot.
Alreidis umfasste den Griff des Dolches den die Erhabene ihr gereicht hatte fester, und trat den letzten Schritt vor den Altar. Der wachsame Blick der Pantherstatue folgte ihr, als sie den Blick senkte und das stumme Duell aufgab.

Hier wie dort gab es Probleme. Hier wie dort gab es Menschen, die sie verachtete. Hier wie dort gab es Menschen, die liebenswert waren, gute Freunde, Menschen, an deren Seite man stehen wollte, egal was geschah. Hier wie dort gab es Ansichten, denen sie widersprach. Doch wo Zweifel im Osten abgetan wurden, war hier war der freie Gedanke ein willkommenes Prinzip, schien sachliche Konsequenz über dem Streben nach persönlichem Vorteil zu stehen.
Ausgerechnet dort, wo man die größte Willkürherrschaft der Welt behauptete, fand sich unvermittelt die nachvollziehbarste Politik; dort, wo man finsteres Dünkel wähnte den ehrlichsten Glauben.
Dies war der Weg, den sie gewählt hatte. Sie ging ihn nicht, um dem zu entsprechen, was Andere von ihr erwarteten. Sie ging ihn nicht, um jenen zu Gefallen, die gern hätten, dass man ihnen zu gefallen trachtete.
Sie ging ihn so, wie sie es für richtig hielt, weil sie es für richtig hielt.

Nochmals huschte ihr Blick herausfordernd zu der Pantherstatue herauf, als der Dolch in ihre Handfläche schnitt, und in rascher Folge mehrere Tropfen Blut herab in die Schüssel auf dem Altar fielen.


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”Hat seine Hand wenigstens einige Ketzer erschlagen, ehe er starb?”, fragte Leutnant Ilphrin gleichmütig.
Vor Alreidis’ innerem Auge lebte der Kamerad, von dem sie als anschauliches Beispiel zum Thema Ersthilfe im Feld gesprochen hatte, nochmals auf nur um abermals zu sterben, auf einem schlammigen, kalten Schlachtfeld irgendwo in der Vergangenheit.
„Aus seiner Perspektive schon”, murmelte Alreidis.
„Gut.” Der Lethar wandte sich offenbar wieder anderen Gedanken zu.
Alreidis’ Blick streifte die kleine, freudlose Runde im Gemeinschaftsraum der Kommandantur. Zwei Letharen, die soetwas wie Humor oder auch nur menschliche Nähe ohnedies nicht kannten und eine Adjutantin, die schwerlich ihre Rolle verlassen konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte. Aus der Idee eines halbwegs geselligen Dienstabends war ein trostloses Gruppenreferat geworden.
Oder vielleicht war es auch der Gedanke an den Krieg, der finster über allen Köpfen hing. Die einen froher Erwartung, die anderen in nüchternen Gedanken der Effektivität, andere in verhaltener Sorge. Die allermeisten in tiefer Unwissenheit über das, was kommen mochte und wann es kommen mochte. Die ein oder andere Übung war anberaumt worden, Hauptleute trafen sich zu Gesprächen hinter verschlossenen Türen – und nichts schien hinter ihnen hervorzudringen. Nach allem was sie wusste, konnte der Krieg morgen beginnen, oder in drei Monaten.
Diesmal würde sie auf der anderen Seite stehen. Die Farben Jener tragen, die der längst verstorbene Kamerad als Ketzer bekämpft hatte. Die sie als Ketzer bekämpft hatte.
Wenn es noch an einem finalen Moment fehlte, um ihre Entscheidung entgültig zu machen – dann wäre es wohl Jener, in dem sie dem ersten Feind gegenübertrat, und er die Farben jenes Reiches trug, in dem sie aufgewachsen war.


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Zuletzt geändert von Gast am Samstag 14. November 2015, 13:30, insgesamt 2-mal geändert.
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Kriege waren von jeher der Inbegriff von Chaos. Führungskräfte aller Seiten versuchten seit Menschengedenken, durch sorgfältigte Planung, durch vorsichtiges Abwägen, durch genauste Überlegungen, Ordnung und System in dieses Chaos von Kämpfern, Pferden, Versorgung, Material, Feind, Terrain, Wetter und Widrigkeiten zu bringen. Doch stets, schien es, gesellte sich früher oder später eine Unwägbarkeit auf den Plan, die alles zunichte machte, und das Chaos in seiner Urform wieder herbeirief: Brüllende Menschen, aufeinanderprallende Heere, reglose Leiber am Boden.
Der möglichen Unwägbarkeiten gab es viele in jeder Schlacht. Seien es widrige Wetterausbrüche, seien es undisziplinierte eigene Leute, die vorstürmen wo Warten angebracht wäre, seien es Pläne, die missverstanden wurde, seien es besonders kompetente Späher des Feindes, sei es eine unerwartete Übermacht oder ein ebenso unerwartetes Ausbleiben von Verbündeten – oder ein ganzer Schwung von Möglichkeiten mehr.

Wochenlang hatte sie gehadert, hatte sie darüber nachgedacht, wie sie sich im Krieg verhalten würde. Wie es sich anfühlen würde, zum ersten Mal jenen Farben gegenüberzustehen, die sie einst getragen hatte. Gegen das königliche Banner zu agieren. Sie hatte erwartet, dass es schwer werden würde, dass die eigenen Zweifel in der ersten Schlacht auf der anderen Seite ihr größter Feind wären.
Nichts dergleichen war der Fall gewesen. Als der Feind sie kalt erwischte, als sie gerade die Sturmleitern fertig hatten, verschwommen goldene Rüstungen, königliche Banner, die Rufe für König und Temora und Regiment zu einer einzigen, fremden Masse. Nichts davon fühlte sich noch vertraut an. Es war der Feind, eine gesichtslose, fremde Meute, weiter nichts.

In dieser ersten Schlacht hatten sie ihnen kaum etwas entgegenzusetzen. Auch Alreidis trug noch die leichte Rüstung der Leitertrupps, die schwere Plattenrüstung am sicher untergebrachten Pferd sorgsam verschnallt.
Als sich das Blatt so entschieden gewendet hatte - erst einzelne, dann alle den Rückzug antraten die nicht reglos am Boden lagen - hatte sie sich am entschieden falschen Ende des Schlachtfeldes befunden. Ein letzter Schlag eines vorbeistürmenden Feindes brachte sie zu Fall. Ein dumpfer Schmerz in ihrer Schulter, der eigene Waffenarm plötzlich seltsam lahm, wurde es ihr minutenlang schwarz vor Augen.
Das Schlachtfeld, auf dem eben noch ein erbitterter Kampf getobt hatte, war wieder die kahle, zertrampelte Wiese geworden, als sie zu sich gekommen war – abgeschnitten vom Rest des Alatarischen Heeres zwischen einem Gebirgszug, dessen einziger Pass versperrt worden war und den Truppen Alumenas’.
Zu keinem Moment wäre es leichter gewesen, die Seiten nochmals zu wechseln. Zurückzukehren ins Königreich. Alreidis Farinor sterben zu lassen, und unter neuem Namen neu anzufangen.
Der Gedanke schob sich wie ein Fremdkörper in ihren Kopf, hinterhältig und gerissen. Und doch kam er zu spät.
Alumenas war nicht mehr ihr Reich, war nicht mehr ihre Heimat. Es waren die Offiziere der Garde, denen sie nun folgte und die sie wertschätzte, jeden auf seine Art und jeden mit seinen Eigenheiten. Leutnant Ilphrin, Adjutantin Swynedd, Hauptmann Bruchsteig. Nicht zuletzt auch General Laval.

Ein alter, ausgebeulter Mantel aus dem Feldgepäck, einer der wenigen Gegenstände, die nicht beim Pferd zurückgeblieben waren, kaschierte die verräterische schwarze Lederrüstung leidlich, als sie die Bewegungen des feindlichen Heeres aus dem Schatten des Berges heraus beobachtete, bis sich eine Lücke auftat. Der Durchbruch gelang ihr, auch der Weg zurück zum ausgebrannten Stall, aus dem sie ihr Pferd holen konnte um abermals, außer Atem aber unbehelligt von den Feinden, zurück zu den ausgedünnten Truppen zu kehren.
Das war die Seite, auf der sie nun stand – und angesichts der Möglichkeiten, ihre Entscheidung für Alatar zu überdenken und einen Rückzieher zu machen, war ihr klarer denn je, auf welche Seite sie gehörte. Allen menschlichen Problemen zum Trotz, die das Alatarische Reich ebenso wie Alumenas zu verzeichnen hatte, seien es Neid, Machtgier, Dummheit, Unfähigkeit. Im Glauben an die Werte, für die Alatar stand, und an die nicht immer angenehmen, aber zumeist unerwartet ehrlichen Handlungen und Konsequenzen des Reiches.
Die Seite Rahals war jene, für die sie sich entschieden hatte. Endgültig.

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Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 22. November 2015, 11:58, insgesamt 1-mal geändert.
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Die Stimmen der fliehenden Ordensleute und Kämpfer Rahals hallten noch in der Ordensburg wider, als Alreidis den Wehrgang vom Innenhof aus erklomm. Der Sturmtrupp hatte die Zinnen leergefegt von den letzten Verteidigern des Ordens der Temora.
Tief zogen die Wolken über den dämmrigen Abendhimmel und kündeten von nahem Schnee. Eisiger Wind heulte um die Zinnen. Mit einem Mal fühlte sich der Wehrgang seltsam einsam und abgeschnitten vom Rest der Welt ab, der Lärm gedämpft, der Krieg, der tobte, unrealistisch und fern.
Langsamer stapfte sie weiter, ihr Blick wanderte die Mauern entlang, das Dach des Turmes herauf. Dann stockte sie im Schritt. Zusammengekauert in der Biegung, die der Wehrgang hier machte, lag eine Gestalt in der weißen Robe des Ordens.
Dies war der erste.
Der erste Tote aus den Reihen derer, denen sie die längste Zeit angehört hatte, vor dem sie stand. Ein Anhänger jener Göttin, zu der sie so lange gebetet hatte, bis sie hatte einsehen müssen, dass zumindest ihre vermeintlichen Anhänger sich in den Tiefen ihres Herzens einen Dreck scherten um die Werte, für die Temora stand. Was mochte dieser Mann für ein Mensch gewesen sein? Was für ein Gläubiger?
Ein unwirscher Krampf zuckte durch den Leib des Mannes am Boden. Seine Augenlider flatterten. Das Ende war unausweichlich. Alreidis senkte den Blick auf den Sterbenden herab und schloss für einen Moment die Augen.
„Möget Ihr Frieden finden. Ob in Temora oder Alatar”, murmelte sie, und die eigenen Worte klangen im Inneren Ihres Helmes leise wieder, als habe sie jemand zu ihr gesprochen.

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Zuletzt geändert von Gast am Dienstag 24. November 2015, 22:28, insgesamt 1-mal geändert.
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Die Stunden des Wachestehens zerrten an ihrem Rücken, an ihren Schultern, ermüdeten den Geist ebensosehr wie den Körper, ohne, dass es explizit anstrengend gewesen wäre.
Nicht Wache zu stehen hingegen war schlimmer.
Es war das erste Mal, dass sie sich vollkommen nutzlos und unbenötigt fühlte, sinnlos in einem Feldlager irgendwo in einem Landstrich der Welt, den sie erst vor drei Monaten betreten hatte, und der sich an Tagen wie diesen fremd und abweisend anfühlte.
Verordneter Dienstschluss.
Was gewiss nur gut gemeint gewesen war, verdonnerte sie dazu, am fernen Rand des Lagerfeuers ihre Suppe zu löffeln, während auf der anderen Seite lange Kameraden die Köpfe zusammensteckten, Paare verstohlen in Zelten verschwanden oder alte Bekannte bei einem Becher abgestandenen Bieres in einer Ecke des Lagers den Tag Revue passieren ließen.

Vom verlassenen Wachposten über dem Tor, auf den sie geflohen war um zumindest unbeobachtet zu sein und den zwischenmenschlichen Beziehungen zu entgehen, derer sie hier nicht Teil war, schweifte Ihr Blick müde nach Osten. In der Ferne ragte das Kloster Schwingenstein mit seinem Gebirgszug in den späten Abendhimmel.
Das Reich, das so lange Heimat gewesen war. Das sie, wie manch guten Freund, verlassen hatte um den eigenen Zweifeln und einer vorsichtig neu keimenden Überzeugung zu folgen. Immer ferner schien all das, immer fremder wurde ihr der Gedanke an Alumenas.
Doch wie überzeugt sie auch von der Sache war, vom Alatarischen Reich, von ihrer Entscheidung – nach Dienstschluss konnte nichts mehr darüber hinwegtäuschen, dass ihr Leben hier einsam war, des Gelächters beraubt, das man mit Freunden ausgetauscht hatte, bar jedweder Erleichterung, am Ende des Tages die erfreulichen wie die unerfreulichen Erlebnisse mit jemandem besprechen zu können, der einem nahestand.
Während des Dienstes gab es Vorgesetzte, Kameraden und Verbündete. Nach Dienstschluss hingegen schienen es wieder Fremde zu sein, die ihr mit höflichem Desinteresse gegenüberstanden.
Und wer konnte es ihnen verdenken – austauschbare, beliebige Soldatin, die niemand recht kannte, die sie nunmal war, nachdem sie ihre Vergangenheit hinter sich zurückgelassen hatte.

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”Wenn wir abwarten, zeigen sie uns vielleicht, mit was sie noch aufwarten können... falls sie töricht genug sind”, brummte Alreidis leise, den Blick auf die trutzigen Mauern des Klosters gerichtet als die Zivilisten davor – unklar, ob es Posten waren oder Schaulustige – sich rasch in den Schatten des Bollwerkes zurückgezogen hatten angesichts der zwei Reiter in der Uniform der Reichsgarde.
„Oder ein schneller Ritt in Richtung Nord-Westen an Ihnen vorbei.”
Alreidis sah zur Seite. Adjutantin Swynedds Blick lag abschätzend auf dem fernen Tor der Palisaden, hinter dem sich die Truppen des Feindes verbergen mussten, deren Stärke einzuschätzen sie hergekommen waren. Als die Adjutantin ihr Pferd antrieb, fasste auch Alreidis ihre Zügel kürzer und ließ das geliehene Schlachtross angaloppieren.
Das Pfeifen des eisigen Spätherbstwindes mischte sich mit dem Windzug, den das volle Tempo des voranstürmenden Schlachtrosses hervorrief, zu einem hellen Heulen in ihren Ohren. Sie sah wie einer der Zivilisten irgendetwas sagte, das ungehört blieb. Die Palisade schoss an ihnen vorbei. Immer mehr schien Leben in das feindliche Lager zu kommen, Köpfe tauchten auf dem Tor und hinter dem Schutz der wuchtigen Holzstämme auf, Rufe wurden laut die im Geheule des Windes untergingen.
Alreidis stellte sich in den Steigbügeln auf und wandte den Kopf nach rechts, den Palisaden zu. Da! - Es war nicht viel zu erkennen, aber immerhin etwas. Die Flammen eines Wachfeuers die im Lager loderten beleuchteten die in Aufruh geratenen Truppen des Feindes. Hierher und dorther lief manch Streiter und Helfer.
Dann hatte das schnelle Tempo sie bereits der Sicht auf die Feinde beraubt. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie die Schützen, die auf sie angelegt hatten. Ein entschlossenes Schnalzen mit der Zunge spornte ihr Pferd zu noch höherem Tempo an. Plötzlich übertönte ein zorniges Zischen das Heulen in ihren Ohren. Das geliehene Schlachtross tat einen entsetzten Satz zur Seite, der sie gefährlich im Sattel rutschen ließ, als der Bolzen der ihnen zugedacht war nur haarscharf an ihnen vorüberging. Dann schossen sie um die Biegung, die die schlammige Straße hier beschrieb. Dreck spritzte auf, das Pferd legte sich gefährlich in die Kurve – dann lag nur noch offenes Feld vor ihnen.
Im gestreckten Galopp schloss Alreidis zu Adjutantin Swynedd auf. Die Umhänge, schlammbespritzt, einer rot, einer anthrazitfarben, wehten ungestüm im Wind. Als die Adjutantin den Kopf zur Seite wandte, vermeinte Alreidis für einen Moment, das selbe Blitzen in ihren Augen zu erkennen, das sie in diesem Moment auch in sich verspürte, als sie die Schemen des Klosters hinter sich gelassen hatten. Zum ersten Mal seit Monaten, seit weit längerer Zeit als jener, die sie auf Gerimor verbracht hatte, hatte sie wieder das Gefühl, handlungsfähig zu sein.

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Auch in: [url=http://forum.alathair.de/viewtopic.php?p=639565#639565]Johannas Start in ein neues Leben[/url]

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Politik und Krieg.
Politik und Krieg waren immer gleich. Es war unerheblich, von welcher Seite aus man das Spielfeld betrachtete. Die Gedankengänge, die Spielzüge ähnelten sich, gleich, welcher Farbe man angehörte. Es war unnütz, gar unmöglich, den Kontrahenten Eigenschaften wie „gut” oder „böse” zuordnen zu wollen.

Das Feuer im mächtigen Kamin an der Westfront des großen Versammlungsraumes war heruntergebrannt. Nur hin und wieder zügelten Flammen aus der düster leuchtenden Glut. Die Schatten tanzten und zuckten in den Ecken des düsteren Raumes, als Alreidis im Licht des Feuerbeckens auf dem Tisch ihren Bericht schrieb.
Dieser Elaric Forstbach war mutiger, als er es von sich selbst zu glauben schien – und in seiner bodenständigen Art weit aufrechter, als so manch vermeintlicher strahlender Held der nichts weiter schwang außer große Reden und hohle Worte. Als er an der Kommandantur geklopft hatte „um Johanna abzuholen”, war Alreidis für einen Moment sprachlos von so viel Leichtsinn und Entschlossenheit gewesen, die dazu gehörten, allein und ungerüstet die Heilige Stadt zu betreten, wenn man sich als Feind des Alatarischen Reiches betrachtete.

Freiwillig hatte Elaric sich angeboten, die Nacht bei seiner Tochter in den Zellen zu verbringen, nachdem kein Offizier mehr greifbar gewesen war, sich der Sache anzunehmen. Ohne zu murren hatte er sich seine Habseligkeiten abnehmen lassen – dabei musste auch ihm klar sein, dass er ein Risiko einging, dass auch Alreidis nicht kalkulieren konnte. Was mit ihm und dem Kind geschehen würde, das würde sich am nächsten Tag ergeben.
Sei kein Schafskopf, sieh zu, dass du Land gewinnst, hatte sie ihm sagen wollen, als sie ihm stattdessen die Tür in die Kommandantur öffnete. Es gab verschiedenste Ansichten vom Umgang mit Gefangenen in Rahal – wie wohl überall – ob freiwillig oder unfrewillig. Mochte sein, dass man seinem Anliegen stattgab, das Geld nahm, ihn und das Kind gehen lies. Mochte sein, dass man den unerwarteten Gefangenen pragmatisch als weitere Geisel nutzte, um an Informationen oder Anderes von Wert zu gelangen.
Politik und Krieg waren immer gleich, da gab es nichts schönzureden. Man tat, was man konnte, um sein Ziel zu erreichen. Und ob ein Reich offen dazu stand und ein anderes empört tat, obschon es hinter der hübschen Fassade nicht anders handelte, machte keinen Unterschied.
Ihre Loyalität galt dem All-Einen, dem Reich, der Legion, der Garde. Wie man auch mit Herrn Forstbach vorzugehen beschließen würde, es würde dem Reich zum Vorteil gereichen. Es war nur folgerichtig, ihn einzulassen und den Dingen, die da kamen, ihren Lauf zu lassen.
Das Gespräch mit ihm jedoch war ein angenehmes gewesen. Er erinnerte sie an sich selbst, damals, ehe sie ins Reich gekommen war. Im Sommer, vor hunderten von Jahren – so fühlte es sich an, so fern erschien ihr Alumenas bereits. Voller Spukgeschichten, voller Vorurteile gegenüber dem Alatarischen Reich, das doch jenseits der Fassaden so viel Ähnlichkeit hatte mit dem ach-so-strahlenden Alumenas, das in seinem Herzen nicht weniger düster und abgründig war, als jedes Reich der Welt, das es je gegeben hatte oder je geben würde.

Als der Bericht fertig war, stand sie auf, um in der Glut des Kamins zu stochern, einen neuen Holzscheit und ein paar alte Kiefernzapfen aufzulegen, die sogleich knisternd von der Glut verschlungen wurden. Die Schatten im mannshohen Kamin, in allen Ecken des Saales, zuckten und leckten nach Mobiliar, Türen und jedem, der sich im Raum aufhielt, wie hungrige Raubtiere, die mit ihrer Beute ein Spiel trieben. Oder mit ihresgleichen?


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Zuletzt geändert von Gast am Donnerstag 21. April 2016, 13:28, insgesamt 2-mal geändert.
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