- Verrat trennt alle Bande.
Johann Christoph Friedrich von Schiller
Erst als Ruhe einkehrte in der Festung begann mir ganz langsam zu dämmern, was überhaupt geschehen war. Tatsächlich war alles sehr zügig gegangen und die Zeit danach fühlte ich mich zum einen wohl zurecht und buchstäblich zerschlagen, zum anderen wie betäubt. Ich funktionierte eben, das war aber auch schon alles. Bewusst nahm ich an all dem nicht teil, es rauschte mehr an mir vorbei.
Jetzt, da alle weg waren, Fenia sich bereits zu dem ihr zugewiesenen Schlafplatz zurückgezogen hatte, saß ich nahe der Türe hinter der sie vermutlich versuchte Schlaf zu finden und kritzelte mir auf den Knittelzettel drauf, was zu tun war.
- - Ankündigung für das Volk
- Zugänge der Letharen nachhaltig verschließen
- Tore schließen
- Wachen verdoppeln
Die Liste wuchs, langsam aber stetig. Einiges davon wurde schon erledigt, während ich noch vor mich hinbrütete. Zwischendurch fragte ich mich, ob eine klare Darlegung der Geschehnisse half oder eher Gegenteiliges bewirkte.
Mein Blick lenkte sich auf den riesigen Kamin, in dem nur ein klein gehaltenes Feuer brannte. Wiederholt überlegte ich, was hätte anders laufen müssen, aber in der Summe der Vorfälle, wurde immer deutlicher, dass die ganze Angelegenheit eine klar vorbereitete Sache war, mit dem Willen das Reich nachhaltig zu spalten.
Es hatte angefangen mit dem Ausspionieren der Gemeinschaften, von dem ich wusste – von Anfang an. Die Fortsetzung war das weitere Spionieren vor den Türen, sobald man nur mit ihnen unterwegs war. Dazu das Verfälschen von jedweden Tatsachen zu eigenen Gunsten, um das für sich gesetzte Ziel zu erreichen. Nachfolgend die ständigen Provokationen in den letzten paar Wochen, die auf nichts anderes hinzielten, dass irgendwann irgendwer die Nerven verlor, um darauf zeigen zu können am Ende, und sagen zu können: Der war’s.
Und das I-Tüpfelchen waren dabei noch die Auftritte in Düstersee und beim Rat, sowie die öffentliche Denunzierung von Würdenträgern.
Ein Volk, das behauptete, sich nur auf getätigte Leistungen zu berufen, aber sich benahm wie der Adoraner Adel auf Grund ihres Geburtsrechts zu sein, was sie waren. Was eine Blasphemie dem All-Einen gegenüber. „Denn wir sind etwas Besseres, weil wir geborene Kinder des All-Einen Gottes sind, ihr aber seid nur niedere, unterprivilegierte Diener, Kanonenfutter, Dreck unter unseren Fingernägeln, egal, was ihr leistet. Ihr werdet es immer sein, Würdenträger oder nicht. Nur solange der Nutzen für uns, die von Geburt wegen Besseren, groß ist, dulden wir, dass eure Füße den gleichen Boden berühren wie den unseren.“
Wenn das nicht gegen die Gebote ging, was dann? Mochte der Allmächtige richten. Bislang war der Blitz noch auf keinen von uns niedergefahren. Schien Ihn also nicht zu kümmern. Vielleicht war Er auch eher der Ansicht, dass es wieder an der Zeit war auszusieben. Da stellte sich nur die Frage, wen er ausgesiebt haben wollte.
Ich schob die Gedanken erst einmal beiseite, verließ die Festung und ließ diese auch gut verschlossen zurück, machte mich auf den Weg nach Rahal. Mitten in der Nacht, die Hand an der Waffe. Ruhe würde ich keine finden, und es war besser früher anzufangen als später.
Ich scheuchte einige Leute aus den Betten, unter anderem Tasador, die Tempelwachen, die teilweise Nickerchen hielten, diese naiven Idioten, und eben die, die ich noch so auftreiben konnte zunächst. Keine Stunde später waren sie an allen bekannten Ecken fleißig zugange die Zugänge des Axorns zu versiegeln, gründlich, nachhaltig, ohne Wenn und ohne Aber. Es sollte nicht so einfach möglich sein, diese wieder zu öffnen. Weder mit Liedwirkerei, noch anderweitig.
Es machte Arbeit, es sollte ihnen genauso viel Arbeit machen aus ihrem erbärmlichen Rattenloch wieder hervorschlüpfen zu können. Während ich mit den anderen schuftete, oder zwischendrin die Wachablösung zur Sicherung übernahm, stellte ich zunehmend fest, das meine einstige hohe Achtung vor den Kindern ins Bodenlose gefallen war.
„Und, Cha’xyrol? War es das, was du dir vorgestellt hast, von deinen Kindern? Das, wohin der Weg führen sollte? Irgendwie bezweifele ich das. Und es ist eine dieser Zeiten, wo ich mir wünschte, du wärest nicht verreckt, du Arschloch“, murmelte ich vor mich hin.
Erst in den frühen Morgenstunden war die Arbeit getan, der Eingang auch vor Rahal dicht, gut durchsickert mit stinkendem Sumpfwasser, damit Lehm, Stein und Dreck sich gut zusammenfügten am Ende. Was so ein verdammter Eingang an Material fraß, um ihn dicht zu bekommen, war unfassbar. Trotzdem, es war geschafft. Und es würde sicher kein einfaches Unterfangen für irgendwen, da wieder herauszukommen.
Müde, völlig erschlagen, kehrte ich zur Ritterfestung zurück, in der sicheren Annahme, die Elegida hatte daheim bescheid gegeben. Ich hoffte, das Haus stand nun leer – vorerst zumindest.
Trotz Müdigkeit kehrten die Gedanken zurück zu den Vorfällen, wie an einer Schnur gezogen. Mit wem hatte es angefangen? Wann genau? Ich schob die müßigen Fragen beiseite und lauschte auf mein Bauchgefühl, das mir sehr deutlich machte, wer in meinen Augen den ganzen Sermon massiv vorangetrieben hatte. Dumme Runenlose, die nichts geleistet hatten bis dahin, erst recht nicht für das Reich. Eine rhetorisch völlig unterlegene und dadurch verzweifelte Vicaria, die krampfhaft versuchte sich aufzuplustern und groß zu fühlen. Wie stets stellte sich hier die Frage, wie groß die Bereitschaft mancher sein würde, sich von diesem Gefasel blenden zu lassen. Denn im Grunde war sie eine arme, verunsicherte und an Alatar versagende Kreatur. Fast also ein Subjekt, das Mitleid verdiente – wären wir denn alle genauso verblendete Temorianer, wie sie eine verblendete Lethra war, die den Titel Vicaria nicht mal verdiente – geschweige denn einen Höheren.
Mit Bedauern aber stellte ich fest, dass Ceylin’Tyrs an dem Punkt vermutlich völlig hinter ihren Geschwistern stehen würde. Dies.. wirklich mit tiefstem Bedauern. Eine der wenigen Kinder, vor denen ich noch Respekt und Ehrfurcht empfand.
Wie groß die Enttäuschung bei einem weiteren davon war, konnte ich kaum in Worte fassen. Die Wut darüber schnürte mir regelrecht die Kehle zu.
Kurz vor den Toren der Festung hielt ich inne und sah nach Norden. Mir fiel ein, dass ich noch zwei von ihnen zu meiner Gemeinschaft zählte. Und der Gedanke insbesondere die Lethra fortzuschicken, zog sich mir der Magen zusammen und mir wurde übel. Ich war mir nicht sicher, ob sie das je verzeihen konnte, aber in der Konsequenz blieb mir nichts anderes übrig. Außer sie bekannte sich zu uns und verließ ihr Volk. Ob sie das und die damit verbundenen Folgen allerdings in Kauf nähme?
- Löblich ist verzeih’n.
Doch Menschenquälern die Wunden zu balsamen,
ist gegen die Menschheit Verrat.
Johann Gottfried von Herder