Ein Leben als Sklavenkind

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Ein Leben als Sklavenkind

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Kapitel I: Ein besonders ergiebiger Flickenteppich

"Kannst du nähen?", fragte ich eine geschätzte Freundin ohne Vorwarnung in Adoran. Ich hatte sie lange nicht gesehen und suchte sie an diesem Abend im Gebäude des Lehrhospitals auf. Zu meiner Verwunderung fand ich die junge Heilerin dort jedoch nicht. Mein Weg führte mich durch die neu aufgebaute Stadt. Irgendwann blieb ich in der nächtlichen Dunkelheit stehen und bemerkte ein weiteres, kleineres Haus, das sich offenbar mit der Heilung von Patienten beschäftigte, in der Nähe des Marktplatzes. Tatsächlich; sie saß draußen, am Tisch ihres kleinen Gartens und starrte gedankenverloren in ein Notizbuch. Als ich mich zu ihr setzte, bemerkte ich ihr Lächeln. Sie lächelte! Ein mir unbekannter Zug. Ich fragte sie nicht nach dem Grund und äußerte lediglich, dass mich jene ungewohnte Geste erfreuen würde.

Nachdem sie mir ihr Haus, Instrumente und ein interessantes Terrarium mit Blutegeln gezeigt hatte, die man auch beim Volk nutzte, das mich großgezogen hatte, um Verletzungen zu heilen, gingen wir wieder nach draußen und machten es uns an ihrem Gartentisch bequem. Sie hatte mir eine Süßspeise serviert, die ich noch nicht kannte. "Das ist Erdbeerkuchen. Die Früchte sind noch vom heutigen Morgen, also frisch", erwähnte die junge Frau lächelnd und stellte mir dazu noch eine Karaffe mit einer Fruchtmischung auf den Tisch. Der Kuchen schmeckte mir gut, weich, süßlich, mit einer sauren Nuance der frischen Erdbeeren. Jedoch zurück zu meiner Frage, ob sie nähen könnte: Überrascht beantwortete sie diese, dass sie lediglich Wunden zuzunähen wüsste. Aber das sollte im Vorhaben, eine individuelle Rüstung aus ledernen Einzelteilen herzustellen, nicht schwer fallen und ausreichen. Während ich mich auf die Suche nach den Materialien machte, kreisten meine Gedanken um weitere Bekanntschaften, die mir helfen könnten, und deren Mitarbeit ich durch die Rüstung danach würdigen würde. Sofort fiel mir die Person ein, mit der ich immer rechnen konnte; war sie mir doch wie eine jüngere Schwester geworden.

Erster Schritt: Die Suche nach Material

Ich hatte Glück, dass mich hinsichtlich des Materials ein Zwerg der Sippe Getwergelyn angesprochen und mir einen Handel empfohlen hatte. Erdacht war die Herstellung einer Rüstung aus verschiedenen Ledersorten, die durch Drähte und Nieten aus unterschiedlichen Erzen gehalten wurden. Der Hintergrund hierzu war denkbar einfach: Jede Ledervariante hatte ihre Eigenart - Gargoyleleder schützte den Träger vor magischen Angriffen, Echsenleder war besonders widerstandsfähig gegen Gift, Ogerleder hielt den härtesten Hieben stumpfer Waffen stand und die Haut des Zweikopfs parierte selbst wuchtige Klingen-Attacken. Gehalten werden sollte das Flickenteppich-artige Konstrukt von verschiedenen Lederstücken durch Metalle. Pyrian hatte ich für den Schutz gegen Feuer gewählt, das bläulich schimmernde Coelium sollte mich davor bewahren, von starken energetischen Einflüssen überrascht zu werden und Diamant-Draht und -Nieten gaben meiner persönlichen Rüstung ein zusätzliches Plus an Stabilität. Soweit die Theorie. Am Ende würde die Praxis entscheiden, wie gut sich meine Idee im Kampf schlug.

Auf die handwerklich begabten Zwerge war Verlass. Der stolze Kalure hatte das Material fast vollständig vorbereitet. Nur das Echsenleder fehlte und ich bat eine neue Bekanntschaft, eine hitzige junge Kriegerin, mich in die Sümpfe zu begleiten, um dafür zu Sorgen, dass den Echsen dort nach ihrem Tod noch ein Nutzen zugesprochen werden konnte. Schnell waren die gierigen, meist Morgenstern schwingenden Mischlinge aus Mensch und Reptil gefunden. Während ich meinen Bogen zur Hand nahm, um einen Pfeil nach dem anderen in die aufgesperrten Mäuler der Monster zu jagen, hörte ich die rabiate Kampfschreie meines Schwert schwingenden Gefolges, und das Surren ihrer Klinge an der Front. Mit Leidenschaft schwang sie ihren Krummsäbel und ich betrachtete die hübsche Frau mit Faszination. Sie benötigte noch etwas Übung, jedoch zeigte sie einen Eifer, der keinen Zweifel aufkommen ließ, dass aus ihr eines Tages eine starke Kämpferin werden würde. Blutbesudelt und bis zum Bauch im Sumpfwasser watend, schulterten wir die letzten noch notwendigen Lagen und trugen sie ins sichere Berchgard zurück, bevor es zum reinen Handwerklichen übergehen konnte.

Zweiter Schritt: Die Form und Anpassung

"Na los, stell' dich nicht so an, runter mit der Kleidung! Ich muss hier dies und das mal messen", lautete die Erklärung meiner jungen Freundin aus dem Wald. Ich sah sie an und spürte, wie mir das heiße Blut in den Kopf stieg. "Du brauchst meine Maße?", fragte ich die gut gelaunte Blondine verwirrt. "Ja. Dafür musst du nackig sein." Ich starrte sie gefühlte fünf Minuten einfach nur ungläubig an. Sie schmollte: "Ach komm', als ob es das erste Mal wäre, dass ich dich na...", "Sch-Schon gut, ich mache es", ließ ich sie seufzend innehalten und schälte mich, nur noch im Lendenschurz bekleidet, aus Mantel, Hemd, Hose und Schuhwerk. Ihr Grinsen konnte ich nicht erwidern. Mir war es schon immer unangenehm, mich hüllenlos zu zeigen. Vor allem der ganzen Narben wegen, die unliebsame Erinnerungen weckten. Während sie jedoch der peinlichen Situation, Eluive sei gedankt, nicht noch mehr Öl ins Feuer kippte, und tatsächlich mit einem Maßband grob meine Statur aus Zahlen nachschrieb, folgten meine Augen ihr nachdenklich. Mir kam wieder der wohlige Gedanke, dass ich niemals gezögert hätte, einen tödlichen Pfeil für diesen wunderbaren Menschen abzufangen. "Feeertig! Der Herr darf sich wieder anziehen. Oder auch nicht", entgegnete sie mir mit einem fröhlichen Grinsen. Anschließend, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen, warf sie mir eine lange Lage Pergament über den Leib. Ich fühlte mich fast, wie eine in Papier eingewickelte Mumie. "W-Warte, was noch?", fragte ich sie stammelnd. Sie begann, an einigen Stellen etwas Pergament wegzuschneiden, passte die eine oder andere Form an, nutzte Wachs als Klebstoff, und erlaubte mir anschließend, meine Kleidung wieder anzuziehen. Erleichtert seufzend, betrachtete ich ihr Werk aus Papier mit fragendem Blick. "So weiß ich, wo ich gleich etwas vom Leder wegschneiden und befestigen muss, ohne es zu verschwenden, falls ich einen Fehler mache. Deswegen diese, äh, Pergamentrüstung davor; 'tschuldige, die Kleidung muss also noch mal runter", erklärte sie mir lächelnd. Und tatsächlich: Ihre Idee war genial. Als es darum ging, die verschiedenen Lederlagen an meinen Körper anzupassen, und mit Nieten und Drähten aus den verschiedenen Metallen zu verbinden, und zuzunähen, verbrauchte sie kein einziges Stück Leder zuviel. Am Ende ließ ich mir zeigen, wie ich die etwas locker sitzende Partie des Oberteils nochmals zur Korrektur vernähen konnte.

Dritter Schritt: Details

Mit einigen Phiolen voller Öle und Fette näherte sich die gewohnt zierliche Gestalt meiner in ihrer Wohnhöhle hausenden Waldgefährtin am nächsten Tag. Sie hatte angekündigt, die Rüstung elastischer zu machen, um nicht nur den Trage-Komfort zu erhöhen, sondern auch, um im Kampf die Beweglichkeit nicht einzuschränken. Die Lederrüstung sollte sich nach ihrer Behandlung anfühlen, wie eine zweite Haut. Deswegen bat sie mich auch, damit die Stoffe vorher nicht austrockneten, um ein rasches Treffen, kurz nach der Herstellung. Abschließend hatte sie verspielt die Zeichnung eines Schakalwolfs aus der Seitenansicht eingestickt und ist meiner Bitte nachgekommen, auf Höhe der rechten Hüfte klein ihren Namen einzunähen. Ich half ihr abschließend mit dem Einölen der gesamten Rüstung, versteckte mich danach kurz im Wald und kam mit dem angelegten, erstaunlich angenehm sitzenden Flickenteppich wieder hervor. "Wie eine zweite Haut", stimme ich meiner blondhaarigen Assistenz zu und lächelte dankbar. Der aus vielen Leder- und Metallsorten hergestellte, und zum Anziehen geeignete Flickenteppich war endlich fertig.
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Kapitel II: Tiere aus Gold

16. Ashatar 257

Es sollte ein gewöhnlicher Spaziergang durch die Wälder werden: Nach dem Rechten sehen, Banditen vertreiben, die aus Spaß Wild töteten, oder die eine oder andere Wunde eines stark verletzten Raubtiers versorgen. Doch am gestrigen Tag kam alles anders: In der Nähe der Westtore Berchgards sah ich Wildtiere mit goldenem Fell; kränklich und schwer atmend, als hätte man sie vergiftet. Ich war froh, Rilya in der Nähe anzutreffen, meine elfische Jagd- und Waldgefährtin. Sie hatte eine Idee, was zu tun war: Wir suchten das Heilerhaus von Adoran auf. Zwar waren wir beide, als Waldhüter, fähig darin, blutende Tierwunden zu desinfizieren und zu versorgen – da wir jedoch die Vermutung einer Vergiftung hegten, überstieg die Behandlung der vermeintlich infizierten Tiere unsere Kenntnisse der Anatomie. Geübte Heilerhände mussten her. Torjan meinte, eine Fellprobe könne Auskunft über eine tatsächliche Vergiftung geben. Und so machten wir uns wieder auf in Richtung Berchgard.

Auf dem Weg in die kleine Bergsiedlung des Lichten Reiches begegneten wir zu unserem Entsetzen jedoch einer weiteren Kreatur mit goldenem Fell: Einem zunächst aggressiv wirkenden und verschreckten Wolf. Durch die Gabe von einfachen, schwach angebratenen Fleischhappen konnten wir das Vertrauen des Tieres nach und nach fördern. Allerdings widmete uns der Vierbeiner ein erschreckendes Bild, je mehr Zeit wir mit ihm verbrachten; mittlerweile waren auch Wildkatz und Wolf zu uns gestoßen. Das Fell des Wolfes nahm ebenfalls eine goldene Farbe an, es blieb jedoch nicht nur dabei: Auch das Innere des schwer atmenden, gequält winselnden Tieres schien zu Gold zu werden, was logischerweise auch die Funktion lebenswichtiger Organe beeinträchtigte. Wir behielten den Gedanken, Torjan eine Fellprobe zur Analyse zukommen zu lassen, im Hinterkopf und beschäftigten uns mit einer weiteren Idee: Ein Liedkundiger hätte uns vermutlich mehr Auskunft geben können. Wir waren uns, wenngleich die Vorahnung keine tröstende war, einer Meinung: Die Tiere, die von dem Seuche-artigen Fluch belegt waren, konnten wir nicht mehr retten – durch das Auslöschen des Ursprungs jedoch, hatten wir vermutlich die Chance, zu verhindern, dass weitere unschuldige Waldbewohner einen ähnlich qualvollen Tod sterben mussten.

Nach einiger Zeit war eine Kundige der Magie gefunden und die schlechten Neuigkeiten, je weiter wir dieses Phänomen erforschten, nahmen kein Ende: Das Tier schien, auch im Lied, leer zu werden, als würde jegliches Leben aus seinem Körper weichen. Der Wolf, den wir auf dieser kleinen Reise – durch Streicheleinheiten und unsere Mühe, sein Leben zu retten –, ins Herz geschlossen hatten, sollte, unvermeidbar, zu einem goldenen Gegenstand werden. Das Winseln des hechelnden Waldwesens wurde häufiger, der Atem des kranken Tieres schwerer, und auch hier sahen wir keine andere Möglichkeit, als dem Vierbeiner einen schnellen Tod zu schenken, statt zuzusehen, wie er langsam den Qualen der Erstickung erlag. Meine Tränen konnte ich verbergen, als mein Blick noch einmal starr auf den toten Körper des Tieres traf und wandte mich ab. In meinen Gedanken schwirrten unheilvolle Bilder eines Waldes, in welchem kein Leben mehr herrschte, wo jedes Tier still stand und in der Sonne golden schimmerte. Ein Wald, der nicht länger mit Leben pulsierte, sondern ein gefundenes Fressen für Stadtmenschen darstellte, die ihre Gier nach Gold und Reichtum nicht stillen konnten.
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Kapitel III: Kein Ende in Sicht

25. Ashatar 257

"Die Hoffnung stirbt zuletzt", pflegen die Stadtmenschen zu sagen, wenn alles aussichtslos erscheint. Für mich kam die Zeit, an diesem Spruch festzuhalten; zumal der Dämon, für die vergoldeten Tiere verantwortlich, nicht bezwungen werden konnte. Sirhal floh und hinterließ ein Gefühl der Leere zurück. Sicherlich: Man konnte die Mühen schönreden, das Offensichtliche war jedoch nicht zu verschleiern: Immer noch lagen Tiere aus Gold in den Wäldern herum, nach wie vor hatte man die Gewissheit nicht, dass der Albtraum vorbei sei. Was bringt es, anfängliche Disziplin zu zeigen, wenn man nach zwei oder drei Tagen in den quälenden Alltagstrott zurückfällt? Ich war nie der Mensch, der sich für kleine Fortschritte selbst auf die Schulter klopfen und loben konnte; ich wollte handfeste Ergebnisse sehen! "Sei vorsichtig mit rahalischem Denken", hörte ich eine vorwurfsvolle Stimme in meinem Kopf hallen, aber so sah aktuell die Realität aus. Aller Mühen zum Trotz, dass sich die tapfere Kampftruppe durch die erstaunlich sauber wirkenden Hallen dieses unterirdischen Kultisten-Verstecks kämpfen konnte, - das Resultat erschien unverändert.
Zuletzt geändert von Gast am Montag 25. August 2014, 16:24, insgesamt 1-mal geändert.
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Kapitel IV: Das neue Berchgard

10. Alatner 257

„Die verfluchten Steine wiegen 'ne Tonne“, erklang mein Jammern, während ich einen aus Wänden, oder Dächern gehauenen Stein nach dem anderen wegschleppte. Die anfängliche Euphorie, sich wie das sprichwörtliche Kind im Glashaus zu fühlen – Hauptsache alles kaputtmachen – wich schnell der Ermüdung. Zu Beginn war es amüsant, mit wuchtigen Hieben sämtliche Gemäuer zum Einsturz zu bringen und im aufgewirbelten Staub zu duschen. Der Anblick der vielen Mithelfer war zudem anspornend für den Ehrgeiz, immer mehr zu schaffen. Nach einer Weile kam ich jedoch an meine Grenzen an. Die übliche, negative Gedankenspirale kreiste durch meinen Kopf: „Wofür die ganze Arbeit eigentlich?“, fragte ich mich. „Berchgard war vor dieser großen Räumungsaktion schön genug“, murmelte ich zähneknirschend. Schnell war der Schweiß von der Stirn gewischt, danach griff ich mürrisch nach meinem Werkzeug und setzte meine Arbeit fort. „Bloß nicht nachdenken“, flüsterte mir die innere Stimme zu. Aber da das Gehirn kein „Nein“ versteht, war diese Methode ähnlich effektiv, als hätte man mir gesagt: „Denk' bloß nicht an pinkfarbene Eichhörnchen.“

Heute stand ich zum ersten Mal vor dem fertig und neu aufgebauten Gebäude – oder zumindest im Erdgeschoss, die obere Etage wirkte noch etwas bröckelig – und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Offenbar waren der ganze Schweiß, das Fluchen im Sekundentakt und die wütenden Hammerschläge gegen alte Wände doch für etwas gut. Ich griff nach Shyras Hand und mich packte der Drang, möglichst schnell an der Renovierung der noch unfertigen, ersten Etage zu beginnen. Neues Steinwerk war schnell besorgt, ebenso lag noch das benutzte Werkzeug im erneuerten Erdgeschoss herum. Stein um Stein wurde gesetzt, Fließe um Fließe, Holzboden um Holzboden. Ich weiß nicht, was mich dazu verleitet hatte, regelrecht motiviert die Arbeit am letzten Stück wiederaufzunehmen, aber wir kamen selbst zu zweit relativ gut voran. Nichts brachte mich aus der Ruhe. Weder der heftigste, versehentliche Hammerhieb auf den Daumen, noch die Tatsache, dass ich mich nicht selten mit den Fingerspitzen an Kanten festhalten musste, um nicht herunterzufallen.

Vermutlich arbeitet der Mensch generell härter, mit der Aussicht, anderen Menschen, die ihm nahestehen, durch entsprechende Taten eine Freude zu bereiten. Zumindest konnte ich es nach diesem harten Arbeitstag kaum erwarten, mit meiner Gefährtin wieder in die warmen, heimischen Felle zu gleiten.
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12. Alatner 257

Wenn ich eine Liste hätte, worauf Dinge niedergeschrieben wären, die mir am meisten auf den S auf den Keks gehen, stünde ganz ganz oben „frühes Aufstehen“. Es fühlt sich immer so an, als bekäme man einen Stein gegen die Stirn geworfen, wenn der erste Hahn am Morgen kräht. Dass ich am liebsten hingehen und ihm den Kopf abreißen würde, sollte ich als ehemaliger Waldläufer vermutlich nicht sagen oder – dem aktuellen Umstand entsprechend – schreiben. Trotzdem kam ich in den letzten Tagen nicht drumherum, mich vom Weckruf des erwähnten Federviehs kommandieren zu lassen, schließlich wollte das Handwerkshaus fertig gebaut werden. Das obere Stockwerk nahm langsam Gestalt an und glich nicht länger einer löchrigen Ebene, auf der gefühlte fünf Titanen gewütet hätten. Es war weder die Müdigkeit in den Knochen, die meinen Elan nach und nach schwächte, noch das schwer zu schleppende Baumaterial, sondern etwas, das sich zu dieser Jahreszeit wohl kaum vermeiden ließ.

An zweiter Stelle meiner „Muss ich nicht unbedingt haben“-Liste stünde nämlich großgeschrieben: „Kälte“. So etwas, wie einen schneereichen, eiskalten Winter kannte das Ureinwohner-Volk auf Lameriast, das mich großgezogen und trainiert hatte, nicht. Oftmals herrschten dort Temperaturen, die selbst das Piratenpack La Cabezas neidisch werden ließen. Und wenn man Schnee über ein ganzes Jahrzehnt lang nur aus Erzählungen kannte und sich ansonsten die heiße Südinsel-Sonne auf den Pelz scheinen ließ, kann man nächtlichen Spaziergängen bei verschneiter Landschaft unterm Mondschein wenig Romantik abgewinnen – man freut sich eher, schnellstmöglich wieder durch die Haustür zu stiefeln, um sich am Kaminfeuer zu wärmen. Andererseits: Eluives Schöpfung gilt es zu ehren und man gewinnt sicherlich jeder Jahreszeit Eigenarten ab, die gefallen – Shyra ist zudem regelmäßig darum bemüht, dem Pessimisten an ihrer Seite vielen Dingen etwas Positives entlocken zu lassen, die auf den ersten Blick eindeutig schlecht erscheinen.

Also dann, liebes Tagebuch. Ich denke, das Lesen und Schreiben bekomme ich langsam in den Griff; nun heißt es wieder: Handschuhe anziehen, dick einpacken und auf zur Baustelle namens Handwerkshaus. Hoffentlich wird das Gebäude in nächster Zeit fertig, wenn weiterhin so viele helfende Hände gleichzeitig mit anpacken, noch bevor sich ein kälteempfindlicher Scharfschütze zum Eiszapfen verwandelt.
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Kapitel V: Ein Neuanfang

24. Eisbruch 258

Mittlerweile sind einige Monde ins Land gezogen, seitdem ich auf dem Festland angekommen bin. Mit vielen Gepflogenheiten der Stadtmenschen komme ich zwar immer noch nicht klar, fange jedoch an, sie besser zu verstehen. Nicht zuletzt, da mich meine Berufung als Rekrut des Regiments zu Lichtenthal verpflichtet, Aufgaben innerhalb Adorans zu erfüllen. Auch hierbei tu ich mich noch schwer. Mit disziplinarischen Angelegenheiten und Maßnahmen musste ich mich als Waldläufer selten beschäftigen. In der Wildnis hat man keine Pflicht der Gesetzestreue oder Rangnamen auswendig zu lernen, samt ihrer korrekten Ansprache. Vielleicht sollte ich meinen geschätzten Kollegen mitteilen, dass ich das Lesen und Schreiben nicht so gut beherrsche, wie sie es vermuten, was mir das Einprägen der verschiedenen Betitelungen meiner Vorgesetzten erschwert. Ich kann mich lediglich in meiner heimatlichen Sprache problemlos in Wort und Schrift verständigen. Aber die allgemeine Handelssprache des Festlandes stellt mich oftmals vor eine ebenso große Hürde, wie die soldatische Disziplin im Regimentsalltag.

"Kameradschaftlichkeit und Disziplin kannst du hier lernen", hatte mir Lucia ans Herz gelegt, als ich in den letzten Tagen am schwanken war, meinen Bogen als Rekrut an den Nagel zu hängen. Ich erzählte ihr und Luninara, dass ich als ehemaliger Mann des Waldes nie in der Lage sein würde, mich Befehlen unterzuordnen; und das sogar mit Stolz. Distanziert betrachtet, hat meine blondhaarige Kameradin jedoch Recht: Ich kann mich weiterhin aufführen, wie ein wilder Hinterwäldler, und mich regelmäßig in verzwickte Situationen bringen, deren Gegebenheiten ich als selbstverständlich erachten, jedoch fernab jeglicher Disziplin und Vernunft seitens des Stadtmenschen-Denkens handeln würde - oder mich anpassen und diesen Stress vermeiden. Auf der einen Seite empfinde ich den Gedanken, während des Regimentsdienstes eine Art Maske aufzusetzen, sozusagen eine Scheinpersönlichkeit, als unangenehm; auf der anderen scheint jeder meiner Kameradinnen und Kameraden diesem Habitus zu folgen. Ich habe die Menschen hinter den verkrampften Dienstvisagen kennengelernt, und einen Großteil nenne ich bereits Freund. Ein Kennenlernen außerhalb der strengen Disziplinarmaßnahmen hat zudem dafür gesorgt, dass ein ganz besonderer Mensch in mein Leben kam.

Zunächst erschien mir Alystra als distanziert und ungesprächig, während der vielen Begegnungen in Dienstuniform. Eines Abends, als nach Feierabend gemeinsam ein kühles Bier in der örtlichen Taverne Adorans genossen wurde, und die Gemüter bereits ordentlich angeheitert waren, lernte ich eine weitere Seite von ihr kennen: Charmant, witzig und überraschend frech. Und wenngleich der Alkohol sicherlich einen nicht zu unterschätzenden Effekt dazu beigetragen hatte, sie zu ermutigen, erklang ihre Stimme als seriös und liebevoll, als sie sagte: "Äh, Lao? Ich find' dich eigentlich ganz schnuckelig." Ich musste lachen, und war völlig sprachlos zugleich. "Schnuckelig", hallte die Bezeichnung in meinem Kopf wieder und es dauerte eine Weile, bis ich die passende, gedankliche Übersetzung in meiner Heimtsprache fand. Daraufhin lud ich die attraktive Frau zu einem gemeinsamen Wein ein, so, wie es Brauch bei den Stadtmenschen zu sein scheint. Die Dinge nahmen ihren Lauf: Wir kamen uns näher und näher, sie faszinierte mich, und es wurden weitere Verabredungen vereinbart. Einige Augenblicke lang zögerte ich, zumal mir die Enttäuschung vorheriger Beziehungen mit ähnlicher Ernsthaftigkeit immer noch auf den Schultern saß. Ich hatte sogar, nach den erwähnten Fehlschlägen, eigentlich vor, als ungenierter Freigeist weiterzuleben. Mittlerweile hat sie mich jedoch überzeugt, dass sie richtig an meiner Seite ist. Ich habe sie endlich gefunden; oder eher: Sie hat mich gefunden. Danke, Alystra.

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„Laonels Tod - Dummheit tut weh, oder: Ein Arschloch weniger“

Es war ein kalter Frühlingsabend als Laonel das letzte Schiff in Richtung La Cabeza nahm. Gehüllt in Mantel und Robe, samt hochgezogener Maske, sollte niemand seine Identität herausfinden können. Erst recht nicht die Mitglieder des Regiments oder seine Partnerin Alystra. „Oh, meine Schöne“, seufzte er im schlechten Cabezianisch, während einer relativ gemütlichen Fahrt, und träumte vor sich hin. Er bemerkte nicht einmal, wie Speichel an den Rändern seiner Mundwinkel herabtropfte und die Hose im Lendenbereich enger wurde – ganz in unanständigen Gedanken an die zu besuchende Freudendame in Minfays Stube vertieft. Der Mond leuchtete hell am Himmel, die Nacht war sternenklar. Perfekt für ein romantisches Picknick mit anschließendem Vergnügen zu zweit, nahe der Badelagune der südländischen Insel. Nur das Rauschen des Wellengangs begleitete die Gedanken des notgeilen Scharfschützen.

Plötzlich machte es „Rumms“! Ein fremdes Schiff krachte gegen Laonels Reisegefährt und brachte es ins Wanken. „Scheiße, Kumpel, wir kriegen Besuch von Meeresräubern“, brüllte die Stimme des Kapitäns gen Deck. Laonel schrie zurück: „Meinst du nicht Piraten?“ „Nein“, antwortete der Schiffsführer. „Die sind nicht so geübt und haben keine Musketen. Also mach' dich mal nützlich, du Held!“ Gesagt, getan – und Laonel griff nach seinem Bogen. „Wuuusch!“ Ein Pfeil nach dem anderen sauste geräuschvoll durch die Nacht, durchtrennte die Luft und traf die ans Deck des Beuteschiffs springenden Räuber in die Köpfe! Laonel war einfach perfekt! Frauenheld mit gestähltem, muskulösem Körper, gebräunter Haut und wallender, blonder Mähne. Selbst die weiblichen Banditen, und männliche mit der Vorliebe fürs gleiche Geschlecht, blieben reglos stehen und schwärmten vor sich hin: „Hach, ich schmelze dahin.“ Diesen schenkte Laonel sein schönstes Zahnweißlächeln und zwinkerte. Damit hatte er eine Gefahr schon mal beseitigt; denn die Frauen – und Männer – fielen reihenweise in Ohnmacht.

Nachdem der letzte Bandit entweder vertrieben oder erschossen worden war, blieb ein einziger übrig. Die Hosen waren voll, er zitterte und lehnte sich an einen Mast. „T-Tu' mir nichts“, wimmerte er. „Bitte sei gnädig, edler Schönling.“ Doch Laonel grinste finster, band eine schwere Eisenkugel ans Fußgelenk des Räubers und hauchte diesem ins Ohr: „Mit dir werde ich meinen Spaß haben. Du wirst ertrinken!“ Danach warf er den armen Kerl über Bord. Die auf dem Boden eingerollte Kette, welche das Fußgelenk des ins Meer geworfenen Tunichtguts mit der schweren Metallkugel verband, wurde kürzer und kürzer. Laonel hatte mit einem breiten, heldenhaften Grinsen die Fäuste an die Hüften gestemmt und schaute gen Mond auf, als erwartete er einen Jubel. Doch dann: Zack! Sein Fuß hatte sich in der Kette verheddert! Oh Schreck! Er wurde ruckartig mitgezogen, ehe Räuber und Eisenkugel ihn tiefer und tiefer ins salzig kalte Wasser sinken ließen. Irgendwann wurde die Luft erstickend knapp und er verreckte. Elendig.

Ende.

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P. S. Hungrige Haie zerfleischen Laonels Adoniskörper auf seinem Weg in die Meerestiefe. Der Kopf wird, Schicksal lass nach, an den kleinen Strand Adorans gespült. Viele Hautfetzen fehlen und der Schädel ist unappetitlich zu sehen - dennoch kann man die Visage, falls bekannt, mit etwas Mühe wieder erkennen.

So, jetzt aber: Ende!
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 25. April 2015, 21:41, insgesamt 2-mal geändert.
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