Als sie aufwacht, fühlte es sich nach einer Flasche Schnaps und einem Schlag in die Magengrube an. Zumindest die leere Flasche Schnaps auf dem Boden ermahnte sie deutlich an den letzten Abend.
Was genau passiert war … nun, das wusste sie nicht mal vor dem Schnaps so recht. Aber immerhin war es nur Schnaps gewesen und nicht dieses krathorische Wildkraut, nach dem sie sich früher am Abend so sehr gesehnt hatte, bei dem sie so etwas wie Trost oder zumindest etwas vergessen fand. Claudius hätte ihr die Leviten gelesen, wenn er sie schon wieder mit Schnaps erwischt hätte, doch zum Glück hatte sie die Flasche noch zu Hause gehabt.
Verdammter Abend!
Eigentlich hatte der Abend ganz normal angefangen. Sie wollte Zahrak die Wolle bringen, die sie den armen Schafen von Galen abgeschoren hatte. Er konnte sie sicher besser brauchen als sie und erholt haben müsste sich der Schlawiner ja auch schon wieder von seiner Gehirnerschütterung. Ein Besuch wäre also sicher in Ordnung.
Wahrscheinlich hätte ihr hier schon auffallen müssen, dass etwas nicht stimmte, denn sonst freute sie sich immer irgendwie ein klein wenig mehr auf die Besuche bei Zahrak. Vielleicht war es eine Vorahnung gewesen?
Der Überfall dieser ganz offenbar geistig verwirrten Person, er nannte sie Melina, hatte alles durcheinander gebracht und der arme Zahrak war kaum genesen von der Gehirnerschütterung, schon wieder verletzt. In den Hals hatte dieses verfluchte Weib ihn gebissen, wie ein tollwütiger Hund! Der ärmste hatte wirklich ständig irgendeine Verletzung in letzter Zeit.
Und dann kam natürlich auch noch Keylon, sein Bruder mitten im Kampf.
Statt zu rufen „Key, bleib weg“ hätte er dem verdammten Kerl genauso gut zurufen können „Hier her Bruder!“ Sie schüttelte immer noch leicht den Kopf. Elender Mistkerl…
Ihr war sofort klar gewesen, wie die Reaktion Keylons sein würde auf „bleib weg“ und so sprintete sie los, kaum dass sie dieser Frau mit dem Tablett eins über gezimmert hatte. Mit der puren Wucht ihres Körpers, rannte sie Keylon einfach um. Zum Glück hatte er weder eine Rüstung an, noch sein gerade gezogenes Schwert in ihre Richtung gehalten. Im Nachhinein gesehen, war es wohl wirklich keine gute Idee gewesen, aber argumentieren hätte auch nichts gebracht, dessen war sie sich absolut sicher. Andererseits hatte ihre Aktion auch nur dafür gesorgt, dass das Weib entkommen konnte, auch wenn Key natürlich sofort hinterher stürmen musste.
Nicht, dass er ihr erst kurz davor erzählt hatte, dass er durch seine unbedachten Aktionen sich und seiner Familie schon einige Feinde gemacht hatte, nein, er machte es natürlich sofort wieder.
Und während sie sich um den verletzten Zahrak kümmerte, kam er natürlich unverrichteter Dinge wieder zurück und ließ seinen Zorn an ihr aus und schrie sie an, warum sie der Frau geholfen hätte.
Diese Geisteskrankheit war eindeutig ansteckend.
Wer war denn hier geblieben und hatte seinen blutenden verletzten Bruder versorgt? Er ja wohl nicht! Und wie wurde es ihr gedankt? Ausgerechnet dieser Melina geholfen! Pah!
Nein, das hatte sie nicht nötig! Ihr war sowieso nicht ganz klar, warum sie sich das eigentlich immer wieder antat.
Sicher, Zahrak war ein ausgesprochen gut aussehender Kerl und egal wie trüb und grau ihre Welt um sie herum war, er konnte sie immer aufheitern und zum Lächeln bringen. Tatsächlich hatte sie oft den Eindruck, dass es ihm sehr wichtig war, dass sie lächelte. Nur die Götter wussten warum.
Eine Zeit lang dachte sie, sie wüsste es vielleicht doch, aber es war dumm gewesen sich Hoffnungen zu machen, auch das hatte ihr der Abend mehr als deutlich gezeigt. Genau genommen hatte er nie mehr als Freundlichkeit ihr gegenüber gezeigt und das ein oder andere Kompliment. Aber es war schließlich Zahrak, er könnte jede Frau haben. Da durfte sie sich einfach nichts vormachen. „liebgewonnene Menschen“ … dieser Ausdruck würde sie wohl noch länger verfolgen. Ihren Teddy hatte sie schließlich auch lieb.
Und Keylon? Aus dem wurde sie erst recht nicht schlau, aber vielleicht war es auch besser so.
Zahrak hatte ihn dazu überredet statt seiner mit ihr zum Ball zu gehen, damit sie nicht allein wäre, oder darauf verzichten müsse. Aber statt die Aufgabe zu erledigen und die Sache gut sein zu lassen, liefen sie sich wie verhext ständig über den Weg. Und ständig mussten sie sich streiten. Sie schnaufte. Dieser Kerl machte sie einfach wahnsinnig. Er war so unvernünftig und so impulsiv. Aber sie hatte auch mit ansehen dürfen, wie liebevoll er mit seiner Familie umging und wie innig die Beziehung zu seinem Bruder war.
Seine Frau musste verrückt sein, wenn sie ihn nicht über alles liebte und sie hoffte inständig, dass mit den beiden sich noch alles zum Guten wenden würde.
Aber andauernd hatte sie das Gefühl, er wolle sie zu Zahrak drängen, als hätte er es sich zum Ziel gemacht, dass sie zusammen kämen. Dummer Kerl. Da hatte sie schließlich auch noch etwas mitzureden und Zahrak schien sie ja eh nur als Freundin zu sehen. Das musste er wirklich endlich mal begreifen. Und dann auch noch jedes Mal dieses unangenehm schmerzende Hüpfen in ihrer Brust, wenn er sie anfasste. Furchtbarer Kerl.
Wahrscheinlich war es am besten, wenn sie sich erstmal auf ihre Arbeit konzentrierte. Sie wollte sich nicht aufdrängen und schon gar nichts für einen verheirateten Mann empfinden! Andererseits wäre das absolut ausgeschlossen. Sie würde sich sicher nicht mit so einem grauenvollen Kerl einlassen.
Er hatte weder bemerkt, noch sich darum geschert, wie es ihr ging an diesem Abend des Überfalls.
Erst hatte sie die Angst überwältigt, dann hatte sie versucht ihn zu schützen und dafür den Vorwurf des Verrats geerntet. Und letztlich hatte sie sich zusammen nehmen müssen, um nicht einen Nervenzusammenbruch zu bekommen, oder ohnmächtig zu werden. Nur eine Mine aus Stein und das absolute Ignorieren jedweder Gefühle hatte sie überhaupt noch auf den Beinen halten können. Und je länger der Abend wurde und je mehr er sie mitschleifte, desto schwerer fiel es ihr, die Fassung zu behalten. Aber das interessierte ihn natürlich nur wenig. Mistkerl. Sie hasste ihn langsam aber sicher inständig.
Andererseits konnte sie sehr gut verstehen, dass Zahrak für ihn an erster Stelle stand. Hätte sie Geschwister die sie liebte, würde es ihr sicher genauso gehen. Und als sie ihn weinen sah… das hatte ihr fast das Herz zerrissen. Wie gerne hätte sie ihn in diesem Moment in den Arm genommen und ihn getröstet. Aber dafür war Hailey zuständig und schließlich liebte er sie ja. Sie würden es schon schaffen, ihre Differenzen zu überwinden.
Plötzlich fiel ihr wieder etwas ein, das Ihre Mutter damals zu ihr gesagt hatte, als sie so hintergangen wurde und sich fest vornahm, nie wieder irgendwen zu lieben.
„Ich verstehe dich sehr gut meine Tochter. Doch bedenke, dass das Sterben der Seele nicht mit dem Verlust des Lebens beginnt, sondern mit dem Fehlen der Liebe. Glaube fest daran, dass du die Liebe finden wirst eines Tages und wenn es wahre Liebe ist, dann wird es auch nicht weh tun, sondern nur reines Glück und Freude bedeuten. Und wenn du einmal zweifelst, dann schau hinauf zu den Sternen. Auch wenn du sie einmal nicht sehen kannst, sind sie doch immer da und leuchten für dich in der dunklen Nacht.“
Sie umklammerte ihre Kette an ihrem Hals.
Aber sie hatte nach ihm Ausschau gehalten, nach dem Stern, der für sie bestimmt war, doch sie hatten sich geweigert für sie zu scheinen. Sie konnte nur Wolken sehen, aber sie würde Vertrauen haben. Alles andere würde ihre Mutter sicher nicht dulden, auch wenn sie jedes Mal enttäuscht wurde, wenn sie ihr Herz öffnete.
Und vielleicht lag die Antwort auf ihre Sehnsucht ja gar nicht bei den Brüdern, sondern an einer ganz anderen Stelle. Sie musste lächeln, weil sie immer noch das Kribbeln auf der Stelle ihrer Schulter spürte, wo die weichen Lippen sie berührt hatten.
Sie würde schon einen Weg zurück zur Liebe finden, wenn es an der Zeit wäre. Wieder musste sie an das liebevolle Lächeln ihrer Mutter denken und an den Schalk in ihren Augen als sie ihr damals gestand, dass es da so einen Jungen gäbe, der ihr nicht aus dem Kopf ging.
„Wenn du dich dabei ertappst, wie du zu oft an eine Person denkst – das nennt man Gefühle und das ist Teufelszeug!“ hatte sie gescherzt und sie dann lachend in die Arme geschlossen.
Oh Mutter, du fehlst mir so unendlich! Ich würde so gerne wieder einmal in den Arm genommen werden.
Aber jetzt stand ihr erst einmal der Sinn nach Veränderung.
Sie würde umräumen, einige Möbel ersetzen, damit es etwas wohnlicher wurde und vielleicht konnte der Barbier auch irgendetwas mit ihren Haaren machen. Irgendwie ertrug sie sie nicht mehr.
Achja.. und eine neue Schnapsflasche würde sie auf dem Heimweg auch gleich noch besorgen.
Genau. Tief durchatmen, den Kopf frei bekommen und dann einfach immer weiter, Schritt für Schritt.
Was sagte der hübsche Rotschopf noch gleich?
„Arbeit hat auch was Gutes. Man hat weniger Zeit zum Grübeln!“
Also auf an die Arbeit!
An diesem Tag fand nur ein sehr knapper Brief seinen Weg in das Versteck des Buches.
Liebste Mama,
mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut und alles wird sich zum Guten wenden.
In Liebe deine Tochter
