Die Sonne senkte sich langsam. Immer röter drangen ihre Strahlen durch die Hütten Bajards und bedeckten den Boden mit goldenen Flecken als Rikara schließlich den letzten Schlag auf den Magen der Übungspuppe platzierte. Die Haut war benetzt von kleinen Schweißperlen, die auf die vergangene Anstrengung hindeuteten. Und als würde diese mit einem Mal über sie hereinbrechen, sackte der Körper erschöpft auf das nahe gelegene Fass am Rande des Trainingsplatzes. Fahrig wischte sie sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn und ließ sich zu einem müden Schmunzeln hinreißen. Er würde sicherlich wieder über sie spotten und ihr einen neuerlichen Vortrag über das Streben nach Perfektion halten, wenn er sie so sehen könnte.
Sie erinnerte sich noch genau an ihre erste Begegnung, als er ans Feuer trat - sie, ein schweres Buch auf dem Schoß, welches sie wenige Augenblicke zuvor erst erworben hatte und er - offensichtlich auf der Suche nach neuem Potential. Ein murrender Laut entrang ihrer Kehle als sie zurückdachte, musste sie doch zugeben, dass er seine Sache nicht schlecht gemacht hatte. Sie wusste nur all zugut was er an diesem Abend wollte und war sich ziemlich sicher zu wissen, dass sie dies nicht wollte.
Doch er,... er hatte etwas Eigenwilliges; eine Härte und Sicherheit, die sie bewunderte und gleichzeitig reizte. Er hatte etwas, dass sie faszinierte und dazu bewegte, seinen Worten bereitwillig zu lauschen. Sie wollte es verstehen - ihn verstehen. Und auch der der Zeitpunkt seines Auftauchens war glücklich gewählt. Lange Zeit war sie fort, eine lange Zeit um zu vergessen; jedenfalls lange genug um Vergangenes hinter sich zu lassen und einen neuen Anfang zu wagen. Mit geschlossenen Augen atmete sie durch, während ihr Herzschlag sich langsam wieder beruhigte. Vieles hatte sich verändert, nichts war mehr wie es einst war. Tief in ihrem Inneren wusste sie es: Sie konnte nicht mehr die unbedarfte junge Kriegerin sein; wollte es nicht mehr sein...
Eine ganze Weile verharrte Rikara so. Doch bevor man glauben konnte, der Schlaf hätte sie auf seinen Wogen fort getragen, schlug sie die Augen auf und schüttelte jedweden Gedanken ab. Kurzerhand ließ Sie sich von ihrem hölzernen Sitz gleiten und beugte sich wirsch herab um ihr Hab und Gut vom Boden aufzulesen. Doch mit der Bewegung kam auch ein urplötzlicher Schmerz, der ihr für einige Herzschläge die Luft aus der Brust presste. Unwillkürlich hielt sie sich die rechte Seite, begleitet von einem mürrischen Fluch. Die morgendliche Jagd mit ihm hatte ihr doch mehr zugesetzt, als sie sich eingestehen wollte. Doch um nichts in der Welt, würde sie ihn das wissen lassen, dachte sie sich, als sie sich langsam aufrichtete und den Rückweg antrat. Man zeigte seine Schwäche nicht. Danach lebte sie damals und lebte sie noch. Wenigstens das war etwas, dass sich nie ändern würde.
Die Sonne war inzwischen hinter den Wäldern verschwunden und die Dämmerung hatte Einzug in Bajard erhalten. Es war ruhig geworden in den Gassen, nur aus der Taverne, welche sie in schleppendem Gang passierte, drang lautes Gelächter. Wie Sie vermutete, hatte sich gewiss wieder das halbe Dorf zum abendlichen Saufgelage versammelt. Nun - auch sie würde Ihnen wieder Gesellschaft leisten, doch nicht heute. Stattdessen trugen Ihre Füße Sie weiter voran, gar wie von allein aus den Toren - hin zur nahe gelegenen Feuerstelle; und wie von allein schweifte der Blick zum Baum, der ihr in den letzten Wochenläufen so vertraut geworden war, seit sie wieder einen Fuß in dieses Fischerdorf gesetzt hatte.
Der Platz am Baum war leer, wie sie es nicht anders erwartete. Mehr als einmal hatte er ihr nur allzu deutlich gemacht, dass er weitreichende Verpflichtungen hat. Und doch - sie vermisste die abendlichen Gespräche, vermisste das allzu typische Brummen, so ungern sie sich dies eingestehen wollte. Sie hob den Blick zu der Baumkrone, die sich im leichten Abendwind wog und verharrte so einen Moment regungslos vor den hölzernen Sitzflächen.
Sollte sie warten? ...Nein, dafür stand ihr der Stolz wie so oft im Wege. Besonders, wenn es sich dabei um einen Mann handelte, der nichts weiter im Sinn hatte, als sie von seinem Glauben zu überzeugen, wie ein Bauer, der sein Feld bestellt und darauf hoffte seine Ernte eines Tages einholen zu können. Das abgemühte Lächeln bei ihren ersten Begegnungen, diese beiläufige Beachtung, distanziert und unnahbar. Für einen Moment packte sie der Zorn und ließ ihre Haltung steif werden.
Und dann waren da die anderen Momente, in denen er scherzte und man doch anmuten könnte, sein Lächeln zeuge von einer gewissen Ehrlichkeit. Dieses Hin und Her zwischen Vertrautheit und Distanz verwirrte ihre Sinne und ließ sie schier wahnsinnig werden.
Nur langsam rührte sie sich wieder und ließ den Blick über das idyllische Plätzchen gleiten, während sie scharf die klare Abendluft in sich einsog. Nein, sie würde nicht warten - rief sie sich erneut ins Gedächtnis, wie um sicher zu gehen, dass sie ihren eigenen Worten auch Folge leistete. Stattdessen hielt Sie auf den Wald zu, der bereits lange, dunkle Schatten warf, die Arme vor der Brust verschränkt. Ob der aufkommenden Kälte, die mit der Abenddämmerung hereinbrach oder nur um ihrem Trotz mehr Gewicht zu verleihen, wusste sie selbst nicht genau. Vielleicht ein wenig von beidem.
Gedankenlos begann sie, sich durch das dichte Unterholz zu schlagen. Was wollte sie eigentlich, fragte sie sich im stummen Zwiegespräch, als würde die Antwort von ganz alleine kommen und streifte mit dem Unterarm einen herabhängenden Ast aus ihrem Sichtfeld.
"Ihr solltet Euch viel mehr über die Frage Gedanken machen, wo Ihr Euch seht. Entweder Ihr steht hinter mir in meinen Reihen..Oder ihr steht vor mir.. in den Reihen des Feindes".
Hatte sie nicht getan, wonach es ihm verlangte? Sie nahm sich der Gebote an, las sie immer wieder, um sie zu verinnerlichen, diskutierte mit Anhängern seines Glaubens, um deren Bedeutung zu verstehen. Verdammt, sie nahm sogar am Unterricht eines Reiches teil, in das sie noch vor wenigen Wochenläufen keinen Fuß gesetzt hätte. Doch warum fiel es ihr dann so schwer, diese Frage zu beantworten? Seine Worte hallten weiter unbarmherzig in ihrem Kopf, wieder und wieder; bis es plötzlich nicht mehr weiterging. Ihre Füße blieben wie von selbst stehen, weil sie keine klare Richtung mehr erkannten.
Und erst da hob sie langsam den Blick gen Nachthimmel und ward sich so erstmals bewusst, wie weit der Abend voran geschritten war; fühlte die klare Luft um sich herum; hörte den immer stärker aufkeimenden Wind, der durch das Blätterwerk der Bäume blies und es zum Rascheln brachte. Zitternd stand sie im kalten Odem der Nacht und blickte mit leeren Augen in die immer fortschreitende Dunkelheit, die sich um sie herum aufbäumte, wie ein drohender Schatten. Die Brust hob und senkte sich rasch, ob des strengen Marsches und die Rippen schmerzten.
Ein missbilligendes Schnauben entfleuchte ihrer Kehle. Sie hatte sich gehen und Ihrem Zorn freie Hand gelassen; ein Zorn, der nur ihr selbst galt und ihrer Unfähigkeit klare Entscheidungen zu treffen. Dies würde nicht in seinem Sinne sein, dachte sie mit einem gequälten Lächeln. Man solle den Zorn speichern, wie eine Quelle und ihn zum eigenen Antrieb nutzen, so man ihn brauchte. Das hatte sie gelernt. Doch dazu bedarf es eines hohen Maßes an Selbstbeherrschung. Auch das hatte man sie gelehrt. Eine Eigenschaft jedoch, die sie nicht ihr eigen nennen konnte, stellte sie nüchtern fest und zog die Arme enger um ihren Körper. Außerdem brauchte sie ihren Zorn, wollte ihn jetzt, eben in diesem Moment.
Und als ob etwas Höheres seinen Einwand kundtun wollte, zuckte mit einem Mal ein gewaltiger Blitz durch den Nachthimmel und riss sie die Kriegerin jäh aus ihren Gedanken. Er tauchte die Umgebung für einen Moment in gleißendes Licht. Mit ihm kam der Regen, durch den Wind schon lange angekündigt, und prasselte unerbittlich auf ihren Körper nieder. Rikara schloss die Augen, ballte die Hände in hilfloser Wut zu Fäusten und stieß einen neuerlichen Fluch aus. Was hatte sie bloß geritten, dass sie sich allein im tiefsten Dickicht wiederfand, umringt von Dunkelheit, Nässe und Kälte. Sie würde nicht mehr darüber nachdenken, mahnte sie sich selbst und rief sich die Worte in Erinnerung, die ein Freund kürzlich an Sie richtete: "Es glänzt dir nicht, wenn du in Gedanken versunken bist - irgendwie scheint es da, als hätte man dir die Lebensfreude genommen". Vielleicht hatte er Recht. Die Zeit würde schon zeigen, was ihr Weg für sie bereithält.
Und so nahm Rikara den Wetterumschwung zum Anlass, endlich den Rückweg anzutreten. Es dauerte eine ganze Weile bis sie schließlich einen Weg fand, der sie aus dem Unterholz heraustreten ließ. Ihre Kleider waren bis auf die Haut durchnässt; dunkle Haarsträhnen klebten ihr an Rücken und Schulter. Sie befand sich etwas weiter westlich von Bajard, dies erkannte sie sofort und nahm sodann den Pfad gen Osten. Auf den Wegen hatte der anhaltende Regen bereits Pfützen gebildet und der Schlamm sich ihrer Stiefeln bemächtigt. Niemals hatte sie geahnt, dass der Tag so ein feuchtes Ende nehmen würde. Die Sehnsucht nach einem wärmenden Feuer wuchs mit jedem Moment, den sie weiter im Freien verbringen musste und ließ ihre Schritte an Weite zunehmen. Sie steuerte schon auf die Weggabelung zu, als etwas in Ihrem Augenwinkel sie abrupt inne halten ließ - eine Gestalt, nur schemenhaft ob des starken Regens vor ihrem Auge.
Doch sie erkannte ihn. Ein Mundwinkel zuckte.