Kartenhaus... Una

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Una Llastobhar

Kartenhaus... Una

Beitrag von Una Llastobhar »

Langsam mit nachdenklicher Geste strich der längst nicht mehr junge, unerfahrene oder illusionierte Wirt des Gasthauses bei den Ruinen zu Tirell über den längst sauberen Teller um dann letztendlich doch den Blick zu heben und sinnierend gen letztem, späten Gast in der dunkelsten Ecke des Schankraumes zu starren. Für gewöhnlich hätte er dies wohl eher scheu versteckt gehalten und bei dem etwas rüpelhaftem wie hierbei auch ungewohntem Anblick hätte er längst den Mund aufgemacht um etwas zu sagen, doch hüllte er sich nun ganz bewusst in Schweigen und beschloss lieber zu beobachten, zu deuten…

Der Gast war kein Unbekannter, doch hatte er das junge, bleiche und ewiglich kindlich wie zarte Mädchen schon seit langer Zeit nicht mehr in jener Aufwartung und noch nie in solch einer bizarren Verfassung gesehen. Er hatte die Brauen längst bis fast zum Stirnansatz gehoben, als sie in jener jungenhaften, praktischen Gewandung an ihm vorbeigerauscht war und die erste Karte vom Tarotspiel in der Ecke gehoben hatte, nur um dann leise aufzuächzen. Während sie sich dann die Karte drehend und wendend besah konnte er die Augen nicht von ihr lassen. Die Farbe der Kleidung weckte auch in ihm bittere Erinnerung an eine Zeit, in welcher der Orden noch blühte und das Gasthaus mit gutem Recht einen stolzen Namen trug. Dunkles Purpur, Farbe der Herrscher, Beherrschung… so dunkel, dass der schwärzliche Stich mit hinein spielte, Farbe des Zweiges der Beschwörungen. Einst, das wusste er nur zu genau, hatte sie noch mit Stolz die etwas zu weite Robe einer frischgebackenen Maga in eben just jenem Ton getragen. Doch wie hatte sie zu strahlen angefangen als in den letzten Wochen ein schillerndes weiß, fast im Einklang mit ihren schneefarbenen Haaren, jenen Platz eingenommen hatte… plötzlich war das graue Mäuschen aufgewacht und hatte sich vom verängstigten Kind zu einem jungen, wenn auch etwas gänschenhaftem Mädchen gewandelt. Mit einem Schmunzeln hatte Stephen bemerkt, dass sie nun wieder, wie zu ihrer Ankunft, das ein oder andere adrette Kleidchen stolz zur Schau trug und alsbald sollte er auch den Grund für jenen Sinnestaumel kennen lernen, als er eines Abends dank eines letzten Blickes aus dem Fenster der Gaststube noch zwei sich innig anhimmelnde Personen in der Laube erblickte.

Das Mäuslein hatte sich also einen Mäuserich geangelt… oder war es andersrum?
Wie dem auch sei, er hatte zufrieden festgestellt, dass ihr auch diese Angelegenheit merklich gut tat und bald glaubte er schon, dass die Kleine nun vollends zu einem normalen Mädchen erblühen würde. Was er nun sah beunruhigte ihn… alles passte nicht mehr recht zusammen und er zweifelte kurz ob seine Augen oder besser gar – irgendeine freche Illusion ihn nicht doch aufzogen.
Mitsamt dem Kartenstapel war sie an den Tresen marschiert, hatte fast unterkühlt, doch höflich gefragt ob es noch etwas zu trinken geben würde um dann mit der erstandenen Flasche dunklem Ale und dem Tarotspiel die unfreundlichste Ecke des Raumes zu wählen. Sie hatte sich nicht wie gewöhnlich an den Tisch gesetzt und mit kindischer Manier die Beine baumeln lassen, sondern hatte den Rücken an die Wand gepresst und ein Bein mit auf die Bank gestellt um lässig den Ellbogen an das Knie zu lehnen. An der Flasche nuckelnd und Karten mischend hatte sie schweigend einige Momente mit tief herabgezogenen Brauen überdacht, dann hatte sie jene lediglich, eine nach der anderen, aufgestellt und mit fließenden, raschen und behutsam-geübten Bewegungen ein Kartenhaus aufgestellt… dann erst zog sie, scheinbar wahllos. Jede Karte, die sie dem Gebilde entnommen hatte, drehte sie schweigend und mit düsterem Blicke in den Händen, als galt es jene zu beurteilen. Diese Farce zog sich nun schon mehrere Stunden in die Länge und abgesehen davon, dass zu der einen Flasche zwei weitere gewandert waren, hatte sich kaum etwas verändert.

Der kluge, füchsische Wirt spürte einen Schauder den Nacken entlang kriechen.
Er sollte schlafen gehen und sie dort im Dunkeln sitzen lassen… doch er brachte es nichts übers Herz dieses plötzlich so grüblerische, dunkel und eisig gestimmte, bübisch wirkende Kind sich selbst und ihren Gedanken zu überlassen…
Una Llastobhar

Beitrag von Una Llastobhar »

Der Magier – langsam drehte sich auch jene Karte in den blassen, schmalen Fingern

Wo war ihr Platz, ihr Stand und wer war sie überhaupt?
Einst hatte sie ihre Identität und ihre Rolle im Ganzen gekannt, nun spürte sie merklich wie ihr alles entglitt und sie keinem der verschiedenen Gesichter gerecht werden konnte.
Gut ausgebildete Maga; Musterschülerin eines renommierten Meisters, welche selbst die letzte Prüfung mit Bravour gemeistert hatte; Verantwortliche einer großen Macht, umgeben von dunklen Wesen, welche nur auf einen Wink ihrer kleinen Hände töten würden? Priora des Zweiges der Beschwörungen und somit alles andere als niederen Ranges an einer Akademie des Lichts, welche sich im wahrsten Sinne des Wortes wie ein Phönix aus der Asche Tirells erhoben hatte; Lehrerin kommender Schüler – Vorbild und Respektsperson?
Selbst ihre bleichen Lippen verzogen sich zu einem bitteren Schmunzeln und ein leises, boshaft belustigtes Schnauben entwich ihr. Mehr als wackelig und oftmals albern stand ihr diese Rolle. Ebenso wie die schneefarbene Robe: zu groß, zu weit… sie war nicht passend und nie hineingewachsen.


Der Narr - langsam drehte sich auch jene Karte in den blassen, schmalen Fingern

Was war mit ihrer alten Rolle, welche sie im Kreise von Freunden und ihrer Familie noch immer fröhlich verkörperte und proklamierte?
Kleine Tochter; Schwächliches und noch immer von Krankheiten der Kindertagen gezeichnetes Leben – zu klein, zu sanft und zart für eine Welt voller Schrecken; Schutzbedürftiges Schwesterlein, fast klammerndes Nesthäkchen; Familienjuwel, Augenstern oder eher aller Schoßhündchen? Kind!?!
Dieses Gewand stand ihr so wie all die niedlichen Nachtgewänder und Kittelschürzchen, welche Cathal ihr einst geschenkt hatte… immer noch ausgezeichnet, wie an den Leib gegossen, ideal, optimal… doch wenn sie in den Spiegel sah, ertappte sie sich beim Würgen, denn längst wollte sie diesen Kelch nicht mehr.


Die Liebenden
- langsam drehte sich auch jene Karte in den blassen, schmalen Fingern


Und das jüngst gewählte, neue Selbst? War dies die Erfüllung? Ihr wahres „Ich“? Hatte es sich doch so gut angefühlt, so beflügelt und echt…
Geliebte/Schatz/Liebste… allein diese Kosenamen schmeckten wie sanfter, lieblicher und schwerer Wein. Weiblicher, eher schwacher und zu schützender Teil eines Ganzen, welcher gleichzeitig auch Fels in der Brandung und Rettungsanker sein sollte? Oder doch eher ein Abenteuer.. eine kurze Fantasie… ein Spaß und niedliche Bettgespielin?
Für einen Moment wollte sie sich gerne selber ohrfeigen, wusste sie doch wie sehr sie mit solchen Gedanken ihn verletzen hätte können… vom eigenen Schmerz, der mit der abstrusen Unsicherheit kam, mal ganz abgesehen. Nie würde er so denken – ja, sicher, ER nicht.
Wann würde sich der Untergrund aus Eis jenes Lebensteils endlich auch für sie festigen? Wann hörte das schlittern und stolpern auf? Wenn sie sich daran gewöhnt hatte und sicherer gehen konnte oder wenn sie einbrach und ihn im Schlimmstfall mit sich riss (oder verlor?)…


Der Turm
- langsam drehte sich auch jene Karte in den blassen, schmalen Fingern

Was hatte das Paar Vanderbilt gedacht, als sie mit ungläubigen Blicken ihren „Titel“ verarbeiteten? Dieses unreife, dumme Ding war also eine Maga, eine Beschwörerin, welche Gestalten eines Alptraumes rufen und diese Urgewalten beherrschen sollte… und irgendein armer Mensch hatte genug Vertrauen um dieser dämlichen Pute auch noch einen hohen Posten zu geben – oder war nur einfach niemand anderes da gewesen? Wie kreisten Owyns Gedanken wenn er sie altklug und arrogant reden hörte? Wollte er sie dann am liebsten schlagen? Aufschreien? Sie schütteln und rütteln? Wen dachte jener Mann mit der Maske, welcher sie nun ein zweites Mal in Bajard mehr geängstigt hatte als ihr lieb war, vor sich zu haben? Wen sah er? Ein zorniges, ängstliches Kind mit etwas übrigem Trotz als Schutzschild?
Was hatte sich in Kailens Augen gespiegelt, was klang in seiner Stimme mit? Abartige, dunkle Gelüste? Spott, Hohn und nach Panik gierende Vorfreude? Spaß und Neckerei? LIEBE?!

Wer sah sie wie? Was war sie für wen? Wohin führte welcher Weg?
Was war noch übrig von Una Llastobhar? Wer war Una Llastobhar?

Der Gehängte - langsam drehte sich auch jene Karte in den blassen, schmalen Fingern

… dann brach das Kartenhaus in sich zusammen und bunt flatterten Karten durch den Schankraum. Scheinbar unendlich langsam segelten sie im wilden Reigen um sie herum, an ihr vorbei, gen Boden.
Una Llastobhar

Beitrag von Una Llastobhar »

Der Schlaf und all seine vermalledeiten Tücken

Ich brauche etwas Schlaf,
ein klein wenig Ruhe nur,
die Augen schließen und in die angenehme Dunkelheit gleiten...

Ich brauche etwas Schlaf,
so kann es nicht weitergehen,
das weiss ich doch.
Ich habe versucht Schafe zu zählen
aber eines übersehe ich wohl immer
verpasse ich,
kann ich nicht finden.

Man sagt mir nun ich falle zu tief,
komme zu weit herab,
sacke ab.
Man sagt mir nun ich muss einfach loslassen...

Ich brauche etwas Schlaf,
es ist an der Zeit alte Schwächen,
alte Sorgen und Ängste auszumerzen.
Ich bin aber schon zu tief drin
in diesem zähen Sumpf
und manchmal ist es verdammt schwer alleine wieder herauszukommen...

Und wieder wird man mir sagen,
dass ich zu tief herab sacke.
Danach sagt man mir ich müsse mich lösen...

Lösen?
Wovon...?
Una Llastobhar

Beitrag von Una Llastobhar »

Diesmal war es eine melancholische, schwere Ruhe, welche sich in ihren Gliedern breitmachte und fast wärmend durch die Adern pulsierte.
Vor wenigen Stunden noch hatte sie die Katastrophe des Sonnabends befürchtet, als diese bittere Enttäuschung das junge Herz mit einem sehr verzweifelten Sturm zurückgelassen hatte. Wie hatte er vor all den Schülern noch getönt, als er die Exkursionsgruppe vor dem Beschwörungsritual zurücklassen wollte?

"Heute Abend gilt es Zeit den wirklich wichtigen Dingen zu schenken..."
und sein charmantes Lächeln, welches er so freimütig vor der gesamten Schülerschaft nur ihr geschenkt hatte, färbte die bleichen Wangen mit einer Röte, die weniger Scham als glühende Freude über seine Worte zeigte.

Die gemeinsame, praktische Beschwörung bildete einen wahrlich krönenden Abschluss zur vorherigen, reichlich turbulenten Exkursion, bei welcher man unter anderem auf zwei brummelnde Zwerge und dann s.
ogar noch auf Unruhestifter mit dem Hang zur Selbstjustiz traf. Alle Schüler hatten ihr Wissen souverän und gekonnt angewendet, Tara hatte mit ihrer stoischen Ruhe einen felsenfesten Ankerpunkt gebildet und zugesehen, dass wirklich ein jeder seinen geistigen Weg zurück ins Diesseits finden konnte ja und er, Feoras, hatte sich zuvor wagemutig und heldenhaft einigen schmierigen Gesellen entgegen gestellt um einem jungen Manne das Leben zu retten. Jedoch war ihr nicht entgangen, dass im Scharmützel ein Pfeil seinen Weg durch die Robe des jungen Magisters gefunden hatte und obwohl er die Verletzung gut zu verstecken wusste und vermutlich längst die magische Heilung initiiert, glomm im Bezug auf seine Person ein fast gluckenhafter Funke Sorge in ihrem Herzen auf.
Man sprach jedoch kein weiteres Wort über jenen Vorfall und so schwor sie sich insgeheim ihn an jenem Abend dafür umso liebevoller zu umsorgen, damit sein Versprechen "Zeit auf wirklich wichtige Dinge aufzuwenden" eine beidseitige Bereicherung werden konnte.

Frisch aus dem Badehaus, mit duftenden Ölen eingerieben, das Haar zur Glanzpracht gebürstet und eines der feinsten, raschelnden Gewänder am schmalen Körper war sie dann strahlend die Stufen zum gemeinsamen Schlafzimmer hochgehuscht... nur um dort festzustellen, dass sie alleine im Hause de Jagotin war - und dies blieb sie auch die folgenden Stunden.

An jener bitteren Frucht der Enttäuschung verschluckte sie sich mehrfach an jenem Abend und spülte den Rest im Beisein von Finja, Calor, Tara, Cathal samt Ariana, Yarin mit Begleitung und - so glaubte sie sich düster zu erinnern - dem jungen Herren Zarach mit viel dunklem Bier herunter, bis ihre Wut zu einem diffusen Knäul wurde. Irgendwie war Calor ebenso ein Gegenstand jenes Zornes wie der Mann, welcher sie so trefflich versetzt hatte. Warum nur ließ auch er, dem doch das Glück mehr als hold sein musste, wenn man sich einmal genauer besah, welchen Juwel "Frau" er mit Finja gefunden hatte, just diese in allen Belangen nun alleine. Sie wollte auf Reisen gehen, er ließ sie ziehen und nun sogar einsam am Tische zurück. In ihrer Wut schwappten die ersten, ungewohnt lauten Verwünschungen über ihre Lippen und Cathal sah sich wohl gezwungen den tobenden, kleinen Kobold namens Priora wie ein unartiges Kind Nachhause zu zerren.
Dort war der mehrfach verfluchte "Windbeutel" klugerweise noch immer nicht anzutreffen und so fiel sie irgendwann noch völlig angezogen ins Laken und schlief den Rausch aus.

Beinahe wäre der zweite Abend nicht besser verlaufen, denn noch immer fehlte jede Spur vom Übeltäter des Hauses und die hämmernden Kopfschmerzen bescherten ihr nur zuckende Gedankenbilder und üblere Laune. Weder Mittag- noch Abendessen wollten im Magen bleiben und als auch noch die Hauswände näher zu rücken schienen, beschloss sie einen ausgedehnten Spaziergang zu machen, welcher sie letzendlich aber doch nur wieder in eine dunkle, einsame Ecke des Biergartens der Weinschenks führte. Unschöne Worte drangen schmerzlich in ihr Ohr, als sich zwei junge Herren mit sichtlichem Amüsement über die bleiche, kleine, kränkliche Mädchengestalt ausließen.
"Zwergengeist..."
"Kopffüßler..."

Eine alte Sorge drohte wieder aufzuleben und eine lange verdrängte Frage wurde ein weiteres Mal von boshaften, inneren Stimmen geflüstert:

"Bist du ausreichend? Du? Ewiges Kind... denkst du wahrlich, dass du für jemanden wie IHN genügend bist?"

Irgendjemand sprach sie an, der junge Herr Zarach hatte sie in ihrer Ecke entdeckt, das Gelächter und die boshaften Witzeleien stachen erneut auf sie ein und die Schmerzen im Kopf hämmerten erneut. Zu hastig, zu wackelig hatte sie sich aufgerichtet und mit einem klirrenden Geräusch fiel der Becher. Dunkelrote Flüssigkeit ergoss sich über die adrette Tischdecke... und endlich herrschte für wenige Momente Stille.

Vielleicht hatte dieser Moment das Eis gebrochen, vielleicht waren es auch die netten Bemühungen des offenbar unglaublich begabten Illusionisten Callan, eines der beiden vermeindlichen Lästermäuler am Nebentusch, sie mit einem Hauch von Budenzauber und Blumentricks wieder aufzuheitern oder auch das daraus entstehende Geplauder mit dem gesprächigen Kel, sein Gegenüber und Stichelheld Nummer zwei gewesen.
Letzendlich war es ihr egal, denn das Ergebnis war Balsam für ihr betrübtes Herz und das erzürnte Gemüt. Belustigt registrierte sie, dass man sie einmal wieder für eine heranwachsende Göre hielt und sie beschloss diesen Irrtum diesmal nicht aufzuklären, sondern mit vagen Worten eher zu bestätigen. Tara und Demoar, welche sich zur Runde gesellten, klärten das Missverständnis zum Glück auch nicht auf und so stellte sie zufrieden fest, dass es mehr als nur angenehm sein konnte einmal nicht die Priora des Zweiges der Beschwörungen, sondern einfach ein junges Mädchen zu sein.
So genoss sie Kels Erzählungen mit offenem Munde und großen Augen, erfuhr mit diebischer Schadenfreude, dass Callan nicht nur ein begabter Illusionist sondern wohl auch Schüler der Mascari und somit ein weiterer, hoffnungslos verliebter Fall war und warf den ein oder anderen, weniger formellen Satzbrocken ein, wenn sie nicht genüsslich am Wein nippte.

Ja, an diesem Abend war sie verträumt, etwas in herbstlicher Melancholie gefangen, zur Villa de Jagotin geschlendert, hatte nur aus den Augenwinkeln einige Pergamentrollen im Briefkasten entdeckt, sich dann aber den streichelzarten Berührungen des Nachtwindes wieder hingegeben und war mit einem tiefen Aufseufzen durch die schwere Eisentüre ins Haus geschlüpft.

Er war Zuhause... schlief schon und griff mit einem schläfrigen Murmeln schon nach ihr, als sie nun im dünnen Nachthemdchen unter die Decke huschte. Eigentlich hatte sie sich geschworen ihm jeden Tropfen der vorher so glühenden Wut kosten zu lassen, jetzt jedoch registrierte sie den eigenen resignierenden Seufzer schon nicht mehr, strich sanft über seine Wange und küsste die Stirn des geliebten Schläfers.

Der Haussegen war wieder in die Villa de Jagotin eingekehrt, doch noch lag zwischen all den Prüfgesuchen ein weiterer Brief im Postkasten der kindlichen Priora, welcher ein altes, felsenschweres Kapitel im Leben der jungen Beschwörerin wieder aufdecken würde...
Una Llastobhar

Beitrag von Una Llastobhar »

Ein wenig zu scharf und ungewohnt kühl wanderte der Blick nebelgrauer, heller Augen über die spröde Pergamentseite des alten Folianten.
Sanft und tonlos murmelnd wiederholten blasse Mädchenlippen mit kleinen Bewegungen die fremden Worte, deuteten Runen und verknüpften bereits gelernte Fragmente miteinander zu einem größeren Forschungsbereich.
Erkenntnisse wurden gewonnen und eigenes Wissen angereichert um weitere Schlüsse zu ziehen. Im Grunde war es stets wie ein gigantisches Zusammensetztspiel: Hatte man aus kleineren Brocken mühselig einen größeren Block geformt, dann musste man alsbald erkennen, dass diese Blöcke erneut zu etwas Größerem zusammengesetzt werden konnten... und damit hörte es noch lange nicht auf.
Vielleicht eine Arbeit mit Endlosschleife- ohne Sinn und Ziel, vermutlich ernüchternd oder gar frustrierend, doch wer ein Kind dieser Materie war, der konnte eigene Ziele gewinnen und wusste auch mit minimalen Teilchen sinnvoll umzugehen.
Sie, das schmale und zarte Mädchen, die fleischgewordene Porzellanpuppe mit den langen, schneeweissen Haaren und dem scheinbar kindlich-jugendlichem Alter, war seit der frühen Kindheit nunmehr mit Leib, Geist und Seele ein fester Part dieser mysteriösen Ebene, welche man allgemein "Magie" nennt. Vielleicht fiel es ihr deshalb eher leicht in die Welt der wirren, runenartigen Wortfetzen einzutauchen und diese wie Kleidungsstücke zu kombinieren. Dies war ihr Leben, ihre Essenz und Existenz.

Doch wie das Leben mannigfaltige Entwicklungsmöglichkeiten und -pfade mit sich bringt, so hatte auch die Magie und der Umgang mit diesem Komplex das "Mädchen" verändert. Wenn auch der Körper sich im Laufe der letzten Jahre kaum geändert hatte und noch immer der erste Eindruck bei der Begegnung mit dieser Person auf eine Heranwachsende schließen ließ, so brauchte es nun nur noch einen zweiten, sehr innigen Blick in das marmorgleiche Gesicht um in den großen Augen, die Seelenspiegel der meisten Wesen, das wahre Alter der längst erwachsenen Frau zu erahnen.
Schmerz lag darin verborgen, gefroren in Kälte und stiller Ernüchterung.
Erfahrung und der Umgang damit war ein weiterer Teil, welche irgendwo im nebeligen Schleier der Iris verborgen lag.
Kurzum: Wer wusste wie man einen solchen Spiegel der Seele lesen konnte, der sah, dass ein wichtiger Funke Leben in ihrem Inneren fehlte und mit dem Versuch diesen Mangel durch einen gefühlstechnischen Eisblock zu ersetzen, begann der Persönlichkeitswandel.

Nicht nur die Maturation veränderte ihre Blicke und ließ das nun seltene Lächeln gefrieren... wenig war derzeit noch von dem einst fröhlichen, frühlingshaften und naiven Gemüt, welches ihr Studium der Magie vor vielen Jahren begann, übrig- etwas fehlte und hatte ein dunkles Loch in die Essenz gerissen.

Mit einem Ruck schon sie den Hocker vom Pult, der Foliant fand nach absolvierter Arbeit seinen Weg zurück in die Regale der umfangreichen Bibliothek der Villa de Jagotin. Stramme, rasche und zielgerichtete Schritte ließen das Studierzimmer hinter sich und mit Schwung öffnete sich die Tür zu den privaten Räumen der Dame des Hauses. Eilig, mit flatternden Gewändern, rauschte sie zunächst am Himmelbett vorbei, doch auf halbem Weg zur Umkleide, als sie die Kommode samt Spiegeltisch aus den Augenwinkeln entdeckte, gefror ihre Hast.
Langsam drehte sie sich dem Spiegel entgegen und starrte ihrer Reflexion stumm entgegen. Der Blick bohrte sich langsam, doch stoisch fest auf eine bestimmte Komponente ihrer Selbst:

die Robe


Purpur, die Farbe der Beherrschung, der Beschwörung... nicht das strahlende Weiss des Konvents. Ein vielfach dunklerer, verführerischer und stumpferer Ton. Die alte Natur des Beschwörers, Malchirs Erbe und ein wirrer Teil ihres Weges. Damals hatte sie der Farbwahl nichts abgewinnen können, beklagte dass das Purpur auch nicht heller als das alte Braun war, doch jetzt... jetzt hatten sich die Winde gedreht und sie begann zu verstehen, sich zu entdecken. Purpur, nicht mehr Weiss.
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