In seinen eigenen Räumlichkeiten hielt sich Imraan eigentlich kaum auf. Im Gegensatz zu den anderen Herrschern der vergangenen Jahrzehnte trieb es ihn in die Stadt hinaus, um jeden einzelnen Menekaner kennen lernen zu können. Er wollte hier nicht fremd sein und er wollte auch nicht, dass sich hier jemand fremd fühlte. Sie waren eine große Familie, die mal vor etlichen Epochen hier angekommen war und sich gemeinsam durch die einzelnen Hindernisse kämpfen musste. Heutzutage gab es dieses Denken nicht mehr und wenn auch er der Meinung war, dass er mit den meisten Menekanern zurechtkam, so bemerkte er jedoch auch die zahlreichen Konflikte unter den Parteien. Wegen Streitigkeiten einzelner Personen ergaben sich Situationen bei denen die ganze Familie mit einbezogen wurde. Ein kleines Kommunikationsproblem wurde rasch zu einer ganzen Fehde, einzelner Ärger zu Hass und Wut, Missgunst war ein alltäglicher Begleiter. War es Maras Weisheit, die hier waltete, oder hatte sie ihrem Volk genau diesen freien Willen gegeben, damit sie eigene Erfahrungen machen sollten. Was war ihr Ziel? Was war sein Ziel? Als Erhabener war er ihr höchster Diener und sie sollte doch eigentlich durch ihn sprechen. Heutzutage fiel ihm aber nicht mehr viel ein. Er konnte nicht mehr viel bieten, um die Wogen zu glätten oder dafür zu sorgen, dass man trotz der Unstimmigkeiten dennoch miteinander sprach und sich als große Gemeinschaft sah. Mitunter dachte er auch daran, dass er wohl als Emir versagt hatte, da dies doch unter Said, Aasim, Rashad und auch Ghadir alles anders ausgesehen hatte. Wie würde man über ihn sprechen, wenn er einmal nicht mehr war? Welchen Beinamen würde er haben? Welche Wahrheiten über ihn gesprochen wurden, wusste er nicht. Menek’Ur war schon immer ein Land, eine Stadt, ein Reich, bei dem viel hinter verschlossenen Toren geschah.
Er hatte einige Plätzchen in der Stadt, an die er sich zurückzog, wenn er meditieren oder nachdenken wollte. Da gab es natürlich den Tempel, die Palastruinen oder auch einfach nur die Statue Eluives in der Oase. Das waren alles Flecken, die für ihn einen enormen Wert hatten. Ein Ort, der einfach nur tiefe Kerben in seiner Seele als Erinnerungen hinterlassen hatte, zwei Orte, bei denen er sich der Mara so nahe fühlt. Ja, sie waren seine eigenen Orte der Macht, Orte der Ruhe, Orte des Friedens. Wenn er sich nach einem Wohlgefühl jedweder Art sehnte, dann konnte er diese Gefühle genau hier finden. In den letzten Mondläufen hatte sich doch so viel ereignet. Staatsintern, über die Grenzen hinaus, wie auch explizit in seinem Leben. Er hatte einige Getreue um sich geschart, die er nun in einen Orden aufgenommen hatte. Er hoffte natürlich auch, dass noch mehr diesem Ruf folgen würden. Eine harmonische Gemeinschaft war ihm wichtig und genau aus diesem Grund hatte er den Orden frisch und mit neuen Ansätzen gegründet. Noch war hier die Planung nicht fertig und es würde bald weiter gehen. Es gab einige Ziele und eine lange Liste, die er gemeinsam mit Vertrauten, seinen Freunden und natürlich der Familie abarbeiten wollte.
Wenn er an die Familie dache, dann dachte er an seinen baldigen Nachwuchs. Er würde mit zwei Kindern durch die Räume marschieren, um diese zu beruhigen. Die Nächte würden wohl auch länger werden, auch wenn es Bedienstete im Palast gab, so wollte er nicht, dass die Kinder mehr Bezug zu ihnen, als zu den eigenen Eltern erhielten. Er wollte der Vater sein, wie es seiner war. Aasim, Armaiti, Taisha und er waren wohlbehütet aufgezogen worden. Sie haben Liebe erfahren und hatten ihren Anstand aus dieser Zeit gelernt. Heute war eigentlich nur noch seine Zwillingsschwester da. Die anderen hatten sich entweder in den Schoß der Mara begeben oder mit ihren Reisen beschäftigt. Er konnte es niemandem übel nehmen, da auch er bereits auf zwei große Reisen aufgebrochen war und dort viel gelernt hat. Vieles davon konnte er heutzutage anwenden, da natürlich mit der Zeit auch seine Weisheit wuchs und ihn zu dem Mann formte, der er heute war. Er würde sie beobachten, wie sie das Laufen lernen, das Sprechen, das Lesen. Er würde ihnen zeigen, wie man auf einen Kadal steigt, sich das Kopftuch bindet, oder den Säbel hält. Noelani und Taisha würden hier den Part übernehmen, den nun mal eine Natifah beherrschen muss. Seine Schwester war schon immer tadellos in ihrem Benehmen, was man ihr auch stets nachsagt. Sie war die reinste Blüte, die ihm ins Gedächtnis kam. Er liebte sie, teilte jeglichen Schmerz mit ihr und lachte, wenn sie lachte. Es war ganz so, als würden sie sich gemeinsam ein Herz teilen. Ein gutes, wie auch beängstigendes Gefühl.
Er erfuhr schon oft genug, was es heißt einen Menschen zu verlieren, so wie er auch jüngst Anisah an die Mara verloren hatte. Er wusste nicht, warum sie sich zu sich geholt hatte, aber er schätzte, dass Eluive sie gerne bei sich haben wollte. Sie hatte ein gutes Herz und trug dieses auf der Zunge. Er liebte sie dafür, wie auch für viele andere Dinge. Sie wusste, wie sie mit ihm umgehen musste. Die Trauer, die er verspürte, wenn er an sie dachte war immer noch intensiv und seine Trauerzeit auch noch lange nicht abgelaufen. Ginge das überhaupt, dass er sie je vergessen würde? Er glaubte nicht daran. Er würde sich selbst hassen, wenn sie jemals in Vergessenheit geraten würde. Er durfte auch nicht das kleine Geschöpf vergessen, dass dort in Anisah ruhte. Es sollte sein erstes Kind sein, das leider die Welt nicht erblicken konnte. Es war mit seiner Esra verloren gegangen. Anisah wusste, dass sie es in sich trug und sie konnte bereits zu dieser Zeit deuten, dass es ein Junge werden sollte. Er würde ihn Mustafa nennen, so wie sein Maleem damals hieß, sein treuer Lehrmeister. Ein grauer Greis, der ihn liebte, wie ein Vater seinen Sohn liebte. Er erzog ihn zum Mann, zum Janitschar und später auch zum Sajneen. Er lehrte ihm die Geheimnisse der Hadcharim, die von Aasim aufgetragen wurden. Jeden Abend hatte er sich seit Anisahs Beisetzung in den Tempel begeben, um dort eine Kerze neben Anisahs Abbild anzuzünden. Für ihn, seinen kleinen Stern, den er niemals kennen lernen durfte.
Und doch hatte er neben seinen melancholischen Tagen Zeiten in denen er herzlich sein durfte und das Leben in vollen Zügen genießen durfte. Frei von seinen gewöhnlichen Aufgaben und mit einem Blick in ein Augenpaar, das ihn von ganzem Herzen liebte und ihm vollsten Vertrauen schenkte. Er war ein gutes Gefühl einen Menschen zu haben, der sich so für jemanden aufopfert. Er würde alles für sie tun und er würde es sofort tun. Fragen wären hier nicht nötig und manchmal müsste sie noch nicht einmal Worte aussprechen. Der Glaube versetzt Berge, doch was tat die Liebe? Sie ließ ihn hoffen und füllte seinen ganzen Körper mit angenehmer Wärme, so sie sich in seine Nähe begab. Wenn der Herzschlag pochte, so laut, dass es fast in den eigenen Ohren klingelte. Eine Frau, die ihn am tiefsten Abgrund gesehen hatte, das Monster in ihm erkannte und besänftigte, ihm die Hand reichte, die ihm so weit entfernt vorkam. Sie schaffte es. Sie schaffte es immer wieder.
Während er erneut über sie nachdachte, spiegelte sich die Wasseroberfläche der Oase in seinen Augen. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht, wie es kaum noch wegzudenken war. War es das? War das endlich das Ende der Suche nach Zufriedenheit? War es das, was er sein Leben lang wollte? Es fühlte sich richtig an und er würde weiter dafür kämpfen. Jeder Augenblick war wichtig, denn durch seine Erfahrung konnte er sagen, wie überraschend manchmal Ereignisse eintraten. Man weiß nicht, was einen hinter der nächsten Ecke erwartete, wenn man nicht selbst diese Schritte macht. Mut, Imraan. Mut grenzt dich von denen ab, die wegschauen, die nur Darsteller sind und die, an denen das Leben vorüber zieht. Sei nicht der, der den Kopf einzieht. Greif zu und halt das Leben fest.
Er schmunzelte bei den eigenen Gedanken. Ein Janitschar sollte eigentlich den Kopf frei halten. Ein Hadcharim kannte Techniken, befand sich jahrelang in der Ausbildung, um genau gegen solche Blockaden im Kopf vorzugehen. Mächtige Gefühle konnte man doch dennoch bekämpfen oder ignorieren? Er war doch der, der genau das an seine Talif und seine Charim weitertrug. Hier herrschte jedoch etwas vor, was ihn einnahm und ihm gleichermaßen Unterstützung, aber auch Sorge hinterließ.
Mit einem leisen Aufschnaufen drückte er sich von seinem Schneidersitz hoch und murmelt noch leise; „Imraan, du bist ein alter Dummkopf“. Er wusste, dass ihm Radschish genau in diesem Momente zustimmte. Sein alter Freund und Gefährte, der ihn nie alleine ließ. Er hatte viel zu oft Recht. Der Sonnenuntergang stand zu diesem Zeitpunkt genau über dem heiligen Berg und die Kugel selbst berührte gerade eine der Säulen des Tempels. Die richtige Zeit sich wieder seiner Arbeit zu widmen. Den Kopf dafür hatte er eigentlich nicht, waren seine Gedanken doch bei ihr.