Tagebuch

Geschichten eurer Charaktere
Leumarin Quentiver

Tagebuch

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Vorwort

Zwischen meinen Fingern zerfallen die letzten zehn Jahre meines Leben.

All die Seiten. All die Gedanken. All die in Tinte gefassten Erinnerungen. Wie soll ich jetzt noch wissen, wer ich bin?

Es gibt nichts mehr zu retten, daran kann kein Zweifel bestehen: das salzige Wasser hat die Schrift nicht nur verwischt, sondern ausgelöscht und unter jeder Berührung löst sich das dicke Papier ein wenig mehr in unbestimmbaren Brei auf.

In die würgende Hilflosigkeit mischt sich Trotz: Nicht alles ist verloren. Es gibt Dinge, die ich nicht vergessen könnte, auch wenn ich es wollte. Und Eluive weiss, dass ich es versucht habe.

Also werde ich neu beginnen. Nicht mit den schwierigen Dingen. Nicht mit den Schmerzen und Schatten, den Ängsten und Hoffnungen. Bevor ich diese Saat erneut ausbringen kann, muss ich den Boden bereiten, muss pflügen mit dem Gewesenen und den Ausblicken auf das Kommende.
Zuletzt geändert von Leumarin Quentiver am Mittwoch 15. Juli 2015, 20:22, insgesamt 2-mal geändert.
Leumarin Quentiver

Quentivers Erbe

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Adorans Verheissung

Mein Vater schwärmte stets vom Hochgefühl des Reisens, von der Freiheit des Abenteuers und der Verlockung des frischen Windes unter der Nase, der bunten Häfen und der Vielfalt von Menschen. Wie in so vielen Dingen, war er auch darin stets hoffnungslos: Nicht, dass er ein blauäugiger Optimist gewesen wäre - er vergass nur binnen kürzester Zeit alles Schlechte.

Heute ist mir das bewusst. Es gab eine Zeit, da glaubte ich tatsächlich, dass die Welt ein solcher Ort sei, reif darauf entdeckt und erforscht zu werden. In gewisser Weise ist das noch immer so - nur die Vorzeichen haben sich geändert. Aber für diese Saat ist es noch zu früh. Der Boden ist noch nicht bereitet.

Ich machte meine Erfahrungen und stellte fest, dass ich Seereisen nicht viel abgewinnen konnte. Die Enge unter Deck biss sich mit der vermeintlichen, aber unerreichbaren Freiheit des Horizontes, das Schnarchen der Matrosen milderte den malerischen Eindruck verwegener Haudegen. Glückstrahlende Fantasien kennen keine Striemen und Schwielen, keine ächzenden Muskeln und keine vollkommene, ohnmächtige Erschöpfung.

Zu früh. Zurück.

Ich schrieb unter dem unruhigen Licht der geschlossenen Laterne, während die "Wurmtrotz" auf den Wellen tanzte, getrieben von Sturm, wo ich getrieben von meinen eigenen Gedanken war.

Na schön, es ist ein wenig absurd. Ich schreibe in ein Tagebuch, wie ich in ein Tagebuch schrieb, dass ich darüber nachdachte, unter welchen Umständen diese Reise begonnen hatte. Ich hoffe wirklich, dass dieses Tagebuch hier überlebt, denn wenn ich diesen Kreis noch einmal schlage, dann habe ich einen Knoten in meinen Gedanken. Auch das wäre nicht das erste Mal.

Also: Ich dachte darüber nach, was die echten Gründen für meine Anwesenheit auf diesen dem Untergang geweihten Schiff waren. Ein Schiff, dem ich zu diesem Zeitpunkt noch zutraute mich gesund und munter nach Adoran zu tragen.

Der Einfachkeit halber will ich behaupten, dass das Gespräch mit meinem Bruder der Anfang gewesen war:

Etwas war anders als ich den weitläufigen Raum betrat, von dem aus unser Vater früher immer seine Geschäfte zu führen vorgegeben hatte. Nicht die Einrichtung: All die eigenwilligen Sammelstücke aus aller Welt, die er so bereitwillig als Bezahlung anstelle solider Münzen akzeptiert hatte, waren noch an ihrem Platz: Die gläsernen Augen einer dreiköpfigen Seeschlange starrten unverwandt in Richtung der Türe und maßen jeden Besucher, der gehörnte Hase lauerte wie immer direkt über der Türe und die rostende Sammlung weitgehend nutzloser Prunkwaffen war frisch poliert worden. Sogar der Geruch war der gleiche: Eine eigenwillige Note von Tang und Meer, die einem wurmstichigen Schaukelstuhl entströmte der dem windigen Verkäufer zufolge aus dem Wrack der "Götteratem" geborgen worden war.

Genau wie unser Vater früher, hatte mein Bruder sich diesen Platz ausgewählt und von dort aus betrachtete er mich nun mit dieser kühlen, berechnenden Miene die keine Emotionen verriet. Ich hatte gelernt auf andere Zeichen zu achten: Das unwillkürliche Scharren der Füsse, die Spannung in den Fingern, die die Armlehne des Sitzmöbels eine Spur fester packten. Er war nicht im Reinen mit sich und eine Weile war ich fast überzeugt, dass das die Störung sein musste.

"Gerade rechtzeitig. Ich wollte gerade den Burschen nach dir schicken."

Unsere Beziehung war ein steter Konkurrenzkampf gewesen. Marek war drei Jahre älter, aber ich schlug nach unserem Vater und überragte ihn, solange ich mich zurückerinnern kann. Ich war einfach immer stärker, immer robuster gewesen als er. Ganz egal wieviel Mühe er sich gab: Es reichte niemals vollkommen um mich auf Abstand zu halten und obwohl er als der Ältere der Erbe war, konnte jeder sehen, dass ich meines Vaters Lieblingssohn war.
Das fachte seinen Ehrgeiz mit Sorge an und bisweilen wurden unsere Spiele .. hässlich. Die Narbe auf seiner Wange wird ihn immer daran erinnern - andere Spuren waren nicht so offen.

Die Eröffnung bedurfte keiner Erwiderung, aber dennoch schien meine Bruder ein Wort zu erwarten, starrte mich an, während ich in den Raum hinein witterte, um das zu fassen zu bekommen, was sich verändert hatte. Nicht Marek, trotz seiner Anspannung. Was war es?

"Schön. Es wird Zeit, dass du deinen Nutzen für die Familie beweist. Wir wollen die Geschäfte ausdehnen und haben beschlossen, dass Adoran ein guter Anfang wäre. Es ist denkbar, dass es sich lohnt eine regelmässige Verbindung dorthin aufzubauen, vielleicht sogar ein Kontor zu eröffnen. Das ist eine kostspielige Angelegenheit, die dich aber nicht weiter interessieren muss."

Damals war es mir egal - genau wie unser Vater machte ich mir nie über irgendetwas viele Gedanken und war bereit immer mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Erst später begriff ich, wie ernst das Alles für meinen Bruder war. Später. Als die Spiele der Kinderzeit vorüber waren.

"Wir haben entschieden dich mit dieser Aufgabe zu betrauen. Du kannst damit beweisen, dass du deinen Platz in dieser Familie verdienst. Du hast lange genug nur Kosten verursacht und wie es der Zufall möchte, wirst du nicht allein sein."

Da war es. Der Blitzschlag einer Offenbarung, die darauf gewartet hatte sich zu zeigen, Schemen aus dem Nirgendlicht reissend. Nicht allein.

Zwei Jahre lang hatte ich darauf gewartet und jetzt, nach all den Gebeten war der Pfad zu mir zurückgekommen.
Zuletzt geändert von Leumarin Quentiver am Mittwoch 15. Juli 2015, 20:23, insgesamt 1-mal geändert.
Leumarin Quentiver

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Quentivers Erbe

Warst du, mein Leser, jemals in einem Sturm auf hoher See?
Es ist nicht mit ein wenig Übelkeit getan, wenn die Wellen sich zu Bergen auftürmen und über das Deck hereinbrechen. Alle menschliche Kraft, alle Ausdauer und aller Stolz versagen schliesslich vor der spühendem Gischt und den Massen an Wasser, die das Meer ganz unaufhörlich wieder und wieder auf dich schleudert und brechen genauso wie Mast und Ruder vorher, wie der Kampfgeist der Mannschaft und die letzte Hoffnung des Kapitäns.

Es bleiben nichts als Demut und das Gebet, das demütige Flehen um Temoras Gnade oder Cirmias Glück und zu diesem Zweck hatte der Obermaat als Vertretung des davongespülten Ersten Offiziers nun alle verfügbaren Männer unter Deck gerufen.
Aber ich betete nicht. Ich schrieb. Ich schrieb in fieberhafter Eile in ein Buch, das wenig später das letzte Opfer der See werden sollte und auch wenn ich in diesem Augenblick vollkommen überzeugt war der Herr meines Verstandes zu sein, so habe ich jetzt, aus der gewachsenen Perspektive der seitdem verstrichenen Stunden, doch kleine Zweifel.

Es gibt eine Rechtfertigung: Obwohl klar war, dass dies die letzte Fahrt der Wurmtrotz werden würde, war ich gewiss zu überleben und diese Sicherheit trieb mich an.
Nun: Ohne den Fieber des Augenblicks, ohne das Ächzen des sterbenden Schiffes und die Schreie der betenden Mannschaft ist das schwer zu rechtfertigen. Und ohne die verlorene Vergangenheit meines Tagebuches ist es unmöglich.

Jedenfalls schrieb ich über die Geschichte meiner Familie und die vielen Rückschläge, die die Quentivers im Laufe der Zeit sammelte, wie ein anderer Trophäen.

Wie beschreibt man einen Mann, der viele Ambitionen hat, aber keine Zielstrebigkeit? Ein Mann ohne besondere Begabung, dessen Vorankommen öfter von zufälligem, unverschämten Glück begünstigt war als den Früchten harter, bisweilen sogar ehrlicher Arbeit?

Mir fällt keine gute Beschreibung ein, aber ich könnte ein Bild meines Vaters zeichnen. Oder seines Vaters.

Es ist bezeichnend, dass meine Vorfahren viel Mühe investierten um einen hübschen Familienspruch zu ersinnen und am Ende mit "Des Tüchtigen Hand ist gesegnet durch das Recht." herauskamen.

Ernsthaft. "Des Tüchtigen Hand ist gesegnet durch das Recht."

Das Bild das mir eher in den Sinn kommt, ist das eines marodierenden Maulwurfs, der auf der Suche nach einem Schatz überall willkürlich Erdhaufen aufwirft, ohne zu bemerken, was er dabei mit der Wiese anstellt.
Entsprechend ruhmreich sah die Vergangenheit aus und ohne eine starke Frau an der Seite des selbsterklärten Hausherren war der Fall jedes Fall ebenso unausweichlich wie absehbar.

Mein Grossvater Markas ist ein gutes Beispiel dafür: Zeit seines Lebens ein Glücksritter und Heisssporn der nichts davon hielt irgendwelche Bindungen einzugehen, verspielte er den Grossteil des Besitzes der Familie mit der fragwürdigen Investition in verrückte Projekte wie Tauchglocken, Kriegsharfen und nachwachsende Rüstungen aus lebendem Hartholz, bis er eines Tages von einer seiner Wanderungen nicht mehr zurückkam. Soweit ich weiss, könnte er noch immer irgendwo hier draussen sein, gelangweilt vom Klotz der Familie und lieber hinter dem nächsten Rock her jagend.

Auf diese Weise lässt sich die Geschichte aus Glücksgriffen, Misserfolgen und eigenwilligen Umständen bis zum Bruderkrieg zurückverfolgen - die offizielle Geschichte der Familie beginnt mit einem Hernan Quentiver, der sich als grossartiger Held der Schlacht von den drei Wiesen (wo auch immer das sein soll) beschreibt. Da ich die Wahrheitsliebe und den geringen Hand zur Übertreibung der auch in meinem Blut wohnt kenne, bin ich lieber vorsichtig mit Interpretationen des tatsächlichen Geschehens der damaligen Zeit.

Einerlei. Mein Vater wurde gebändigt durch die stille, unnachgiebige Kraft seiner Frau - klein und dunkel wie mein Bruder Marek, aber viel entschlossener und zielstrebiger. Sie wusste von Anfang an, was er nie lernen wollte: Dass man sein Schlachtfeld selbst wählen muss. Und so bekam sie trotz des legendären Quentiver-Starrsinns am Ende mit ausdauernder Beharrlichkeit in allen wichtigen Dingen ihren Willen. Es ist ihr Verdienst, dass von insgesamt sieben Kindern drei zu Erwachsenen heranwuchsen und dass das ehrwürdige Haus am Hafen schliesslich ohne Schulden dastand. Ich bin auch sicher, dass sie hinter Mareks Drängen steht mich aus dem Weg zu bekommen.

Als wäre das nötig. Als wäre einer unserer Kämpfe jemals nötig gewesen. Aber vielleicht waren sie das. Alles Spuren des Liedes.

Ungefähr mit diesen Worten endete der ursprüngliche Eintrag. Aber natürlich schrieb die Geschichte sich weiter.

Es war dunkel als die "Wurmtrotz" auf das Riff geworfen wurde, der Morgen viel weiter entfernt als die zusammengeballten Wolken die sich über den gesamten Himmel zu erstrecken schienen, der selbst - Grau in Grau - irgendwo am Horizont mit dem Meer verschmolz. Für den bereits gemarterten Leib des Schiffes war das der Todesstoss, aber ihr Sterben sollte dauern, bis die Sonne mit den ersten zaghaften Strahlen nach dem neuen Tag tastete.

Ein neuer Tag.

Die steigende Flut hob die geborstenen Planken, drückte gegen das zerschellte Rückgrat der "Wurmtrotz", bis sie endgültig brach und von den Strömungen getrieben ihr Grab am Grund aufsuchte.

Niemand ausser mir war da, um ihren Tod zu bezeugen. Die verbliebende Mannschaft hatte den Aufschub genutzt um ein Floss aus Trümmern zu fertigen, um Habseligkeiten zu verpacken, immer begleitet von Flüchen über das garstige Schicksal oder Lobpreisungen für die Gnade noch am Leben zu sein. Ich hätte einen Platz haben können, die Münzen die meine Überfahrt bezahlt hatten, befanden sich in der Schatulle die aus der Kammer des Zahlmeister geborgen worden war, aber ich konnte das Schiff nicht verlassen.
Konnte nicht.

Die Männer hatten Besseres zu tun als mit einem Verrückten zu diskutieren - vor allem da sich im nahenden Morgen die ersten Umrisse Gerimors aus dem Dunkel schälten. Es war nicht sehr weit bis zum Land. Also überliessen sie mich in Eluives Namen meinem Schicksal und ich wartete, lauschte dem Sterben des Schiffes, während der Sturm weiterzog, die Wellen verebbten und das kühle Indigo im Osten langsam der Erwartung von Rot und Orange wich.

Aber ich bin nicht wahnsinnig.
Diese Überzeugung ist das Rückgrat meines ganzen Lebens seit diesem Tag vor jetzt beinahe elf Jahren. Dafür habe ich gekämpft und oft genug verloren, habe gelitten und gehofft. Für einen Ausblick auf das Kommende. Auf das, was nicht unvermeidlich sein darf und doch schon seine Schatten vorangeworfen hat.

Es ist alles da.

Wäre ich mehr wie mein Bruder, dann würde ich einen Ausweg suchen. Aber ich nicht so klug. Nicht so schnell. Ich weiss nur, wie man sich von der Strömung tragen lässt wenn sie kommt. Und auf diese Weise musste ich das Land erreichen.
Leumarin Quentiver

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Gerimors Gestade

Es ist beinahe ein hübsches Gleichnis: Ich wurde wie ein neuer Mensch an die Gestade Gerimors gewaschen, befreit von allem, was ich besessen hatte, gereinigt von der drückenden Vergangenheit - und für einen Moment war ich mehr als nur versucht mir einen neuen Namen zu wählen und so zu tun, als wäre dieses ... Ich .. ertrunken, hätte nie einen Fuss an diesen Strand gesetzt.

Der Flackern des Pfades rief mich zur Ordnung: Auch wenn ich wollte, konnte ich dem nicht entkommen, was ich mittlerweile als Bestimmung, als Pflicht akzeptiert hatte. In diesem Augenblick am Strand, während ich der Sonne erlaubte die Kälte aus meinem klammen Gliedern zu vertreiben und die brennenden Augen wischte, war der Weg so klar wie selten zuvor - eine Ahnung des Kommenden, aus dem Jetzt. Möglichkeiten. Gewissheiten.

"Wenn sich Licht und Dunkel gemeinsam im Ring des Feuers verbergen."

Es gab keine Spuren im Sand, aber ich folgte ihnen dennoch in Richtung Adoran.

-------

Da ist diese Sache, die ich vergessen habe zu erwähnen, obwohl ich mich in einem Eintrag meines früheren Tagebuchs lang und ausführlich darüber ausliess: Ich wurde erwartet und dieses Zusammentreffen ist der eigentliche Grund, warum ich nun in aller Ruhe etwas in ein neues Tagebuch schreiben kann: Elis Dimar, über meine Schwester angeheiratete Verwandtschaft.

Das Zusammentreffen war .. ein wenig peinlich, denn um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich erkannte sie nicht wieder und sie mich genauso wenig. Aber solcher Art sind eben die Verlegenheiten, wenn man jemanden ein einziges Mal vorher flüchtig im Rahmen einer grossen Feier gesehen hat und seitdem mehr als ein Jahr verstrichen ist.

Das Andere .. mhm. Das hat einen eigenen Eintrag verdient. Aber zunächst muss ich mir Adoran ansehen.
Leumarin Quentiver

Adorans Herz

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Ich habe lange überlegt, wie ich über meine ersten Eindrücke von Adoran schreiben soll, ohne der Stadt damit Unrecht zu tun.

Ich erreichte die Mauern gerade zu Beginn der Mittagsstunde, folgte einem über das Pflaster rumpelnden Wagen durch die Tore und vorbei an den Wachen, die mir ein wenig zu aufmerksam schienen. Der Pfad, dem ich bis hierher gefolgt war, zerfaserte mit jedem Schritt ein wenig mehr, verlor sich vor dem Geschrei der Händler auf dem Markt und dem Lärm spielender Kinder, wurde zermalmt von der klirrenden Wehr zweier vorbeieilender Bewaffneter.
Ich hatte nichts anderes erwarten können und doch war ich mit einem Mal ganz und gar ratlos: Was bedeutete die Stille? War ich am richtigen Ort? Hatte ich den Weg verloren?

Wo alle Anderen ein Ziel und eine Bestimmung zu haben schienen, stand ich allein still, ein Stein inmitten eines fliessenden Stroms aus Wünschen und Erwartungen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Und wie ein Stein schliesslich von der Strömung erfasst und fortgeschwemmt wird, liess ich mich letztlich von der Menge einfangen und zum Marktplatz tragen. Und dort fand ich das Herz der Stadt.

Mhm.

Ich habe in der Vergangenheit keinen besseren Begriff gefunden und auch jetzt weiss ich nicht, welches Wort ich wählen könnte. "Herz" kommt dem noch am Nächsten: Obgleich alle Orte in gleicher Weise greifbar sind, gibt es immer wieder .. Ankerpunkte, die .. mehr als wirklich sind. Sie bestimmen die Umgebung, sie ordnen und korrigieren als um sie herum. Sie sind wie ein Feldmarschall, der einer Legion von Steinen, Erdkrumen, Staub und Pflanzen befiehlt eine bestimmte Formation einzunehmen. Sie sorgen dafür, dass die Dinge richtig sind - und das war es was ich fand, als ich den Brunnen das erste Mal sah: Ordnung.

Eine Ordnung, die ganz Adoran verband und durchdrang.
Der Begriff Ordnung ist selbst .. schwierig. Er hat eine allzu menschliche Prägung, die von Regeln und Gesetzen spricht, aber das ist es nicht. Auch ein von allen Lebenden verlassenes Adoran hätte noch immer ein Herz, so wie jene öde Sumpflandschaft ein Herz hatte, die ich vor über einem Jahr durchstreifte. Es ist auch kein Schicksal: Das Herz ist einfach. Es gibt kein Versprechen ab, keine Ahnung auf das Kommende oder Mögliche.

Der Brunnen half mir mich in Adoran nicht zu verlaufen.

Gut, das ist ein wenig übertrieben - für einen Fremden ist es nicht so einfach in all den Strassen und Gassen den Überblick zu behalten und sich nicht zu verlieren. Ohne die kleinen Details zu erkennen, an denen die Einheimischen mühelos ihren Weg finden, sieht einfach eine Strassenkreuzung aus wie die Andere und ein Haus ähnelt dem nächsten.

Aber ganz gleich wo ich war: Der Einfluss des Herzens war immer spürbar. Nicht untrüglich - nein. Aber am Ende fand ich immer wieder dorthin zurück.

Der Punkt ist, dass ich mir nicht sicher war, ob ich in Adoran am richtigen Platz bin - aber das bin ich. Um das genauer zu erklären, muss ich aber zurückgehen zu jenem Tag, als ich das erste Mal einen Magier traf. Im nächsten Eintrag.
Zuletzt geändert von Leumarin Quentiver am Dienstag 28. Juli 2015, 19:57, insgesamt 2-mal geändert.
Leumarin Quentiver

Mein erstes Mal

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Mein erstes Mal

Ich bin kein Freund von Überraschungen und ich fürchte das Gewisse. Was auf den ersten Blick paradox erscheint, zeigt seine Kniffeligkeit in Details, die ich mit keinem Menschen teilen kann- und genau an dem Punkt sind die Dinge in den letzten Tagen geradezu aus dem Ruder gelaufen.

Natürlich war ich mir bewusst, dass Adoran für die nächste Zeit meine Heimat sein würde, soviel hatte das völlige Fehlen einer lockenden Verheissung mir besusst gemacht. Dennoch, die Strassen und Gassen auf der Suche nach einem Gefühl von Vertrautheit und .. vielleicht sogar Heimat durchstreifen und dann nichts zu finden, war .. schwierig. Unerwartet in all der Sicherheit, die mich doch hierher geführt hatte. Als wäre mir der Faden ein weiteres Mal durch die Finger geschlüpft.

Selbst die Nächte waren ruhig, ohne die grimmigen Alpträume, die schon lange zu verhassten Begleitern geworden waren, nur ganz fern im Westen kratzte etwas am Rand meines Begreifens, ein .. Unordnung, die mich vielleicht neugierig hätte machen sollen, aber tatsächlich einfach nur abschreckte. Ich war nicht bereit, was auch immer dort draussen warten würde - und in meinen wachen Stunden war das Gefühl nahezu fort, nur ein gelegentliches Unbehagen zwischen zwei Gedanken.

Es war an einem dieser Tage, als ich mich entschloss, dass ich nicht länger auf unverhoffte Einsicht warten konnte. Eine Lehrstunde über die Grundlagen des Glaubens war zugleich interessant und enttäuschend gewesen, sie verriet mir, dass die Priester entweder die Wahrheit nicht kannten, oder sie zu sorgsam hüteten um einen Uneingeweihten wie mich daran teilhaben zu lassen. Ohne das zufällige Zusammentreffen mit der Magierin Nyome von Belfa ein paar Tage zuvor, hätte ich den keimenden Gedanken sofort wieder verworfen - zu präsent waren trotz all der Jahre die eigenartig entrückten Erinnerung an die Geschehnisse damals - aber das kleine Gespräch hatte mir Mut gemacht: Nicht alle Magier wusstens zwangsläufig so sein. Und ich war ohnehin nicht mehr der Gleiche. Was auch immer meine Suche offenbaren würde, dieses Mal würde kein Blut an meinen Händen kleben.

Ich fürchte das Gewisse.
Ich bin kein Freund von Überraschungen.

Und das ist der richtige Augenblick um an damals zu denken, um die Ereignisse jenes Tages zu greifen. Die Erinnerungen sind nicht blasser geworden in der Zeit, aber sie haben sich .. gewandelt, als würden sie nicht mich betreffen, sondern einen Fremden. Vielleicht ist das Schuld.

----------

Es ist ein heisser Tag gerade am Ende des Sommers und draussen auf dem Hof glüht die Luft. Längst verbrannte Überreste von Gras werden zu Staub unter der unbarmherzigen Hitze und dieser Staub kriecht durch die Fenster, reizt die Nasen der Eingeschlossenen zum Niesen. Das ist Leumarins Heim seit seinem Zusammenbruch vor einem Monat, seit dem Tag über den niemand redet und er hat es satt die Wände anzustarren.

Seine Wohnstatt ist ein Zimmer, das den Namen Zelle mit Recht verdient, denn vor dem kleinen Fenster, das auf den Hof hinausgeht, findet sich ein stabiles Gitter und auch die Türe hat das Schloss auf der Aussenseite. Sie ist stabil, das hat er schnell herausgefunden und in der Zwischenzeit sind die blauen Flecken und Prellungen zum grössten Teil verheilt.
Jene, die dafür bezahlt werden auf ihn zu achten, haben diese Lektion ebenfalls rasch gelernt. Nie heben sie die Stimme um zu tadeln oder zu belehren, aber sie haben sich angewöhnt die Türe nur zu öffnen, wenn mindestens zwei kräftige Männer bereitstehen um den Insassen zu bändigen. Sie haben auch gelernt, dass die ersten Wutausbrüche nun Platz gemacht haben für taktischeres Wüten: Der Mann mit der Statur eines Ochsen und dem Temperament eines gereizten Wildschweins hat schon gelernt sich zu zügeln und in den Berichten wird das als positives Zeichen benannt.
Der Vorfall bei dem es Leumarin gelang an den beiden Männern vorbei zu kommen um auf dem Innenhof brabbelnd zusammenzubrechen, wird dagegen unterschlagen. Es ist nicht nötig seine Familie noch mehr zu beunruhigen als sie es ohnehin schon ist.

Und doch hält die Familie sich nicht an die Spielregeln, ignoriert die Empfehlungen, die doch so deutlich in schwarzer Tinte auf gelblichem Papier stehen: Kein Kontakt mit der Aussenwelt. Zeit lassen für Erholung und Besinnung.
Das Gewicht gesammelter Erfahrungen mit solchen Fällen wird zur Seite gewischt und auch das ist einen Eintrag in der Akte wert.

Dennoch: Man bleibt professionell, heisst die unwillkommene Besucherin willkommen und instruiert sie auf dem Weg zum Zimmer des Blondschopfes. Nie wird die Stimme gehoben oder getadelt, auch wenn das Lächeln auf der anderen Seite verheisst, dass jeder Hinweis vergeblich ist. Die Besucherin ist niemand, die auf ein fremdes Bild vertraut.

Als sie die Zelle betritt, stemmt sich Leumarin auf die Füsse - und obgleich er nicht klein ist, muss er den Kopf eine Winzigkeit heben. Das ist die grösste Frau, die er je gesehen hat, höher gewachsen als seine eigenen neun Spann, aber sie wiegt dennoch höchstens die Hälfte: Ein langes, dürres Nichts, gekleidet in ein bei der Hitze geradezu absurd anwirkendes Schwarz, dass sie ein wenig wirken lässt wie einen vertrockneten Zweig. Leumarin sieht straff gespannte Haut über einem nahezu fleischlosen Schädel, Lippen die selbst beim Lächeln vollkommen blutleer bleiben. Graue Augen mustern ihn mit gleichgültiger Langeweile.

Sie hat keine Angst vor ihm und er ist sich nicht sicher, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist.

Dann beginnt das Verhör. Wieder und wieder stellt sie die gleichen Fragen, kehrt zurück zum fraglichen Tag, beleuchtet die Ereignisse aus dem einen oder anderen Winkel und Leumarin spürt seine Geduld zerbröckeln wie unter der Sonne gegrilltes Mauerwerk. Aus Ärger wird Verzweiflung, als sie sich zum fünften Mal danach erkundigt, wie das Verhältnis zu seinem Bruder war und ihn bittet zu beschreiben, was zu Beginn des Jahres geschah. Und dennoch hält er durch, beisst die Zähne zusammen, auch wenn er das Gefühl hat am in der Zelle schwebenden Staub zu ersticken.
Er beschreibt, was er gesehen hat, er weint und schreit, während die Frau ihn ungerührt betrachtet - ein neutraler Beobachter, der nur zufällig mit all dem in Verbindung steht.

Und dann endlich ist er erlöst und zum ersten Mal seit dem Beginn des Gesprächs vor Stunden zeigt das Antlitz der Besucherin etwas wie Zufriedenheit. Mit sich natürlich, nicht mit dem blonden Mann, dem der Schweiss über die Stirn läuft und der Hitze ausstrahlt wie ein kleiner Backofen.

"Eure Familie hätte mich früher rufen sollen. Es gibt einen Grund für das, was ihr erlebt habt und ihr werdet schon bald gelernt haben eure Eindrücke zu zähmen, in eine geordnete Bahn zu lenken und in etwas Anderes zu verwandeln."

Die Aufgabe ist erfüllt, es bleibt nur noch eine Formalität, etwas, das die Regeln dieses Ortes ausdrücklich verbieten. Aber das sind von ängstlichen Menschen gemachte Regeln und sie sind bedeutungslos als sie nach dem Lied greift und die Augen.. auf andere Weise öffnet.

Es bleibt genug Zeit für Überraschung, als der bislang so bemühte Blondschopf binnen eines halben Herzschlages den Verstand verliert.
Es bleibt Zeit für einen Moment von Unglauben, gepaart mit resignierter Erkenntnis, als der Impuls durch die nachlässig geknüpfte Barriere schlägt.
Es bleibt genug Zeit für einen Funken von Reue: Ein weniger vernachlässigter und gestrafter Leib wäre vielleicht nicht so zerbrechlich, wie das, was Leumarin nun mit Fäusten und Zähnen bearbeitet.
Und dann gibt es nichts mehr.

Der Bericht den Albaron Quentiver schliesslich in den Händen hält, ist ebenso knapp wie nüchtern. In Rechnung gestellt werden die Grundreinigung der Zelle, der Aufwand für die Unterbringung Leumarins in einem anderen Raum und die Kosten für die Überführung des Leichnams der Magierin. Die schon vorher getroffenen Empfehlungen werden wiederholt: Kein Kontakt mit der Aussenwelt. Ruhe. Zeit zur Besinnung. Es wird vorgeschlagen den Aufenthalt unbestimmt, aber mindestens bis zum Ende des Jahres zu verlängern.


----

Mein erstes Jahr. Mein erster Blick ins Herz des Chaos. Heute ist alles anders: Das fassungslose Entsetzen dieser ersten Monde hat Platz gemacht für .. eine gewisse Gewohnheit. Jahre später sah ich dem Bösen ins Gesicht und blinzelte nur einmal, während die wirbelnde Verheissung der Zerstörung sich vor mir drehte.

Ich bin mir beinahe sicher, ich werde keinen von ihnen töten.
Leumarin Quentiver

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Scheideweg


Wenn man vom Ende der Welt träumt, ist das Licht des anbrechenden Tages eine unfassbare Erleichterung. Es macht deutlich: Heute nicht. Du hast noch Zeit.

Ich bin dankbar. Hoffnungsvoll. Und ich muss pissen.

Gewöhnlich nehme ich das als ein gutes Zeichen: Ich bin an einem Ort, den ich wiedererkenne. Ich trage Hemd und Hose. Da ist kein Blut an meinen Händen oder meinen Lippen. Und ich habe kein neues Loch in meinem Körper, keine frischen Abschürfungen oder blaue Flecken. Ein guter Tag.

Dennoch: Vielleicht ist die Zeit der Zeichen abgelaufen, zerbrochen unter der Offenbarung der Banalität. Ich habe darüber noch keine Klarheit gewinnen können und um aufrichtig zu sein tue ich alles, um diesen .. Moment hinauszuzögern. Ich nicke. Ich bin interessiert. Ich bin pragmatisch. Ich spiele die Rolle, die von mir erwartet wird.

Aber ich weigere mich diese Wahrheit zu akzeptieren und das was mit ihr einhergeht. Ich bin ruhig.
Selbstverleugnung und Ignoranz sind mächtige Waffen und ich habe sie beide vor langer Zeit gemeistert.

Also gibt es andere Wahrheiten zu betrachten, die mit meinen jüngsten Besuchen beim Konzil des Phönix zu tun haben. Es ist interessant die verschiedenen Besucher anzuschauen, ihren Weg zu verfolgen und ihren Worten zu lauschen. Manche verraten ganz offen ihre Motivation, lassen Fremde an ihren Hoffnungen teilhaben. Andere sind argwöhnischer und verschlossener. Und es gibt natürlich die unvermeidlichen Idioten, Taugenichtse und Deppen. Solche wie mich also.

Aber sie alle eint der Wunsch Magier zu werden und sie empfangen die ersten Anweisungen, die ersten Andeutungen, gehen die ersten vorsichtigen Schritte auf einem Pfad, der für mich Zeit meines Lebens so fern war, dass ich keinen Gedanken daran verschwendete.

Vielleicht wäre es besser gewesen das zu tun, aber ich habe mehr als zehn Jahre gebraucht, um mit mir ins Reine zu kommen. Um das Ziel auszumachen, auch wenn der Weg dorthin verborgen ist. Das hat mir die Kraft und Entschlossenheit gegeben um nicht den Verstand darüber zu verlieren die besten Jahre meines Lebens aus einer Zelle zu verfolgen. Nicht die Hand gegen jene zu heben, die dafür verantwortlich waren. Ich bin sicher, du hast daran gedacht, Bruderherz, als ich vor dir stand.

Zehn Jahre, reduziert auf ein einziges Beharren, auf ein einziges gewaltiges Hoffen: Es gibt einen Sinn. Es gibt einen Zweck.

Und nun stehe ich im Auge eines Sturms, der heisst: Das, was du da fühlst, es ist Magie. Ein Zufall, eine unkontrollierte Ausprägung der Gabe. Nichts Besonderes und Glückwunsch. Oh, und bitte nicht aufregen. Auf keinen Fall aufregen. Immer ruhig bleiben.

Ich bin ruhig. Und ihr irrt euch.

Wie lange noch, bis ich mich dem tatsächlich stellen muss?
Leumarin Quentiver

Refugium

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Refugium

Es ist nie gut zu schreiben, wenn die Seele aufgewühlt ist. Die Worte bekommen Ecken und Kanten, die Sätze springen genauso wie es das Pendel des rastlosen Standpunktes tut und lässt dabei das Wesentliche aus. Darum nun dieser dritte Versuch, gerade jetzt, da das erste Licht des Tages vor den Fenstern dämmert. Ein neuer Tag für Adoran, der die Schatten des Gestern verblassen lässt. Vergangenheit, scheinbar unauslöschlich verankert im Lied und doch so fragil, so leicht zu verdrehen, zu verändern, zu zerstören.

Still war es in den Tagen zuvor gewesen, kein noch so dünner Hauch einer Vision irgendwo. Keine Ahnungen, keine Wegzeichen, kein Gespür für Ordnung oder Unordnung. Und so blieb es auch während des Gesprächs mit Magistra von Belfa, während wir über den Eid und den Kodex sprachen. Ein trockenes Thema könnte man meinen, aber ich fand es .. kurzweilig. Unter meinen Fragen gewann das Konzil Form wie eine Statue unter Hammer und Meissel des Steinhauers. Ich hätte vorab nicht vermutet, dass es soviele gegenläufige Strömungen an einer nach aussen doch so geschlossen erscheinenden Institution geben könnte.

Aber all diese Gedanken verblassten, als wir vor die Tafel mit den Namen traten, vor die Liste goldgeprägter Titel und Würden und ich vergass beinahe zu atmen, als der Moment nach mir packte und den rauschenden Strom offenbarte: Gerade hier war das Muster gebrochen worden, hatte sich Unordnung geprägt und alles in der Umgebung berührt, verdreht und verbogen.

Nein .. nein, das ist schlecht beschrieben. Es war nichts .. an der Tafel, nicht so als wäre ein geheimer Zauber darauf gelegt worden. Die Tafel .. spiegelte es nur, verstömte das tosende Echo einer Falschheit, die an einem ganz anderen Ort ihren Ursprung haben konnte, aber sich hier ausprägte.

Wenn das Magie ist .. müsste das nicht in einem Haus voller Magier auffallen? Ich starrte auf die Tafel und beinahe .. beinahe konnte ich die anderen Namen sehen, andere in Gold geprägte Titel, die aus der Realität herausgefegt worden waren. Hier, an diesem Manifest das Konzils blutete die Wirklichkeit an einer hineingeschlagenen Wunde.

Warum könnt ihr es nicht sehen? Warum nicht hören? Es sind die gleichen Fragen, die ich zehn Jahre lang gegen die Wände meiner Zelle geschrieen habe.

All die Jahre haben mich nicht gelehrt zu akzeptieren, sondern zu lügen. Ich verberge mein Entsetzen hinter einem Lächeln, hinter höflichen Floskeln und interessierten Fragen, denn ich kann nicht zurück. Kann nicht in diese Gruft zurück.

Es gibt in meiner Erinnerung keinen sicheren Ort, keinen unbefleckten Platz. Die Vision hat sie alle verpestet, von der Gegenwart in die tiefste Vergangenheit. Der Geschmack von Asche liegt wie eine dunkle Drohung über allem, dass ich jemals gesehen habe.
Wohin kann ich gehen? Wohin soll ich gehen?

Der Ring auf meiner Handfläche kennt nur eine Antwort: Nach vorn. Finde die Muster. Finde die Ordnung. Und am Ende wirf alles in die Waagschale, was du hast.
Der Strom trägt mich ohnehin und flüstert: Nur ein Narr würde gegen das Unvermeidliche kämpfen.

Aber das bin ich, nicht wahr?
Leumarin Quentiver

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Aldewyn I

Wenn ich mir die letzten Einträge betrachte, ist ganz offensichtlich, dass ich mich einmal wieder von meinen Konflikten habe fortreissen lassen. Ich gebe gern zu, dass diese ungerichteten Eruptionen etwas Befreiendes haben, aber damit erschöpft sich ihre Wirkung auch schon. Sie verblassen wie Fussspuren im Sand ohne einen Abdruck im Muster zu hinterlassen. Ohne eines der Echos zu erzeugen, nach denen ich jeden Tag aufs Neue lausche.

Auf jeden Fall hat sich einiges angesammelt, dass nun reflektiert und durchdacht werden müsste, aber Adoran hält immer wieder Ablenkungen bereit. Auch das ist insofern bemerkenswert, dass die Stadt mir eigentümlich fremd bleibt. Mittlerweile kenne ich die Strassen und Wege, die grösseren Plätze, die halb verborgenen Abkürzungen und manchen Pfad, den man kein zweites Mal gehen sollte, aber das ist ein Kennenlernen, das nur im Kopf stattfindet. Mein Verstand ordnet die Stadt, schleift ein Bild und fügt säuberliche Beschriftungen hinzu, aber mein Bauch weigert sich anzukommen. Ich entwickle kein Gefühl für die Stadt. Gewiss ist da der Brunnen, der als heimliches Herz alles ordnet, aber .. ich bin kein Teil davon.

Ich verstehe nicht warum. Es gibt keinen offensichtlichen Grund, aber das .. ist mittlerweile ein durchaus vertrautes Muster.

Und damit wäre der richtige Zeitpunkt erreicht, um einen vor eineinhalb Jahren geschrieben und vom Meer verschlungenen Beitrag zu wiederholen - über Faen und Aldewyn. Warum?

Weil die Muster danach verlangen. Weil sie beginnen sich zu wiederholen. Aber genau wie damals, verspüre ich eine Beklemmung, die es beinahe unmöglich macht die Feder zu führen.

Damals wie heute bin ich noch nicht bereit für Faen, also werde ich mit Aldewyn beginnen.

Das ist .. einfacher. Ich verstehe ihn einfach besser.

--------

Es ist die erste Ahnung des kommenden Frühlings und Paran Aldewyn kann nicht anders als die Tropfen zu missbilligen, die sich unter dem milden Schein der Sonne an den Eiszapfen bilden. Das Wetter macht ihm einen Strich durch die vor erst fünf Tagen beschlossenen guten Vorsätze, die in erster Linie mit regelmässiger Leibesertüchtigung und mehr Bewegung an der frischen Luft zu tun haben. Es ist absehbar, dass es in der Nacht wieder frieren wird und dann formt sich eine Kruste aus Harsch auf dem Schnee. Eine gute Zeit für die Jagd auf Rotwild, aber diese Zeiten sind für Paran so weit entfernt wie ein beliebiger Traum der Jugend und heute muss er darauf achten die Schritte vorsichtig zu setzen. Der letzte hässliche Bruch liegt schon zwei Jahre zurück, aber die Knochen schmerzen noch immer, wenn er sich falsch bewegt.

'Manche Dinge heilt die Zeit nicht, weil nicht genug Zeit bleibt.'

Und dieser Gedanke ist, so findet er, eine gute Überleitung beim Anblick der sich vor ihm erhebenden Mauern. Was einmal weiss war, ist mittlerweile grau, aber das ist nun einmal der Lauf der Dinge. Alles ändert sich im Laufe der wandelnden Jahrzehnte, selbst die Bäume, an die er sich als Schösslinge erinnert, recken sich nun vier Mann hoch in den Himmel. Mehr als eine Generation ist aufgewachsen, seitdem er diesem Ort den Rücken gekehrt hat und jetzt zurückzukommen weckt eigenartige Erinnerungen und ein mildes Gefühl von Nostalgie.

'Aber ich war schon damals ein alter Mann.'

Im trügerischen Blick zurück, waren die Konflikte war nicht so gross, die Herausforderungen nicht so gewaltig und die Siege viel einfacher erkämpft, als es eine verbleibende letzte Bitterkeit heute wahrhaben möchte. An den Gründen für seinen Abschied hat die Zeit nichts geändert und er hat keine Hoffnung die neuen Regeln zu überleben, wie er in der Zwischenheit alle Gefährten der Jugend- und Mannesjahre überlebt hat. Aber er ist nicht hier um die Vergangenheit zu betrauern.

Eine halbe Stunde später sitzt Paran in einem kleinen Raum mit hohen Fenstern, die auf den Innenhof des Anwesend hinausgehen und den Blick auf den starken Bau gegenüber ermöglichen. Dort finden sich Gitter und auch wenn die Augen des Mannes längst nicht mehr so scharf sind wie früher, könnte er doch schwören den Grund seines Besuches zu erblicken.

Der zubereitete Tee ist gut, das Gebäck kann den Ofen vor nicht mehr als Stundenfrist verlassen haben und Paran übt sich in Geduld und Aufmerksamkeit. Dieser ganze Raum ist eine mit Bedacht gewählte Aussage und während er die detailgetreuen Gemälde betrachtet und den Stoff des vor dem Kamin liegenden Teppichs, fragt er sich, was all das über den heutigen Herren dieser Einrichtung verrät. Der Teppich jedenfalls hat nicht einen einzigen Fleck von Asche oder Glut.

"Herr Paran Aldewyn?"

Die Stimme reisst den Alten aus seiner Betrachtung und er wendet sich mit der Gemächlichkeit um, die einen Mann in seinem Alter zusteht. Die Frau ist mehr als einen Kopf kleiner und mehr als ein halbes Jahrhundert jünger als er. Eine Ahnung von Sommersprossen auf der Nase, das Gesicht umrahmt von leicht gelocktem kastanienbraunen Haar mit einem Einschlag von Rot. Sie trägt das Lächeln mit der gleichen Sicherheit wie die farblose Wollkleidung mit dem zweigeflügelten Aufnäher, der verrät, dass sie hier arbeitet und Paran ist auf der Stelle fasziniert. Beides ist falsch.

"Ich bin Faen. Faen Peirendis."

Die Augen sind verräterisch. Paran nimmt sich zwei, drei Momente, um sie zu studieren, während er darauf wartet, dass sich die ersten Eindrücke klären, zu einem Gesamtbild formen. Es ist nicht, als würde er danach wirklich verstehen, aber aus dem Nichts formt sich eine Idee, die nur noch der Verfestigung bedarf.

"Erfreut Euch kennenzulernen. Ihr wurdet informiert, warum ich hier bin?"

"Darum bin ich hier, Herr Aldewyn. Er untersteht meiner Betreuung."

Der Alte wartet ab, gespannt ob sich auf den so offen erscheinenden Zügen jene Erleuchtung spiegelt, die er halb und halb erwartet. Neben den schriftlich aufgeführten Gründen für den Besuch gibt es noch andere. Andere, die sich schwerlich leugnen liessen. Aber das Wetterleuchten kommt nicht und für den Augenbleib bleibt Paran von dieser speziellen Frage verschont.

"Ich muss Euch auf jeden Fal warnen. Er ist in keinem stabilen Zustand. Seine Reaktion auf andere Menschen ist willkürlich und kann sich plötzlich ändern. Das sind weder Reizbarkeit noch Jähzorn, sondern Zeichen für Verzweiflung und das macht die Unvorhersehbarkeit so gefährlich. Es gab bereits ein Todesopfer."

Ein Augenblick des Schweigens, dann setzt sie nach.

"Er hat starke Hände."

Paran gibt sich den Anschein darüber nachzudenken, aber es ist nicht der Grund für sein Kommen, den er überdenkt. Die Frau ist genauso eine Botschaft, wie es die Einrichtung des Raumes ist und gerade jetzt hat sich ein weiteres Stück des Gesamtbildes an seinen Platz begeben. Aber das Muster bleibt unvollständig, selbst wenn er die damals von eigener Hand geschriebenen Regeln und Hinweise mit einbezieht. Alles hat sich gewandelt seit damals. Ein paar Worte auf Pergament werden keine Ausnahme geblieben sein. Dennoch: Für den Moment ist das weniger wichtig.

"Ich habe den Bericht gelesen und die Empfehlungen studiert. Nicht alle von ihnen finden meine Billigung."

Kein Zusammenzucken, kein Kräuseln der Lippen, kein herablassendes Lächeln, weder Zustimmung noch Abwehr. Das ist etwas, was die Frau namens Faen nicht interessiert und jenes Bild, das der Alte sich von seiner Gegenüber zurechtgelegt hat, zerbröselt wie eine armselige Sandburg die von einer reinigenden Flut der Wahrheit davongewaschen wird. Er hat sie falsch eingeschätzt und das sticht den Stolz.

"Dann würde ich Euch zu ihm bringen."

"Geht nur voran. Solange ihr es nicht zu schnell tut. In meinem Alter sind alle Wege plötzlich doppelt so lang, wie die Erinnerung behauptet."

Die Antwort ist ein leises Lachen und Paran spürt plötzlich neben der keimenden Neugier den Funken eines ganz anderes, schon lange tot geglaubten Interesses. Er ist fasziniert. Und beunruhigt.


Zuletzt geändert von Leumarin Quentiver am Dienstag 1. September 2015, 21:44, insgesamt 1-mal geändert.
Leumarin Quentiver

Aldewyn II

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Aldewyn II

Liebes Tagebuch,

Ich verstehe du bist ein wenig enttäuscht über meine Mischung aus Verantwortungslosigkeit und Faulheit. Ich habe es in meinem letzten Eintrag pflichtschuldig versäumt zu erklären, wieso ich hier auf deinen geheiligten Seiten über eine Szene, an der ich nicht beteiligt war, doch so schreibe, als hätte ich danebengesessen.

Der Grund ist ganz einfach: Weil.

Für den Augenblick muss dir das genügen, denn die Erklärung an sich ist einen eigenen, späteren Beitrag wert.

Nimm es mir also nicht krumm, wenn ich in gleicher Weise fortfahre.

----------------

Die Zelle befindet sich im ersten Kellergeschoss des Gästehauses und Paran muss mit seiner Begleiterin gleich zwei Stellen passieren, an denen schwere Doppeltüren jeweils von einem Wächter im Auge behalten werden. Das ist eine Neuerung inmitten von vielem Bekannten, denn die Füsse finden den Weg ganz von allein und den Augen ist das Muster der Fliesen so vertraut, dass es beinahe schon schmerzt.
All das ist Geschichte, die sich behutsam wieder entfaltet und die Verlockung sich dem hinzugeben ist beinahe überwältigend.

'Später vielleicht.'

Paran ist sich nicht sicher, ob der Frau seine Bitte gefällt ihn direkt allein mit ihrem Schützling zu lassen, aber sie akzeptiert ohne Diskussion und so tritt er schliesslich leise in das Leben Leumarins.

'Er ist gross geworden ..'

Tatsächlich ist der Blonde, der sich nun zur Türe wendet und den Besucher mit aufmerksamer Neutralität und ohne Gruss betrachtet, gar nicht so besonders hochgewachsen - aber dafür breit genug, um einen Krieger neidisch zu machen. Starke Arme, breite Schultern, ein Kreuz das geradezu danach schreit mit Gewicht belastet zu werden - all das gegossen in eine schnörkellose Robustheit, die sich allein mit der Blässe beisst. Alles in allem macht der Gefangene den Eindruck als hätte er durchaus das Vermögen der Steinmauer zuzusetzen und Paran vermerkt diese Beobachtung ebenso wie den forschenden Blick unter gesenkten Lidern. Drei Herzschläge gibt er seinem Gegenüber Zeit, wartet, ob sich Erleuchtung zeigt, aber falls der Blonde etwas bemerkt, dann verbirgt er es so gut, dass der Alte es nicht erkennen kann.

'Was ein sehr schlechtes Zeichen wäre. Noch schlechter als das Offenkundige.'

"Seid ihr Kysanders Nachfolger?"

Die Stimme des Mannes hat Kraft, sie bricht gegen die engen Wände wie eine Welle gegen ein Riff - nachlässig, anstrengungslos und doch von durchdringender Intensität.

"In gewisser Weise. Ich habe angeboten in der kommenden Zeit mit dir zu arbeiten. Mein Name ist Paran Aldewyn."

"Aldewyn..."

Die Aufmerksamkeit Leumarins schärft sich am Wetzstein dieses Hinweises und nicht für einen Moment flackert Unglaube in seinen Augen. Paran weiss, wonach der Andere schaut und er steht still, vergilt den forschenden Blick mit gleicher Münze. Er weiss, was Leumarin sieht: Die Linie des Kinns und die Form der Augen, die prominente Nase, die im Laufe der vielen Jahre zweimal gebrochen wurde und die vom Alter gebeugten Schultern, die ganze zusammengeschrumpfte Haltung, die noch erahnen lässt, was einmal da war. Und er findet ein verzerrtes Spiegelbild im Jüngeren.

"Ich dachte ihr wäret tot."

'Das dachtest du nicht.' Beinahe ist Paran geneigt diese unverblümte Antwort zu geben, denn er sieht die Finte und es wäre eine gute Gelegenheit die Fronten zu klären noch bevor sie sich in Form gebracht haben. Aber die Angelegenheit ist schwierig und es behagt ihm nicht jetzt schon mit Druck zu beginnen.

"Die Familie hat mich gebeten dich zu unterstützen. Und auch wenn ich mich aus diesem Geschäft schon vor zwei Jahrzehnten zurückgezogen habe, konnte ich dazu nicht einfach Nein sagen."

"Das ist sehr nett von Euch, Urgrossvater."

Paran hat Mühe das Lächeln zu unterdrücken. Nicht, weil er plötzlich gerührt wäre - der Kontakt zur Familie war schon immer lose und Leumarin hat er gerade zum zweiten Mal in seinem Leben gesehen - sondern wegen der Art der Antwort. Sie spricht Bände genau wie das Auftreten, die ganze Erscheinung und macht deutlich, dass die orientierungslose Phase, vor der Faen Peirendis ihn vor weniger als Stundenfrist warnte, Geschichte ist. Und das nicht erst seit gestern.

In der Akte aber findet sich nichts davon. Kein Hinweis auf Fortschritte, kein Hinweis auf Fehlschläge. Nur die immer gleiche Routine von Wochen, die zu Monaten werden und sich zu Jahren ziehen, unterbrochen vom gelegentlichen Wechsel der Betreuer. In dieser Akte gibt es auch keine Frau namens Faen Peirendis, aber das muss nicht unbedingt etwas zu besagen haben - verzeichnet wird der Name des Gelehrten, nicht jeder Person, die das Essen bringt, die Kleidung wäscht oder die Decken aufschlägt.

Und an diesem Punkt bindet sich die Neugier des Alten: Jemand hat bewusst entschieden zu lügen. Aber zu welchem Zweck? Es gibt nichts zu gewinnen, das auf der Hand läge.

"Das ist dein siebtes Jahr hier. Es war niemals angedacht den Aufenthalt länger als sechs Monate werden zu lassen. Ich kann dir keine sechs Monate versprechen, Leumarin, aber doch, dass es nicht noch einmal sieben Jahre sein werden. Ich verlange nicht dein Vertrauen oder deinen Glauben, nur dass du bereit bist, mich teilhaben zu lassen. Ich muss verstehen wer du heute bist."

Ganz unwillkürlich geht der Blick des Blonden in Richtung der Türe, aber es ist kein Fluchtimpuls und Paran ordnet auch diese Beobachtung in das Gesamtbild ein.

"Das ist nur billig. Und nicht mehr als ich allen Anderen gegeben habe, die sich schliesslich weigerten mit mir .. zu arbeiten. Weisst du, was das Problem mit Menschen ist? Sie sind .. unstetig. Alle .. Dinge sind ganz klar und deutlich: Sie haben ihren Platz oder auch nicht. Sie folgen der Ordnung oder auch nicht. Aber Menschen können sich plötzlich .. ändern. Was sie werden, ist .. nicht fix. Das Schicksal fliesst und plötzlich starrt das Chaos aus den Augen von einem, der noch Stunden zuvor ein leeres Blatt war."

"Und was siehst du in meinen Augen, Leumarin?"

"Im Augenblick? Gar nichts. Aber fühle dich nicht gekränkt: Nur bei sehr Wenigen ist es anders. Ganz im Gegenteil: Es ist besser so."

"Weil es nichts anderes als das Chaos gibt?"

Das Zögert wärt gerade lange genug um den Dominostein einer Vermutung umzustossen, die wiederum eine ganze Kette fallender Möglichkeiten mit sich reisst.

"Nur Chaos. Das Versprechen der Zerstörung. Ein Handlanger der Vernichtung, ob aus freien Stücken oder purem Zufall - das spielt keine Rolle. Das Muster hat ihn.. oder sie gezeichnet. Ein Faden wurde ausgewählt. Es purer Möglichkeit wird Wahrscheinlichkeit. Und Wahrscheinlichkeit darf nicht zu Gewissheit werden."

Der Alte schluckt die Erklärung ohne zu blinzeln: Er hat schon weit absurdere Theorien gehört. Der Inhalt ist nicht so wichtig, wie der Anfang und einen Anfang haben sie alle - einen wuchernden Punkt aus Hilflosigkeit und Verzweiflung von dem aus der Verwirrung ihre Wurzeln treibt.
Um diesen Punkt zu finden und zu packen ist er hier. Aber dafür muss er zunächst wissen, was hier tatsächlich gespielt wird.

"Du musst mir mehr davon erzählen. Vom ersten Mal, als du das gesehen hast. Was du empfunden hast. Was danach kam. Aber nicht heute. Heute werde ich mit dem Herren dieses Hauses die Konditionen meiner Anwesenheit aushandeln. Wir schieden damals nicht als Freunde. Manche Dinge heilt die Zeit nicht, weil nicht genug Zeit bleibt."

Da ist ein eigentümliches Gefühl vo Deja-vu, das mit diesen Worte einher geht und Paran grübelt noch darüber, als die Frau namens Faen Peirendis ihn zurück durch die vertrauten Gänge führt.
Leumarin Quentiver

Taub

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Taub

Eine weitere schlaflose Nacht und ich wünschte, ich könnte das auf die Alpträume schieben - aber tatsächlich habe ich seit über einer Woche nichts mehr .. gefühlt. Nicht beim Anblick Elis', nicht beim Besuch des Brunnens, nicht im Konzil vor der Tafel mit den Namen oder bei der Demonstration Magistra von Belfas.

Nichts. Und ich kann nicht umhin mich zu fragen, was das zu bedeuten hat. Und wieso die Stille mich mit soviel Leere und Taubheit füllt, dass ich nicht einschlafen kann.

Es war mehr rastlose Verzweiflung als Pflichtbewusstsein die mich dazu brachte die erste Einweisung am Konzil zu rekapitulieren, über die Grundlagen nachzudenken und ein Bild für mein dürres Verständnis zu zeichnen. Der erste Teil der Hausaufgabe war rasch erledigt .. aber der zweite Teil? Ich weiss nicht einmal, wie ich das beginnen soll.

Die Wahrheit ist: Zwischen den anderen Schülern des Konzils und mir mag nicht soviel Unterschied bestehen was das Wissen über all die Hintergründe und Theorien angeht - da sind wir, so denke ich, alle gleich ahnungslos. Aber das hier geht .. tiefer: Ich habe einfach noch nie gezaubert. Ich könnte nicht einmal sagen wie sich das anfühlt, wenn mein Leben davon abhinge.

Dabei klingt das ausgesprochen alles ganz glatt und einfach: Einstimmen. Ausrichten. Verändern.

Tatsächlich scheitere ich schon beim ersten Schritt und ich kann nicht behaupten es nicht versucht zu haben. Aber da ist einfach.. Nichts. Ich meditiere, resigniere, erzürne mich und finde die Fassung wieder - alles ohne den kleinsten Fetzen von Magie. Alles ohne .. auch nur irgendetwas zu spüren, abgesehen von meinem eigenen eiligen Puls und einem tauben Gefühl der Müdigkeit.

Wie fasst man etwas, wenn man keine Finger hat? Wie lernt man mit den Ohren zu wackeln?

Nichts. Einfach nichts. Zum Kotzen.
Leumarin Quentiver

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Träume vom Ende der Zeit

Zurückblickend war mir die Stille doch lieber als das, was dann folgte.

Ich kann das .. als eine Lektion in Demut verbuchen, aber die erbärmliche Wahrheit ist etwas, mit dem ich nicht hausieren gehen sollte. Nicht gegenüber Elis, die ich in diesen zwei Wochen so oft - flüchtig - sah wie vorher selten, wenn sie schmutzbedeckt und einsilbig durch das zwangsweise geteilte Zimmer stampfte und sich die blutigen Hände wusch. Nicht gegenüber dem Konzil, wo sicher ein gewisses Verständnis vorherrschen wird, bevor sie mich in den tiefsten Keller verfrachten.

Ich bin beinahe sicher, dass meine bemühten Versuche nach der Magie zu ergreifen, obgleich fruchtlos, etwas aufgewühlt haben müssen, denn zum ersten Mal seit Jahren, zum ersten Mal seit Faen, spürte ich wieder dieses betäubende, erdrückende Entsetzen. Damals hatte ich meine Zelle, hatte die obgleich sinnlose, so doch vermeintliche Sicherheit dieser festen vier Wände. Und obwohl es kein Schloss vor dieser heutigen Türe gab, konnte ich nicht hinaus.

Konnte ich nicht hinaus.

Wie soll ich das Absurde in Worte fassen? Es gibt keine Logik darin. Kein System. Kein Muster. Nur atemloses, ohnmächtiges Entsetzen beim Blick auf die Welt da draussen. Ein Tier würde sich zusammenrollen und sterben. Ich rollte mich zusammen und träumte Nacht für Nacht vom Ende der Welt.

Hätte ich diesen Kreis aus eigener Kraft durchbrechen können?

Da sind weder Halt noch Form in diesen Träumen. Keine Geschichte. Und dann an jenem letzten Abend war alles anders.

-----

Der Horizont trägt ein Chaos wallender Farben, die miteinander verschmelzen und sich dann wieder trennen.

Es gibt weder oben noch unten und alles ist nah für den suchenden Geist. Momente springen und brechen sich wie Wellen an den Ufern des Meeres, aber das macht nichts. Es ist ohnehin das Ende der Zeit und was an Möglichkeiten geblieben ist, schmilzt in der Gischt der Zeit zusammen zu einer unausweichlichen Wirklichkeit. Was erscheint wie der endgültige Sieg der Ordnung ist tatsächlich die ultimative Entropie, das letzte Klingen eines vor langer Zeit verstummten Liedes.

Das hier ist kein Ort.
Und wäre es ein Ort, dann wäre es keiner, der für Menschen gemacht ist .. und doch pocht ein Bewusstsein darauf hier zu sein.
Entkleidet der Bürde des Fleisches hält ein Wille aus Schatten und Quecksilber den verbliebenden Gezeiten stand und erinnert sich. Sieht voraus. Und flüstert über den Abgrund von Möglichkeit und Schicksal zum Träumenden herüber.


------

Es war noch dunkel als ich die Augen öffnete und wusste, dass die Zeit der Angst vorüber war.

Was auch immer ich hier geträumt hatte, es passte zu jenen Scherben, die ich seit damals sicher verwahrt bei mir trug und genau wie damals musste ich das, was nicht wirklich Worte gewesen waren, in eben jene übersetzen.

Wenn die Kinder der Ersten nach dem Letzten greifen.
Wenn Drachengold verbotene Tore öffnet.
Wenn das Licht des Herrschers über die Heerschar der Abtrünnigen scheint.
Wenn der bleiche Königsmacher seinen Schmerz zum Himmel schreit.

Dann zeigt sich der Pfad im Labyrinth.
Und das Lied wird verklingen und Nichts wird mehr sein.
Zuletzt geändert von Leumarin Quentiver am Mittwoch 30. September 2015, 23:18, insgesamt 1-mal geändert.
Leumarin Quentiver

Ein Eid, sie zu binden

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Ein Eid, sie zu binden

Das vertraute Gefühl von Enttäuschung, versetzt mit der Schärfe von Zorn.

Eindeutig die falschen Gefühle für einen Abend an dem man vor seinen König trat, um einen feierlichen Eid abzulegen - es sei denn natürlich, man ist ein undankbarer kleiner Pisser.

Nicht, dass es an der Schwurhalle etwas auszusetzen gegeben hätte: Es ist lange her, dass ich so positiv überwältigt war, wie beim Anblick all des magischen Allerleis, das eindeutig in liebevoller Mühe aufgebaut worden war und ich konnte nur vermuten, dass für einen echten Magier noch viel mehr an Augenschmaus zu finden sein musste. Die Gästeliste war erlesen: Angehörige des Adels von Gerimor samt Gefolge und allerlei magische Prominenz, genau jene Personen die zu kennen jedem Zauberer gut zu Gesicht gestanden hätte. Und dann natürlich König Ador selbst, keine drei Schritt von mir entfernt.

Nein, am Rahmen gab es nichts zu rütteln und .. mit ein wenig mehr abgeklärter Ruhe im Blick zurück ist die kribbelnde Spannung dieses Augenblicks sogar wieder da.

Warum der Phönix?

Ganz nachlässig hatte ich meine Gedanken vor kaum einer Woche zusammengeschrieben, das eine und andere Detail herausgezerrt und näher betrachtet. Kaum mehr als eine Übung um die Aufmerksamkeit zu beschäftigen.

Warum der Phönix?

Ich hörte den Schwur und ich verstand. All die kleinen Ecken im Kodex fügten sich zusammen zu einem nahtlosen Bild. Ein vollendetes Muster - aber nicht das Muster, nach dem ich gesucht hatte. Nicht die Wahrheit, der zu beugen ich mich entschlossen hatte.
Aber es gab keinen Weg zurück. Nicht mit den Augen des Gekrönten auf mir. Nicht mit dem Schwarm der aufmerksamen Gäste in meinem Rücken.

Ich hasse Überraschungen. Aber nicht so sehr wie Heuchelei.
Leumarin Quentiver

Der zweigeflügelte Stab

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Der zweigeflügelte Stab

Ich habe nie viel davon gehalten sich an die Vergangenheit zu klammern. Nicht damals, als die ganze Welt wie ein bunter Topf aus Abenteuern und Spielereien erschien - ebenso kurzweilig wie aufregend und kein Bedarf für Innehalten und Reflektion bestand. Nicht später, als die Weite meines Horizontes auf eine Entfernung von vier Schritt und ein Fenster zum Hof geschrumpft war.

Das darf nicht verwechselt werden mit meiner .. Besessenheit das Vergangene zu erforschen, die Muster zu durchblicken und zu ordnen denn das dient einem völlig anderem Zweck: Der Vorbereitung auf das unvermeidliche Morgen und den Augenblick an dem all das schliesslich Eins wird.

Die Vergangenheit enthält Schmerzen und Erfahrungen, süße Lektionen gleich neben stechender Enttäuschung. Noch wage ich nicht an all die geschlagenen Wunden zu denken, an die Enttäuschungen und Geheimnisse im Laufe dieser zehn Jahre. An das Blut, an das mich jeder neue Tag erinnert. Und doch sitze ich hier und versuche all dem eine Form zu geben.

Warum? Weil ich leichtsinnig war. Unbedarft, trunken von meinen eigenen enttäuschten Erwartungen und der verblendeten Hoffnung auf Hilfe. Ich kann Aldewyn beinahe lachen hören. Und du hättest Recht damit, alter Mann: Ich habe es noch nicht überwunden.

Aber die Karten sind ausgespielt und mein Blatt liegt auf dem Tisch, abzüglich des einen oder anderen im Ärmel verbliebenen Königs und einer Königin. Was also gebe ich dem Freiherren von Goldenfall, Praeceptor des Konzils des Phönix?

Herzogtum Eirensee. Grafschaft Treuweh. Baronie Welpenstein. Oder Baronie Grauwasser, je nachdem wen man fragt und welche Jahreszeit gerade herrscht. Stadt Vareign.

Es gibt eine recht amüsante Geschichte über einen im trunkenen Zustand festgestellten Grenzverlauf zweier Lehen und die folgende Unklarheit darüber, zu welcher Baronie Vareign sich eigentlich zählen darf. Die Vareigner selbst betrachteten das weitgehend pragmatisch und dienten sich je nachdem einfach beiden Baronien an. Vareign liegt an der Mündung der Nasse, die hier ins Meer strömt und die ganze Stadt ist durchzogen von einem Netz kleiner Kanäle von denen die allerwenigsten gross genug sind, um auch nur das kleinste Boot darin zu bewegen. Tatsächlich gibt es viel mehr Kanäle als den meisten Menschen bewusst ist, denn im Laufe der Jahre wurden nicht wenige von ihnen einfach überbaut.

Nur drei Meilen in Richtung Land gesellt sich die Laemndra zur Nassen und folgt man dieser kleineren Schwester, dann passiert man eine Bruchsteinebene und flaches Überschwemmungsland bis die Auen sich zurückziehen und der Fluss in ein ordentliches, ruhiges Bett findet. Und nicht sehr viel später gelangt man auf die freistehende Besitzung Dornwacht. Der Name verrät ein wenig der Geschichte: Früher war das eine Burg, aber die Mauern barsten unter dem Angriff entschlossener Feinde und für bald ein halbes Jahrhundert blichen die Steine in der Sonne, bewachsen von Kraut und Moos bis Arngrimm Balimus Turinder von Welpenstein sich in den Kopf setzte hier eine neue Residenz aus dem Boden zu stampfen. Der schon sieben Jahre andauernde Bau wurde unterbrochen als das Pferd das Barons auf der Jagd in ein Erdloch stolperte und der gute Mann sich den Schädel an einem Stein zerschlug.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wieviel Zeit verging, bis die Arbeiten unter neuer Flagge wieder aufgenommen wurden, aber Anfang des Jahres 123 eröffnete eine sehr spezielle Residenz für schwierige Gäste seine Tore für entsprechend zahlungskräftige und um Diskretion bemühte Kundschaft. Es gibt sogar ein Schild draussen vor dem Tor: Zwei Schwingen, die halb um einen Stab geflochen sind, der an beiden Ende Wurzeln trägt. Ich habe keine Ahnung, was die Symbolik bedeuten soll, aber sie gab dem Gemurmel ein Ziel. Jenes Gasthaus führte selbst keinen öffentlich genannten Namen, aber wer immer in Vareign die richtigen Leute fragte, wurde an die "Herberge zum geflügelten Baum" verwiesen.

Mein Urgrossvater Paran Aldewyn arbeitete hier beinahe drei Jahrzehnte lang und hatte einige Zeit sogar die Führung der Geschäfte inne, bis er sich mit dem Rat zerstritt und jenen Ort im Jahre 232, vier Jahre nach meiner Geburt, im Streit verliess. Einer seiner Nachfolger war Jerlach Kysinder, der das Amt erst 243 oder 244 übernahm und schon Anfang 247 - unfreiwillig - zurücktrat. Er war einer der ersten, die ich damals kennenlernte und mein Betreuer bis er 253 seinen Abschied nahm. Über sein weiteres Schicksal ist mir nichts bekannt.

253 kam Paran Aldewyn auf das Drängen meiner Familie zurück und er half mir schliesslich diesen Ort zu überwinden. Der Brief den ich bei meiner Entlassung im Jahre 256 enthielt, trägt den Namen Mara Verkantes direkt neben dem protzigen Siegel des geflügelten Stabes. Ich weiss, dass sie vor drei Monaten an einer Fischgräte erstickte. Ihr Nachfolger ist Gerwin Anteschler, ein rotbeschopfter Mittdreissiger, den ich nie zu Gesicht bekam.

Was die Magierin angeht: Niemand hat mir je ihren Namen genannt. Aber ich bin sicher, er ist in den Akten zu finden.

Und damit endet die Aneinanderreihung von Namen und Zahlen. Die wichtigen Fragen bleiben unbeantwortet. Und nicht ein Wort von Faen. Nicht ein Wort.
Leumarin Quentiver

Aldewyn III

Beitrag von Leumarin Quentiver »

Aldewyn III


Keine Neuigkeiten von meinem Eid. Weiterhin nichts von Magie zu sehen. Noch immer bin ich der trostloseste Magier in diesem Reich.

Situation normal. Alles fürn Arsch.

Also die perfekte Gelegenheit um etwas aus meinem alten Tagebuch wieder an das Licht des Tages zu bringen. Ein wenig mehr Annäherung an das, was ich eigentlich sagen möchte. Aber noch nicht.

Noch immer ist jeder Morgen in undurchdringliche Dunkelheit gehüllt, die nur widerwillig vor dem künstlichen Licht der Menschen Platz macht. Und ausserhalb der Mauern der ehemaligen Festung Dornhalt gibt es wenig zu sehen in diesen Stunden. Die Linie der Bäume ist einfach sternenloses Schwarz vor dem tiefen Indigo des Himmels und das sind die Momente in denen der Alte die scharfen Sinne seiner Jugend bedauert. Damals war es einfach hier auf der Brüstung zu stehen, die Hände auf die Zinnen zu legen und zur Laemndra hinüberzublicken und der frühen Stunde noch Details zu entreissen.

Es braucht ein gutes Auge um von hier aus die Stelle sehen zu können, an der Baron Arngrimm Balimus Turinder von Welpenstein seinen Unfall hatte und ein noch besseres, um die aus Granit gehauene Stele mit der würdevollen Inschrift für ein würdeloses Ereignis zu erblicken. Wer das nicht besitzt, der braucht eine gute Erinnerung und zumindest dieser traut Paran Aldewyn noch.

'Noch. In meinem Alter ist jeder Tag ein Geschenk.'

Und er vertraut auf Gewohnheiten.

Das leise Scharren von Füßen in seinen Rücken ist ebenso verräterisch wie das plötzliche Zögern und die sich danach fortsetzenden Schritte und der Alte gönnt dem Ankommenden ein paar Momente um sich zu fangen und den Ärger zu überwinden. Niemand hier möchte gern berechenbar sein und schon gar nicht vor einem alten Konkurrenten.

'Und doch hast du deine Gewohnheiten nicht angepasst. Ich habe nichts vergessen. Aber du schon.'

"Paran Aldewyn. Ihr seid früh auf den Beinen. Sind es Alter oder Sorge, die Euch aus dem Bett treiben?"

"Ich habe einfach nur auf Euch gewartet. Unter Tage seid ihr einfach so beschäftigt gewesen."

Der Stich sitzt und vertreibt das aufgesetzte Lächeln von den Zügen des Ankömmlings.

"Schön. Ihr habt ein paar Minuten."

"Mehr brauche ich nicht. Ich habe mich gefragt, wieso die Fortschritte von Leumarin Quentiver nicht in seiner Akte vermerkt sind. Ich wüsste welche Gründe es zu meiner Zeit dafür gegeben hätte, aber heute ist das Euer Haus. Warum also?"

Der über das Antlitz huschende Unwille verrät dem Alten, dass sein Gegenüber noch immer Konfrontationen verabscheut und das Zögern, dass es nicht gut um falsche, aber hübsch klingende Ausreden bestellt ist.

"Ihr habt Euch wirklich nicht verändert Paran. Aber ich will Euch den Gefallen tun: Wir setzen eine spezielle Behandlung ein, eine Methode die bereits in anderen Fällen grossartige Resultate gezeigt hat, aber nicht unbedingt das Verständnis unserer Geldgeber wecken wird und im Falle eines Fehlschlages auf uns zurückfallen wird. Soweit ich mich entsinne geht das sogar auf eine Eurer Empfehlungen zurück."

Glänzend pariert. Eine ungenaue Zurückweisung mit dem Verweis auf die Verantwortung des Anderen, gerade richtig um durch das Graben in Erinnerung die Defensive zu erzwingen. Der Alte weiss Bescheid, aber er kann dennoch nicht umhin darüber nachzugrübeln, worauf Lukas Bemin sich bezieht und dann fällt es ihm plötzlich wie Schupen von den Augen.

"Die Frau? Faen Peirendis?"

Sein Gegenüber nickt nur knapp.

"Ihr hattet vollkommen Recht und ich, um es verspätet einzugestehen, Unrecht. Die Bindung funktioniert. Die Anzahl der Vorfälle ist gesunken. Wir haben gewaltige Fortschritte gemacht und die notwendige Behandlungsdauer der schweren Fälle deutlich verkürzen können. Aber ihr versteht, dass wir damit nicht prahlen können, nicht solange nicht die Trennung eingeleitet und abgeschlossen wurde. Wir haben in der Zwischenzeit einige kleine Verbesserungen Eures ursprünglichen Vorschlags vorgenommen. Und nun .. entschuldigt mich bitte."

Der Alte ist zu verdattert um Einspruch zu erheben und zu sehr mit der Verarbeitung des Gehörten beschäftigt um zu widersprechen und so sieht er dem Gehenden nur nach, bis die Dunkelheit ihn verschluckt.

Gemeinsam mit dem Morgen dämmert dann auch das Begreifen und damit die Bewunderung für den selbstbewussten Vorstoss seines alten Konkurrenten. Alles ist rund. Alles fügt sich zusammen. Und doch ist die entstehende Geschichte falsch.

Nicht weil es einen Fehler im Muster gäbe, sondern weil etwas fehlt. Etwas fehlt.
Antworten