Fastenzeit eines Zwergen

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Hrorin
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Fastenzeit eines Zwergen

Beitrag von Hrorin »

Der große Erdhaufen gegenüber der Taverne in Nilzadan, die Heimstatt des Hrorin, der Graufelse Haufe, wird heute verschlossen bleiben.

Kein Besucher wird aufgenommen werden, niemand wird Einlass finden und auch die Familienmitglieder der Graufelse werden Hrorin nicht zu Gesicht bekommen. In der Tiefe des Haufe hat er sich eingeschlossen und lässt niemanden in die Kammer herein. Es ist dort nur ein geschäftiges religiöses Geklimper etlicher Flaschen und Krüge - und ab und an auch das wütende Geklirre wie von zersplitterndem Glas, meist gefolgt von einem einzelnen, unidentifizierbaren Gröhlen.

Danach ist es plötzlich für lange Zeit still.





Stille.






Stille.







Schnarchen.
Schnarchen in der Tiefe.





Die Türe bleibt verschlossen.
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Hrorin
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Beitrag von Hrorin »

Erst sehr spät am folgenden Nachmittag kam wieder Leben in die Sache.
Vollbepackt und mit geschorenem Haupt trat er aus der Türe und vor den kleinen Platz zwischen Taverne und der Graufelse Haufe. Aschfahl war sein Gesicht, schweiß stand auf Hrorins Stirn und er sah aus als hätte ihm der Alkohol übel mitgespielt. Es war offensichtlich, dass er schwer verkatert ist.

Doch keine Flasche und keinen Krug mit Bier sah man an ihm an jenem Tag.
Nur eine riesige Tasche, Pfannen und allerlei Krimskrams hatte er sich umgeschnallt. Dazu einen Reiseschleier, etliche Waffengurte, Köcher, Trankfässer und in den Händen hielt er müde und schlaff eine große, wüst auseinandergefaltete Landkarte Gerimors. Es war ein erbärmlicher Anblick.

"He, was ist denn mit dir los? Gehst du auf ein Abenteuer?!"
"Nein.", grummelt Graufels grimm.
"Ich geh in die Ödnis, Bruder. Cirmias' Segen mit dar."
Mehr sprach er nicht, sondern schlurfte langsam aber entschlossen davon. In dem unermesslich dickn Wanderrucksack waren auch einige Lehrbücher und... .. der Schicksalsfaden Gleipnir.
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Hrorin
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Beitrag von Hrorin »

Die räuchernden Dämpfe der Pilzöle erfüllten den Raum mit ihrem typischen Duft als Hrorin vor dem Altar im Keller des Haufe saß und vor dem Cirmiasidol in die Hände klatschte um die Aufmerksamkeit der Gottheit auf sein Joik zu lenken, dass er nun mit tiefer Kehlstimme zu intonieren begann. Gemäß den Ritualen des Ordens entzündete er einen großen Rauchstab und schon bald waberten schwere Rauchwolken im Schrein. Bei der rituellen Waschung im Dampfbad hatte er sich kräftig mit den Vihtaz gegeißelt, das Haupthaar vollständig abgeschoren. Den Zopf hatte er sich an den Gürtel geheftet um ihn auf die Reise mitzunehmen. Den Bart aber hatte er auf die Kürze des Büßers gestutzt. Kurz und demütig war er nun, dabei spitz zulaufend. Kaum länger als der Bart eines Kurzbartes war der Buß- und Betbart. Kein Schmuck zierte das Bärtchen mehr, denn im Fasten wollte Hrorin Buße tun und sich in schlichter Demut üben. Bald wurden die Steinbeißer gesattelt, die Taschen gepackt und die Wanderschaft begonnen.

Zweimal klatschte er in die Hände, um deren Gelenke die Gebetskette mit den großen ikosidodekaedrischen Mithrillperlen hing. Die Intonation des Joik war abgeschlossen, seine Gedanken neu fokussiert als er zum stillen Gebet überging.
"Felsvater, erhöre mich." Die Hände des ehemaligen Feinschmieds formten das Zeichen der Bauhütte.
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Hrorin
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Beitrag von Hrorin »

In einem kleinen, einfachen Zimmer der Herberge richtete er sich provisorisch häuslich ein. Nur ein Vorhang trennte sein Zimmer von dem großen, flachen Dach des Sandsteinbaus. Die Proviante und vielen Edelsteine hatte er unterwegs größtenteils an Cirmiasschreinen geopfert, so dass sein stattliches Gepäck nun auf einiges, weniges Hab und Gut zusammengeschrumpft war. Den großen zwergischen Reisehut hatte er nun gegen den Schleier getauscht, so wie es in dieser Gegend durchaus üblich und auch Gesetz war. Er kniff die Augen zusammen als er aus dem Fenster über die hellen Dächer der Stadt schaute, immer noch geblendet vom ungewohnt starken Licht dieses erbarmungslosen Gestirns, dass dort am Überhimmel stand und wanderte.

Bei diesem Anblick fühlte sich Hrorin seltsam an seine Cirmiasfahrt erinnert, die er vor so vielen Jahren als Kurzbart getan hatte.
Ja, sogar jetzt war sein Bart wieder kurzgeschoren als Zeichen der Demut und der Buße. Mit einem Lächeln fuhr er sich über den kurzen, aber gepflegten Vollbart und musste innerlich lachen als seine Hände die verhältnismäßig kurzen Barthaare fühlten.
"Bei Cirmias, wie der Kurzbart stehst du hier und suchst die Weisheit und die Güte des einen, großen Weltenbaumeisters", dachte er bei sich.

Um seine Hingabe an den großen Bergvater Cirmias zu untermauern hatte er sich dem strengen Ritual der Buß- und Fastenfahrt verschrieben.
Kein Bier würde er anrühren bis zum Ablauf des zweiten Mondlaufs, doch die gerechte Geißelung durch den Schicksalsfaden Gleipnir würde er exerzieren um seine Opferbereitschaft zu zeigen. Das geflochtene Barthaar, aus dem der Gleipnir bestand, trug das Feuer des Cirmias selbst in sich und würde es mit jedem Schlag tiefer in das Fleisch des Kaluren brennen. Und so Cirmias Hrorin für würdig der Vergebung fände, so würde er geben dass sein Bart wieder zur vollen Pracht anwachse. So war der Glaube der Zwerge.

"Gepriesen sei das Wort des Begvaters. Gelobt sei die Weisheit des Baumeisters.", sprach Hrorin ruhig und trat zurück vom Fenster.
Auf der Kommode zündete er einen Rauchstab an und klatschte zweimal um Bergvaters Aufmerksamkeit. Dann ließ er sich mit der mithrillenen Gebetskette auf dem Teppich nieder und sang sein Joik. Ihm zur Seite lag Gleipnir, der reinigende Schicksalsfaden.
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Hrorin
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Beitrag von Hrorin »

Der Sonnenlauf neigte sich seinem Ende zu und mit dem großen, gnadenlosen Flammenball am Himmel zog auch das letzte Tageslicht langsam davon und verkroch sich hinterm Horizont.

Die erbarmungslose Hitze wich, zunächst allmählich, dann rascher und rascher, der außerordentlichen Kälte der Nacht.
Die Zwergeninzens rauchte vor sich hin und das kleine Zimmer über dem Gasthaus zur grünen Lagune war wieder mit den markigen Düften und Dämpfen aus der Bauhütte gefüllt. Ein Janitschar hätte die Luft in Scheiben schneiden können, so deutlich zeichnete sich der Rauch ab.

Hrorin saß auf dem Teppich vor einem kleinen Wanderschrein des Cirmias, den er auf seine Reise mitgenommen hatte. Die Augen waren geschlossen und seine Stimmbänder vibrierten im meditativen wortlosen Joik ( https://www.youtube.com/watch?v=gQUgtEBbPi4 ) an seinen Herrn und Bergvater, den mächtigen Weltenschmied Cirmias. Die Robe des Büßers hatte er von sich gestreift, jedoch so dass nur der Oberkörper entblößt war. Der Schweiß glänzte auf seinem vernarbten Rücken. Einige der tiefen Wundenfurchen nässten. Oft hatte er sich die Narben aufgerissen. Jeden Tag wühlte sich der Gleipnirfaden durch das Wundenmeer auf Hrorins Bußfahrt. Neue Furchen wurden geschlagen, alte wiederaufgerissen. Auch durch das Bußgewand riss sich Hrorin oft einige Wunden auf. Das brennende Feuer des Gleipnir ließ die Wunden nie zur Ruhe kommen. Gleich dem Lauf der Sonne übers Land ging das Cirmiasfeuer Gleipnirs über den Rücken des Zwergen. Der Grind verband sich oft ungewünscht mit dem Stoff des Gewandes über den Tag hin, so dass Hrorin die Furchen unbeabsichtigt immer wieder aufriss wenn er das Gewand auszog oder ablegte.

Die Folgen waren nicht ausgeblieben.
Die letzten Tage hatte der Geschorene mit Fieber hauptsächlich auf der Liege verbringen müssen - so gut es mit dem offenen Rücken eben ging.
Nun aber dankte Hrorin im Gebet Bergvater für seine Größe und Güte. Und er nahm die mithrillene Gebetskette zur Hand und er sprach das Lob an den Vater und das Hohelied vom Erz und die Hymne des Hammers und viele andere Gebete und Anrufungen während er die ikosidodekaedrischen Mithrillperlen nach jedem gesprochenen Gebet wandern ließ. Solange bis er den Gebetskranz vollendet hatte. So wie jeden Abend.
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Hrorin
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Beitrag von Hrorin »

Noch während des Fiebers offenbarte sich Hrorin in unruhigem Schlaf eine Vision, an der er noch mehrere Tage herumdeutete. Es wäre einfacher gewesen Cirmias' Wahrheit zu erkennen wäre ein Priester der Bauhütte zugegen gewesen. Doch Hrorin wusste genau, dass es auf der Fahrt allein seine eigene Aufgabe sein würde Cirmias' Wort zu hören und zu deuten.

Im Weihrauch der Zwergeninzensen sinnierte Hrorin noch so manche Stunde über die nokturne Vision seines Herrn und nach und nach entdeckte er, dass sich in seinem Inneren etwas regte. Ein neuer Pfad schien sich ihm nach und nach aufzutun und je mehr er darüber nachdachte, desto klarer schien ihm der Weg. Es war ihm ein Anstoß über viele Dinge neu nachzudenken und oft erschienen sie ihm in einem gänzlich anderen Licht. Womöglich lag es an seiner derzeitigen Enthaltung von Bier, womöglich war es auch der ungewohnte Kaktusschnaps den er seit seiner Ankunft in großen Mengen anstelle des Bieres konsumierte, aber etwas schien sich im Herzen des Zwergen geändert zu haben. Zumindest für den Augenblick schien sich Hrorins Sicht auf die Welt zu ändern, zu entspannen und ein neuer Zustand der inneren Harmonie schien sich um ihn zu legen.
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Hrorin
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Beitrag von Hrorin »

Im Herzen des Zwergen hatte sich der neue Blick auf die Welt gefestigt. In seine Bußgebete mischten sich nun zunehmend Dankes- und Lobpreisungsjoiks mit ein, die Cirmias für seine Güte dankten.

Doch die strengen Regeln der kalurischen Fastnfahrt wurden aufrecht erhalten, die selbst auferlegte Fastenzeit war noch nicht vorbei und so blieb der schmächtige Kalure noch im Land der Sonnenglut bis zum Ende seines Fastens und suchte nun mehr und mehr den Kontakt mit den Bewohnern der Stadt.

In der Bücherei hatte er eine lehrreiche Fibel entdeckt und suchte nach zâr Hazar Sevinc aus dem Hause Ifrey oder anderen Kômonkundigen, die ihm helfen konnten seine Sprache zu verbessern.
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Hrorin
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Beitrag von Hrorin »

Die ikosidodekaedrischen Perlen der mithrillenen Gebetskette wanderten durch die klobigen Hände des Kaluren. Ein Lächeln war auf seinem Gesicht. Die Fastenzeit neigte sich ihrem Ende und feierlich intonierte Hrorin ein Lobjoik an Bergvater. Bald nach dem Mittagsgebet waren die Sachen zusammengepackt und verstaut. Sorgsam legte er den Reiseschrein des Cirmias' zusammen und große Freude breitete sich in dem kleinen Zwergenherzen aus. Die Sehnsucht nach der Bergheimat war groß geworden und die Sehnsucht nach der wohligen Kühle Nilzadans und der Frostklamm. Endlich wieder ein köstliches Bier kosten zu dürfen, darauf freute sich Hrorin fast am meisten. Noch am Abend wollte er zurück nach Hause in den Berg aufbrechen. Der Reisehut lag in Hrorins Sündergaststüblein auf dem Dach des Gasthauses bereit.
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Hrorin
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Beitrag von Hrorin »

Die Heimreise war schnell angetreten, brauchte aber ihre Zeit. Hrorin konnte kaum schnell genug im heimischen Fels ankommen, dass er seit einem Monat nicht mehr gesehen hatte. Ganz anders als beim Antritt seiner Fastenfahrt hatte er nun keine Lobes- und Wanderlieder mehr im Sinn, sondern nur noch eins: Zu Hause ankommen!

Nach einer quälend langen Reise tauchte schließlich endlich der geliebte heimische Götterberg am Horizont auf und als Hrorin ihn endlich erreichte, da küsste er vor Freude den Fels am Fuß des Berges und rief voller Inbrunst seine Freude aus.

Doch so süß die Wiederkehr, so bitter die Überraschung beim Betreten des Haufe:
[img]http://s14.postimg.org/yuitvhvwx/aufger_umt.png[/img]

Irgendein Kurzbart hat aufgeräumt!
Schrecklich!
Grausig!
Grimm!

Diese Ordnung, was soll denn das? Als wäre man nun unter die cirmiasunwürdigen Hauptstädter der Langbeiner gegangen brrrr!
Nein, es war gut, dass der Herr im Hause nun endlich wieder da war, es gab viel zu tun... und frisches Bier wollte angesetzt werden.
Denn um Mitternacht endete die Fastenzeit endgültig.
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