- Ein Trick ist die praktische Anwendung von List.
Prof. Dr. med. Gerhard Uhlenbruck
Wie so oft überschlugen sich die Ereignisse mal wieder. Zores hier, kleine Streitigkeiten da, ein bis zwei Überläufer, und zu allem Überfluss erhielt ich noch die Nachricht vom Verbleib der Lethrusae in Feindeshand. Nichts, wirklich nichts von all dem wollte mir gefallen, das Letzte am allerwenigsten. Der Dämon allein wusste, wie lange sie sie schon hatten und was sie mit ihr anstellten. Sie war immerhin kein Mensch, sie war in ihren Augen nicht zu retten und es war die Frage, war sie für uns noch zu retten?
Dass die Letharen die ihren nicht aus der Gefangenschaft befreiten, war mir nur zu klar. So konnte man sich auch den Schwachen entledigen. Ich wollte sie allerdings zurück haben. Nach kurzem Hin und Her und einigen Überlegungen holte ich den Gaul, eine Begleitung und machte mich auf den Weg zur Grenze Schwingensteins. Ich sorgte dafür, dass der Oberst eine Nachricht erhielt, dass ich mich dort befand, und die Zeit des Wartens setzte ein. Erfahrungsgemäß konnte das eine Weile dauern. Manchmal aber hielt das Leben ja auch Überraschungen bereit. Die Wartezeit hielt sich recht kurz, dafür folgte hiernach das Übliche. Also erfreute ich mich zumindest an der kurzweiligen kleinen Überraschung und widmete mich ansonsten der Verhandlung.
An und für sich war auch diese schnell vonstatten gegangen, und da wir ohnedies noch Zeit benötigten den gewünschten Lumpen zu besorgen, wollte ich mich gar nicht beschweren – auch wenn es mich nach wie vor immens störte die Lethra noch immer dort zu wissen. Ganz im Stillen schwor ich mir eine kleine Quittung dafür parat zu halten.
Nun, was sich der Herr Oberst wünschte: Ein Banner der Letharen aus alter Schlacht, um sich daran zu ergötzen. Nein, ich stellte mir nicht bewusst vor, wie er sich daran ergötzen würde. Wirklich nicht! Dieses unverschämte Bild drängte sich von ganz alleine auf. Und mit ihm die gewünschte herzerwärmende Idee der Romantik, die dieser Drecksack sich vorstellte.
Das Resultat daraus folgte auf dem Fuße. Kaum dass wir in Rahal angekommen waren, erhielt meine Begleitung den Auftrag zwei Dinge zu besorgen:
Ein Wandteppich mit dem Abbild Ahad Christophs und seiner Metze. Das zum einen.
Zum anderen eine kleine Herausforderung an den Schneider: Ich zeichnete aus einem der alten Nachrichten von Letharf zu Lethra oder umgekehrt, die sich noch im Haus befanden, einige Runen ab, ziemlich wahllos herausgegriffen. Was das Auge eben so als ‚nett‘ befand. Diesen Zettel gab ich mit.
Der Auftrag lautete: Fertigt ein Banner an, das möglichst letharisch wirkt, angekohlt ist, bestenfalls erfranzt und zerfressen, nutzt von mir aus auch marode Materialien dafür und bringt darauf unter allen Umständen diese Runen an.
Nun, die Ergebnisse, die man mir am Ende vorlegte, ließen sich sehen und taugten. Dass die Letharen kein Stück dafür herausgaben, war ein Umstand, der eigentlich auch dem gefallenen Templer klar sein musste. Eigentlich. Aber was scherte es mich, dass er daran vielleicht nicht einmal dachte.
Mit dem Objekt der offenkundigen Begierde, der Dreingabe aus reiner Nickeligkeit und dem Sinne für Romantik des Oberst, machen wir uns auf den Weg die Lethrusae abzuholen. Wir, das waren in dem Fall einige Prätorianer und ein Lethrixor, der ein reges Interesse daran hatte, die Lethra heim zu schleifen. Mir sollte es recht sein.
Als er sich die beiden Stücke zeigen ließ, die völlig sinnbefreite Runenaneinanderreihung sah, wurde mir auch gleich bestätigt, dass die Runen jeden Inhalts entbehrten. Ja, es wärmte mir schon jetzt das Herz.
Die Übergabe verlief wie erwartet. Es wurde sich ein wenig aufgeplustert, die Sachen übergeben, die Lethra übernommen, es wurde sich noch mehr aufgeplustert, die Wege trennten sich. Was mir zusätzlich eine Wonne war: Salberg kochte vor Zorn. Was auch immer vorgefallen war, dieser Zorn sorgte dafür, dass ich mich zu einem Lächeln hinreißen ließ.
Weniger erheiternd war dieser ganze rosa Firlefanz mit der die Lethra geschmückt worden war. Vermutlich sollte es eine Demütigung darstellen, für mich hatte es eher etwas von spielenden Kindern, die sich einmal an einem Kind des All-Einen austoben durften. Wer zur Hölle konnte so etwas als ernsthafte Demütigung sehen? Sei’s drum. Vielleicht fehlte mir dazu auch der nötige Humor oder die entsprechende Feinsinnigkeit, um diese Handlungsweise zu begreifen.
Wenn der Feind sich lächerlich machen wollte, bitte! Mir sollte es nur recht sein.
Ich hielt also fest: Wir tauschten erfolgreich eine hervorragende Heilerin gegen ein paar wertlose Lumpen, die nicht einmal annähernd das waren, wofür sie gehalten wurden. Wenn das mal nicht in Alatars Sinne war. Eines seiner Kinder gerettet, das obendrein noch nützlich war, und mit List und Tücke dem Feind das angedreht, was sie verdienten: Einen Fetzen von Nichts. Ein stiller, ganz leiser Triumpf, aber sicher nicht die Rechnung des Ganzen.
Und wie das Schicksal es manchmal eben so wollte, spielte es dem Guten in die Hände, dieses Mal in Form einer Forderung zu einem Duell. Ob dem Kerl bewusst war, dass er unter Stand war und Dinge heraufbeschwor, die er besser hätte ruhen lassen?
Diese Zahnkette hatte für mich keine Bedeutung, wohl aber für Je’yuxalae, die diese Dinger in mühsamer Arbeit zusammengetragen hatte; eine kleine Trophäensammlung, wenn man so wollte. Im Grunde handelte es sich hier also um eine Auseinandersetzung zwischen diesen beiden, denn sie besaß da noch ein Schild und Schwert, die ihm gehörten. Wieso er mich nun in diese Händel hineinzog, war mir schleierhaft. Es stellte sich auch die Frage, ob er sich überhaupt annähernd bewusst war, was er sich damit einbrockte. Vermutlich… nicht.
Weder war ich im Besitz der Dinge, die er erringen wollte, noch konnte ich sie von der Lethra einfordern. Ach was, ich wollte es nicht einmal. Und bitte, was war wohl nützlicher? Diese verdammte Kette fauliger Zähne oder ein Schwert und ein Schild? Trotzdem zauberte mir die Forderung schon wieder ein Lächeln ins Gesicht, während ein Plan in mir reifte. Ein Plan, mit dem der Kerl sicher nicht rechnete.
Ich warf den Pergamentbogen auf den Tisch, suchte einen sauberen und schrieb nur ein paar Zeilen darauf. Diese Nachricht sollte er erhalten. Alles Weitere? Würde sich zeigen, ob es sich umsetzen ließ.
- List und Tücke gehören zusammen wie Zwillinge.
Tücke führt aus, was List ersann.
Waltraud Puzicha