Von Rosen und Raben

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Cyrion Sha´Ar

Von Rosen und Raben

Beitrag von Cyrion Sha´Ar »

Vor einigen Wochen:

Der schwere Jungvogel bewegte sich vorsichtig die Brüstung entlang, ein Auge immer auf ihn gerichtet. Cyrion verhielt sich ruhig; der Fleischbrocken flach auf seiner Hand, welche er auf den ausgestreckten Arm gelegt hatte. Der Blick des grossen Mannes lag entspannt auf dem Vogel. Er würde kommen. Er wurde gerade flügge und flog schon kurze Strecken. Er kannte Cyrion. Jeden Tag war er hier oben, manchmal mit Leckerbissen für die Rabenfamilie, manchmal auch nicht. Sie sollten sich an ihn gewöhnen, ihm Vertrauen schenken, aber nicht anfangen zu betteln. Schon lange gaben sie keinen Alarm mehr, wenn er nach Hause kam, oder gar zur Turmspitze hoch. Statt dessen wurde er mit Vogellauten begrüsst, die er als freundlcih erkannte. Und Solveigh? Sie hatten sie von Anfang an begrüsst.
Der Vogel zögerte immer noch. War er zu weit weg? Nein, diese Strecke konnte er gut überbrücken. Gut, er konnte hier nicht von seiner Hand das Fleisch wegschnappen und weghüpfend verschlingen. Er würde auf ihm landen müssen. Eine schwere Aufgabe. Cyrions Mundwinkel zog sich amüsiert nach oben. „Komm, Munin. Das Fleisch wird nicht frischer.“ Im Anschluss fügte er einige Krählaute hinzu, mit welchen Rabeneltern ihre Küken riefen. Ein zufälliger Bobachter wäre wohl überrascht gewesen, wie realistisch die Laute aus der Kehle des Kriegers klangen. Der Jungvogel legte den Kopf schief, beobachtet ihn neugierig und krächzte leise. Noch ein Blick, dann sprang er auch schon in die Luft und flatterte die drei, vier Schritte hinüber. Umständlich landete er, verfehlte den Arm fast und schlug heftig mit den Flügeln, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Cyrion beobachtete mit leuchtenden Augen, wie der Kolkrabe sich das Fleisch schnappte. Doch sprang er nicht soleich weg, wie Cyrion es erwartet hatte, sondern hielt Ausschau nach weiterem Fleisch. Das verlief besser, als Cyrion erwartet hatte! Bemüht hielt er den Arm ruhig, auch wenn der Drang, den Jungraben näher zu sich zu ziehen in ihm brannte. >Nur Geduld...< Der Vogel wog noch nicht viel, aber dennoch könnte es durchaus anstrengend werden, den Arm gerade ausgestreckt zu halten. Munin liess es nicht dazu kommen. Sobald er sich überzeugt hatte, das es kein Fleisch mehr gab, flatterte er wieder zur Brüstung. Ein Lächeln zeigte sich auf Cyrions Anlitz, als der Vogel anfing sich zu putzen. Es war ein Zeichen des Wohlbehagens, ein Zeichen der Gelassenheit. Er störte sich nicht wirklich an Cyrion – blickte nur kurz auf, als der Mann an die Brüstung trat und hinunter sah. Von hier oben konnte er gut sehen, wie sich die Rosen machten, die sich, dornig wie sie waren, an seinem Turm hochrankten. Noch waren sie nicht sehr hoch, doch wuchsen sie schnell, legten einen dornigen Schutz um den Turm. Zufriedenheit malte sich auf seine Züge. Wildrosen... er hatte sie vor Monaten gepflanzt. Sie fassten schwer Fuss, aber hatten sie sich festgewurzelt, waren sie so gut wie unmöglich auszurotten. Raben und Rosen... Damit hatte er hier wirklich ein Heim errichtet. Nun würde er eine Familie gründen können, hatte er den Traditionen seiner Heimat genüge getan. Der wache Blick wanderte weiter, ging von den Rosen zu dem Wald ringsum. Er suchte eine schlanke Gestalt in apricofarbenen Kleid, doch zeigte sich diese nirgends. >Hmm...< Falten bildeten sich auf seiner Stirn. >Sie geht in letzter Zeit immer häufiger alleine in den Wald.< Er machte sich Gedanken um sie. Was machte sie da? Suchte sie den Kontakt zur Erde? Suchte sie den Kontakt zu einer ihrer früheren Gefährtinnen? Wollte sie feststellen, wieviel sie verloren hatte? Solveigh war von Natur aus von sonnigem Gemüt, aber seit dem Bruch zu ihren Freundinnen fand er manchmal einen Zug um ihren Mund, der von Trauer sprach, Wehmut mit sich führte. Sie hatte mehr verloren, als er je ermessen konnte. Und er konnte ihr in diesem einen Punkte nicht helfen. Gewiss, er konnte allerlei in Gang setzen, Zeit mit ihr verbringen, sie fordern, dass sie sich nicht nutzlos vorkam – aber die Leere füllen, die in ihr sein mochte – diesen Ausdruck aus ihrem schönen Gesicht verjagen? Der junge Mann seufzte schwer und lehnte sich an einen steineren Pfosten. Das war der einzige Punkt, der noch eine Unklarheit in sein Leben brachte. Möglich, das es die Nähe zu dieser Landzunge war, auf der er mal das Feuer gesehen hatte, welche seine Frau umtrieb. Doch was konnte er dagegen tun? Er konnte keine Landzunge verschwinden lassen. Aber... vielleicht würde eine Landveränderung ihnen beiden gut tun. Ein Picken riss ihn aus seinen Gedanken. Munin war neben seine Hand gehüpft. 'Pick!' schlug der Schnabel erneut leicht gegen seinen Siegelring. Mit einem Schmunzeln entzog er dem Vogel seine Hand und rieb seinen Ring. Das Siegel der Sha'Ar. Fast zwei Jahre hatte er keinen seiner Familie gesehen. Hatten sie die Nachicht von seinem Erfolg erhalten? Wussten sie, das er noch lebte? Eine Gefährtin hatte? Er würde sie gerne Wiedersehen... Des Mannes Anlitz wandte sich um – dem Meer entgegen. Vielleicht war es ja wirklich an der Zeit – Sol würde das gewiss auf andere Gedanken bringen. Er könnte ihr das wunderbare Tal zeigen, in dem er aufgewachsen war. Sie seinen Eltern vorstellen, seinen Geschwistern, seinen Freunden... Mit seiner Familie feiern... erfahren, was sich in den zwei Jahren ereignet hatte, die er fort war. Und Abschied nehmen... Abschied von Eireen, seiner Herrin, deren Tod der Grund für seine Reise nach Gerimor gewesen war. Was mochte sich ereignet haben, nachdem das Bündnis durch Heirat nicht zustande gekommen war? Hatte Eireens geplanter Ehemann einfach eine ihrer Cousinen geheiratet? Gedankenvoll fiel sein Blick wieder auf Munin, der von sich aus Flugübungen nachging. Ein geräuschvolles Flügelschlagen, dann war auch Munins Mutter wieder da und beäugte den Krieger streng. Cyrion nickte ihr kurz zu, eine Geste, die er bei seinen Leuten üblich war, dann wanderte der Blick wieder zu Munin herüber, welcher erneut in seiner Nähe landete. „Würde dir das gefallen, Munin? Über das Meer segeln? Das Tal der Rosen und Raben sehen?“ Wieder beäugte der Rabe ihn von der Seite, dass Cyrion lächeln musste. Er würde den Raben mitnehmen, wenn es denn zur alten Heimat ging – es wäre sicher eine gute Gelegenheit, den Raben an ihn und ans Reisen zu gewöhnen. Wieder schweifte sein Blick zu den Wäldern. Wenn Sol nach Hause kam, würde er ihr seine Gedanken mitteilen.

Wieder daheim... Staub hatte sich auf den Tüchern gesammelt, mit denen sie die Möbel abgedeckt hatten. Doch Licht und Leben kehrte in den Turm wie auch in das Haus zurück, sobald sie die Zeichen der Zeit beseitigt hatten. Es war gut, wieder zu Hause zu sein. Erneut auf der Spitze des Turmes zu verweilen und Ausschau zu halten nach den Sternen und Städten. Wieder mit Solveigh alleine zu sein. Wunderbare Stille... In der alten Heimat war es hoch her gegangen, ungewohnt nach all der Zeit in ihrem abgelegenen Haus samt Turm. Aber dennoch... Herrlich war es gewesen, wieder bei seinen Leuten zu sein. Wieder den süssen Duft der Rosen wahrzunehmen, die allenthalben wuchsen. Wieder mit seinem Vater einen Übungskampf zu führen. Mit Solveigh durch die warmen dichten Wälder zu wandern und ihr all die Orte zu zeigen, die ihm etwas bedeuteten. Es war so schön gewesen, die ersten Landmarken zu sehen, die ihm sagten, das er wieder in der alten Heimat war. Die Hügelkette, welche das Tal begrenzte... Die Steinmarkierungen, die alte Mühle... Der Bach, in dem er als Knabe geschwommen war... Und schliesslich die ersten Gesichter, die er kannte. Aufregung hatte ihn erfasst, wie bei einem kleinem Jungen, dass sein Pferd ohne jegliches Zutun seinerseits in Gallop übergegangen war, so unruhig war es von seiner Anspannung gewesen. Menschen, die er kannte, waren ihnen zu Fuss und zu Pferde hinterher gelaufen und deren Rufe hatten seine Eltern aus dem Haus gelockt, noch bevor er aus dem Wald heraus geritten war und im Endspurt über den Zaun setzte. Fassungslos waren sie gewesen, vor Unglauben und Freude – seine Mutter hatte geweint vor Glück, ihren Sohn gesund wieder zu sehen. Ian hatte ihn fast umgeworfen – wie gross sein Bruder doch geworden war, ein Mann war er geworden! Als Cyrion auf die Reise gegangen war, war er noch mehr Knabe denn Mann gewesen. Nun hatte er die Schwertweihe erhalten und war Leibwächter eines der Wildrose-Sprösslinge. Seine Eltern und Verwandten hatten ihm eine herzliche Willkommensfeier gegeben. Auch die Familie Wildrose hatte ihn feierlich begrüsst. Und erzählen musste er ihnen, von seiner Reise, seiner Jagd nach Smith, seiner Wahlheimat. Und von Solveigh, wie er sie kennen gelernt hatte. Solveigh... seine Familie war zuerst etwas erschrocken gewesen, dass sie Narben am Körper trug, doch hatten sie bald erkannt, warum er sie zur Gefährtin erwählt hatte. Ihre Art hatte sie verblüfft, doch waren sie bald von ihr genauso in den Bann gezogen worden, wie es ihm ergangen war. Herrliche Tage in der alten Heimat.
Mit wehmütigen Gedanken packte er die Geschenke aus, die er von Familie, Freunden und auch der Familie Wildrose erhalten hatte. Geschirr aus Gold und Silber, mit dem Siegel der Familie Sha'Ar geschmückt. Ein feingearbeiteter schwarzer Bogen, Kleidung aus edlem Material... Ein Lederaufsatz für seine Schulter, das sein Rabe dort landen und sitzen konnte. Dinge die er in seiner Wahlheimat noch nicht hatte und gebrauchen konnte. Auch Solveigh war beschenkt worden mit Dingen, die eine Frau brauchen konnte – Kleidung, Schmuck... viele mit einem Muster, das an wildwachsende Rosen und Vögel erinnerte. Dinge, die ihr eigentlich nicht viel bedeuteten, aber es war die Geste, die ihr Freude bereitet hatte. Der Heilkundige des Dorfes hatte mehr ihren Geschmack getroffen, wusste dieser doch aus endlosen Gesprächen mit ihr, was sie wirklich interessierte. Getrocknete Kräuter waren sein Geschenk gewesen, etwas, was Solveigh sehr zu schätzen gewusst hatte. Mit Ruhe räumte er seine Tragetaschen leer und die diversen Dinge ein. Zuhause... Ein Ort der Ruhe nach dem Trubel der letzten Wochen. Und sie waren zur rechten Zeit zurück gekehrt. Alles war in voller Blüte, auch die Rosen, die die Turmwand und die Hecke besiedelte. Kräuter konnten gesammelt werden, waren diese im dunkleren Wald noch nicht zur Blüte gekommen. Und auch hier hatte sich etwas in ihrer Abwesentheit getan – Tirell bestand nicht mehr. Statt dessen gab es dort Wesentheiten, die man am besten für sich liess. Und auch hatte er von einem neuen Eiland gehört, welches in aller Munde war. Wenn möglich, würde er diese alsbald besuchen, war doch seine Neugier geweckt worden. Nun er würde sehen, was die nächsten Tage ihm bringen würden...

Alltag war wieder eingekehrt. Cyrion verbrachte die Tage mit Solveigh oder war unterwegs, auskundschaften, was sich so getan hatte, während sie beide fort waren. Wirklich viel hatte sich nicht verändert. Sicher, es gab die eine oder andere Überraschung, aber nichts, was das Leben der Leute grundlegend veränderte. Alles ging seine gewohnten Bahnen. Auch Solveigh verbrachte wieder viel Zeit im Wald, versuchte sie doch einzuholen, was sie an Sammelzeit verloren hatte durch die Reise. >Schön ist sie...< dachte sich der Krieger, während er sie betrachtete. Seit dem Urlaub war sie gelöster. Es war nichts, was fremden Leuten auffallen mochte, aber er kannte sie inzwischen gut genug, um die feinen Unterschiede zu erkennen. Vielleicht aber war es auch er, der entspannter war – wer wusste es schon. Solveigh, seine kleine Wildrose, hatte es bisher immer geschafft, sich einen geheimnissvollen Wesenszug zu bewahren – selbst nach der langen Zeit, die sie schon zusammen waren. Sich aus der Betrachtung reissend, wischte er sich den langen Zopf hinter den Rücken. Es gab einiges zu Tun für ihn und die Sonne neigte nicht dazu, auf ihn zu warten. Mit ausgreifenden Schritten ging er zu seinem Pferd Casca. „Solveigh, brauchst du etwas aus der Stadt? Ich geh ein paar Sachen besorgen und komm dran vorbei.“ rief der hochgewachsene Mann, während er Casca losband. Doch seine Frau winkte ab, sie hatte alles, was sie brauchte. „Ich geh nachher in den Wald. Der Bärlauch geht mir langsam aus.“ Geschäftig nickte er und gab ihr im vorbeigehen einen Kuss. „Na dann... Ich bin in ein paar Stunden wieder zurück. Bis später, meine Wildrose.“ Mit einem letzten Wink sass er auf und ritt davon. Rasch verlor sich seine Gestalt in der Ferne.
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Khazkal Deslon
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Beitrag von Khazkal Deslon »

Khazkal war gerade auf der Jagd nach Wölfen, denen er das Fell über die Ohren ziehen wollte. Seine Bäuerin hatte immerhin danach gefragt. Die Armbrust geladen, gespannt und im Anschlag schlich er so durch die Wäldereien nicht unweit von Varuna. Den Blick nach vorn gerichtet. Da hörte er einen schrillen Schrei. Khazkal verstummte, ging in die Hocke. Da hörte er ein Bärenbrüllen. Das reichte ihm, er sprang auf und rannte in die Richtung aus der die Geräusche gekommen waren. So brach er durchs Unterholz und erblickte das schaurige Geschehen; Ein Bär hatte sich gerade über eine am Boden liegende Gestalt erhoben und holte zum Schlag aus. Er sah das Blut spritzen, da drückte er auch schon ab. Der Bolzen durchdrang die Brust des Tieres. Laut brüllte es erneut. Zackig griff er in den Köcher und spannte einen neuen Bolzen auf die hölzerne Armbrust. Der nächste Schuss traf die wuchtige Schulter des Tieres. Das Tier fuhr herum und ergriff brüllend vor Schmerz und Zorn die Flucht. Vorsichtshalber legte Khazkal einen weiteren Bolzen auf. Kurz blickte er sich um. Drehte sich um Kreis mit der Waffe im Anschlag. Dann trat er auf die Gestalt am Boden zu. Der Hieb des Tieres war verherend. Eine böse Wunde war gerissen worden und er wusste sofort, das sie tot war. Das Gesicht war zwar blutverschmiert, jedoch nicht verletzt worden. Er erkannte, das es eine Frau war... eine Frau, die er gesehen hatte. Er hatte sie aus dem Fenster des kleinen Waldhauses beobachtet, erforscht. Sie wohnte unweit entfernt in einem ansehnlichen Anwesen mit ihrem Mann. Oft sammelte sie Kräuter, was sie wohl auch vor ihrem Tod getan hatte, was der kleine Beutel der neben ihr lag bestätigte. Er schob die Armbrust in die lederne Rückenhalterung und berührte sie, packte sie und warf sie sich über die Schulter. Ihr blut rann ihm warm über den Leib, ins Gesicht. So oft hatte er dieses Gefühl genossen.. doch diesmal war es anders.. war es nicht sein Opfer gewesen. Nun durch den Balast erschwert krachte er durchs Geäst und hinter ihm verkündeten Bluttropfen auf Blättern, Wurzeln und Ästen von dem geschehen Übel. Sein Ziel stand fest, das Haus in das er sie so oft hatte gehen sehen. Das Anwesen, in dem die Raben so oft einflogen. Keinem Mensch, keinem Tier begegnete er auf seinem blutigen Weg. Es hätte ihn allerdings auch nicht gestört, wenn ihn jemand so blutüberströmt mit einer Leiche auf dem Arm gesehen hätte. Die Leute hielten sowieso nichts von ihm.
So kam das Haus mit dem Tümpel und dem Turm in Sicht.. . Er erreichte das Gartentor und trat es mit einer zackigen Fußbewegung einfach auf. Er schritt bis zur Haustür und Klopfte dreimal laut mit der Faust an die Türe.

Cyrion bietet sich ein schauerlicher Anblick; Khazkal steht mit Blut getränkten Klamotten, mit Blutspritzern im Gesicht und mit seiner Frau auf dem Arm vor ihm.
Cyrion Sha´Ar

Beitrag von Cyrion Sha´Ar »

Gedankenverloren biss Cyrion in ein belegtes Brot, während er wieder mal Ausschau hielt. Er hatte bei seiner Heimkehr Solveigh nicht vorgefunden und ein wenig geschlafen – er wollte heute die Sterne beobachten, versprach der Himmel doch, wolkenfrei zu sein. Eine schöne Nacht für ihn und Sol, die Sternschnuppen zu zählen und Sternzeichen zu entdecken. Unvermittelt war er aus dem Schlaf geschreckt, und da er nicht mehr schlafen konnte... In Varuna war alles ruhig. Keine Erdbeben, keine unheilvolle Rauchwolke, keine... Wurst? Verdattert ging sein Blick zum angebissenem Brot. >Weg...?< Veilchenblaue Augen richteten sich, irritiert wie er war, zum Boden, dann zum Teller, doch auch dort war keine Wurstscheibe zu sehen.... Dann schliesslich traf sein Blick Munin, der gerade den letzten Rest seiner Beute verschlang. „Munin!“ Erschrocken flog der Kolkrabe auf und blickte ihn vorwurfsvoll von der Seite an. Fassungslos lachend schüttelte Cyrion den Kopf, das das lange pechschwarze Haar so flog. „Nicht zu fassen...“ Der Rabe hatte ihm die Wurst vom Brot geklaut. „So dringend nötig hast du Futter nicht, dass du mein Abendessen stiehlst, du Dieb!“ Gab er tadelnd wie belustigt von sich, wissend dass der Rabe auf seine Stimme reagierte. „Dafür gehören dir eigentlich die Federn ausgerupft!“ Er seufzte leise. „Währen sie nicht so prächtig... silbern...“
Rabenschreie haben seine Worte zum ersterben gebracht und er warf sein Augenmerk zum Wald hin, woher die Schreie kamen und schwarze Vögel über die Baumkronen stiegen. Seinen Wache haltenden Untermietern entging aber auch nichts! Vielleicht mochte es ein Baumfäller sein, ein Sammler, möglicherweise ein Jäger. Natürlich könnte es auch ein oder mehrere Banditen sein oder... Er verengte die Augen, als nicht weit entfernt eine Gestalt aus dem Wald trat. Er trug etwas und seine Kleidung war in ein auffallendes leuchtendes Rot gefärbt.... >Farbe oder Blut?< Mit einem interessierten Schimmer in den Augen beugte er sich vor, die Schreie der Raben ringsum im Ohr. Irgendwas störte ihn an dem Bild. Mochten es die aufsteigenden wie schreienden Raben sein, die seinen Turm umkreisten, mochte es sein, dass der Mann zum Anwesen kam... so zielgerichtet... Sein Blick haftete an dem, was der Mann trug, während dieser durch das Gartentor an die Türschwelle des Haupthauses trat – doch war es, als hätte er Schwierigkeiten, einen Sinn aus dem Gesehenen zu machen. Wie ein seltsames Bild, das man verständnislos betrachtet und bei dem man plötzlich Formen erkennt. Finger gruben sich ins kühle Gestein. Rot... Soviel Rot... Blut... Arme... aufgerissene Beine... aprikofarbener Stoff... aprikofarbener Stoff... aprikofarben...
Er rannte, sprang mit jagendem Herzen die Leiter herab, setzte über Treppenstufen, dass er gegen die Wand prallte, doch das spürte er nicht. Er spürte nicht, wie seine Finger an dem rauhen Stein aufschürften. Da war nur dieses Rauschen in ihm, dieses weisse Rauschen und ein Gedanke, der in seinem Kopf schrie. ...Solveigh! Solveigh!! Nein! Nein! Neinneinneinnein... Die Tür riss auf und knallte gegen die Wand, während er auf den Mann zurannte. Dann sah er ihr Gesicht... grau... leblos... tot... tot... Er stand so abrubt, wie er gerannt war, als würde dieses Gesicht ihm Einhalt gebieten, ihm eine Wahrheit entgegen schreien, die er nicht hören wollte... Es konnte nicht wahr sein... Es durfte nicht wahr sein... es durfte nicht... Der Mann vor ihm liess die Gestalt langsam herab, sagte etwas, aber er hörte es nicht... Da war nur sie... Sie die seine Sicht so vollkommen ausfüllte. Sie, die ohne Leben war... Sie... Er streckte die Hand aus, bewegte sich, wie an Schnüren gezogen, vorwärts und fiel vor ihr kraftlos auf die Knie, in das Gras, das sich von Bluttropfen schwarz färbte. Zitternde Finger legten sich auf eine bleiche Wange, auf der eine nun weissliche Narbe zu sehen war. „....Nein...“ Gebrochen leise die Stimme, atemlos von Tränen, die in seinem Blick zu sehen waren, aber nicht fielen, als wäre dies hier zu schrecklich... Zu schrecklich für Trauer... Zu schrecklich für Tränen... Heisser Schmerz in seiner Brust, in seiner Kehle, als sein Blick über sie fuhr, über die grauenhaften Wunden, wie sie nur ein Bär reissen konnte. Zitternt am ganzen Körper zog er sie in seine Arme, hielt sie eng an sich gedrückt, das Feuchtigkeit seine Kleidung durchtränkte. „...Solveigh... Solveigh... Nein...“ Die Stimme nicht mehr als ein Krächzen, leise, so leise... „...Komm zurück... Komm zu mir zurück... Nein... Nei...“ Die Stimme brach atemlos ab, als würde ihm die Luft dazu fehlen, während er sein Gesicht in ihr duftendes Haar drückte. Brennen in seinen Augen, brennen, als wäre Feuer an Stelle seiner Augen getreten. Tränen rannen über seine Wangen, heisse Tränen, während er leise weinte und seine Welt zu Eis erstarrte...
Cyrion Sha´Ar

Beitrag von Cyrion Sha´Ar »

Er fühlte nichts... Leere... Leere in ihm. Als wäre sein Gefühl gestorben, als wäre er innerlich tot. Eine seltsame Ruhe hatte ihn ergriffen, eine Ruhe, die ihn tun liess, was getan werden musste. Wieder ergriff er einen trockenen Ast und schleifte ihn hinter sich her. Äste von lebenden Pflanzen, Gebüsch, krautige Pflanzen... Er sah sie nicht, bis sie sich ihm in den Weg stellten, während er zu dem Platz im Wald ging, zu dem kleinen Holzberg, der da anwuchs. Blut war unter diesem zu sehen. Hier war sie gestorben... angegriffen von dem Bären, dessen Spuren überall zu sehen waren. Der Bär war fort... Aber dieser Ort war noch erfüllt von dem, was hier geschehen war.
Der Blick, kalt und leer, bar jeder Emotion, ging zu dem Mann herüber. Der Fremde war bei Solveigh. Passte auf ihren Leichnam auf, dass dieser nicht von wilden Tieren zerrissen wurde. Warum er hier war? Cyrion wusste es nicht. Der Mann hatte ihn auf seine Bitte hin zu diesem Ort gebracht. Hatte sich bereit erklärt, ihm zu helfen, auf sie aufzupassen, hatte bei schweren Ästen mit angepackt. Cyrion kannte ihn nicht, aber das war jetzt auch unwichtig... alles war unwichtig geworden. Nur das hier war noch wichtig. Das hier... Der Ast landete auf dem Haufen, wurde zurecht gezogen – alle Handhabungen sehr präzise. Als wäre dies das einzige, was seine Welt noch zusammen hielt. Präzision. Er blickte kurz über den Platz... alle Äste fortgeräumt... kein Unterwuchs hier. Nichts mehr, was Feuer fangen konnte. Der Fremde hatte ihm geholfen, all dies zu bewerkstelligen. Dies und die Totenwache... Morgen würden es Drei Tage seit ihrem Tod sein. Morgen würde er sich von ihr verabschieden. Wieder blickte er zu dem Fremden. Er wusste seinen Namen immer noch nicht. Er hatte nicht gefragt und der Fremde hatte nichts gesagt. Übernachtet hatte er bei ihm, seine Wachschicht klaglos übernommen, wenn es an der Zeit war. Knapp nickte Cyrion ihm zu, seine Arbeit anerkennend, aber kein Wort des Dankes... Für sowas banales war keine Zeit. Später vielleicht, aber nicht jetzt. Er drehte sich um und verschwand wieder zwischen den Bäumen.

Der Holzstoss war hoch geworden, überragte ihn fast. Auf der Fläche, die seine Spitze bildete, lag sie. Bleich, die Hände über der Brust zusammengelegt, dass sie eine einzelne weisse Wildrose hielten. Er hatte sie zurecht gemacht, eine Arbeit, bei der der Fremde seine Hilfe angeboten hatte, die Cyrion aber nicht annahm. Dies war etwas gewesen, das er alleine machen musste. Sie waschen, neu einkleiden, auf den Holzstoss obenauf bringen... und mit Blüten schmücken. Blüten von Wildrosen, Blüten von Kletterrosen... Seine Wildrosen beim Turm und in der Hecke hatten dafür herhalten müssen. Alle waren sie hier, lagen auf ihrem Körper, schmückten ihr Haar, umhüllten sie mit ihren Duft und überdeckten den Geruch nach Blut und Tod. So friedlich die Szene, das es einen Schmerzen musste. Doch Cyrion fühlte keinen Schmerz... Er hatte nur das Gefühl, dass dies hier so richtig war. Sanft fuhr seine Hand zu ihrem Gesicht herab, während er noch über ihr stand. Sie sah aus, als würde sie schlafen... Gleich die Augen aufmachen und ihn anlächeln. Doch sie würde es nie wieder tun... ihn anlächeln. Zärtlich strichen seine wunden Finger über ihre Wange, berührten einige Strähnen leicht. Die Wimpern senkten sich, verdeckten fast die Wärme, die in ihnen schimmerte. Fast andächtig mochte es wirken, als der schwarz gekleidete Mann sich auf ein Knie niederliess und ihr einen zarten Kuss auf die Stirn setzte. Das letzte Mal, das er diese Geste ausführen würde. Dann erhob er sich wieder, stieg von dem Holzstoss runter und entfernte die kleine Leiter, die er für diesen Zweck zurecht gezimmert hatte. Mit seltsam ruhiger Geste nahm er die Fackel entgegen, die ihm Khaz, so des fremden Mannes Name, reichte. Der Blick ging zum Holzstoss, dann zu den Bäumen. In den Ästen hockten Raben... Nebelkrähen, Rabenkrähen, Kolkraben. Neugier... die Aussicht auf eine Mahlzeit... Was immer sie hier her getrieben hatte, es waren so viele Vögel da, dass sicher einer von ihnen Solveigh dorthin geleiten konnte, wo immer sie auch hinging. Und einer von diesen Vögeln war Munin. Eine kleine Geste und Flügel schlugen geräuschvoll in die Luft. Der schwarzsilbern glänzende Vogel liess sich auf seiner Schulter nieder. Blaue Augen wanderten wieder zum Holzstoss. Es war soweit... Die Sonne war am Untergehen... Er wusste nicht genau, wann sie den Horizont berühren würde, aber das brauchte er auch nicht. Es würde einfach nur dunkler werden... So dunkel, wie es in ihm schon war. Der Blick ging auf die Fackel, deren warmer Schein sich auf den Silberknöpfen seiner besten Kleidung wiederspiegelte, wie auch in den veilchenblauen Augen, welche durch das Feuer violett glühten. Ein tiefer Atemzug, dann erhob sich auch schon seine Stimme samten und tief über die Lichtung und sein Blick richtete sich wieder auf jene Frau, die dort so ruhevoll lag... Leise war sie und doch trug sie, hüllte den Platz ein. „Ich werde dich vermissen...“ Einfach die Worte... aber er kannte Solveigh gut genug, um zu wissen, das sie sich aus Grabreden nichts machte. Grabreden waren nicht für den Toten. Sie waren für die Lebenden... Er brauchte keine Grabrede. Unter Funken und Knistern steckte er die Fackel in den Holzstoss, zündete das trockene Reisig an und ging weiter, wieder das Feuer an das Holz legend. Das Feuer frass sich knackend und knisternd in das Holz, breitete sich rasend schnell aus. Es dauerte nicht lange, da leckten die Flammen an den obersten Ästen, schliesslich auch an ihrer Gestalt. Cyrion sah hin, blickte die ganze Zeit reglos auf jene aufgebahrte Gestalt, die Augen leer, als würde ihn all dies hier nicht berühren. Hitze wallte ihm entgegen, das sein schwarzes langes Haar in den Wogen wehte. Ein tiefes 'Korrr', dann hob Munin von seiner Schulter ab. Andere Raben stiegen auf, schrien tief und dumpf wie Munin oder rauh und scharf wie Krähen. Der Wald hallte wieder von ihren Schreien, als sie hoch und höher flogen. „Bring sie sicher nach Hause, Munin. Wo immer ihr neues Zuhause auch sein wird...“ Dann verfiel er ins Schweigen, blickte starr und ohne Emotionen in die Flammen, die seine Liebe auffrassen. Er wich nicht mal zurück, als der Holzstoss begann, in sich zusammen zu fallen und einzelne Glutstücke und Funken um seine Füsse fielen. Die ganze Zeit blieb er da stehen... bis von dem Holzstoss nichts mehr übrig war.

Asche... von ihr war nur einige Hände voll Asche geblieben... Nun blieb ihm nur noch die Aufgabe, diese von einem erhöhten Platz, einer Klippe vielleicht, in den Wind zu streuen. Cyrion blickte mit nichtssagenden Augen zu dem Sack hin, welcher in seiner Hand war. Was er dachte, konnte wohl niemand ermessen, doch schliesslich wendete er sein Augenmerk auf den Busch. Das zierliche Gehölz mit den spitzen Dornen trug gefiederte Blätter und junge Knospen, welche wohl in nicht allzuweiter Ferne wunderschöne weisse Blüten ergeben würden. Ein Rosengehölz an dem Ort, wo seine Solveigh, seine Wildrose, gestorben war. Ein Andenken an sie, das in seiner alten Heimat Tradition hatte. Für einen geliebten Menschen setzte man eine Pflanze, die von Dauer war. Für seine Familie waren es immer Wildrosen gewesen. Ein Andenken, das ihm ein tiefes Bedürfnis gewesen war. Der Busch befand sich genau dort, wo vorher der Holzstoss gewesen war. Lange Zeit blickte er auf den Busch, dann lächelte er leicht, kaum mehr ein langsames Zucken seiner Mundwinkel. Wieder ein tiefes Einatmen und er ging mit langen Schritten zu seinem Pferd, sass auf und wendete es. Rasch verfiel es in Trab, schliesslich in Galopp. Es wurde still auf der Lichtung, als der Galopp nach und nach verklang. Einzelne frühe Sonnenstrahlen erschienen hier und da in der Luft, malten helle Finger in das Dunkel des Waldes und hinterliessen goldene Sprenkel auf dem Waldboden und dem Rosenbusch, welcher hier und da glitzernde Wassertropfen aufwies. Eine leichte Briese kam auf und bewegte die Knospen und Blätter. Dumpf erklang die Stimme eines jungen Kolkraben, der durch die Lichtung flog. Schwer schlugen seine Flügel und wieder stiess er sein „Korrr!“ aus, flog über den Rosenbusch hinweg und davon, dahin wo Cyrion hingeritten war. Bald darauf wurde es wieder still auf der Lichtung. Leise nickten die jungen Blüten im Wind.
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