Die Geschichte, als der Sternenfänger seinen letzten Stern fing …
„Wohin hast Du gesagt, möchtest Du?“, der Schiffsjunge sah den blonden Mann mit großen Augen an. „Nach Adoran. Dort, 'n bisschen außerhalb der Stadt, gibt’s 'n Kloster. Und um's Kloster herum, is' 'ne Siedlung erbaut worden.“, während er dem Jungen bereitwillig die Antworten gab, hatte er den Blick auf die raue See gerichtet. „Und woher, hast Du gesagt, kommst Du?“, die stetige Flut der Fragen wollte seit etwa einer halben Stunde nicht abebben. Es war, als hätte der Bursche einen Narren an Ihm gefressen und würde den Passagier als willkommene Abwechslung zum anstrengenden Leben auf See sehen. „Bin vor zwei Tagen im Hafen an Bord gegangen. Hatte dort im Landesinneren zu tun. 'n paar Portraits von jungen Frau'n für Ihre alten Herr'n gezeichnet. Hier und da 'ne Passage über's Land selbst verfasst.“. „Dann bist Du sowas wie ein reisender Künstler?“, ein kleines Stück weiteten sich die Augen des Burschen, so dass man den Glanz der Träume und Sehnsüchte nach verlorener Kindheit darin entdecken konnte. Zu lange war es her, dass er Landgang hatte, und selbst wenn, das wenige Geld, das man Ihm hier als Lohn gab, reichte gerade einmal so dafür Nahrung und neue, ordentliche Kopftücher zu erwerben. Auftritte vom fahrenden Volk, Bilderbücher oder Künste anderer Art, … Dinge, von denen er nur träumen konnte. Die basslastige Stimme des Gastes riss Ihn aus seinen Gedanken: „So in der Art. Hab' viele Aufgaben und viele Namen.“. „Also ein Streuner?“, erkundigte sich der Schiffsjunge nun vorsichtiger. „Auch so nennt man mich hin und wieder.“, ein Schmunzeln zeichnete sich auf den vom Wetter auf hoher See gezeichneten Gesichtszügen des Blonden ab.
„Und wie noch?“, seine Neugierde war schier unerschöpflich und der nächste Hafen noch so weit entfernt. Es kam selten vor, dass er Passagiere hier an Bord hatte. Die meisten Reisenden bevorzugten eines der großen Schiffe, um Ihrer Bequemlichkeit frönen zu können. Er hier aber nahm Vorlieb mit einem kleines Handelsschiff, beladen mit Kisten und Fässern voller Obst und Gemüse aus aller fernen Länder. Und nicht nur das, bereitwillig half er die Dinge für den Transport unter Deck zu verstauen und mit einigen Metern Hanfseil festzubinden. Die aufgewühlte See ließ lautstark eine der höheren Wellen am Bug des Schiffes zerschellen, woraufhin salzige Meerestropfen auf den Gesichtszügen des Jungen und blonden Reisenden Ihren Platz fanden. Fasziniert beobachtete er das Mienenspiel seines Gastes in diesem Moment. Wo zuvor noch jede Frage mit einem unbekümmerten, regelrecht gutmütigen Schmunzeln aufgenommen wurde, breitete sich jetzt eine, neben der nächsten Falte aus. „Sternenfänger.“, mit zwei Fingern wischte Yannick sich die Feuchtigkeit des Meeres von den Wangen. „Man nennt mich Sternenfänger.“, wiederholte er mit nun gesenkter Stimme, deren Silben vom Wind regelrecht in weite Ferne getragen wurden.
„Pass' auf Dich auf, Yannick, egal wo Du bist!“, „Ich liebe Dich, Sternenfänger.“, „Wie der Sternenfänger den Vollmond fing.“. Ihre Stimme. Ihr Lachen. Immer wieder hatte er in den letzten Monaten an sie und das Vergangene gedacht. Wie sie Ihn geprägt hatte, sein Leben dort mit den Schaustellern, sein Leben in Zweisamkeit mit Ihr. Die glänzenden Augen der begeisterten Zuschauer, die vielen Hände, die Ihm anerkennend auf die Schulter geklopft hatten. Und immer wieder der Abschied. Immer wieder Ihre Augen, deren Glanz in keinster Weise mit dem der freudigen Zuschauer zu vergleichen war. Tiefe Trauer, Angst und Sorge. Und mit jedem weiteren Abschied brach Ihr Herz ein Stück mehr und riss das Seinige mit in den Abgrund. Wie oft kehrte er zurück, um erneut das Feuer zu entfachen? Und wie oft spürte er ein Ziehen an seinen unsichtbaren Fäden, um Ihn zurück in die Freiheit zu locken?
„He! Du solltest unter Deck gehen. Es wird hier gleich ziemlich unangenehm werden.“, der Junge zeigte mit der rechten Hand voraus in Richtung einer Gewitterfront. Das sowieso schon unruhige Meer schien unter diesen tiefhängenden, schwarzen Wolken wie ein bedrohlicher Strudel zu schäumen. Seine Haare waren inzwischen klitschnass und hingen Ihm lose unter dem Kopftuch in die Stirn. „Wir sagen Dir dann Bescheid, wenn es hier oben wieder sicher ist.“, mit einem eindringlichen Stoß gegen Yannicks Oberarm, bugsierte der Schiffsjunge Ihn in Richtung der Stufen, die in das Innere des Schiffes führten.
„Du solltest sie heiraten. Ihr einen Antrag machen, so wie sich das gehört!“. Ein Herzschlag. „Ach, Yannick. Für ein paar Münzen machen wir zwei Hübschen es uns wieder so gemütlich wie vor einigen Jahren, mh?“. Ein zweiter Herzschlag. „Du hälst mein Herz in Deiner Hand.“. Ein dritter Herzschlag. Ein Donnerschlag. Helle Blitze zuckten vor dem kreisrunden Fenster des Lagerraumes über den pechschwarzen Himmel. Immer wieder knackte und knirschte das Holz des Schiffes unter Ihm, während die Wellen erbarmungslos gegen die Außenwand schlugen. Mit einer Hand neben dem Fenster, lehnte er inzwischen mit der Stirn an der Scheibe. „Du bist nicht gut für sie.“. Ein Stern funkelte zwischen all den schwarzen Wolken kurz am Firmament auf. „Du liebst sie nicht. Rede Dir nicht so einen Unsinn ein. Ein Mann wie Du, kann nicht nur eine Frau lieben.“. Dann legte die nächste große Wolke über den Stern, um ihn verborgen zu halten.
Er ballte die Hand zur Faust, während eine Woge der Hilflosigkeit Ihn packte. Er hätte es Ihnen nie beweisen können. Vertrauen? Das konnten sie nicht. Nur Karawyn. Sein Licht. Sein Licht auch in dieser, heutigen dunklen, stürmischen Nacht. Er wollte es Ihr sagen. Alles. Dass er sie liebte. Dass sie die einzige Frau war, die in all den Jahren sein Herz erobern konnte. Und er wollte bei Ihr bleiben. Diesmal für immer.
Die nächste Welle schaffte es Yannick von den Füßen zu reißen, so dass er unsanft auf den blanken Boden des Lagerraumes geworfen wurde. Noch während er mit schmerzerfülltem Blick nach seiner rechten Schulter griff, gelte der Schrei eines Besatzungsmitgliedes durch die Luft:: „Bei Temora. Was ist, ….“. Ein flammender Blitz ließ die Nacht taghell erscheinen, veranlasste für einen Moment sogar die Wolken dazu, ehrfürchtig vor diesem Spektakel zurückzuweichen. Ein Blick aus dem Fenster. Der leuchtende Stern. Dann … Nichts.
[OOC: Vielen Dank liebe Karawyn, für diese wunderschöne Zeit mit Dir! Vielen Dank auch liebes Nachtvolk, an diese phantastische Zeit mit Euch.]
Als der Sternenfänger das Mondlicht fing
- Karawyn
- Beiträge: 1124
- Registriert: Sonntag 20. Juni 2010, 04:34
„Frollein…Frollein? Hey, hörste mir überhaupt zu?“ Der kleine Kerl mit den Haaren frischgesponnenen Kupfers hob die schmutzige rechte Hand, die bis vor Kurzem wohl noch in der ausgebeulten und ein wenig löchrigen Jackentasche gesteckt hatte und streckte sich, um sie vor dem erstarrten Gesicht der jungen Frau auf und ab zu bewegen.
„Holla, Mädel… haste mich nich‘ gehört? ‘ch bin hier um dir das hier zu bring’n. ‘S wurde an nem an den Strand geschwemmten Körper gefund’n und irgend’n Verantwortlicher hat dein’n Namen erkannt. War so’n blonder großer Kerl, bestimmt ‘n Strauchdieb, so zugerichtet wie der aussah.“
Als auch auf seine weiteren Worte kein Leben in die verschwommen wirkenden blauen Augen des schlanken Frauengesichts strömen wollte, schüttelte der Bengel nur den Kopf, ließ das hell schimmernde blaue Medaillon mit der prägnanten Gravur auf der Rückseite sinken bis es in das weiche grüne Gras zu Füßen Karawyns sank, wandte sich ab und stromerte davon. Jeder Schritt, den er nahm brachte ihn weiter weg, ließ die Entfernung zu dem kleinen Haus am Rande Schwingensteins anwachsen bis er schon beinahe außerhalb der hörbaren Reichweite angelangt war, als ein leiser Laut über ihn schwappte wie eine Welle, die über den Strand spült. Wie ein Gejagter, der seinen Jäger nahen fühlt drehte sich das schmale Kerlchen auf den nackten Füßen um, die Zehen nach Sicherheit suchend in den weichen Erdboden grabend um von einem auf den anderen Moment davon stürmen zu können. Eine feine Gänsehaut breitete sich von seinem Nacken über die schmalen Arme aus als ein beinahe tonloses Schluchzen, ein Ton tiefster Verzweiflung in seine Richtung hallte, sich brach als die Stimme versagte und die bis eben noch zu Stein erstarrte Frauengestalt zu Boden sackte. Für einen Atemzug konnte er den Horror, die unglaubliche Trauer und Hoffnungslosigkeit im blauen Meer aufflackern sehen, wie ein Stern der vom Himmel fällt und in den Tiefen der Nacht verschwindet, dann erklang nur noch Stille.
„Hey, Frollein…“ Der Beginn des Satzes verhallte als es dem jungen Kerl kam, dass kein Wort der Welt genug sein konnte um dieses Bild des Elends zu lindern. Einige Minuten stand er etwas ratlos, atemlos da, traute sich nicht, sich zu regen oder noch ein weiteres Wort an das Frollein Karawyn zu richten, doch als kein weiterer Ruck mehr durch die wie eine zerbrochene Statue wirkende Gestalt ging, murmelte der unfreiwillige Bote und Zeuge noch ein leises „Mein Beileid“ und huschte wie eine Maus davon.
Am Abend noch würde er hinter vorgehaltener Hand seinen Freunden erzählen dass die Stille um die junge Frau so unheimlich wie auf einem Friedhof gewesen wäre.
„Fast als wär mit mein’n Worten alles Leben aus ihr gewich’n. Ob s‘e wohl noch immer da vor’m Haus kauert?“
***********************************************
Wie Perlen kalten Herbstregens, die schweigend vom sturmgrauen Himmel fallen und deren Kälte man erst nach einer Weile spürt, die frierend und den Sommer zurücksehnend den Körper erzittern lassen, die bis unter die Haut sinken und deren kalter Griff sich um die Seele legt…
Wie eine Welle, die sich nach dem ersten Beben vom Grund des Meeres erhebt und alles, das man bisher zu kennen schien in nur einem einzigen Atemzug unter sich begräbt, Geliebtes und Gekanntes davon schwemmt und nur die blanke Verzweiflung zurücklässt…
Wie der Sturm der aus heiterem Himmel aus den Wolken bricht, Gliedmaßen wie dünne Äste eines jungen Strauches packt und unbarmherzig schüttelt…
Wie Schmerz der niemals enden will, nicht enden kann weil ein Teil des eigenen Körpers in den Fluten verschwunden ist…
Es mochten wenige Momente, einige Minuten oder auch viele Stunden vergangen sein, bis der kupferhaarige kleine Bote aus ihrem Blickfeld verschwunden war, als die Kraft sie verließ, ihre Beine den Dienst versagten als gäbe es keinen Grund mehr noch aufrecht zu stehen. „‘N blonder großer Kerl…“ hallten die unbarmherzigen Worte in ihren Ohren wieder, während ihr Blick mit jedem Atemzug mehr am silbrig-blauen Medaillon klebte, sich daran festsaugte. Ihr Geschenk, die Gravur auf der Rückseite des vor ihren Augen gerade noch baumelnden Stückes Vergangenheit, vor Jahren zur Festigung einer Bindung übergeben, verblieben auch nachdem der Knoten sich gelöst hatte.
Weg, für immer gegangen…wie eine Sternschnuppe deren Licht ein letztes Mal am Himmel glüht ehe sie für alle Zeit in die Dunkelheit entschwindet, nur noch unter geschlossenen Lidern brennt, die Seele nicht mehr wärmen kann.
Der Sternenfänger, ihre erste Liebe, der Mann mit dem sie noch vor Monden den ewigen Bund hatte eingehen wollen, der unstete Vogel der sich bei ihr für einen Moment zur Ruhe gesetzt hatte, ein Stück seines sonst nicht rastenden Herzens wie das Licht eines Glühwürmchens zurückließ…Yannick war nicht mehr. Die plötzliche Stille fühlte sich wie kaltes Feuer und glühendes Eis an, dass sie packte, mit aller Macht ergriff und sie zugleich verbrennen und gefrieren ließ. Eine glimmende Hand umfasste ihr Herz und drückte die kalten Finger erbarmungslos ins schlagende Fleisch bis sie unter der körperlosen Pein aufstöhnte, innerlich ein stummes Flehen hinauf zu den Sternen schickte.
„Warum…warum er…?“, schien ihr Innerstes laut aufzuschrein und doch schaffte keine Silbe es durch die sich öffnenden Lippen im bleichen Gesicht. Jegliche Farbe, das warme Leuchten der südlichen Sonne in ihren Haaren, das strahlende Blau der niemals ruhenden See in ihren Augen, das friedvolle Glimmen des wissenden Vollmondes der erhobenen Hauptes die Schläfer des Nachts in ihren Träumen begleitet, das bunte Flirren der Lieder und Geschichten und das hell brennende Feuer ihrer Tänze, verstummte, als wäre die Last eines weiteren Todes, eines weiteren sie verlassenden Blondschopfes zu viel, als konnte eine menschliche Seele nur ein gewisses Maß an Schmerz ertragen ehe sie zerbrach.
Als sich erst der laue Abend und in seinem Schlepptau die bereits kühle Nacht über die Stille des Gartens legte, das kleine Haus mit seinem Mantel aus Dunkelheit bedeckte und in die umgebende Siedlung der Frieden einzog, blieb die einsame Statue an der hölzernen Tür zurück, kauerte sich noch mehr in sich zusammen als erhoffte sie sich, im Kokon aus Schmerz nicht mehr lang ausharren zu müssen…
Doch das Leben ist nicht edel, nicht gerecht, nicht freundlich… es erhebt sich die Sonne am Morgen, es begleitet der Mond des Nachts die Liebenden zur Ruh, es säuselt der Wind die leise Melodie des Lebens und kümmert sich nicht um jene, die vom Rand der Klippe in ein bodenloses Loch stürzen, von der Dunkelheit verschlungen werden.
Als die Vögel in der nächsten Dämmerung ihren Gesang anstimmten erhob sie sich wieder, wankte in Haus hinein und löschte die Kerze, die bis zu diesem Tag im Fenster bei Tag und Nacht, bei Sommer und Winter, in stürmischen und sonnigen Zeiten gebrannt hatte.
Der, für den sie seit 4 Jahren ihr Licht verströmt hatte würde nie wieder zurückkehren.
Er war mir Nord, mir Süd, mir Ost und West;
Des Sonntags Ruh' und der Woche Streß
Mein Tag, mein Gesang, meine Rede, meine Nacht.
Ich dachte, Liebe währet ewig - falsch gedacht.
Sterne sind jetzt unerwünscht, will nichts sehn davon,
Verpackt den Mond, zertrümmert die Sonn'.
Fegt weg den Wald und des Meeres Flut,
Nie wird es sein, so wie es war. Nie wieder gut.
(W.H.Auden)
[URL=http://www.directupload.net][img]http://fs2.directupload.net/images/150919/tr5egyki.jpg[/img][/URL]
„Holla, Mädel… haste mich nich‘ gehört? ‘ch bin hier um dir das hier zu bring’n. ‘S wurde an nem an den Strand geschwemmten Körper gefund’n und irgend’n Verantwortlicher hat dein’n Namen erkannt. War so’n blonder großer Kerl, bestimmt ‘n Strauchdieb, so zugerichtet wie der aussah.“
Als auch auf seine weiteren Worte kein Leben in die verschwommen wirkenden blauen Augen des schlanken Frauengesichts strömen wollte, schüttelte der Bengel nur den Kopf, ließ das hell schimmernde blaue Medaillon mit der prägnanten Gravur auf der Rückseite sinken bis es in das weiche grüne Gras zu Füßen Karawyns sank, wandte sich ab und stromerte davon. Jeder Schritt, den er nahm brachte ihn weiter weg, ließ die Entfernung zu dem kleinen Haus am Rande Schwingensteins anwachsen bis er schon beinahe außerhalb der hörbaren Reichweite angelangt war, als ein leiser Laut über ihn schwappte wie eine Welle, die über den Strand spült. Wie ein Gejagter, der seinen Jäger nahen fühlt drehte sich das schmale Kerlchen auf den nackten Füßen um, die Zehen nach Sicherheit suchend in den weichen Erdboden grabend um von einem auf den anderen Moment davon stürmen zu können. Eine feine Gänsehaut breitete sich von seinem Nacken über die schmalen Arme aus als ein beinahe tonloses Schluchzen, ein Ton tiefster Verzweiflung in seine Richtung hallte, sich brach als die Stimme versagte und die bis eben noch zu Stein erstarrte Frauengestalt zu Boden sackte. Für einen Atemzug konnte er den Horror, die unglaubliche Trauer und Hoffnungslosigkeit im blauen Meer aufflackern sehen, wie ein Stern der vom Himmel fällt und in den Tiefen der Nacht verschwindet, dann erklang nur noch Stille.
„Hey, Frollein…“ Der Beginn des Satzes verhallte als es dem jungen Kerl kam, dass kein Wort der Welt genug sein konnte um dieses Bild des Elends zu lindern. Einige Minuten stand er etwas ratlos, atemlos da, traute sich nicht, sich zu regen oder noch ein weiteres Wort an das Frollein Karawyn zu richten, doch als kein weiterer Ruck mehr durch die wie eine zerbrochene Statue wirkende Gestalt ging, murmelte der unfreiwillige Bote und Zeuge noch ein leises „Mein Beileid“ und huschte wie eine Maus davon.
Am Abend noch würde er hinter vorgehaltener Hand seinen Freunden erzählen dass die Stille um die junge Frau so unheimlich wie auf einem Friedhof gewesen wäre.
„Fast als wär mit mein’n Worten alles Leben aus ihr gewich’n. Ob s‘e wohl noch immer da vor’m Haus kauert?“
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Wie Perlen kalten Herbstregens, die schweigend vom sturmgrauen Himmel fallen und deren Kälte man erst nach einer Weile spürt, die frierend und den Sommer zurücksehnend den Körper erzittern lassen, die bis unter die Haut sinken und deren kalter Griff sich um die Seele legt…
Wie eine Welle, die sich nach dem ersten Beben vom Grund des Meeres erhebt und alles, das man bisher zu kennen schien in nur einem einzigen Atemzug unter sich begräbt, Geliebtes und Gekanntes davon schwemmt und nur die blanke Verzweiflung zurücklässt…
Wie der Sturm der aus heiterem Himmel aus den Wolken bricht, Gliedmaßen wie dünne Äste eines jungen Strauches packt und unbarmherzig schüttelt…
Wie Schmerz der niemals enden will, nicht enden kann weil ein Teil des eigenen Körpers in den Fluten verschwunden ist…
Es mochten wenige Momente, einige Minuten oder auch viele Stunden vergangen sein, bis der kupferhaarige kleine Bote aus ihrem Blickfeld verschwunden war, als die Kraft sie verließ, ihre Beine den Dienst versagten als gäbe es keinen Grund mehr noch aufrecht zu stehen. „‘N blonder großer Kerl…“ hallten die unbarmherzigen Worte in ihren Ohren wieder, während ihr Blick mit jedem Atemzug mehr am silbrig-blauen Medaillon klebte, sich daran festsaugte. Ihr Geschenk, die Gravur auf der Rückseite des vor ihren Augen gerade noch baumelnden Stückes Vergangenheit, vor Jahren zur Festigung einer Bindung übergeben, verblieben auch nachdem der Knoten sich gelöst hatte.
Weg, für immer gegangen…wie eine Sternschnuppe deren Licht ein letztes Mal am Himmel glüht ehe sie für alle Zeit in die Dunkelheit entschwindet, nur noch unter geschlossenen Lidern brennt, die Seele nicht mehr wärmen kann.
Der Sternenfänger, ihre erste Liebe, der Mann mit dem sie noch vor Monden den ewigen Bund hatte eingehen wollen, der unstete Vogel der sich bei ihr für einen Moment zur Ruhe gesetzt hatte, ein Stück seines sonst nicht rastenden Herzens wie das Licht eines Glühwürmchens zurückließ…Yannick war nicht mehr. Die plötzliche Stille fühlte sich wie kaltes Feuer und glühendes Eis an, dass sie packte, mit aller Macht ergriff und sie zugleich verbrennen und gefrieren ließ. Eine glimmende Hand umfasste ihr Herz und drückte die kalten Finger erbarmungslos ins schlagende Fleisch bis sie unter der körperlosen Pein aufstöhnte, innerlich ein stummes Flehen hinauf zu den Sternen schickte.
„Warum…warum er…?“, schien ihr Innerstes laut aufzuschrein und doch schaffte keine Silbe es durch die sich öffnenden Lippen im bleichen Gesicht. Jegliche Farbe, das warme Leuchten der südlichen Sonne in ihren Haaren, das strahlende Blau der niemals ruhenden See in ihren Augen, das friedvolle Glimmen des wissenden Vollmondes der erhobenen Hauptes die Schläfer des Nachts in ihren Träumen begleitet, das bunte Flirren der Lieder und Geschichten und das hell brennende Feuer ihrer Tänze, verstummte, als wäre die Last eines weiteren Todes, eines weiteren sie verlassenden Blondschopfes zu viel, als konnte eine menschliche Seele nur ein gewisses Maß an Schmerz ertragen ehe sie zerbrach.
Als sich erst der laue Abend und in seinem Schlepptau die bereits kühle Nacht über die Stille des Gartens legte, das kleine Haus mit seinem Mantel aus Dunkelheit bedeckte und in die umgebende Siedlung der Frieden einzog, blieb die einsame Statue an der hölzernen Tür zurück, kauerte sich noch mehr in sich zusammen als erhoffte sie sich, im Kokon aus Schmerz nicht mehr lang ausharren zu müssen…
Doch das Leben ist nicht edel, nicht gerecht, nicht freundlich… es erhebt sich die Sonne am Morgen, es begleitet der Mond des Nachts die Liebenden zur Ruh, es säuselt der Wind die leise Melodie des Lebens und kümmert sich nicht um jene, die vom Rand der Klippe in ein bodenloses Loch stürzen, von der Dunkelheit verschlungen werden.
Als die Vögel in der nächsten Dämmerung ihren Gesang anstimmten erhob sie sich wieder, wankte in Haus hinein und löschte die Kerze, die bis zu diesem Tag im Fenster bei Tag und Nacht, bei Sommer und Winter, in stürmischen und sonnigen Zeiten gebrannt hatte.
Der, für den sie seit 4 Jahren ihr Licht verströmt hatte würde nie wieder zurückkehren.
Er war mir Nord, mir Süd, mir Ost und West;
Des Sonntags Ruh' und der Woche Streß
Mein Tag, mein Gesang, meine Rede, meine Nacht.
Ich dachte, Liebe währet ewig - falsch gedacht.
Sterne sind jetzt unerwünscht, will nichts sehn davon,
Verpackt den Mond, zertrümmert die Sonn'.
Fegt weg den Wald und des Meeres Flut,
Nie wird es sein, so wie es war. Nie wieder gut.
(W.H.Auden)
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Zuletzt geändert von Karawyn am Samstag 19. September 2015, 01:14, insgesamt 2-mal geändert.
Wir können nicht immer die Musik wählen, die das Leben für uns spielt, aber wir können wählen wie wir dazu tanzen.