Briefe an zuhause

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Adelena Bergon

Briefe an zuhause

Beitrag von Adelena Bergon »

*vorsichtig nahm die junge Frau das Briefpapier aus ihrem Säckel und legte es vorsichtig vor sich auf den Tisch. Es hatte die lange Überfahrt überstanden, eingelegt in ein Buch, damit es nicht kaputt ging. Da wäre es doch schade, wenn sie es nun aus Versehen zerriss.
Sie nahm Feder und Tinte zur Hand, welche vor ihr auf dem Tisch standen und begann zu schreiben*


Liebste Mama!

*sie überlegte noch einmal genau, was sie schreiben wollte, dann fuhr sie fort*

Liebste Mama!

Sorge dich nicht, denn ich bin gut angekommen.
Aller Mühen und Strapazen zum Trotz habe ich meinen Weg nach Adoran gefunden.
Ich habe fast alles verkaufen müssen was ich hatte, um die Überfahrt zu bezahlen, doch nun bin ich hier.

Ich hätte mir nicht vorstellen können, wie furchtbar eine 3 wöchige Schiffsreise mit lauter groben Matrosen sein kann. Ständig nur Dörrfleisch und schales Wasser und kaum eine Möglichkeit sich zu waschen. Ich sah aus, wie ein Bettler als ich hier ankam, fast nur noch in Lumpen gehüllt. Ein Wunder, dass mich die Stadtwache überhaupt in die Stadt gelassen hat und mich nicht als Taugenichts davon gejagt hat.

Aber ich habe hier bereits am ersten Tag gütige und freundliche Menschen getroffen, du musst dich also nicht sorgen.
Ich habe erst einmal ein Dach über dem Kopf und auch etwas zu essen und zu trinken. Der Rest wird sich sicher noch ergeben.
Ein Zimmer in der Herberge konnte ich mir leider nicht leisten. Stell dir vor, sie wollen hier 2 Kronen für ein Zimmer! Aber offenbar sind es Zimmer, die eines Adligen gerecht werden, also eigentlich eh nichts für mich.

Wie schade, dass du Adoran nicht sehen kannst. Ich bin mir sicher, es hätte dir gefallen. Die Stadt ist viel schöner als ich es mir vorgestellt habe und überall sind kleine Grünflächen oder Parks, sogar einen kleinen Strand gibt es wohl. An jeder Stelle stehen wunderschöne Häuser mit netten kleinen Gärtchen vorneweg und nirgends sieht man hier Dreck auf den Straßen oder Unrat. Nur einmal hab ich mich ins Hafenviertel verirrt, da ist alles ziemlich herunter gekommen, aber das haben ja alle Hafenviertel gemeinsam, oder?
Trotzdem gibt es hier recht viele leer stehende Häuser, sogar ganz einfache, die wohl offenbar für junge Handwerker gedacht sind. Sollte ich keinen Lehrmeister finden, werde ich mir vielleicht so eines nehmen.
Aber jetzt muss ich erstmal richtig ankommen und mir eine Übersicht machen.
Bei einem ersten Spaziergang heute ist mir aufgefallen, dass es recht viele 'Holzwürmer' schon gibt hier in der Stadt, da wird also sicher jemand ein fleißiges Lehrmädchen suchen.

Ich denke ich werde morgen sehen, dass ich erst einmal einen Termin mit der Stadtverwaltung vereinbaren kann zwecks einer Bürgerschaft und dann kümmere ich mich um einen Lehrherren.
Heute brauche ich daran jedoch gar nicht zu denken, denn in der Nachbarstadt Berchgard gibt es wohl ein großes Fest und sogar der König wird dort sein!
Stell dir vor, ich werde den König sehen und das schon am zweiten Tag!
Ach Mama, ich wünschte, du wärest hier! Dir würde das alles gefallen.

Ich werde dir auf jeden Fall so oft es geht schreiben. Ich kann mir genau vorstellen, wie du jetzt grinst, wenn du das liest.

Auf bald also und Eluives Segen für dich!

In Liebe, deine Tochter

Adelena

*anschließend faltete sie das Papier sorgfältig und legte es mit traurigem Blick zurück in das Buch, aus welchem sie bereits das Briefpapier genommen hatte. Kein Umschlag und kein Siegel würden je diesen Brief verschließen, denn ihre Mutter war bereits auf des Raben Schwingen weiter gezogen. Aber sie hatte versprochen zu schreiben und Versprechen musste man halten.*
Adelena Bergon

Beitrag von Adelena Bergon »

*wieder nahm sie einen Bogen Briefpapier heraus und begann zu schreiben*

Liebste Mama!

Zwei Wochenläufe sind seit meinem letzten Schreiben vergangen und doch könnte es genauso gut ein ganzes Leben sein, so viel habe ich zu berichten.

Ich konnte recht bald bei der Vogtin von Adoran, der Hochedlen von Belfa vorsprechen und sie schien mir eine sehr nette Person zu sein. Letztlich hat es sich wohl ausgezahlt, dass du mir immer so viel erzählt hast und ich habe meinen Bürgerbrief bekommen. Ich bin nun offiziell Bürgerin des Herzogtums Lichtenthal!

Ich habe auch schnell einen Lehrmeister finden können. Sein Name ist Galen Farsee und er ist wirklich ein sehr sehr netter Mann.
Ich glaube, er ist gar nicht so viel älter als ich, aber schon ein echter Meister im Schreinern und Bognern. Außerdem sieht er sehr gut aus! Schade, dass du mich jetzt nicht grinsen siehst. Er würde dir gefallen. Aber ich bin ja nicht hier um mir einen Mann zu suchen, aber wenn... naja, du kennst mich. Ich bin eh viel zu schüchtern und was sollte er schon von mir wollen. Am besten schlage ich mir das gleich wieder aus dem Kopf, aber manchmal, wenn er mich ansieht ... ach, genug davon!!

Ich habe auch sonst sehr nette Menschen hier kennen gelernt.
Da wäre zum Beispiel Herr Delart. Er half mir schon in meiner ersten Nacht hier eine Unterkunft zu finden. Ein stattlicher Mann, stets korrekt und gut gekleidet. Ich glaube, wir sind sowas wie Freunde, auch wenn er etwas distanziert ist. Aber das ist wohl seine Art. Jedenfalls hilft er mir immer und wenn es nur ist, dass wir reden oder er mich ablenkt. So wie gestern.
Galen, also mein Lehrmeister Herr Farsee, hatte Damenbesuch und naja, irgendwie passte mir das gar nicht. Es schien ihm sogar ganz Recht zu sein, dass ich Pause machte, bzw. Feierabend und als ich ging, hörte ich gerade noch, wie er ihr den Keller zeigen wollte.
Ich kann dir gar nicht sagen, was ich da am liebsten gemacht hätte. Aber ich habe dann Herrn Delart in der Taverne getroffen und nach einer Flasche Schnaps war´s ihm dann wohl zu viel und er hat mich mit genommen zu einem Freund von ihm, Zahrak Salberg, seines Zeichens Schneidermeister. Ein seehr netter Mann!! Er hat mir sogar zwei Kleider geschneidert und Herr Delart hat sie sogar bezahlt.
Galen hat sie zwar gesehen, aber es schien ihm ziemlich egal zu sein. Jedenfalls war er bei weitem nicht so begeistert wie ich gehofft, oder gedacht hatte.
Auf alle Fälle hatten wir viel Spass bei Zahrak, Herr Delart und ich. Aber keine Sorge, die sind beide schon vergeben. Es war also rein freundschaftlich. Zahrak hat mich sogar geduzt und es war schön, mal wieder so ausgiebig lachen zu können. Das hat mir lange gefehlt.

Aber ich hab natürlich nicht nur Männer kennen gelernt, Galen hat auch zwei Schwestern, wobei eine auf Reisen zu sein scheint und die andere ist viel in der Mine unterwegs. Auch zwei Schwestern vom Orden der Temora habe ich kennen gelernt und Herrn Schurtag, auch ein netter Mann.
Jetzt aber wirklich genug von Männern!! Wenn er eine andere lieber hat, was wäre ich da für eine Freundin, wenn ich mich nicht für ihn freuen würde und außerdem geht es mich ja eigentlich auch gar nichts an, also eigentlich. Solange er mich weiter ausbildet ist mir alles Recht.

Aber das beste habe ich mir für den Schluß aufgehoben!
Stell dir vor, ich habe schon genug verdient, um mir ein schönes kleines Häuschen zu mieten!
Schade, dass du es nicht sehen kannst! Ich habe es in meinen Gedanken schon schön eingerichtet. Ein großer Tisch mit Stühlen für lustige Abende mit Freunden. Ein Kamin vor den ich mich in die Kissen setzen kann, oben ein schönes großes Bett und eine Frisierkommode und ein schöner Schrank... das wird herrlich!

Ach Mama! Du fehlst mir! Weisst du, so jemand wie du fehlt mir hier. Jemand mit dem ich reden kann und der mich in den Arm nimmt, der die ewige Einsamkeit vertreibt. Das ist es, was mich am meisten schmerzt. Es sind zwar oft Menschen um mich, aber einsam fühle ich mich trotzdem meistens, wenn ich nicht gerade arbeite.
Aber wie sagte Galens Schwester, es wird sicher alles gut und ich vertraue darauf. Ich brauche wohl nur Geduld. Aber wie du weisst, ist das nicht ganz meine Stärke.
Ich bemühe mich aber! Versprochen! Und Schnaps trinke ich auch so schnell nicht mehr!

Eluives Segen für dich!
In Liebe deine Tochter

Adelena

*mit einem wehmütigen Lächeln verschloss sie den Brief und legte ihn zurück in die Schublade*

Hab einfach Geduld und lächle Adelena. So wollen dich die Menschen sehen, lächelnd und fröhlich.

*sprach sie zu sich selbst, seufzte nochmals und begann dann wieder ein Liedchen zu summen, während sie ihre Axt bereit machte zum Holz fällen*
Adelena Bergon

Beitrag von Adelena Bergon »

Zu lange schon hatte sie dieses Buch nicht mehr aus seinem Versteck genommen.
Vorsichtig, wie ein rohes Ei, trug sie es zum Tisch und ihr Blick fiel auf die bereits geschriebenen Briefe. Mit einem traurigen lächeln lass sie sie nochmals durch.
Es schien eine Ewigkeit her zu sein, als sie diese Zeilen schrieb, fast ein ganzes Leben.
So viel hatte sich seitdem geändert, so viel war geschehen, auch mit ihr. Sie seufzte.
Dann nahm sie ein neues Pergament hervor und tauchte die Schreibfeder in das Tintenfäßchen.
Liebste Mama!

Es ist schon viel zu lange her, dass ich dir geschrieben habe, doch die letzten Wochen waren sehr turbulent.

Ich glaube es begann damit, dass mir die Vogtin von Adoran beim Bürgergespräch sagte, dass es wohl bald einen Ball geben wird. Natürlich habe ich mich daraufhin erst einmal um Tanzstunden bemüht, denn ich wollte mich ja nicht blamieren.
Hier gibt es ein Handelshaus, den bunten Kessel, dort hat man auch Tanzunterricht gegeben und so lernte ich Tarek, Janos und Gorban kennen. Alle 3 sind Mitglieder dort im Kessel und alle 3 hatten sich sehr um mich bemüht. Ein ungewohntes Gefühl für mich, dass weißt du ja, aber ich gestehe, ich habe es genossen.
Letztlich hat mein Herz vor allem für Gorban geschlagen und so sind wir zusammen gekommen. Doch kurz darauf hat er immer nachts Dienst leisten müssen im Regiment und wir haben uns kaum gesehen und bald darauf gar nicht mehr.
Ich hatte überall nach ihm gefragt, aber niemand wusste etwas bis ich auf einen seiner Kammeraden traf, der überrascht meinte, der hätte sich doch beurlauben lassen im Regiment.
Fast 2 Monde habe ich ihn nun nicht mehr gesehen und mein Herz blutet, wenn ich daran denke. Mittlerweile überwiegt aber wohl die Wut auf ihn. Warum hat er mir nicht Bescheid gegeben, oder mir wenigstens eine Nachricht in den Briefkasten geworfen? Aber so ganz ohne ein Wort zu verschwinden?
Aber verlassen zu werden ist wohl mein Schicksal….

Galen scheint auch das Land verlassen zu haben, auch ohne ein Wort zu sagen. Ich habe ihn schon seit Wochen nicht mehr gesehen, oder seine Schwestern.
Vielleicht haben Sie erst einmal den Weg in die Heimat gesucht, denn hier in der Stadt wütete eine Horde Orks, die wohl auf magischem Weg die Stadtmauer durchbrechen konnten. Er und seine Familie waren sehr verschreckt dadurch.

Tja, so sieht es also aus. Gorban hat mich verlassen, Galen hat mich verlassen, von meinen Freunden sehe ich auch so gut wie niemanden. Alle sind wohl mit sich selbst beschäftigt.
Ein trauriges Bild, was?

Zum Glück gibt es doch noch jemanden, der mir ein lächeln ins Gesicht zauber. Sein Name ist Zahrak und er ist Schneider. Ich weiß nicht warum, aber mit ihm bin ich ständig am scherzen und lachen. Er ist einfach ein lustiger Kerl, eine Frohnatur würdest du wohl sagen.
Er hat glaube ich auch schon viel durch gemacht, aber trotzdem verliert er sein Lachen nicht, das bewundere ich an ihm.
Leider hat er sich den Kopf verletzt, so dass ich dann zu dem Ball mit seinem Bruder Keylon bin. Er ist etwas jünger als Zahrak, also eher in meinem Alter und bereits verheiratet, also mach dir keine Hoffnungen. Trotzdem mag ich ihn sehr gerne. Er hat jedenfalls was. Seine Frau ist sicher glücklich ihn zu haben.
Die beiden haben auch noch eine Schwester Amelie, die sehr nett zu sein scheint. Sie habe ich am Ball auch kurz kennen gelernt.

Trotzdem hat sich an der Einsamkeit seit meinem letzten Brief noch nichts geändert. Du fehlst mir so Mama! Aber ich glaube, gegen dieses einsame Gefühl würde derzeit nicht einmal eine Umarmung von dir helfen.
Doch zum Glück habe ich im Moment nicht viel Zeit um darüber zu grübeln.
Sehr viele der Kostüme auf dem Maskenball waren von Zahrak und daher haben Keylon und ich uns überlegt, dass er eigentlich auch einen Preis bekommen sollte. Heute kommt er vorbei und wir wollen besprechen, wie wir ihm eine Freude machen können.
Hoffentlich fällt uns was ein.
Drück uns bitte die Daumen, denn er hätte es sicher verdient!

In Liebe, deine Tochter

Adelena
Leicht lächelnd wedelte sie das Pergament hin und her, damit die Tinte trocknen konnte. Ja, Zahrak und Keylon… das würde sicher noch zu Turbulenzen führen, das konnte sie förmlich spüren. Aber wollte sie das überhaupt? Sie war eigentlich aus anderen Gründen her gekommen, nicht um sich den Männern zu widmen. Und wozu auch? Wahrscheinlich würde man ihr eh nur wieder das Herz heraus reißen, wie schon viel zu oft. Aber warum bei allen Göttern, musste es dann nur so heftig schlagen, wenn sie daran dachte?
Dummes kleines Herz!!
Adelena Bergon

Beitrag von Adelena Bergon »

Als sie aufwacht, fühlte es sich nach einer Flasche Schnaps und einem Schlag in die Magengrube an. Zumindest die leere Flasche Schnaps auf dem Boden ermahnte sie deutlich an den letzten Abend.
Was genau passiert war … nun, das wusste sie nicht mal vor dem Schnaps so recht. Aber immerhin war es nur Schnaps gewesen und nicht dieses krathorische Wildkraut, nach dem sie sich früher am Abend so sehr gesehnt hatte, bei dem sie so etwas wie Trost oder zumindest etwas vergessen fand. Claudius hätte ihr die Leviten gelesen, wenn er sie schon wieder mit Schnaps erwischt hätte, doch zum Glück hatte sie die Flasche noch zu Hause gehabt.
Verdammter Abend!

Eigentlich hatte der Abend ganz normal angefangen. Sie wollte Zahrak die Wolle bringen, die sie den armen Schafen von Galen abgeschoren hatte. Er konnte sie sicher besser brauchen als sie und erholt haben müsste sich der Schlawiner ja auch schon wieder von seiner Gehirnerschütterung. Ein Besuch wäre also sicher in Ordnung.
Wahrscheinlich hätte ihr hier schon auffallen müssen, dass etwas nicht stimmte, denn sonst freute sie sich immer irgendwie ein klein wenig mehr auf die Besuche bei Zahrak. Vielleicht war es eine Vorahnung gewesen?

Der Überfall dieser ganz offenbar geistig verwirrten Person, er nannte sie Melina, hatte alles durcheinander gebracht und der arme Zahrak war kaum genesen von der Gehirnerschütterung, schon wieder verletzt. In den Hals hatte dieses verfluchte Weib ihn gebissen, wie ein tollwütiger Hund! Der ärmste hatte wirklich ständig irgendeine Verletzung in letzter Zeit.
Und dann kam natürlich auch noch Keylon, sein Bruder mitten im Kampf.
Statt zu rufen „Key, bleib weg“ hätte er dem verdammten Kerl genauso gut zurufen können „Hier her Bruder!“ Sie schüttelte immer noch leicht den Kopf. Elender Mistkerl…
Ihr war sofort klar gewesen, wie die Reaktion Keylons sein würde auf „bleib weg“ und so sprintete sie los, kaum dass sie dieser Frau mit dem Tablett eins über gezimmert hatte. Mit der puren Wucht ihres Körpers, rannte sie Keylon einfach um. Zum Glück hatte er weder eine Rüstung an, noch sein gerade gezogenes Schwert in ihre Richtung gehalten. Im Nachhinein gesehen, war es wohl wirklich keine gute Idee gewesen, aber argumentieren hätte auch nichts gebracht, dessen war sie sich absolut sicher. Andererseits hatte ihre Aktion auch nur dafür gesorgt, dass das Weib entkommen konnte, auch wenn Key natürlich sofort hinterher stürmen musste.
Nicht, dass er ihr erst kurz davor erzählt hatte, dass er durch seine unbedachten Aktionen sich und seiner Familie schon einige Feinde gemacht hatte, nein, er machte es natürlich sofort wieder.
Und während sie sich um den verletzten Zahrak kümmerte, kam er natürlich unverrichteter Dinge wieder zurück und ließ seinen Zorn an ihr aus und schrie sie an, warum sie der Frau geholfen hätte.
Diese Geisteskrankheit war eindeutig ansteckend.
Wer war denn hier geblieben und hatte seinen blutenden verletzten Bruder versorgt? Er ja wohl nicht! Und wie wurde es ihr gedankt? Ausgerechnet dieser Melina geholfen! Pah!
Nein, das hatte sie nicht nötig! Ihr war sowieso nicht ganz klar, warum sie sich das eigentlich immer wieder antat.

Sicher, Zahrak war ein ausgesprochen gut aussehender Kerl und egal wie trüb und grau ihre Welt um sie herum war, er konnte sie immer aufheitern und zum Lächeln bringen. Tatsächlich hatte sie oft den Eindruck, dass es ihm sehr wichtig war, dass sie lächelte. Nur die Götter wussten warum.
Eine Zeit lang dachte sie, sie wüsste es vielleicht doch, aber es war dumm gewesen sich Hoffnungen zu machen, auch das hatte ihr der Abend mehr als deutlich gezeigt. Genau genommen hatte er nie mehr als Freundlichkeit ihr gegenüber gezeigt und das ein oder andere Kompliment. Aber es war schließlich Zahrak, er könnte jede Frau haben. Da durfte sie sich einfach nichts vormachen. „liebgewonnene Menschen“ … dieser Ausdruck würde sie wohl noch länger verfolgen. Ihren Teddy hatte sie schließlich auch lieb.

Und Keylon? Aus dem wurde sie erst recht nicht schlau, aber vielleicht war es auch besser so.
Zahrak hatte ihn dazu überredet statt seiner mit ihr zum Ball zu gehen, damit sie nicht allein wäre, oder darauf verzichten müsse. Aber statt die Aufgabe zu erledigen und die Sache gut sein zu lassen, liefen sie sich wie verhext ständig über den Weg. Und ständig mussten sie sich streiten. Sie schnaufte. Dieser Kerl machte sie einfach wahnsinnig. Er war so unvernünftig und so impulsiv. Aber sie hatte auch mit ansehen dürfen, wie liebevoll er mit seiner Familie umging und wie innig die Beziehung zu seinem Bruder war.
Seine Frau musste verrückt sein, wenn sie ihn nicht über alles liebte und sie hoffte inständig, dass mit den beiden sich noch alles zum Guten wenden würde.
Aber andauernd hatte sie das Gefühl, er wolle sie zu Zahrak drängen, als hätte er es sich zum Ziel gemacht, dass sie zusammen kämen. Dummer Kerl. Da hatte sie schließlich auch noch etwas mitzureden und Zahrak schien sie ja eh nur als Freundin zu sehen. Das musste er wirklich endlich mal begreifen. Und dann auch noch jedes Mal dieses unangenehm schmerzende Hüpfen in ihrer Brust, wenn er sie anfasste. Furchtbarer Kerl.

Wahrscheinlich war es am besten, wenn sie sich erstmal auf ihre Arbeit konzentrierte. Sie wollte sich nicht aufdrängen und schon gar nichts für einen verheirateten Mann empfinden! Andererseits wäre das absolut ausgeschlossen. Sie würde sich sicher nicht mit so einem grauenvollen Kerl einlassen.
Er hatte weder bemerkt, noch sich darum geschert, wie es ihr ging an diesem Abend des Überfalls.
Erst hatte sie die Angst überwältigt, dann hatte sie versucht ihn zu schützen und dafür den Vorwurf des Verrats geerntet. Und letztlich hatte sie sich zusammen nehmen müssen, um nicht einen Nervenzusammenbruch zu bekommen, oder ohnmächtig zu werden. Nur eine Mine aus Stein und das absolute Ignorieren jedweder Gefühle hatte sie überhaupt noch auf den Beinen halten können. Und je länger der Abend wurde und je mehr er sie mitschleifte, desto schwerer fiel es ihr, die Fassung zu behalten. Aber das interessierte ihn natürlich nur wenig. Mistkerl. Sie hasste ihn langsam aber sicher inständig.
Andererseits konnte sie sehr gut verstehen, dass Zahrak für ihn an erster Stelle stand. Hätte sie Geschwister die sie liebte, würde es ihr sicher genauso gehen. Und als sie ihn weinen sah… das hatte ihr fast das Herz zerrissen. Wie gerne hätte sie ihn in diesem Moment in den Arm genommen und ihn getröstet. Aber dafür war Hailey zuständig und schließlich liebte er sie ja. Sie würden es schon schaffen, ihre Differenzen zu überwinden.

Plötzlich fiel ihr wieder etwas ein, das Ihre Mutter damals zu ihr gesagt hatte, als sie so hintergangen wurde und sich fest vornahm, nie wieder irgendwen zu lieben.
„Ich verstehe dich sehr gut meine Tochter. Doch bedenke, dass das Sterben der Seele nicht mit dem Verlust des Lebens beginnt, sondern mit dem Fehlen der Liebe. Glaube fest daran, dass du die Liebe finden wirst eines Tages und wenn es wahre Liebe ist, dann wird es auch nicht weh tun, sondern nur reines Glück und Freude bedeuten. Und wenn du einmal zweifelst, dann schau hinauf zu den Sternen. Auch wenn du sie einmal nicht sehen kannst, sind sie doch immer da und leuchten für dich in der dunklen Nacht.“

Sie umklammerte ihre Kette an ihrem Hals.
Aber sie hatte nach ihm Ausschau gehalten, nach dem Stern, der für sie bestimmt war, doch sie hatten sich geweigert für sie zu scheinen. Sie konnte nur Wolken sehen, aber sie würde Vertrauen haben. Alles andere würde ihre Mutter sicher nicht dulden, auch wenn sie jedes Mal enttäuscht wurde, wenn sie ihr Herz öffnete.

Und vielleicht lag die Antwort auf ihre Sehnsucht ja gar nicht bei den Brüdern, sondern an einer ganz anderen Stelle. Sie musste lächeln, weil sie immer noch das Kribbeln auf der Stelle ihrer Schulter spürte, wo die weichen Lippen sie berührt hatten.

Sie würde schon einen Weg zurück zur Liebe finden, wenn es an der Zeit wäre. Wieder musste sie an das liebevolle Lächeln ihrer Mutter denken und an den Schalk in ihren Augen als sie ihr damals gestand, dass es da so einen Jungen gäbe, der ihr nicht aus dem Kopf ging.
„Wenn du dich dabei ertappst, wie du zu oft an eine Person denkst – das nennt man Gefühle und das ist Teufelszeug!“ hatte sie gescherzt und sie dann lachend in die Arme geschlossen.
Oh Mutter, du fehlst mir so unendlich! Ich würde so gerne wieder einmal in den Arm genommen werden.

Aber jetzt stand ihr erst einmal der Sinn nach Veränderung.
Sie würde umräumen, einige Möbel ersetzen, damit es etwas wohnlicher wurde und vielleicht konnte der Barbier auch irgendetwas mit ihren Haaren machen. Irgendwie ertrug sie sie nicht mehr.
Achja.. und eine neue Schnapsflasche würde sie auf dem Heimweg auch gleich noch besorgen.

Genau. Tief durchatmen, den Kopf frei bekommen und dann einfach immer weiter, Schritt für Schritt.
Was sagte der hübsche Rotschopf noch gleich?
„Arbeit hat auch was Gutes. Man hat weniger Zeit zum Grübeln!“
Also auf an die Arbeit!


An diesem Tag fand nur ein sehr knapper Brief seinen Weg in das Versteck des Buches.
Liebste Mama,

mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut und alles wird sich zum Guten wenden.

In Liebe deine Tochter
Adelena
Adelena Bergon

Beitrag von Adelena Bergon »

Endlich fand sie wieder einmal Zeit das Buch her zu nehmen, das die Briefe an ihre Mutter enthielt.
2 Wochen waren seit dem letzten Brief vergangen. 2 Wochen in welchen schon wieder so verdammt viel passiert war. Seufzend griff sie also einen Bogen Briefpapier und die Schreibfeder und begann.
Liebste Mama!

2 Wochen sind seit meiner letzten kurzen Notiz an dich vergangen. Und schon wieder gibt es sooo viel zu erzählen.

Stell dir vor, ich wurde von einem krathorischen Fluch angesteckt, der mich immer aggressiver werden ließ und mir das Gefühl gab, ich müsse Blut trinken! Außerdem war ich dem Verursacher des Fluches offenbar völlig loyal ergeben! Aber zum Glück hat sich alles zum Guten gewendet. Du musst dir also keine Sorgen machen, mir geht es gut.
Eine Piratin hatte Zahrak angegriffen und ihn gebissen und ein paar Tage später sind sie zu zweit über mich her gefallen. Wäre nicht zufällig Hailey, Keylons Frau, vorbei gekommen, wäre ich wahrscheinlich jetzt tot. Aber so hat mich nur die Piratin erwischt und mich angesteckt mit diesem Blut-Fluch. Als der Diener Krathors, der den Fluch geschaffen hatte aber nieder gerungen wurde, wurde der Fluch gebannt und es geht allen zum Glück wieder besser.

Selbst Zahrak‘s Schusswunde im Bauch geht es wieder besser und sie verheilt wohl gut. Das hat mich sehr beruhigt.
Ich glaube, er hatte sich große Vorwürfe gemacht, weil er mich angegriffen hat und versuchte, mich auch zu beißen. Aber ich habe ihm verziehen. Es war ja nicht er, sondern der Fluch, der das versuchte. Ich weiß, er würde mir nie etwas tun.
Trotzdem muss ich leider zugeben, dass mir das ganze irgendwie die Sicht auf ihn verändert hat.

Du weißt ja, ich war von Anfang an in ihn verknallt und wie sollte man das auch nicht sein. Er sieht so gut aus, ist witzig, erfolgreich und einfach ein wirklich netter Kerl. Klar hat er auch seine Fehler, aber irgendwie verzeiht man sie ihm auch gerne und leicht. Trotzdem habe ich festgestellt, dass sich mein Gefühl für ihn in den letzten Tagen und Wochen gewandelt hat. Dieses prickeln des Verliebt seins ist irgendwo auf dem Weg verloren gegangen. Wahrscheinlich bin ich die einzige Frau auf dem ganzen Kontinent, der ihm je einen Korb gegeben hat. Aber man kann doch nicht nur so tun, als würde man jemand lieben in der Hoffnung, dass das Gefühl schon irgendwann zurückkommt, oder?

Ich hätte das Gefühl, ihn zu belügen und das möchte ich nicht, deswegen hab ich es ihm gesagt wie es ist. Ich mag ihn wirklich sehr gerne und durch die vergangenen Ereignisse werden wir sicher für immer auf eine Weise verbunden sein, die nie ein anderer teilen können wird. Aber letzten Endes empfinde ich für ihn eher so, wie für einen Freund oder Bruder. Drauf kann man doch keine Beziehung aufbauen.

Gestern hatte ich ein sehr intensives Gespräch mit Janos. Ich habe wirklich keine Ahnung, warum dieser junge Mann so viel Weisheit in sich trägt, aber das reden mit ihm hat mir sehr geholfen.
Im Grunde ist es so, wie auch Liliana gesagt hat. Man kann weder beeinflussen, noch sich aussuchen, wen man liebt. Es passiert einfach, oder eben nicht. Und sich dagegen wehren oder zu beeinflussen, habe ich versucht und es hat mir nichts gebracht, außer noch mehr Schmerz. Janos meinte, ich müsse endlich einsehen, dass mich keine Schuld trifft und sogar Zahrak hat gestern etwas, wie ich meine, sehr sehr weises gesagt. Er sagte, mein Herz müsse erst einmal zur Ruhe kommen und dann wird man sehen, was die Zeit bringt. Und ich glaube, das wäre das Beste.

Im Moment komme ich aber wirklich sehr sehr schlecht zur Ruhe. Ich schlafe fast nicht, kann erst nicht einschlafen, dann wache ich von Alpträumen verfolgt wieder auf. Oft ist mein Bett dann schweißnass und ich kann mich nur noch in die Bettrolle neben mein Bett legen.
Eigentlich wollte ich gestern von Lili ein Schlafmittel. Aber sie meinte, in solchen Fällen solle man eher die Ursache beheben, statt mit einem Trank die Auswirkung zu unterdrücken.
Leider kenne ich die Ursache nicht und an die Träume erinnere ich mich auch nicht. Ich wache nur auf und habe Angst und fühle mich schrecklich.

Naja, ich denke ich werde es also aussitzen müssen und abwarten. Wahrscheinlich ist es noch eine Nachwirkung des Fluches. Wird schon alles wieder werden, würdest du wohl sagen!

In Liebe, deine Tochter

Adelena

PS: Hast du gesehen was Keylon getan hat? Er hat es mir gestern gesagt. Ich finde, das sagt mehr als jedes Wort, meinst du nicht? Ich solle versprechen, nicht verärgert zu sein. Dieser Witzbold! Verärgert? Ich war überglücklich, auch wenn er mir damit neue Probleme geschaffen hat, aber das ist mir egal. Der Wille zählt und ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt weiß, WAS er mir damit eigentlich gesagt hat.
Mit einem zufriedenen Lächeln faltete sie dann den Brief zusammen und verstaute ihn wieder am üblichen Ort.
Und zum ersten Mal seit langem hatte sie wirklich das Gefühl, dass alles gut ist und sich eh schon alles fügen würde. Fast, als hätte Eluive selbst sie tröstend in den Arm genommen.
Irgendwie würde sich das alles schon fügen. Sie müsse nur Vertrauen haben.
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