Lange starrte sie auf dieses Gesicht, dieses ihr völlig fremde Gesicht im Spiegel. Dhana Jarcarth...sagten sie, das wäre ihr Name. Egal welchen Namen sie ihr genannt hätten, sie hätte es glauben müssen. Sie hatte keine Geschichte, keine Vergangenheit, nur das, was diese Leute ihr gaben. Einen Namen. Leise murmelte sie den Namen erneut, dabei immer noch in den Spiegel blickend. Die junge Frau suchte eine Verbindung, zwischen dem Gesicht dort und diesem Namen.
Gedankenverloren strich sie sich eine der blonden Haarsträhnen, die ihr immer wieder ins Gesicht fielen, hinters Ohr. Ganz selbstverständlich, als wäre diese Bewegung etwas, das schon immer zu ihr gehörte. Sie blickte in diese blaugrauen Augen, und es waren die Augen einer Fremden. Als wollte sie etwas darin finden, etwas das diesen Nebel ein wenig lichten könnte, etwas, das ihr ein Stück ihres Lebens zurück bringen würde.
"Wie heisst Ihr?"
So hatte es begonnen. Dieser schale, bittere Geschmack im Mund, als sie keine Anwort darauf wusste. Wie wenn man aus einem langen Schlaf erwacht und nur Schemen sieht. Keine Bilder, nur Töne, alles in einem Dämmerlicht. Diese dunkle, eindringliche Stimme des Mannes, der darauf wartete, das sie etwas sagte. Es schnürte ihr die Kehle zu. Sie wusste keine Anwort, sie konnte gar nichts sagen, nicht einmal, wenn sie gewollt hätte.
Bajard. Sie wäre in Bajard. War sie jemals in Bajard gewesen? Wo war sie überhaupt jemals gewesen?
Durch den Nebel in ihrem Kopf drangen Geräusche, das leise Schlagen von Wellen, das geschäftige Treiben auf der Strasse. Laute Rufe, das Bellen eines Hundes. Der Mann hielt ihr irgendwelche Papiere vors Gesicht. Ohne Schwierigkeiten konnte sie das Geschriebene lesen. Da stand dieser Name, der ihr nichts sagte, von dem er behauptete, es müsste der ihre sein.
Ein lautes Klirren, der Spiegel zerbarst. Der Wucht der Haarbürste, die gegen das Glas flog, dem hatte er nicht stand gehalten. Die Scherben verteilten sich auf dem Tisch und nun blickte sie eine vielfache Zahl dieses Gesichtes an. Mit einer wütenden Bewegung fegte sie die Stücke von der polierten Holzplatte. Sie griff nach ihrem Bogen, strich mit dem Daumen darüber. Das Holz fühlte sich glatt an, hin und wieder war eine kleine Scharte spürbar. Das war ihr vertraut, das kannte sie, auch wenn ihr nicht bewusst war woher.
Weg. Sie musste hier weg. Keine Erinnerungen, die andere ihr gaben. Dieses Dorf, die Menschen, dieser Mann, all diese Leute, sie nahmen ihr die Luft zum Atmen, auch wenn sie es noch so gut mit ihr meinten. Ihr doch nur helfen wollten, das verlorene Leben wieder zu finden. Heftig schüttelte sie den Kopf, packte die wenigen Dinge zusammen, die angeblich ihre eigenen waren, schloss leise die Tür hinter sich und verliess in der einsetzenden Dämmerung das Fischerdorf.
".... die düsteren und dauerhaften Erinnerungen, diese Schleifspur von Tod, die wir als Lebende hinter uns her ziehen...." Wie bitter hatten diese Worte aus ihrem Mund geklungen und mit welchem Entsetzen hatte der Mann sie angesehn. Er hatte etwas von "....es gibt nicht nur schlechte und böse Erinnerungen..." gefaselt. Ihr wäre jede Erinnerung recht gewesen. Etwas, um diese Leere zu füllen, den Nebel zu vertreiben.