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Vieles war am gleichen Tag geschehen, als hätte es so aufeinander folgen müssen. Eine geraume Zeit hatte sie sich am Abend mit einem Mann aus dem Herzogtum darüber unterhalten, was der Kodex der Ritterlichkeit für ihn, sein Leben und seinen Dienst bedeuten könnte. Manch einem mochten diese selten thematisierten Tugenden zu abstrakt wirken, wurden als ein unglaublich hohes Maß gesehen, das die eigenen menschlichen und charakterlichen Fähigkeiten überstieg. Als sei diese Tugend nur etwas für Ritter – jene Männer und Frauen, die durch ihre Leite in den Schwertadel eintraten und damit vorbildhafte Verantwortung übernehmen sollten, im Dienste der Krone. Es ging um den ritterlichen Menschen. In einigen Kreisen wurde es aber lediglich den Adlerritter zugesprochen, als wollte man mit einem verschwundenen Titel diese Leitgedanken vom Weg nehmen, die von Temora entsandt wurden. Danach handeln, wenn es beliebte, aber die Gültigkeit nicht anerkennen. Der ritterliche Mensch lag in jedem, geboren durch den Glauben an eine ritterliche Göttin. Jedoch gab es keine Einheitlichkeit, aber in welchen Dingen gab es sie schon? Johanna würde bald mehr darüber erfahren, mehr als das, was ihr Ritter seinen Knappen und auch ihr darüber erzählt hatte. Und Verständnis war wichtig.
Johanna versuchte an diesem Abend jenem Mann, der bei ihr saß, verständlich zu machen, dass es keinen Rang oder Titel brauchte um ein Vorbild zu sein, dass sie alle von anderen gesehen wurden, aus den unterschiedlichsten Winkeln – ja, dass ein jeder auf seine Weise Einfluss nähme, mit vielleicht manchmal nur einem Blick, Wort oder einer Tat. Als Vater, Kamerad, Freund, Gefährte, Nachbar – als Fremder. Im Guten, im Schlechten. Und doch sah man sich stets zum Guten hin bemüht.
Nur wenige Stunden später forderte die Nacht noch die Diakonin auf sich selbst an den Tugenden zu orientieren, als die Alarmglocken wie ein Lauffeuer durch das Herzogtum hallten. Die Klosterwache begleitet sie in einem raschen Galopp durch die zwischenliegenden Waldstücke und suchte mit ihr die Quelle des Lärmes, der Gefahr verkündete und um Hilfe rief. Schon lange waren es nicht mehr die Glocken, die lockten, sondern ein unmenschlicher Pein erfüllter Schrei, der selbst den Boden zittern ließ. Als sie das Gesuchte fanden war es jedoch bereits zu spät. Nun aber lag er dort umringt vom Regiment, dem Baron und herbeigekommenen Kaluren. Schwarzer Qualm stieg aus seinen Körperöffnungen, die nicht mehr als schwarze Löcher darstellten. Tote, dunkle Höhlen, eine perverse Offenbarung eines widernatürlich grausamen Todes. Und es stank nach verbranntem Fleisch und Innereien. Ihr wurde schwindel und schlecht, es stieg ihr regelrecht bis in den Hals hinauf. Blickte sie in die Gesichter um sich, waren sie betroffen, aber wirkten dennoch gefasst. Vermutlich hatten sie bereits zu viel gesehen – im Gegensatz zu ihr. Es brannte ihr im Halse, doch fing sie sich und hörte nur die Bitte dass sie Temora herantreten möge. Und nichts wollte sie in diesem Moment lieber tun, als die Sicherheit in ihrem Licht wieder zu erlangen. So blieb sie stark und bei Sinnen, ging neben dem Toten auf die Knie und schloss erleichtert die Augen. Doch nicht um fortzusehen.
Temora erhörte ihre Bitte und offenbarte ihr eine gänzlich neue Sicht, ließ sie erkennen, dass sich nichts regte, nichts außer dem greifenden Gefühl von Gier. Was auch immer hier war, es verlangte über alle Maße. Verstört trat sie zurück und konnte nun nicht mehr tun als dämonisches oder göttliches Wirken auszuschließen und ein Gefühl als Präsenz zu bestätigen. Klosterwachenanwärter Mederic wich seiner Pflicht nachkommend nicht von ihrer Seite. Und ehe sie sich überhaupt selbst versah, wurde sie von der Ritterschaft zusehends mehr ins Geschehen integriert, wurde gebeten nach den jungen Magiern zu sehen, den Erwachten, die im Lehrhospital weilten. Aus dem Weg zum Hospital für die Seelensorge erwuchs die Aufgabe sie in Sicherheit zu bringen. Wo sie zuvor noch zu zweit gingen folgte ihnen alsbald ein größerer Trupp an Regimentlern, die als Schutzbegleitung abgestellt wurden. Und ehe sie begriff, wo sie war und sich ihr Verstand wieder klärte, stand sie umringt von hektischen Wortwechseln, Aufforderungen, Verneinungen, Unsicherheiten und zeitlichen Drängen vor zwei fremden jungen Menschen. Und dann standen Raum und Zeit still und kein Chaos vermochte mehr von außen auf sie einzuwirken. Von welcher Seite auch gerufen wurde, sie hörte nur die Worte der ihr Anvertrauten und ihre Stimme drang zu ihnen hindurch. Offenbar war es ihr gelungen sie zu überzeugen mit in die Arcana zu kommen, wieder alles vertraut Gewordene zurückzulassen in der Zeit von Angst und Sorge im Angesicht eines nicht zu greifenden Feindes. Und sie hatte die beiden auch nicht allein gelassen, bis viele Stunden an Gesprächen in der magischen Akademie vor Bajard vergangen waren. Saß still und gerade, einem starken Arm gleich, bei ihnen und versuchte nur den Schrecken nicht über sie herkommen zu lassen.
Erst als Mitternacht schon weit, weit hinter ihr lag schaffte sie es zurück ins Kloster. Sie schämte sich nicht dafür, dass sie am Baum niederkniete und sich die Zeit nahm zu weinen und so ihrem Mitgefühl Raum zu schaffen – jetzt, wo sie allein war, nach der Zeit der trockenen Tränen, als Mensch zum ersten Mal ein solches Bild verarbeiten konnte. Sie war nicht stählern geboren worden, nicht kalt und unberührbar. Und es machte sie vor allem nicht schwächer als andere.
Als ihre Seele danach erst einmal Frieden gefunden hatte für den Rest der Nacht, begann sie wie versprochen für das Seelenheil des Verstorbenen zu beten, bis das erste Sonnenlicht die Blätter des Lichtbaumes kitzelte.
Zwei Wochen später wurde die Leiche ins Kloster gebracht, bekam einen Namen, ein Leben, eine Herkunft. Larkin Valdar, 19 Jahre alt, Dornwald, die Eltern waren Händler. Und er bekam eine angemessene Beerdigung.
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